Benjamin-Immanuel Hoff versucht, die Linke zum Denken zu zwingen

TL;DR: Benjamin-Immanuel Hoff kritisiert den antizionistischen Beschluss der niedersächsischen Linken als analytisch falsch und politisch gefährlich. Seine Stärke liegt in der präzisen Zerlegung ideologischer Vereinfachungen – seine Schwäche in der Hoffnung, eine Partei, die zunehmend in Bekenntnissen denkt, durch Argumente zurückzugewinnen. Für eine Partei, die sich für eine lernende hält, wäre es zumindest folgerichtig, diesen Text zu lesen.

Benjamin Hoff kritisiert den Linke-Beschluss zum Zionismus: präzise Analyse vs. ideologische Vereinfachung. Starker Text, begrenzte Wirkung im Milieu.


Über einen Text, der Differenz verteidigt, wo andere Gewissheit suchen – und der gerade darin seine Überzeugungskraft wie auch seine Grenze findet.

Benjamin-Immanuel Hoff hat einen Text gegen eine Versuchung geschrieben, die in der Linken älter ist als viele ihrer heutigen Vertreter: die Versuchung, Analyse durch Haltung zu ersetzen und Haltung durch Bekenntnis zu stabilisieren. Schon der Titel ist weniger Beschreibung als Intervention: „Die Linke ist eine Partei – keine Glaubensgemeinschaft.“ Das ist richtig. Und zugleich verräterisch. Denn wer so schreiben muss, hat es offenbar mit einer Organisation zu tun, die genau das zu vergessen begonnen hat.

Hoffs Ausgangspunkt ist ein Beschluss, der „auf punktuell differenzierte Formulierung […] undifferenzierte pauschale Anklage“ folgen lässt. Das ist präzise beobachtet. Der Mechanismus ist bekannt: Erst wird Komplexität eingeräumt, um sie im nächsten Satz zu entsorgen. Das Ergebnis ist keine Analyse, sondern ein Urteil mit Fußnote.

Wenn Hoff schreibt, der Beschluss setze „den ‚heute real-existierenden Zionismus‘ pauschal mit Rassismus, Gewalt und Besatzungspolitik gleich“, dann kritisiert er nicht nur eine politische Position, sondern eine Denkform. Es ist die Gleichsetzung, die hier arbeitet. Und Gleichsetzung ist selten Erkenntnis, häufiger Entlastung: Wer alles gleich macht, muss nichts mehr unterscheiden.

Dagegen setzt Hoff Unterscheidung. Etwa dort, wo er festhält, die Gleichsetzung von Hamas und Israel sei „politisch und analytisch falsch“. Der Satz ist unspektakulär. Gerade deshalb trifft er. Er verweist auf einen Unterschied, der in Teilen der Linken nicht bestritten, sondern für unerheblich erklärt wird. Dass eine Organisation wie Hamas „in der offen eliminatorischen Ideologie“ gegründet ist, während Israel „ein Staat mit pluraler Gesellschaft“ bleibt, ist kein Detail. Es ist der Unterschied zwischen Kritik und Verweigerung von Wirklichkeit.

Hoff geht weiter. Er spricht nicht von offenem Antisemitismus, sondern von „Deutungsmustern“. Das ist vorsichtig formuliert, vielleicht zu vorsichtig. Aber es ist analytisch klug. Denn der Vorwurf richtet sich nicht auf Gesinnung, sondern auf Struktur: „Pauschalisierung des Zionismus“, „Gleichsetzung von Staat, Regierung und […] Zivilgesellschaft“, „selektive Zuschreibung von Schuld“. Das sind keine Ausrutscher. Das sind Verfahren.

Interessant wird der Text dort, wo er sich selbst übersteigt. In der ideengeschichtlichen Passage erinnert Hoff daran, dass der Zionismus „nie als homogene Bewegung“ existierte und über lange Zeit „eng mit sozialistischen […] Traditionen verbunden“ war. Das ist keine Ehrenrettung. Es ist ein Hinweis darauf, dass der Gegenstand, den man verurteilt, komplexer ist als das Urteil. Wer Zionismus nur als Kolonialprojekt liest, liest ihn unvollständig. Wer ihn nur verteidigt, auch.

Wo Analyse endet und Milieu beginnt

Hier liegt die Stärke des Textes. Und zugleich seine Grenze.

Denn Hoff insistiert auf Differenz, wo andere auf Entscheidung drängen. Er will die Linke zur Analyse zurückführen, nicht zu einer anderen Parteinahme. Das ist ehrenwert. Aber es unterschätzt möglicherweise das Problem. Wenn er schreibt, „das war bei diesem Beschluss von vornherein nicht gewollt“, dann klingt das nach Fehlentwicklung. Man könnte auch sagen: nach Konsequenz.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Symmetrieformel: Shoah hier, Nakba dort. Historisch ist das korrekt. Politisch ist es heikel. Denn nicht jede Gegenüberstellung ist schon ein Vergleich, aber viele werden so gelesen. Hoff will vermitteln, wo andere zuspitzen. Das macht seinen Text anschlussfähig – und angreifbar.

Am überzeugendsten ist er dort, wo er die Linke nicht als moralische Instanz, sondern als politische Organisation beschreibt. „Eine linke Politik […] will präzise, konsistent und glaubwürdig argumentieren.“ Das ist ein Anspruch, kein Befund. Und vielleicht liegt genau darin der leise Ernst des Textes: Er beschreibt weniger, was ist, als was fehlen könnte.

Seine Kritik an der „fetischhaften Fixierung auf Israel“ trifft einen weiteren wunden Punkt. Nicht weil sie Israel relativiert, sondern weil sie die Perspektive verschiebt: weg vom Objekt der Empörung, hin zur Struktur der Empörung selbst. Wer ständig über Israel spricht, sagt oft mehr über sich als über den Gegenstand.

Und doch bleibt ein Rest Skepsis. Hoff glaubt, dass die Linke durch bessere Argumente zu retten sei. Man kann das hoffen. Man kann auch bezweifeln, dass ein Milieu, das seine Gewissheiten aus Bekenntnissen bezieht, durch Hinweise auf Geschichte zu erschüttern ist.

Vielleicht ist der stärkste Satz des Textes deshalb auch der schlichteste:
Eine Partei muss […] analysieren – nicht glauben.“

Für eine Partei, die sich für eine lernende hält, wäre es zumindest folgerichtig, diesen Text zu lesen.

 

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