Posts

Das falsche Bewusstsein der Bewusstseinsbildner

Bild
TL;DR: Auf einem Podium beim Sommercamp von Klasse Gegen Klasse wird Selbstorganisation gepredigt – wobei die Prediger genau wissen, zu welchem Bewusstsein die Selbstorganisierten zu gelangen haben. Der Text kritisiert diese politische Pädagogik, den „Imperialismus“ als universelle Erklärung und vor allem eine auffällige Leerstelle: Während ausführlich über Faschismus, AfD, Israel, Gaza und deutsche Geschichte gesprochen wird, bleibt Antisemitismus weitgehend außerhalb der Analyse. Ausgerechnet dort, wo die Theorie konkret werden müsste, wird sie abstrakt.   Auf dem Sommercamp von Klasse Gegen Klasse wird darüber gestritten, wie Merz und die AfD „zu Fall“ zu bringen seien. Die Antwort lautet immer wieder: durch Selbstorganisation. Nur weiß die organisierte Linke erstaunlich genau, was die Selbstorganisierten dabei herausfinden sollen. Es ist ein sympathischer Gedanke, die Menschen könnten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Er wird nur ein wenig weniger sympathisch,...

44 Prozent Machtanspruch

Bild
TL;DR: Sachsen-Anhalts BSW Spitzenkandidatin Claudia Wittig erklärt es am 06. September, nur wenige Minuten nach der 1 Prognose zut Landtagswahl  für „völlig undemokratisch“, die AfD bei 44 Prozent nicht an einer Regierung zu beteiligen. Damit verwechselt sie Wahlerfolg mit Regierungsanspruch: 44 Prozent müssen parlamentarisch repräsentiert werden, begründen aber kein Recht auf Regierungsmacht. Wer eine AfD-Regierungsbeteiligung ablehnt, entrechtet deren Wähler nicht. Wittig verkauft so die Anerkennung eines Machtanspruchs als Respekt vor dem Wählerwillen – und macht aus einer politischen Entscheidung gegen die AfD vermeintlich ein Demokratieproblem. Sachsen-Anhalts BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig bereitet mit dem Satz, es sei „völlig undemokratisch, die AfD nicht an einer Regierung zu beteiligen“, die Unterstützung der Machtübernahme der AfD vor. Sie verkauft die Anerkennung eines Machtanspruchs als Anerkennung des Wählerwillens. Man muss Claudia Wittig dankbar sein für d...

Luigi Pantisano irrt: Ein anderer Busfahrplan schafft den Nationalismus nicht ab

Bild
TL;DR:  Pantisano benennt die AfD zu Recht als rechtsextreme Gefahr und will ihre Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt verhindern. Doch seine Erklärung ihres Erfolgs greift zu kurz: Soziale Unsicherheit allein erklärt weder Nationalismus noch Rassismus und Antisemitismus. Bessere Krankenhäuser, Busverbindungen und Arbeitsplätze sind notwendig – aber sie beseitigen kein Ressentiment. Besonders problematisch bleibt, dass Pantisano von den „Erfahrungen unserer Geschichte“ spricht, ohne Auschwitz, die Shoah und Antisemitismus ausdrücklich zu benennen. Luigi Pantisano  erkennt nach der Wahl in Sachsen-Anhalt die rechtsextreme Gefahr der AfD. Doch seine Erklärung ihres Erfolgs bleibt eigentümlich beruhigend: Hinter dem Rechtsruck vermutet er vor allem enttäuschte soziale Interessen. Nationalismus und Rassismus werden damit zur falschen Antwort auf eigentlich richtige Fragen – und Antisemitismus kommt natürlich überhaupt nicht vor. Man könnte Luigi Pantisano zugutehalten, dass...

Sachsen-Anhalt - 29.706 Tage nach dem 8. Mai 1945

Bild
TL;DR: 44,4 Prozent für die Faschistische AfD sind kein Versehen mehr. 29.706 Tage nach der Kapitulation Nazideutschlands ist es zu spät für die Formel „Nie wieder ist jetzt“ – dieses Jetzt läuft längst. Entscheidend ist nicht nur, welche Regierung in Sachsen-Anhalt gebildet wird, sondern was ein solcher Rechtsruck für migrantisierte und geflüchtete Menschen, Jüdinnen /Juden, Muslim:innen , Frauen , Queers , Antifaschist : innen und eine plurale Gesellschaft bedeutet. Wer seit Jahren gegen die extreme Rechte recherchiert, organisiert und widerspricht, braucht mehr als Respekt: Solidarität, Ressourcen und Schutz. 29.706 Tage – nach dem 8. Mai, der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands ist es zu spät, „Nie wieder“ zu sagen. 44,4 % für die Faschistische #AfD heißt: wir sind mittendrin. Da ist es zu spät, um „Nie wieder“ zu sagen. „Nie wieder“ war gestern. Jetzt geht es um Solidarität & den Schutz aller, die von rechter Politik bedroht sind. „Nie wieder“ war gestern! Jetzt...

Der ['solid] Klassenkrieg findet ohne Klassen statt

Bild
TL;DR: Ein Solid-Neukölln-Sticker zeigt Hello Kitty mit Sturmhaube und AK47 unter der Parole „CLASSWAR“. Der Widerspruch: Wo Klassenkrieg behauptet wird, fehlen Klassen, Produktionsverhältnisse und materielle Interessen. Stattdessen treten Nation, bewaffneter Widerstand und revolutionäre Popästhetik an ihre Stelle. Eine materialistische Linke müsste palästinensische Entrechtung und israelische Politik ebenso analysieren wie Nationalismus, Islamismus, Klassenherrschaft und Antisemitismus – ohne nationale Befreiung kurzerhand zum Klassenkampf zu erklären. Eine bewaffnete Hello Kitty, Palästinafarben und das Wort „CLASSWAR“: Ein Berliner Sticker möchte Klassenkampf sein und zeigt doch vor allem Nation, Gewehr und revolutionäres Branding. Interessant wird er dort, wo seine Gewissheiten enden – bei der Frage, wer hier eigentlich gegen wen und wofür kämpft. Es gehört zu den Vorteilen politischer Aufkleber, dass sie wenig Platz für Ausreden lassen. Wer eine Wand mit „ ORGANIZE “ und „ C...

Daniel Bax: Die Linke als Notausgang

Bild
TL;DR: Die Linke kann parlamentarisch nötig sein, um eine AfD-Regierung zu verhindern. Daraus folgt aber weder ihre politische Unbedenklichkeit noch, dass Kritik an Antisemitischen Ausfällen aus ihren Reihen gegen sie bloß vorgeschoben ist. Bax verwechselt taktische Nützlichkeit mit politischer Entlastung. Wer die AfD verhindern will, soll nach  Daniel Bax  die Linke brauchen. Nur verwechselt er parlamentarische Nützlichkeit mit politischer Wahrheit – und Opportunismus mit Widerlegung. Daniel Bax hat in seinem Kommentar „ Wer die AfD verhindern will, muss auf die Linke setzen “ in der taz eine gute Nachricht: Die Republik ist gerettet. Das BSW zerfällt, die AfD droht, die CDU regiert, und irgendwo sitzt noch die Linke herum und besitzt Stimmen. Mehr braucht es offenbar nicht, um aus ihr den „ Fels in der Brandung “ zu machen. In Thüringen stützt sie eine CDU-geführte Minderheitsregierung, in Sachsen-Anhalt könnte sie dasselbe tun. Daraus folgt für Bax, dass alle bösen ...

Der Skandal, der für das nd keiner sein soll

Bild
TL;DR:  Özge Yaka deutet die Kritik an Elif Eralp als politisch inszenierten Antisemitismusskandal. Der Gegenkommentar zeigt die Leerstelle dieser These: Wer Wahlkampfinstrumentalisierung kritisiert, widerlegt damit nicht den Gegenstand der Kritik. Der Dahabflex-Song enthält neben Gaza-Solidarität auch positive Bezüge auf PFLP und Leila Khaled sowie „Tod der IDF“ und Molotowcocktail-Rhetorik. Kontext erklärt solche Aussagen – er macht sie nicht automatisch emanzipatorisch. Wer, wie Özge Yaka am 03.09.2026 im nd, Gewaltparolen zum „Kontext“ erklärt, kritisiert nicht die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs, sondern immunisiert die eigene Erzählung gegen den Text, über den gestritten wird. Der Kommentar „Inquisitorisches Ritual gegen Elif Eralp“ hat eine klare These: Nicht ein problematischer Auftritt der Neuköllner Linken sei der Gegenstand des Streits, sondern ein von Medien und Konkurrenzparteien inszenierter Antisemitismusskandal, der Elif Eralp als linke Kandidatin...