„Antifa bedeutet Palästina?“ – Wenn der Palästina-Nationalismus gegen Antifaschist *innen marschiert

TL;DR: Am 17. Januar marschieren palästinabezogene Gruppen nicht gegen Rechte, sondern gegen die Antifa in Leipzig-Connewitz. Ihr Ziel: linke Orte wie das Conne Island. Wer Antisemitismus kritisiert, wird zum Feind erklärt. Ein Angriff auf emanzipatorische Linke.

Pro-palästinensische Gruppen marschieren am 17. Januar 2026 durch Leipzig-Connewitz – nicht gegen Rechte, sondern gegen linke, israelsolidarische Antifaschist*innen.


Für den 17. Januar 2026 kündigt die Gruppe „Handala“ gemeinsam mit anderen palästinabezogenen Bündnissen einen Protestmarsch durch Leipzig-Connewitz an – nicht gegen Rechte, nicht gegen Nazis, sondern gegen jene Antifa und emanzipatorische Linke, die sich der Israelfeindschaft verweigert. Ein Bericht über linke Selbstzerlegung im Namen des Widerstands.

Am 17. Januar 2026, einem Wintertag in Leipzig, soll laut einem Aufruf unter dem Titel Antifa bedeutet freies Palästina eine Demonstration durch Connewitz ziehen – jenen Stadtteil, der seit Jahrzehnten als links, widerständig, antifaschistisch gilt und in Sachsen zugleich das Feindbild schlechthin der Rechten bildet: vom konservativen Spektrum über BSW und AfD bis hin zu den extrem rechten „Freien Sachsen“.

Organisiert wird der Protest von Gruppen wie „Handala Leipzig“, „Students for Palestine“, „Migrantifa“ und dem „Palästina Aktionsbündnis“ – Gruppierungen, die sich selbst als links verstehen, diesen Ruf auch genießen und bis in die Partei Die Linke hinein politischen Einfluss ausüben.

Doch ihr erklärtes Ziel ist nicht die AfD-Zentrale, kein Abschiebegefängnis, kein Investor – sondern Conne Island, linXXnet und das Büro von Juliane Nagel, einer Landtagsabgeordneten und emanzipatorischen Antifaschistin der Partei Die Linke.
Denn, so der Vorwurf im Aufruf: Diese Orte seien „zionistisch“, „rassistisch“ – und, wörtlich, eine No-Go-Zone für palästinasolidarische Menschen.

Der semantische Sturz des Antifaschismus

Der Aufruf ist ein Dokument tiefsitzender ideologischer Frustration und identitärer Umwertung linker Begriffe. Schon der Titel ist eine semantische Sprengladung:

Antifa bedeutet freies Palästina – also nicht Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit, sondern die nationale Befreiung einer bestimmten Region.
Ein antisemitischer Erdrutsch im Bedeutungsfeld des Antifaschismus.

In der Einleitung wird Connewitz als paradox beschrieben: ein Viertel, das sich antifaschistisch nennt, aber „die meistenÜbergriffe auf palästinasolidarische Menschen“ aufweise. Als Täter werden „zionistische Schlägerbanden“ identifiziert – ein Begriff, der klingt wie aus den Tiefen verschwörungsideologischer Keller, aber hier in linkem Jargon serviert wird.

Die politische Linie ist eindeutig:

Zu groß der Ekel vor Aufklebern und Parolen, auf denen Panzer des Zionismus als 'antifaschistisch' glorifiziert werden oder zur Solidarität mit dem genozidalen Staat Israel aufgerufen wird.

Israel – als „genozidaler Staat“. Zionismus – als „imperialistisches Rauschmittel“. Und „Antideutsche“? Als Karikatur einer vom Staat instrumentalisierbaren Linken:

Zionismus auf Ecstasy“, heißt es, „man feierte unterUS-Fahnen die Bomben des Imperialismus auf den Irak.

Das ist kein analytisches Argument, das ist politische Exorzismusrhetorik: Wer sich nicht dem eigenen Palästina-Narrativ unterordnet, gilt als Abweichler, Agent, Verräter.

Prominent beteiligt: Die Gruppe „Handala Leipzig“, die in der Vergangenheit nicht nur Israelfeindlichkeit äußerte, sondern den Terror der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Instagram als „palästinensischen Widerstand“ begrüßte – samt ikonischem Gleitschirmbild, Symbol für das Eindringen von Hamas-Kämpfern nach Israel.

Am Jahrestag des Massakers, bei dem über 1.200 Menschen ermordet und mehr als 140 entführt wurden, bezeichnete eine Rednerin auf einer von Handala unterstützten Demo diesen Tag als „Tag der Befreiung“. Das ist keine bloße Provokation. Das ist – mit den Maßstäben eines aufgeklärten Antifaschismus gemessen – politische Brandstiftung.

Der Aufruf von Handala, Students for Palestine, Migrantifa und dem Palästina Aktionsbündnis zum „Marsch auf den Flughafen Leipzig“ richtet sich – wer hätte es gedacht – nicht etwa gegen Abschiebemaschinerien oder gegen den deutschen Staat, sondern gegen jene Teile der antifaschistischen und emanzipatorischen Linken in Leipzig-Connewitz, die es wagen, ein Sakrileg zu begehen: Die Hamas nicht als „Befreiungsbewegung“, sondern als das zu bezeichnen, was sie ist – eine religiös-faschistische Organisation, deren Gewalt sich nicht aus Unterdrückung nährt, sondern aus der ideologischen Notwendigkeit, das Martyrium zum Zweck zu erklären.

Der Aufruf richtet sich nicht gegen die Faschisten von der AfD und andere Rechte, sondern gegen linke, emanzipatorische Projekte: das Conne Island, das in Leipzig seit Jahrzehnten als antifaschistisches Kulturzentrum besteht; das linXXnet, das sich kontinuierlich gegen Rassismus und Antisemitismus positioniert. Und Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete der Linken, die sich seit Jahren gegen rechte Gewalt engagiert – aber eben auch gegen die Relativierung des Antisemitismus im Gewand des Antizionismus.

Sie wird im Aufruf persönlich attackiert, ihr wird sogar Gewalt gegenüber einem Geflüchteten unterstellt – ohne Beleg, dafür mit dramatischer Suggestion. Die Botschaft ist klar: Wer nicht „Free Palestine“ ruft, wer nicht den jüdischen Staat dämonisiert, wer nicht den antiimperialistischen Stechschritt mitmacht, ist Feind – und zwar nicht politisch, sondern existenziell.

Wo andere schweigen oder wegsehen, sprechen diese Projekte Klartext. Sie benennen die Mythen von Märtyrertod und „Widerstand“ als das, was sie in Wahrheit sind: politisch-kulturelle Inszenierungen zur Legitimierung einer Gewalt, die sich von der Wirklichkeit längst abgekoppelt hat. Der Krieg, egal ob in Gaza oder auf den Straßen von Berlin, Leipzig oder Paris, dient den Apologeten der Hamas und ihrer deutschen Fanclubs als sakralisierte Reinigungsprozedur – solange sie selbst nicht Teil der Zeremonie sind.

 

Konflikte in der Linken – und ihre Grenzen

Die innerlinke Debatte um Israel und Palästina spitzt sich seit dem 7. Oktober zu. Beim Bundesparteitag in Halle im Oktober 2024 wurde mit Mühe ein Kompromiss verabschiedet, der sowohl das Existenzrecht Israels betonte als auch eine Zwei-Staaten-Lösung forderte. Der Beschluss lautet:

„Für Antisemitismus und Rassismus ist kein Platz in der Linken.“

Handala reagierte mit einer eigenen Demonstration – und offenen Beleidigungen gegen Parteimitglieder. Ein Antrag auf Rederecht beim Parteitag wurde zwar abgelehnt – aber 40 % der Delegierten stimmten dafür. Man war nahe dran, Antisemiten das Mikrofon zu reichen, weil sie sich links nennen.

Solche Klarheit ist im Milieu der deutschen Linken so selten wie Selbstkritik bei Zentralkomitees – und zieht den heiligen Hass jener auf sich, die aus palästinensischem Nationalismus und linkem Sektierertum ein geschlossenes Weltbild zimmern, in dem Kritik immer nur Verrat sein kann.

Was hier stattfindet, ist nicht weniger als ein Kulturkampf in linker Sprache – geführt von jenen, die den Fehler nicht mehr machen wollen, Barbarei mit Befreiung zu verwechseln.
Die Absage der emanzipatorischen Projekte an die sakrale Ästhetik des Todes, an die geschwollene Rhetorik vom „Befreiungskampf“, den stets andere auszufechten haben, ist keine Verweigerung des Internationalismus, sondern seine Wiederaneignung.
Es ist ein notwendiger Widerstand gegen die autoritäre Besetzung linker Räume durch jene, die sich als „Friedensbewegte“ tarnen, in Wahrheit aber mit Drohung, Einschüchterung und physischer Präsenz eine Meinungshoheit zu erzwingen versuchen, die aus dem Geiste des Kalifats spricht, nicht der Kritik.

Der Aufmarsch am 17. Januar ist kein Ausdruck legitimer Kritik an israelischer Regierungspolitik – die kann, darf und muss sein. Er ist auch kein Protest gegen Rassismus – denn er richtet sich nicht gegen Rechte, sondern gegen Antifaschisten.

Er ist Ausdruck einer autoritären Versuchung in Teilen der Linken, die Antifaschismus in identitäre Gesinnungstreue verwandelt, Solidarität durch Feindmarkierung ersetzt und Komplexität durch Mythen.

Wer den Aufruf genau liest, erkennt:

„Antifaschistisch“ ist hier, wer gegen Israel ist. Wer sich dem widersetzt, ist Faschist.
Eine so einfache wie unhaltbare Umwertung aller linken Grundsätze.

Der Marsch nach Connewitz ist kein Aufstand von unten.
Es ist ein Angriff auf das Projekt einer kritischen, postnationalen, posttotalitären Linken.
Er zielt auf Einschüchterung – nicht auf Emanzipation.
Und man sollte ihn auch so benennen.

 

 

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