Die Berliner Volksfront
TL;DR: Die PFLP ist unter Palästinenser:innen politisch marginalisiert, doch ihr Umfeld findet in Teilen der Berliner Linken weiterhin Anschluss. Der Fall Ahmed Abed zeigt, wie eine verhängnisvolle Tradition von RAF und DDR bis in die Gegenwart reicht: Aus antiimperialistischer Solidarität wird politische Nachsicht gegenüber dem Umfeld einer Terrororganisation.

Die Berliner Volksfront
Wie die deutsche Linke eine ihrer ältesten politischen
Verirrungen noch immer als Solidarität ausgibt.
Es ist eine eigentümliche Erfolgsgeschichte. Unter Palästinenser:innen ist die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) politisch und militärisch gegenüber der Hamas zu einer Randerscheinung geworden, agiert jedoch weiterhin als strategischer Kooperationspartner. In Berlin hingegen reichen die Verbindungen ihres politischen Umfelds bis in eine Partei, die künftig den Bezirksbürgermeister von Neukölln stellen möchte. Mit Flugzeugentführungen, Anschlägen auf israelische Zivilisten und internationalem Terror gegen jüdische Ziele (u.a. wie Synagogen und Gemeindezentren) hat die PFLP Palästina nicht befreit. Sie hat Tote, Geiseln und eine blutige Bilanz hinterlassen. Ihr revolutionäres Versprechen ist gescheitert. Nur in Teilen der deutschen Linken genießt dieses politische Bankrottunternehmen noch immer den Ruf einer Befreiungsbewegung.
Teile der deutschen Linken sorgen zumindest dafür, dass Personen aus ihrem Umfeld gesellschaftlich akzeptiert bleiben. Für eine Organisation auf derTerrorliste der Europäischen Union dürfte das ein durchaus erfreuliches Ergebnis sein.
Im Mittelpunkt steht Ahmed Abed, Bezirksbürgermeisterkandidat der Linken in Neukölln. Die Recherchegruppe AMIT hat in einem Dossier seine Kontakte zu Personen dokumentiert, die dem PFLP-Umfeld zugerechnet werden. Der Tagesspiegel hat nach eigener Darstellung einen Teil dieser Angaben überprüft. Abed nahm an Demonstrationen teil, bei denen auch Akteure aus diesem Spektrum auftraten. Er posierte für ein Foto mit einem einschlägig bekannten Aktivisten und saß im Vorstand einer Menschenrechtsorganisation, die sich mit Funktionären der PFLP solidarisierte. Fragen zu den Vorwürfen beantwortete er laut Bericht nicht.
All das belegt keine Mitgliedschaft in der PFLP. Ebenso
wenig wird ein Rechtsanwalt zum Unterstützer des Terrorismus, weil er einen
BDS-Aktivisten verteidigt. Solche Unterschiede sind entscheidend. Wer sie
ignoriert, liefert den Betroffenen einen willkommenen Grund, auch berechtigte
Kritik als haltlose Anschuldigung zurückzuweisen. Die eigentliche Frage reicht
tiefer: Warum scheint die Nähe zu solchen Kreisen in Teilen der Linken
politisch kaum zu schaden? Weshalb gilt sie dort offenbar eher als Zeichen
verlässlicher Gesinnung denn als Anlass zur kritischen Nachfrage?
Die alte Internationale
Diese Nähe hat eine Vorgeschichte. 1977 kapertenpalästinensische Terroristen aus dem Umfeld der PFLP die Lufthansa-Maschine„Landshut“. Sie wollten damit die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Roten
Armee Fraktion erzwingen. Bei der Entführung einer Air-France-Maschine nach Entebbe 1976 (zusammen mit deutschen Linksextremisten der Revolutionären Zellen) selektierten die deutschen und palästinensischen Terroristen gezielt jüdische und israelische Passagiere, um sie als Geiseln einzubehalten, während Nichtjuden freigelassen wurden. Deutsche und palästinensische Terroristen verband
damals ein gemeinsames Weltbild, vor allem aber die Vorstellung eines
gemeinsamen Gegners. Für die entführten Passagiere hatte diese Form
internationaler Solidarität freilich einen anderen Reiz als für jene, die sie
ideologisch begründeten.
Die DDR unterhielt ebenfalls Beziehungen zupalästinensischen Organisationen und gewährte später Mitgliedern der RAFZuflucht. Eine gemeinsame Befehlsstruktur zwischen Ostberlin, RAF und PFLP
lässt sich daraus nicht ableiten. Sichtbar wird allerdings ein politischer
Widerspruch: Der staatlich verordnete Antifaschismus vertrug sich erstaunlich
problemlos mit Bündnissen, in deren ideologischem Umfeld Israels Existenzrecht
infrage stand. Entscheidend war offenbar weniger, welche Methoden jemand
anwandte. Wichtiger schien, gegen wen er sie richtete.
Dieses Denkmuster verschwand keineswegs mit der DDR, sondern wurden von der Autoritären Linken übernommen und gepflegt. Nach
seiner Logik verdient jeder, der Israel bekämpft, zunächst einmal den
wohlwollenden Blick auf einen vermeintlichen Freiheitskämpfer. Angriffe auf
Zivilisten, Geiselnahmen oder die Rechtfertigung jüdischer Todesopfer geraten
dann zu unangenehmen Begleitumständen, die es historisch einzuordnen gilt.
Antifaschismus verkommt so zum Gütesiegel der eigenen politischen Herkunft. Was
darunter geschieht, braucht offenbar nicht mehr nach denselben moralischen Maßstäben
beurteilt zu werden.
Die neue Respektabilität
In Neukölln lässt sich beobachten, wie aus solchen alten
revolutionären Bindungen politische Alltagsroutine werden kann. 2025 richtetedie Linke gemeinsam mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee einSolidaritätsfest aus. Der Berliner Verfassungsschutz stuft dieses Komitee als
Dachorganisation für Aktivisten von PFLP und Hamas ein. Ibrahim Ibrahim, der zu
dessen führenden Vertretern zählt, wurde später auf einer Wahlparty der
Neuköllner Linken fotografiert. Daraus lässt sich selbstverständlich keine
verdeckte Steuerung der Partei durch Terrororganisationen konstruieren. Die
demonstrative Normalität solcher Begegnungen wirft dennoch Fragen auf, die eine
politische Antwort verdienen.
Abed
bezeichnete den Bürgermeister einer israelischen Partnerstadt als
„Völkermörder“. Jetzt strebt er selbst ein Bezirksbürgermeisteramt an und benötigt
dafür die Unterstützung weiterer Fraktionen. Seine Partei sollte deshalbdeutlich machen, wo für sie die Solidarität mit der palästinensischenBevölkerung endet und die politische Aufwertung terroristischer Gruppenbeginnt. Eine solche Unterscheidung schmälert die Rechte der Palästinenser in
keiner Weise. Wer ihre Anliegen jedoch mit Organisationen wie der PFLP
vermengt, schadet ihnen. Er überlässt die Deutung ihrer politischen Forderungen
ausgerechnet jenen Kräften, deren Gewalt diese Anliegen in Verruf bringt.
Gewiss muss die Linke nicht jede Begegnung und jede
Fotografie ihres Kandidaten öffentlich erklären. Rechenschaft schuldet sie
allerdings darüber, weshalb Personen aus einem derart belasteten politischen
Umfeld immer wieder bei ihren Veranstaltungen auftauchen und dort offenbar
willkommen sind. Noch bemerkenswerter ist der Widerspruch im eigenen
Selbstverständnis. Ausgerechnet politische Kreise, die bei ihren Gegnern selbst
entfernte historische Verbindungen zum Faschismus untersuchen, zeigen sich
gegenüber den antiisraelischen Traditionen des eigenen Milieus auffallend
nachsichtig.