Antizionismus alter Schule: Der Beschluss der Linken Niedersachsen
TL:DR; Der Landesparteitag der Linken Niedersachsen beschloss am Wochenende die Ablehnung des Zionismus. Die Argumentation des Antrags folgt in zentralen Punkten einem Muster, das bereits im antizionistischen Diskurs der Sowjetunion und des Stalinismus entwickelt wurde.
Wie ein Parteitagsbeschluss der Linken Niedersachsen eine Doktrin der Stalin-Zeit Recycelt.
Vorbemerkung: Die nachfolgende Kolumne
bezieht sich ausdrücklich auf die beschlossene Version des Antrags A01
„Ablehnung des Zionismus“, wie sie auf
der Webseite der Linken Niedersachsen veröffentlicht ist.
Es gibt politische Beschlüsse, die so sehr von sich
überzeugt sind, dass sie gar nicht merken, wie alt sie sind. Der
Landesparteitag der Linken Niedersachsen hat am 15. März 2026 mit
Zweidrittelmehrheit beschlossen, den „heute
real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Der Antragsteller Erik Uden
kommentierte den Erfolg auf Mastodon mit sichtbarem Stolz:
Der Satz klingt wie eine Selbstbeschreibung. In Wahrheit ist
er eine historische Standortbestimmung.
Denn wer sich heute öffentlich als „antizionistisch“
definiert, betritt ein politisches Gelände, das seit Jahrzehnten vermessen ist.
Man findet dort nicht nur Debatten der europäischen Linken, sondern auch die
Propagandaarchive der Sowjetunion.
Und plötzlich liest sich ein Parteitagsbeschluss aus
Niedersachsen wie eine Fußnote der Weltgeschichte.
Der Beschluss
Der Beschluss selbst ist nicht kompliziert. Gleich zu Beginn
erklärt er „Die
Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab.“
Es folgt eine Diagnose des Nahostkonflikts. Zionismus
erscheint darin als politische Ideologie, die sich – so der Text – „durch
Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt auszeichnet“. Israel
wird als Staat beschrieben, der „Apartheid“
betreibe und im Gazastreifen einen „Genozid“
verübe.
Der Beschluss verbindet diese Diagnose mit moralischem
Universalismus.
Ein schöner Satz. Er steht mitten im Text wie ein
moralischer Kompass.
Nur zeigt der Kompass in zwei Richtungen zugleich.
Denn Zionismus – historisch betrachtet – ist nichts anderes
als die politische Bewegung, die genau dieses Recht für Juden beanspruchte:
Sicherheit, Selbstbestimmung, einen Staat. Entstanden ist sie im Europa der
Pogrome und des Antisemitismus, lange vor Auschwitz und endgültig legitimiert
durch Auschwitz.
Die Frage liegt also nahe:
Wenn Selbstbestimmung für alle gelten soll – warum nicht
für Juden?
Der Begriff „Antizionismus“ klingt heute wie eine moderne
moralische Position. In Wirklichkeit ist er älter als viele seiner heutigen
Vertreter.
Im Kalten Krieg entwickelte die Sowjetunion eine umfassende
antizionistische Propaganda. Ihre Grundmuster entstanden bereits in der späten
Stalin-Zeit und wurden danach systematisch weitergeführt. Diese Propaganda war
Teil jenes ideologischen Systems, von dem sich die SED-Nachfolgepartei nach dem
Zusammenbruch der DDR ausdrücklich distanzieren wollte.
Auf dem außerordentlichen Parteitag der SED-PDS am 16.
Dezember 1989 erklärte der damalige Parteitheoretiker Michael Schumann: „Wir
brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System.“
Dieser Satz markierte den Gründungsmythos der späteren PDS
und damit auch einen Teil der politischen Herkunft der heutigen Partei Die
Linke. Er sollte klarstellen, dass mit den ideologischen Strukturen des
Stalinismus gebrochen werde.
Die historische Ironie besteht darin, dass gerade der
Antizionismus zu jenen ideologischen Mustern gehörte, die in diesem System
besonders sorgfältig entwickelt wurden.
Der sowjetische Antizionismus war keine beiläufige Meinung,
sondern eine ausgearbeitete politische Doktrin. Er beruhte auf einigen festen
Bausteinen.
Der erste war die Gleichsetzung
von Zionismus und Rassismus. Die Sowjetunion spielte eine zentrale
Rolle bei der UN-Resolution 3379 von 1975, die Zionismus offiziell als Form von
Rassismus definierte. Damit wurde eine nationale Befreiungsbewegung in den Rang
einer diskriminierenden Ideologie versetzt.
Der zweite Baustein war die historische
Täter-Opfer-Umkehr. In sowjetischen Medien wurde Zionismus regelmäßig
mit Faschismus oder Nationalsozialismus verglichen. Israel erschien in dieser
Darstellung nicht als Zuflucht für Überlebende des Holocaust, sondern als
moralischer Nachfolger jener Ideologie, vor der viele Juden geflohen waren.
Der dritte Baustein bestand in der Inszenierung jüdischer
Kritik. 1983 gründete die sowjetische Führung das „Antizionistische
Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit“. Seine Aufgabe war es, den
Eindruck zu erzeugen, die Kritik am Zionismus komme von sowjetischen Juden
selbst.
Der vierte Baustein war die ideologische
Literaturproduktion. Bücher wie Juri Iwanows „Vorsicht: Zionismus!“
erschienen in hohen Auflagen und zeichneten das Bild einer globalen
Verschwörung, in der Zionisten angeblich als Agenten des westlichen
Imperialismus agierten.
Diese Motive bildeten zusammen eine politische Erzählung: Zionismus
als rassistische, imperialistische und verschwörerische Ideologie.
Natürlich ist die Welt des Jahres 2026 nicht die Sowjetunion
der siebziger Jahre. Niemand im Landesverband der Linken Niedersachsen betreibt
eine staatliche Propagandamaschine.
Aber Ideologien verschwinden selten vollständig. Sie
verändern nur ihre Sprache.
Wenn ein Parteitagsbeschluss Zionismus als zentralen
Ursprung von Gewalt, Kolonialismus und Rassismus darstellt, greift er auf ein
Interpretationsmuster zurück, das bereits in der sowjetischen Propaganda eine
zentrale Rolle spielte.
Der Unterschied liegt weniger in der Struktur als in der
Tonlage.
Der ehrbare Antisemitismus
Der österreichische Schriftsteller Jean Améry hat für dieses
Phänomen einmal einen präzisen Begriff geprägt. Er sprach vom „ehrbaren
Antisemitismus“.
Gemeint ist eine Haltung, die sich selbst für aufgeklärt
hält. Sie sagt: Wir haben nichts gegen Juden. Wir kritisieren nur Israel.
Das klingt zunächst vernünftig. Staaten dürfen kritisiert
werden.
Aber wenn diese Kritik so formuliert wird, dass die Existenz
dieses Staates selbst als Problem erscheint, verändert sich der Maßstab.
Israel ist nicht irgendein Staat. Er entstand aus der
Erfahrung, dass Juden in Europa über Jahrhunderte hinweg keinen sicheren Ort
hatten. Der Zionismus war deshalb kein koloniales Abenteuer, sondern eine
Antwort auf eine sehr konkrete historische Bedrohung.
Wer dieses Projekt grundsätzlich delegitimiert, bewegt sich
auf einem historischen Gelände, das empfindlicher ist als andere.
Der Beschluss der Linken Niedersachsen zeigt eine
Entwicklung, die in Teilen der westlichen Linken seit Jahren zu beobachten ist.
Der Nahostkonflikt wird zunehmend als moralisches Schema gelesen: Unterdrücker
hier, Unterdrückte dort.
Israel erscheint darin als koloniale Macht. Palästinenser
werden zum revolutionären Subjekt einer globalen Befreiungsbewegung.
Dieses Schema hat eine gewisse Klarheit. Es reduziert einen
komplizierten Konflikt auf eine verständliche Erzählung.
Aber genau darin liegt auch seine Schwäche. Es blendet die
Geschichte aus, aus der Israel entstanden ist.
Der Staat Israel war kein Produkt kolonialer Expansion,
sondern ein politisches Schutzprojekt für ein Volk, das gerade den
industriellen Massenmord Europas überlebt hatte.
Der Beschluss der Linken Niedersachsen wird die Weltpolitik
nicht verändern. Parteitage haben selten diese Reichweite.
Aber er stellt eine Frage, die über Niedersachsen
hinausreicht.
Wenn eine politische Bewegung Zionismus grundsätzlich
ablehnt – also das Projekt jüdischer Selbstbestimmung –, was bedeutet das im
Europa nach Auschwitz?
Ist es nur eine radikale Kritik an israelischer Politik?
Oder zeigt sich darin ein ideologisches Echo jener
Tradition, von der sich die Partei einst selbst distanzieren wollte, als sie
erklärte, mit dem „Stalinismus als System“ zu brechen?
Vielleicht ist genau diese Frage der eigentliche Test
politischer Erinnerung.
Denn Geschichte verschwindet nicht einfach. Manchmal wartet
sie nur darauf, in einem Parteitagsbeschluss wieder aufzutauchen.