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Anmerkungen zum Tod von Jean Ziegler

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TL;DR: Jean Ziegler hatte mit seiner Kritik globaler Ungleichheit oft recht. Gleichzeitig bediente er in seiner Kapitalismus- und Israelkritik Denkfiguren, die Kritiker als strukturell antisemitisch bewerten. Sein politisches Erbe ist daher widersprüchlich: analytische Schärfe bei Nord-Süd-Fragen, ideologische Blindstellen bei Israel und autoritären Regimen.   Jean Ziegler ist am 11. Juni gestorben. Über ihn stand in konkret einmal, seine Äußerungen zu Israel zeugten „von schlichtem Antisemitismus“, während er „mit seiner Einschätzung dessen, was der Norden mit dem Süden anstellt, leider meistens recht“ habe. Damit ist im Grunde mehr gesagt als in vielen Nachrufen, die jetzt erscheinen. „Über die Toten nur Gutes“, heißt es. Wer sich daran hält, hat es bequem. Im Fall Ziegler wird daraus derzeit ein kleines Heiligenbild: der unbeugsame Kämpfer gegen Hunger und Armut, der Ankläger der Reichen, der unbeirrbare Zeuge globaler Ungerechtigkeit. Das alles war er auch. Nur eben nicht...

Die alte Kunst der Kollektivschuld

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TL;DR: Kinder als „zukünftige Mörder“ zu beschimpfen ist keine Israelkritik, sondern antisemitische Kollektivschuld. Kritik braucht Unterscheidung, Belege und Präzision – sonst wird aus Politik Mob. Wer jüdischen oder israelischen Kindern „zukünftige Kindermörder“ nachruft, übt keine Kritik an israelischer Politik. Er bedient ein antisemitisches Bildreservoir – alt, bequem, mörderisch effizient. Und wer Antisemitismus bekämpfen will, muss genau hier anfangen: bei der Unterscheidung. Zwischen legitimer Kritik an einem Staat, einer Regierung, einer Militärstrategie – und der kollektiven Zuschreibung von Schuld an Menschen, die nichts getan haben außer da zu sein. Wer Kindern „zukünftige Kindermörder“ hinterherbrüllt, kritisiert keine Regierung. Er kritisiert nicht einmal einen Staat. Er kritisiert überhaupt nichts. Er spricht ein Urteil über Personen, bevor überhaupt eine Tat existiert. Herkunft wird zur Anklageschrift, Zugehörigkeit zur Vorstrafe. Das ist keine Politik – das ist die v...

Die letzten Deutschen

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  TL;DR:  Höcke sortiert „Deutsche“ wie Ware: West als amerikanisiert, Ost als angeblich unverfälschtes Reservat. Das ist keine Analyse, sondern ein Nationalmythos mit Verschwörung, Untergangspathos und dem Wunsch, Auschwitz aus dem Weg zu räumen. Imaginäres Volk, reale Feinde. Björn Höcke findet ein Volk – und zwar dort, wo es am verlässlichsten ist: in seinem Kopf. Nun hat Björn Höcke also inventarisiert. Er stellt die Deutschen in zwei Regale: hier die bloß noch „deutsch sprechenden Amerikaner“, dort – bevorzugt jenseits der Elbe – die „deutsch sprechenden Deutschen“. Man muss erst einmal auf die Idee kommen, einen Satz so zu bauen, dass er zugleich nichts sagt und alles behauptet. Die Rechte schafft das mit der Routine des schlechten Handwerks. Höcke redet von „Deutschland“ wie ein Antiquar von einer angeblich unersetzlichen Vase: einmal makellos, dann angeknackst, schließlich von fremden Fingern beschmutzt. Der politische Gehalt dieser Erzählung ist alt und unerquicklich:...

Der „Versöhner“ Höcke und die Bühne „Weltwoche“

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TL;DR: Der Weltwoche-Podcast von Roger Köppel mit Björn Höcke wirkt weniger durch neue Inhalte als durch seine Inszenierung. Höckes bekannte Positionen erscheinen in einem intellektuellen, kultivierten Rahmen als legitime Kulturkritik statt als politische Radikalität. Kritisiert wird vor allem, dass das Interview zentrale Annahmen – etwa die Erzählung einer deutschen „Identitätskrise“ – weitgehend übernimmt und dadurch zur Normalisierung rechter Narrative beiträgt. Wie ein Gespräch politische Radikalität in intellektuelle Gelassenheit verwandelt   Wenn der Podcast der Zeitung Weltwoche Björn Höcke mit den Worten „ Ich bin der Versöhner “ Titelte, ist der Dreh schon gesetzt, bevor er den ersten Satz sagt. Das Interview beginnt mit Kulisse und Licht. Der Mann, der seit Jahren als einer der schärfsten Akteure der deutschen Rechten gilt, kommt nicht als Krawallmacher, nicht als Dauerprovokation, nicht als Funktionär einer Partei, deren Verhältnis zum demokratischen Pluralismus i...

Die letzte Gewissheit der autoritären Linken: Israel als Weltformel

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TL;DR: Der Antrag G.36 der AKL zum Potsdamer Parteitag der Partei Die Linke ist weniger eine Analyse des Nahostkonflikts als Ausdruck einer  autoritären  Denkweise. Er ordnet komplexe Widersprüche in ein einfaches Schema von Herrschaft und Widerstand ein und macht Israel zum zentralen Symbol imperialer Macht. Die Kolumne fragt, ob diese politische Grammatik den Konflikt noch erklärt – oder vor allem die Krise von Teilen Linken selbst offenlegt. Wie der Antrag G.36 der Antikapitalistischen Linken und Anderer die Rückkehr eines antiimperialistischen Denkens markiert, das mehr über den Zustand der v on Teilen deutschen Linken verrät als über Israel, Palästina und Antisemitismus Manche politischen Texte geben vor, die Welt zu erklären. Andere legen, oft unfreiwillig, ihre Autoren offen. Der Antrag G.36 „Für gleiche Rechte in Westasien – gegen jeden Rassismus und Antisemitismus “, eingebracht von Strömungen der Partei Die Linke, gehört entschieden zur zweiten Sorte. Forma...

Die Polemik ersetzt den Beleg

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  TL;DR: Der Artikel über Nicholas Potter setzt auf Spott, Zuschreibungen und politische Gewissheiten, liefert für seine schwersten Vorwürfe jedoch kaum Belege. Die Polemik ist sprachlich wirkungsvoll, argumentativ aber oft dünn. Dadurch entlarvt sie weniger ihren Gegenstand als ihre eigene Methode. Zu Susann Witt-Stahls Porträt über Nicholas Potter – und zu einer Methode, die ihr Urteil stets schon kennt Susann Witt-Stahls Text über Nicholas Potter („ Linker Journalist des Tages: Nicholas Potter “ in der junge welt vom 29.05.2026) möchte ein Porträt sein. Tatsächlich ist er etwas anderes: eine Anklageschrift, die ihren Angeklagten längst verurteilt hat und deshalb glaubt, auf den Nachweis der Schuld verzichten zu können. Das Problem beginnt bereits mit dem ersten Satz. Potter habe die „ Gaza-Genozidlüge “ entlarvt. Das Wort ist hier nicht Ergebnis einer Argumentation, sondern deren Voraussetzung. Die Autorin erklärt eine politische und juristische Streitfrage zur ausgemachten...

Und Geld stinkt doch

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TL;DR: Die GdP Rheinland-Pfalz trennt sich von einem AfD-Fördermitglied und überweist den Beitrag zurück – ein spätes, aber klares Signal: Demokratie lässt sich nicht mit völkischem Geld vereinbaren.  Die GdP Rheinland-Pfalz hat etwas entdeckt, das in dieser Republik oft als Zumutung gilt: Man kann nicht gleichzeitig demokratische Interessenvertretung sein und sich von AfD-Funktionären aushalten lassen, also schmutziges Geld annehmen. Eine Einsicht, für die andere bekanntlich erst dann reif sind, wenn der Laden schon brennt. Horst Wollenweber, AfD-Mandatsträger aus Westerburg, verliert seine Fördermitgliedschaft. Nicht wegen schlechten Benehmens. Nicht wegen falschen Parkens. Sondern weil selbst eine Polizeigewerkschaft irgendwann merkt, dass zwischen „konservativ“ und „völkisch“ mehr liegt als ein missratener Witz am Tresen. Unangenehm wird es, sobald man das Umfeld betrachtet. Wollenweber und sein Sohn Bailey bewegen sich im Netzwerk um Joachim Paul – jenem Milieu also, das...