Ein Twitch-Live-Talk als ideologischer Offenbarungseid

TL;DR: Eine Parteiarbeitsgemeinschaft der Linken mobilisiert gegen das Fundament der Partei in Leipzig: gegen Antifaschismus, parteinahe Räume, gegen Connewitz. Solidarität gilt nicht Opfern, sondern Täter-Narrativen. Die Umkehrung der Geschichte – live auf Twitch.

Ein Twitch-Talk von Linken-Politikern wird zur Abrechnung mit Antifaschismus, Israel-Solidarität und parteiinternem Widerspruch – live und unversöhnlich.

Ein Twitch-Live-Talk, zwei Bundessprecher der BAG Palästina-Solidarität in der Partei Die Linke – und die Rhetorik der Umkehr

Im Dezember 2025, wenige Wochen vor einer für den 17. Januar 2026 angekündigten Demonstration im links geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz unter dem Motto „Antifa bedeutet freies Palästina“, treten zwei Mitglieder der Basisarbeitsgemeinschaft Palästina-Solidarität (BAG PaliSoli) der Partei Die Linke in einem Twitch-Livestream mit dem linken Streamer naitan auf: Marlon Käsemann, Mitglied im Landesvorstand Baden-Württemberg, und Thies aus dem Kreisverband Oldenburg/Ammerland in Niedersachsen. Der Live-Talk dauert knapp zwei Stunden – ein Format, das nach Dialog aussieht, sich jedoch rasch als politische Selbstverortung mit klarer ideologischer Stoßrichtung entpuppt.

Was sich zunächst als Solidaritätsappell geriert, wird zum innerparteilichen Kampfaufruf. Der Gegner: nicht die politische Rechte, sondern die eigene Partei. Die Adressaten: Jule Nagel, linke Mandatsträgerin, antifaschistische Strukturen und parteinahe Räume in Connewitz – ausgerechnet jenes Viertel, das der Linken über Jahre hinweg in Sachsen den Rücken freigehalten hat.

Denn die Mobilisierung richtet sich nicht gegen Nazis, sondern gegen das Abgeordnetenbüro linXXnet, gegen die Stadträtin und Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, gegen all jene, die sich dem autoritären Impuls im Namen der Palästina-Solidarität widersetzen. Dass Henriette Quade aus Sachsen-Anhalt nach Bedrohungen durch Protestierende beim Bundesparteitag die Halle durch den Hinterausgang verlassen musste – und kurz darauf aus der Partei austrat – ist kein Nebenaspekt. Es ist Symptom.

Unterstützt wird dieser politische Kurs unter anderem von der Gruppe Handala Leipzig, die beim Bundesparteitag im Oktober 2024 Zugang zum Plenum forderte – und zuvor das Massaker der Hamas am 7. Oktober auf Social Media mit dem Bild eines Paragliders gefeiert hatte. Dass 38 Prozent der Delegierten dennoch für ihren Redebeitrag stimmten, zeigt: Der ideologische Grundwasserspiegel hat sich längst gesenkt.

Während der rechte Rand applaudiert, geht der Angriff von links – auf das einzige parlamentarische Bollwerk im Osten, das sich offen gegen Antisemitismus stellt. Auf ein Stadtviertel, das politisch aktiv, widerständig und sozial verankert ist. Auf Mandatsträger*innen, die seit Jahren rechter Gewalt ausgesetzt sind. Es ist – und das muss ausgesprochen werden – ein Angriff auf eines der letzten kämpferischen Viertel in Ostdeutschland.

Ein Detail bringt die ideologische Verkehrung auf den Punkt – und zwar nicht durch einen tatsächlichen Schulterschluss, sondern durch ein rhetorisches Manöver: Als die rechtsextreme Partei „Die Heimat“ – vormals NPD – in einem Posting vermeintlich antiimperialistische Solidarität mit Palästina bekundet, reagiert Marlon Käsemann nicht mit Distanzierung, sondern mit einem sarkastischen Kommentar:
Na wenn sogar die Heimat internationale Solidarität undantiimperialistische Werte vertritt, ist das ja echt ein Armutszeugnis füreuch.

Was hier passiert, ist kein Zufall, sondern Strategie: Käsemann nimmt eine ideologische Abkürzung. Er verwendet das Lob von rechts nicht als Warnung, sondern als Spiegel für linke Kritiker, die sich weigern, Israel pauschal zu dämonisieren. Die Botschaft lautet sinngemäß: Wenn selbst Neonazis den Zionismus durchschauen – warum nicht ihr?

Es ist ein Zirkelschluss mit toxischem Beigeschmack: Nicht mehr die politische Position legitimiert sich durch Argumente – sondern durch ihre vermeintliche Spiegelung durch den ideologischen Gegner.
Was als Ironie daherkommt, enthüllt sich als symptomatisch:
Die Argumentation lautet nicht mehr: „Wir sind links, weil wir Ausbeutung bekämpfen.“
Sondern: „Sogar die Nazis sehen klarer als ihr.“

Dass ein linker Politiker sich solcher Ironie bedient, um innerlinke Kritiker als systemkonform zu entlarven, ist – in den Worten eines illusionslosen Linken – nicht nur ein Armutszeugnis, sondern ein Ausweis intellektueller Verwahrlosung.

Die Umkehrung der Geschichte – live auf Sendung

Der Stream kulminiert in einem Moment, der exemplarisch für die gesamte Rhetorik steht. Bei Minute 1:02:41 sagt Marlon:
„Wenn Marta das Ausschlussverfahren in Erfurt gemacht wird, [...] mobilisieren wir.“

„Marta“, das ist Martha Chiara Wüthrich, Sprecherin der Linksjugend ['solid] – bekannt geworden durch ein TikTok-Video, in dem sie erklärt:
Das ist ein Völkermord. Das ist ein Holocaust. Das ist der Holocaust!

Drei Sätze, gesprochen mit der Wucht postkolonialer Gewissheit – und mit jener Leichtfertigkeit, die historische Begriffe zu bloßen Etiketten macht. Die Relativierung der Shoah, sonst ein Markenzeichen der Rechten, hat hier Anschluss an eine Linke gefunden, die sich für besonders antifaschistisch hält.

Dass das Video rasch gelöscht wurde, ändert nichts an der anschließenden Inszenierung: Kein Rückzug. Keine Korrektur. Sondern ein Solidaritätsaufruf. Nicht etwa mit jüdischen Gemeinden, nicht mit Geiseln oder Überlebenden – sondern mit einer Sprecherin, die den Holocaust zur rhetorischen Schablone macht.

Im selben Geist wurde auf dem Bundeskongress der Linksjugend ein Antrag verabschiedet, der Israel der „Vernichtung des palästinensischen Volkes“ bezichtigt – ohne ein Wort über die Hamas, ohne jede Bezugnahme auf den 7. Oktober. Ein Änderungsantrag, der jüdische Opfer erwähnte, wurde mit fast 65% abgelehnt.
Statt Empathie: Einheitsfront.
Statt Differenz: Schlagwort.
Und statt Aufarbeitung: identitätspolitische Reinszenierung alter Abwehrmechanismen in neuem Vokabular.

Die BAG PaliSoli solidarisiert sich offen mit Wüthrich – auf Instagram ebenso wie im Stream. Der politische Gehalt ihrer Äußerung wird nicht hinterfragt, sondern umgedeutet: als mutige Intervention gegen „Repression“. Der Holocaust wird zur Folie, das Gedenken zur Zumutung. Die historische Verantwortung, einst linker Ausgangspunkt, wird delegitimiert – und ersetzt durch moralische Identifikation mit dem richtigen Opferkollektiv.

„Israel begeht einen Völkermord“ – diese Formulierung fällt im Stream mehrfach. Die Nakba wird nicht als historische Katastrophe, sondern als „konstitutives Gründungsmoment“ Israels gedeutet. Zionismus? Ein koloniales Projekt. Die Shoah? Kein Zivilisationsbruch, sondern ein Vorwand für die Staatsräson.

In diesem Weltbild steht Israel nicht trotz, sondern wegen seiner Geschichte unter Generalverdacht. Die Singularität der Shoah stört nur noch das argumentative Arrangement. Wer sich dieser Umdeutung widersetzt, gilt nicht als Mahner – sondern als Teil des Problems.

„Jämmerlicher Haufen – immer dieselben 20 Leute mit Israel-Fahnen“, heißt es beiläufig. Doch beiläufig ist hier nichts. Die „Antideutschen“ stehen nicht für eine theoretische Position – sondern für alles, was abgelehnt wird: Universalismus, Differenz, Erinnerung. Sie sind die Chiffre, gegen die sich die moralische Gewissheit organisiert.

Die Partei als Verrat

Die Partei Die Linke, so die Diagnose der Sprecher, habe sich dem „Reformismus der bürgerlichen Demokratie“ unterworfen. Das Ziel sei nicht mehr Befreiung, sondern Regierungsbeteiligung. Posten statt Politik.

„Was die AfD mit rechten Talking Points schafft, muss auch von links gelingen“ – ein Satz wie ein Selbstverrat mit Ansage. Statt Analyse: Emotionalisierung. Statt Klassenbewusstsein: moralisches Bekenntnis.

„Gleiche Rechte für alle zwischen Mittelmeer und Jordanfluss“, heißt es. Doch Palästina erscheint hier nicht als konkreter Ort mit sozialen Widersprüchen – sondern als moralisches Kollektiv. Israel hingegen: Täter, Projekt, Konstrukt. Wer differenziert, stört. Wer fragt, verrät.

Auffällig ist das, was nicht gesagt wird:
Keine Reflexion der Shoah.
Kein Wort über die Geiseln der Hamas.
Kein Satz über die Kriegsverbrechen von Hamas, PFLP oder DFLP.
Jüdische Geschichte taucht nur auf, wenn sie störend wird.

Wer Israel verteidigt, wird zur Zielscheibe. Wer Juden erwähnt, gilt als nicht radikal genug. Ein Antizionismus, der sich nicht vom Antisemitismus abgrenzt, sondern ihn funktionalisiert, ist kein Beitrag zur Emanzipation – sondern deren Absage.

Was sich hier als radikale Systemkritik inszeniert, ist bei näherem Hinsehen eine regressiv gewendete Rebellion. Nicht das System wird analysiert – sondern seine Repräsentanten demonisiert. Nicht Macht wird kritisiert – sondern Schuld umverteilt.

Der Livestream mit Thies, Marlon und naitan ist kein Einzelfall. Er ist Symptom eines politischen Verschiebebahnhofs, in dem Kategorien verrutschen, Begriffe entkernt werden und der Universalismus linker Kritik einem selektiven Moralismus geopfert wird.

Die Shoah hat uns nicht gelehrt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sondern zu denken – auch wenn es weh tut.
Wer das verlernt, verliert nicht nur die Urteilskraft. Er verliert das Projekt der Emanzipation selbst.

 

Wer ist Handala Leipzig?

Die Gruppe Handala Leipzig trat spätestens 2023öffentlich als radikale, palästinasolidarische Initiative in Erscheinung – benannt nach der ikonischen Karikaturfigur des palästinensischen Zeichners Naji al-Ali. Ihre Wortwahl, Auftritte und Bildsprache sind geprägt von antiisraelischer Rhetorik und einer kompromisslos antizionistischen Haltung.

Spätestens seit dem 7. Oktober 2023, als Terroristen der Hamas über 1.200 Menschen ermordeten und mehr als 200 Geiseln verschleppten, steht Handala im Zentrum innerlinker Auseinandersetzungen. Statt kritischer Distanzierung: ein Paraglider-Post mit zustimmenden Untertönen. Die Symbolik? Eindeutig. Die Distanzierung? Fehlanzeige.

Beim Bundesparteitag der Linken im Oktober 2024 in Halle forderte Handala Zugang zum Plenum – der Antrag wurde abgelehnt, aber 38% der Delegierten stimmten dennoch dafür. Auf Flugblättern war von „Genozid-Leugnerinnen“ die Rede – gemeint waren u.a. Henriette Quade, Juliane Nagel und die unermüdliche NSU-Aufklärerin Kerstin Köditz.

Quade verließ unter Druck die Halle – und wenig später die Partei. Die Eskalation? Kein Einzelfall. Der Rückhalt für Handala? In Teilen der Partei, trotz unvereinbarkeitsbeschluss in Sachsen, ungebrochen – insbesondere aus der BAG Palästina Solidarität, die die Gruppe als „authentischen Ausdruck internationalistischer Basisbewegung“ verteidigt.

 

 

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