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Der lange Weg ins Gericht – und der kurze Griff danach

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TL;DR: Die Nominierung von Ralf Hornemann weniger ein Problem ist als ein Symptom struktureller Schwächen: Durch die Sperrminorität der AfD entsteht ein politischer Zwang zur Einigung, der institutionelle Standards unter Druck setzt. Parteien müssen zwischen Funktionsfähigkeit und Integrität des Verfassungsgerichts abwägen. Dabei verschiebt sich schleichend die Grenze dessen, was als akzeptabel gilt – und genau das gefährdet langfristig die Unabhängigkeit und Autorität demokratischer Institutionen. Warum die Personalie Hornemann weniger über einen Anwalt sagt als über den Zustand politischer Institutionen Man kann sich an Thüringen gewöhnen. Man sollte es aber nicht. Ein Bundesland, in dem die größte Fraktion das Verfassungsgericht regelmäßig beschimpft und zugleich „ so oftanruft wie keine andere Partei “, hat das Verhältnis von Macht und Kontrolle nicht neu erfunden, aber unerquicklich zugespitzt. Dass ausgerechnet diese Partei nun den eigenen Hausanwalt für eben jenes Gericht ...

Nastić: Am Ende wieder die falsche Partei

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TL; DR: Zaklin Nastić tritt aus dem BSW aus und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Parteiführung: Intransparenz, Elitenbildung und Anpassung an Medien. Zugleich kritisiert sie die fehlende Zusammenarbeit mit der AfD. Der Konflikt ist weniger neu als strukturell – und wiederholt ein bekanntes Muster politischer Enttäuschung. Nach Die Linke nun auch Wagenknechts BSW: Nastić kritisiert Machtpolitik, Medienanpassung – und das Ausbleiben von Nähe zur AfD. Zaklin Nastić geht. Wieder einmal. Diesmal aus dem BSW, das mal das Bündnis Sahra Wagenknecht war und das sie mit aufgebaut hat. Zuvor ging sie aus der Linkspartei. Dazwischen lag die Hoffnung, nun aber wirklich die Partei gefunden zu haben, die keine Partei sein wollte wie die anderen. Man kennt diese Hoffnung: Sie hält ungefähr so lange wie ein Aufnahmeverfahren. Der Text, den sie zum Abschied vorlegt, ist kein nüchternes Protokoll, sondern eine Selbstvergewisserung in der Form der Anklage. Wer ihn liest, erfährt weniger über die St...

Differenzierung gilt hier schon als Verrat

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TL;DR: Bodo Ramelow verbindet in seinem Facebook-Post zwei eigentlich selbstverständliche Positionen: Er bekennt sich zum Existenzrecht Israels und kritisiert zugleich konkrete Regierungspolitik, insbesondere im Hinblick auf das  gestern verabschiedete Todesstrafengesetz. Genau diese Differenzierung löst in den Kommentaren massive Reaktionen aus. Statt sich mit dem Argument auseinanderzusetzen, verschieben viele Beiträge die Debatte: von konkreter Kritik hin zur grundsätzlichen Delegitimierung Israels. Begriffe wie „Terrorstaat“, NS-Vergleiche oder Forderungen nach Abschaffung ersetzen politische Analyse durch moralische Totalurteile. Das eigentliche Problem ist weniger die Radikalität einzelner Aussagen als die unter Antizionist*innen verbreitete Unfähigkeit, zwischen Staat und Regierung, Kritik und Delegitimierung zu unterscheiden. In einem solchen Diskurs wird Differenzierung selbst zur Provokation – und gilt schnell als Verrat. Über eine Debatte, die nicht mehr weiß, was ...

‚Generation Deutschland‘: ein Gegenbeweis, der keiner ist

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TL;DR: Ein „Generation Deutschland“ -Funktionär mit Migrationsgeschichte wird zum „Beweis“ gegen den Vorwurf des Völkischen erklärt. Doch weder ersetzt eine Biografie politische Analyse, noch hebt eine Ausnahme strukturelle Widersprüche auf. Was als Entlastung präsentiert wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als Teil der Argumentation selbst. Wie aus einer Person ein Argument gemacht wird – und warum genau darin das Problem liegt In Hessen wird Nafiur Rahman, ein junger Mann mit Migrationsgeschichte, zum Landesvorsitzenden der AfD-Parteijugend „Generation Deutschland“ gewählt – und plötzlich soll das der lebende Beweis dafür sein, dass an AfD und „Generation Deutschland“ gar nichts völkisch, nichts ausschließend, nichts rechts sei. Ein einzelner Biografiesplitter als Generalabsolution. Das ist ungefähr so schlüssig wie ein Nichtraucher im Raucherclub als Beweis für gesunde Luft. „ Als klar gewählter Mandatsträger der AfD bin ich der lebendige Gegenbeweis “ – gegen den Vorwurf...

Wie ein jw- Porträt sich seine Gegner erfindet

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TL;DR: Der Artikel will eine ideologische Verschiebung der Linkspartei nachweisen, ersetzt aber Analyse durch Unterstellung. Er arbeitet mit Deutungen statt mit Belegen und kritisiert Vereinfachung, indem er selbst vereinfacht. Wie das Porträt „ Diskursprofis des Tages: Gysi, Bartsch, Ramelow “, von Nico Popp in der junge welt, die den Diskurs ordnen will, ihn aber vorher verengt – und damit mehr über ihre Methode verrät als über ihr Objekt. Das Porträt von Nico Popp über Gysi, Bartsch, Ramelow will mehr sein als eine billige Polemik gegen drei altgediente Linke Politiker. Er gibt sich als Korrektur einer Verschiebung: weg vom Antiimperialismus, hin zur „ Staatsräson “. Was er liefert, ist eher ein Beispiel dafür, wie diese Verschiebung behauptet wird, ohne sie zu zeigen. Schon der Einstieg verrät die Methode. Wenn Gysi, Bartsch und Ramelow „ eigentlich meinen “, dass Antizionisten Israel „ von der Landkarte verschwinden “ sehen wollen, dann hält Popp ihnen nicht eine Gegenpositi...

Die guten Antisemiten

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  TL;DR:  Die Kolumne argumentiert, dass die deutsche Linke Antisemitismus vor allem dann erkennt und bekämpft, wenn er von rechts kommt – während sie eigene Formen davon oft übersieht oder umdeutet. Durch sprachliche Verschiebungen („Jude“ → „Zionist“), historische Kontinuitäten und aktuelle Beispiele (z. B. innerparteiliche Konflikte, Buchenwald-Aktion) entsteht eine Sichtfeldbegrenzung. Das Problem ist weniger bewusster Hass als ideologische Selbstgewissheit: Wer sich moralisch im Recht sieht, hinterfragt die eigenen Narrative nicht. Die zentrale Frage bleibt offen: Bekämpft die Linke Antisemitismus wirklich – oder nur den der anderen? Über teile einer politischen Strömung, die Antisemitismus bekämpfen – solange er nicht aus den eigenen Reihen kommt. Es beginnt, wie es in Deutschland oft beginnt, wenn es unangenehm wird: mit einer guten Absicht. In Buchenwald, jener Ort, an dem das Erinnern nicht Dekoration, sondern Verpflichtung ist, wollen Aktivisten am Jahresta...

Feindbild statt Lektüre: Witt-Stahls Jagdfieber

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TL;DR: Die Rezension von Witt-Stahl kritisiert Nicholas Potter für Vereinfachung und Feindmarkierung – greift dabei jedoch selbst auf solche Mittel zurück. Statt Argumente zu prüfen, werden Motive unterstellt und Gegensätze zugespitzt. So entsteht weniger eine Buchkritik als eine Gegenpolemik, die mehr über ihre eigene Logik verrät als über das kritisierte Werk. Eine Kritik, die den Vorwurf der Vereinfachung erhebt – und dabei selbst auf Differenz verzichtet. Über eine Rezension, die mehr zuschreibt als überprüft. Susanne Witt-Stahl will in „ Autoritäres Jagdfieber “ in der junge welt vom 23.03.2026 ein Buch kritisieren. Heraus kommt ein Text, der weniger das Buch trifft als das, was sie darin wiedererkennt – oder wiedererkennen möchte. Schon der erste Satz setzt den Rahmen: Potter lege „mit der Ideologieschrotflinte auf alle Gegner des imperialen Westens an “. Das ist ein Bild, kein Argument. Es ersetzt die Frage, wie Potter argumentiert, durch die Behauptung, warum er es ange...