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Neukölln ist nicht überall

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TL;DR: „ Neukölln ist überall“ behauptet Weltformel und liefert Weltbild: Genozid, Faschisierung, Staatsräson. Viel Verdichtung, wenig Differenz. Antisemitismus erscheint als Vorwurf, nicht als Problem. Wer alles erklärt, erklärt am Ende zu viel – und zu wenig zugleich. Wie man mit großen Worten kleine Differenzen tilgt „ Neukölln ist überall “, schreibt Jorinde Schulz. Man könnte das für eine soziologische These halten. Tatsächlich ist es eine Weltformel. Sie behauptet, was im Berliner Süden geschieht, sei nicht lokal, sondern exemplarisch – ein „ politisches Brennglas “. Wer so beginnt, will nicht berichten, sondern deuten. Und wer deutet, setzt Maßstäbe. Schulz setzt ihre Maßstäbe früh. „ Krieg ist Frieden “, zitiert sie Arundhati Roy. Dann folgt die Kaskade: „ Aufrüstung ist Friedenssicherung, Zivilist innen sind Terrorist innen, Palästina existiert nicht .“ Das ist nicht Analyse, das ist Verdichtung. Worte werden hier nicht erklärt, sondern aufgeladen. Der Text lebt von die...

Die immergleiche Platte der Susann Witt-Stahl – oder: Wie man sich die Welt zurechtstalinisiert

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TL;DR: Susann Witt-Stahl erklärt 1989 zur „Kernschmelze“ der Westdeutschen Linken und die Antideutschen zum Zerfallsprodukt. Doch wer Geschichte nur als Verrat an der eigenen Gewissheit liest, ersetzt Analyse durch Ideologie. Komplexität ist kein Verrat – sie ist die Zumutung der Wirklichkeit. Über die Lust an der Gewissheit und die Angst vor der Geschichte Es gibt Debatten, die verlaufen wie alte Schallplatten. Man weiß, wo sie knistern werden, man kennt die Stellen, an denen die Nadel springt, und doch wird jedes Mal so getan, als höre man gerade etwas Neues. Das Gespräch zwischen Ignacio Rosaslanda und Susann Witt-Stahl über die „Genese der Antideutschen“ ist eine solche Aufnahme. Titel: „ Von ›Nie wieder Deutschland‹ zu ›Nie wieder Gaza‹ “. Untertitel könnte lauten: Wie man aus jeder historischen Zäsur eine Verschwörung macht. Witt-Stahl spricht von einer „ Kernschmelze der antikapitalistischen Linken “ 1989/90. Das ist ein starkes Bild. Kernschmelzen sind Katastrophen, sie ...

Menschenfresser und Medienverschwörung – Wie der Antizionismus seine Maske fallen lässt

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TL;DR: Essay über den Facebook-Diskurs zu Naidoos „Menschenfresser“-Rhetorik: Wie aus Empörung über Kindesmissbrauch eine alte antisemitische Semantik wird – Zionisten als Dämonen, Rothschild als Chiffre, Israel als Strippenzieher. Antizionismus erscheint hier nicht als Kritik, sondern als Traditionspflege. Wie Antizionismus im Facebook-Diskurs alte antisemitische Muster und Verschwörungsmythen reaktiviert. Als die Jüdische Allgemeine über Xavier Naidoos Rede berichtete, in der von „Menschenfressern“ die Rede war, empörte sich der Facebook-Mob nicht über die ritualmordnahe Metaphorik. Empört war man über die Zeitung. Nicht das Ressentiment war das Problem – sondern dass es benannt wurde. Das ist der erste Befund. Und er ist entscheidend. Denn was sich im Kommentarbereich entfaltete, war keine missverstandene Sorge um Kindesmissbrauch. Es war die strukturierte Wiederkehr eines alten Musters: die Personalisierung gesellschaftlicher Abstraktion im Bild des „zionistischen Strippenzi...

Die Autobahn nach Gaza

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TL;DR: „Nicht alles war schlecht“ – so beginnt die rhetorische Entlastung. Wer Autobahnen oder Schulen gegen Terror aufrechnet, verschiebt den Zweck hinter die Fassade. Infrastruktur ist kein moralisches Gegengewicht. Entscheidend ist, welchem politischen Projekt sie dient. Wie Sozialpolitik zur Entlastungsrhetorik von Antisemiten wird wird „Nicht alles war schlecht.“ Mit diesem Satz beginnt jede nachträgliche Amnestie. Er klingt wie eine Differenzierung, ist aber eine Verschiebung. Plötzlich geht es nicht mehr um Vernichtung, sondern um Beton. Nicht mehr um Ideologie, sondern um Asphalt. Verwaltung statt Gewalt. „Dass Nazis Autobahnen bauten, ist m. E. keine Lüge“, heißt es in einem der Tweets. Richtig. Es ist keine 100% Lüge aber eben auch keine 100% Warheit. Es ist Propaganda , die, nach 1945 zur Volks-Mythologie wurde, ähnlich war wie die Kyffhäusersage . Aber es ist auch kein Argument. Die Autobahn ist Faktum. Ihre argumentative Funktion entscheidet. Die Forschung ist e...

Bündnis, Blindheit und die Kunst, nichts gehört zu haben

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TL;DR: Feminismus beginnt an der Tür: Wer jüdische oder israelische Frauen „nicht willkommen“ nennt, verlässt den Boden der Solidarität. Antisemitismus verschwindet nicht, nur weil man ihn Staatskritik nennt. Die Frage bleibt: Ideologie verteidigen – oder Menschen? Über einen feministischen Streit, der mehr verrät als er erklärt Manchmal reicht ein einziger Satz, um eine politische Debatte zu entkernen. In diesem Fall lautet er: Jüdische oder israelische Frauen sollten sich auf einer feministischen Demonstration „ nicht willkommen “ fühlen und müssten sich dort „ nicht sicher fühlen “. Wenn das stimmt, dann ist jede weitere Diskussion eine Fußnote. Die GRÜNE JUGEND Hamburg zieht daraus eine Konsequenz, die man weder revolutionär noch heldenhaft nennen muss, wohl aber folgerichtig: Sie verlässt das 8M-Bündnis. Begründung: „antisemitische Äußerungen sowie ein transfeindlicher Übergriff“. Wer die eigenen Vertreter*innen mit „Es“ anspricht, demonstriert nebenbei, dass auch Pronomen...

Blinde Flecken

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TL;DR: In jüdischen Gemeinden wird wieder gefragt: Kämpfen die Parteien genug gegen Judenhass? AfD ausgeladen – klar. Doch auch Die Linke. Antisemitismus kommt nicht nur von rechts. Wer ihn nur beim Gegner sucht, verteidigt Moral – nicht jüdisches Leben. Wer zahlt den Preis? Warum der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland so gern beim politischen Gegner beginnt – und dort endet In deutschen jüdischen Gemeinden wird wieder diskutiert. Wieder gefragt. Wieder beschworen. Kämpfen die Parteien beherzt genug gegen Judenhass? Auf dem Podium: CDU, SPD, Grüne, FDP, Volt. Nicht eingeladen: die AfD – vom Zentralrat der Juden treffend beschrieben als „eine Partei, in der sich Antisemiten zu Hause fühlen können“. Ebenfalls nicht eingeladen: Die Linke. Das ist die eigentliche Nachricht. Die Frankfurter Jüdische Gemeinde hat sich entschieden, nicht nur die AfD auszuladen – „ eine Selbstverständlichkeit “, wie ihr Vorsitzender Benjamin Graumann in der FAZ sagte –, sondern auch die Linke....

Zu „Junge Welt: Ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“ von Thomas Blum, erschienen im nd am 16.02.2026

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TL;DR: Thomas Blum schreibt mit „Junge Welt: Ein Geschäft, auf das man Bock haben muss“ keinen Verriss des Dokumentarfilms „Träume und andere Realitäten“ der junge Welt, sondern eine Anklage: Gegen einen Film, der „Dialektik“ sagt und Widerspruch meidet. Seine Kritik an der „Jungen Welt“ zielt nicht auf Parteilichkeit, sondern auf Intransparenz. Weniger Pose, mehr Streit – das ist sein Maßstab. Thomas Blum schreibt keinen Verriss. Er schreibt eine Anklage. Und Anklagen leben vom Maßstab, den sie setzen. Thomas Blum beginnt mit einer Vorahnung. „ Manchmal geschieht es, dass man, bevor der Film beginnt, als Zuschauer bereits ahnt, was auf einen zukommt .“ Das ist kein billiger Effekt, sondern eine Setzung: Erwartung als Erkenntnisinstrument. Wer einen Film über die „Junge Welt“ sieht, so Blum, sieht nicht nur Bilder, sondern ein Selbstverständnis. Er beschreibt die Eröffnung mit Ulbricht, mit „rotierenden Druckmaschinen“, mit der „Aktuellen Kamera“. Das ist mehr als Spott über Ästh...