Nicole Gohlke und die Kunst der Verkleinerung
Tl;DR: Beschlossen wurde von der Niedersächsischen Partei die Linke nicht, wie Nicole Gohlke schreibt, bloß Kritik an Netanjahus rechtem Zionismus, sondern die Ablehnung des „heute real existierenden Zionismus“. Wer das nachträglich zur Regierungskritik verkleinert, betreibt nicht Aufklärung, sondern Textkosmetik mit Friedensvokabular.
Nicole Gohlke Twittert: „Der Antrag der
Linken Niedersachsen, den rechten Zionismus der Netanjahu-Regierung zu
verurteilen, … ist kein Skandal, sondern notwendig.“ Das ist der erste
Kunstgriff. Denn beschlossen wurde mehr. Im Antrag steht nicht: Ablehnung des
rechten Zionismus der Netanjahu-Regierung. Dort steht: „Die
Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab.“
Zwischen beiden Sätzen liegt keine Fußnote, sondern Politik.
Der erste Satz des Antrags ist breit. Der Post macht ihn
schmal. Aus einer Ablehnung des „heute real existierenden Zionismus“ wird
Kritik am „rechten
Zionismus der Netanjahu-Regierung“. Das ist geschickt. Es klingt
vernünftig, regierungsbezogen, beinahe selbstverständlich – zumal Kritik an der
Politik der Netanjahu-Regierung aus vielen Gründen berechtigt ist. Nur ist es
nicht dasselbe. Der Beschluss wird im Nachhinein in eine Form gebracht, in der
er sich besser verteidigen lässt als in der Form, in der er gefasst wurde.
Der Antrag selbst ist da weniger zimperlich. Er nennt den
„politischen Zionismus“ einen „wesentlichen Hinderungsgrund für eine friedliche
Zukunft“. Wer daraus im Nachhinein bloß den „rechten Zionismus
der Netanjahu-Regierung“ macht, übersetzt nicht; er sortiert. Er sortiert
das politisch Brisante aus dem Satz und bewahrt das, was als Haltungskapital
taugt.
Denn „politischer Zionismus“ meint mehr als die Regierung
Netanjahu. Darunter fallen auch israelische Akteure, die gegen Besatzung und
Siedlungspolitik kämpfen – etwa Organisationen wie Peace Now (Schalom
Achschaw), die sich für ein Ende des Siedlungsbaus und der Besetzung des
Westjordanlandes einsetzen. Auch Politiker wie Yair Golan, Vorsitzender der
linkszionistischen Demokraten, gehören in dieses Spektrum. Golan sagte im Mai
in einem Radiointerview: „Ein Land, das bei gesundem Verstand ist, führt keinen
Krieg gegen Zivilisten, es tötet keine Babys als Hobby und setzt sich nicht die
Vertreibung der Bevölkerung zum Ziel.“ Wenn der Antrag recht hat, wären auch
solche Stimmen Teil jenes „Hinderungsgrunds“.
Der Antrag weiß zunächst, dass „der
Zionismus historisch keine einheitliche Ideologie gewesen“ sei. Das klingt
nach Differenz. Man erwartet eine Unterscheidung. Stattdessen folgt das
Gegenteil. Wenige Absätze später wird „der
politische Zionismus“ selbst zum Hindernis des Friedens erklärt. Die
Differenz dient nur als Vorspiel ihrer Abschaffung.
Gohlkes Tweet geht einen anderen Weg. Dort heißt es: „Unser Ziel ist ein
Naher Osten, in dem alle Menschen gleichermaßen in Sicherheit, Würde &
Selbstbestimmung leben können.“ Gegen solche Sätze lässt sich schwer etwas
einwenden. Gerade deshalb eignen sie sich gut, um Konflikte sprachlich zu
überdecken. Denn die Frage lautet hier nicht, ob Sicherheit und Würde
wünschenswert sind. Die Frage lautet, warum ein Beschluss, der den „heute
real existierenden Zionismus“ verwirft, öffentlich so dargestellt wird, als
richte er sich nur gegen die Regierung Netanjahu.
Der Antrag beschließt eine Generalisierung. Der Post
verkauft eine Spezifizierung. Zwischen beiden liegt die politische Arbeit der
Verkleinerung. Sie macht aus einem weitreichenden Urteil eine scheinbar
naheliegende Kritik. Und sie sorgt dafür, dass der Beschluss vernünftig klingt
– solange man ihn nicht liest.
Der Tweet von Nicole Gohlke Dokumentiert: