Der homophobe Held der Linken

TL;DR: Diomaye Faye galt der europäischen Linken als panafrikanischer Hoffnungsträger. 2026 verschärften er als Präsident und seine Partei die Gesetze Senegals gegen Homosexualität. Antiimperialistische und antikoloniale Rhetorik kann Bürgerrechte nicht ersetzen.


Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus der Zeitung ‚ Jeune Afrique ‘ Mehrere Männer demonstrieren auf einer Straße in Dakar gegen Homosexualität. Im Vordergrund steht ein Mann mit Sonnenbrille und rotem T-Shirt mit der Aufschrift „Non à l’homosexualité – rappel à l’ordre“, der ein Messer in die Höhe hält. Um ihn herum stehen weitere Männer, einige mit erhobenen Armen; im Hintergrund ist eine senegalesische Flagge zu sehen.

Wie die europäische Linke in Dakar ihre Hoffnungen fand – und dabei übersah, wer dort eigentlich regiert

Die europäische Linke hat eine verlässliche Schwäche: Sie entdeckt ihre politischen Hoffnungen bevorzugt dort, wo sie sie nicht wählen muss. Am liebsten weit weg. Lateinamerika war lange zuständig, zeitweise auch Griechenland. Seit einiger Zeit blickt man nach Westafrika, genauer gesagt nach Dakar.

Dort gewann im März 2024 Bassirou Diomaye Faye die Präsidentschaftswahl. Für viele Beobachter in Europa klang das wie die Rückkehr eines alten Traums. Dominic Johnson schrieb damals in der taz über den „Traum von Afrikas Linken“, der wieder lebe. Faye selbst erklärte seinen Wahlsieg zum „Sieg des senegalesischen Volkes im Kampf um die Verteidigung seiner Souveränität“.

Souveränität. Ein Wort, das im globalen Süden etwas anderes bedeutet als in Brüssel oder Berlin. Es steht für das Ende wirtschaftlicher Abhängigkeit, für Kontrolle über Rohstoffe, für politische Eigenständigkeit. Kurz: für den Versuch, nach sechzig Jahren formaler Unabhängigkeit tatsächlich unabhängig zu werden.

Das Ziel ist verständlich. Die Geschichte, die dahintersteht, ebenfalls.

Frankreich hat seine afrikanischen Kolonien zwar politisch entlassen, aber ökonomisch lange an der Leine gehalten. Die Kolonialwährung CFA-Franc blieb bestehen, französische Militärbasen ebenso. Dominic Johnson beschreibt dieses System mit der trockenen Pointe, Paris habe Afrika behandelt wie ein Installateur seine Arbeit: als „Service après-vente“, also als Gewährleistungspflicht .

Viele afrikanische Staaten lebten in dieser Konstruktion. Und viele Bevölkerungen hatten irgendwann genug davon.

Dass daraus eine politische Bewegung entstehen würde, war kaum überraschend.

Fayes Partei PASTEF – Afrikanische Patrioten für Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit – trat mit genau dieser Agenda an. Sie versprach, wie es in ihrem Programm heißt, mit den „Mustern der äußeren Abhängigkeit und Unterwürfigkeit“ zu brechen. Nach Jahrzehnten politischer Routine klang das für viele junge Wähler wie ein Befreiungsversprechen.

Paul Dziedzic schrieb in analyse & kritik, Faye sei das Produkt eines „Jahrzehnts politischer Mobilisierungen“, getragen von sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und der Jugendbewegung Y’en a marre – „Wir haben es satt“.

Die politische Dramaturgie war perfekt.

Ein Kandidat, der zehn Tage vor der Wahl noch im Gefängnis sitzt. Eine Regierung, die wegen Protesten in der Kritik steht. Eine Opposition, die von „Systemwechsel“ spricht.

Und schließlich ein Wahlsieg im ersten Wahlgang.

Für viele Beobachter in Europa klang das wie die afrikanische Version dessen, was man früher „linke Hoffnung“ nannte.

Doch Hoffnung ist eine empfindliche politische Kategorie. Sie reagiert schlecht auf Realität.

Der Traum von Souveränität

Denn während europäische Kommentare noch über panafrikanische Souveränität diskutierten, begann in Senegal eine ganz andere politische Debatte – eine, die in europäischen Feuilletons selten vorkommt.

Die über Homosexualität.

Fayes Premierminister Ousmane Sonko brachte Anfang Februar 2026 im Auftrag des Präsidenten seinen ersten Gesetzentwurf in die Nationalversammlung ein. Damit setzte die neue Regierung eine ihrer politischen Prioritäten um.

Am 24. Februar verteidigte Sonko den Entwurf in einer Fragestunde der Regierung. Der „linke Panafrikanismus“ der Regierungspartei PASTEF zeigt sich hier in seiner praktischen Anwendung: antiimperialistische und antikoloniale Rhetorik als Ersatz für Bürgerrechte.

Im März 2026 verabschiedete das senegalesische Parlament ein Gesetz, das die Strafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen massiv verschärft. Die Höchststrafe wurde von fünf auf zehn Jahre Gefängnis verdoppelt. Gleichzeitig kriminalisiert das Gesetz nun auch die „Förderung“ oder Finanzierung von Homosexualität mit Haftstrafen zwischen drei und sieben Jahren, wodurch das Land zu einem der repressivsten in Afrika gegenüber LGBT+-Personen geworden ist.

Die Abstimmung verlief eindeutig: 135 Abgeordnete stimmten dafür, niemand dagegen, drei enthielten sich.

Ein demokratischer Konsens – nur eben über eine repressive Politik.

Während der Parlamentsdebatte erklärte die Abgeordnete Diaraye Ba: „Homosexuelle werden in diesem Land nicht mehr atmen können. Homosexuelle werden in diesem Land keine Meinungsfreiheit mehr haben“.

Die Aussage wurde mit Applaus quittiert.

Das Gesetz ist kein spontaner Ausrutscher. Es war ein Wahlversprechen. Sowohl Präsident Faye als auch Premierminister Ousmane Sonko hatten angekündigt, die bestehenden Anti-LGBT-Gesetze zu verschärfen.

Der politische Kontext ist dabei keineswegs ungewöhnlich. In Senegal gilt Homosexualität seit Jahrzehnten als gesellschaftlich tabu. Religiöse Gruppen mobilisieren regelmäßig gegen LGBTQ-Rechte, und Politiker aller Lager wissen, dass eine harte Linie hier Wählerstimmen bringt.

Doch genau darin liegt der blinde Fleck der europäischen Debatte.

Denn viele Kommentatoren in Europa interpretierten Fayes Politik vor allem als antiimperialistische Bewegung – als Versuch, wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich zu überwinden.

Das ist sie zweifellos auch.

Nur folgt daraus keine liberale Innenpolitik.

Der Politikwissenschaftler Claus-Dieter König formuliert es vorsichtig: Der panafrikanische Diskurs der Regierung könne „mit einem ausgesprochen konservativen Menschen- und Gesellschaftsbild gekoppelt sein“.

Mit anderen Worten: Antikolonialismus ersetzt keine Bürgerrechte.

Antiimperialismus ohne Liberalismus

Die europäische Linke übersieht diesen Zusammenhang erstaunlich regelmäßig.

Der Grund ist weniger politisch als psychologisch. Antiimperialismus funktioniert im europäischen Diskurs oft wie ein moralischer Kurzschluss. Wer gegen den Westen auftritt, gilt automatisch als progressiv.

Dass ein Staat zugleich gegen Frankreich auftreten und Schwule ins Gefängnis stecken kann, passt nicht in dieses Raster.

Doch genau das geschieht.

Die Regierung Faye will den CFA-Franc abschaffen, Fischereiabkommen mit der EU neu verhandeln und Öl- und Gasverträge überprüfen. Alles legitime politische Ziele. Gleichzeitig verfolgt sie eine Kulturpolitik, die sich explizit gegen das richtet, was ihre Minister „LGBT-Philosophie“ nennen.

Beides gehört zur selben politischen Strategie.

Der Soziologe Salvador Ousmane warnte schon früh, dass im panafrikanischen Diskurs auch Strömungen existieren, „die sich gegen die Rechte der Frauen oder den Schutz queerer Menschen richten“.

Die Warnung verhallte weitgehend.

Das liegt auch daran, dass europäische Debatten über Afrika häufig weniger über Afrika erzählen als über Europa selbst.

Man projiziert Erwartungen. Man sucht Beispiele für die eigene politische Theorie. Und wenn man sie gefunden hat, schaut man lieber nicht zu genau hin.

Der senegalesische Präsident ist in dieser Logik vor allem ein Symbol: für postkoloniale Selbstbestimmung, für wirtschaftliche Souveränität, für einen politischen Aufbruch.

Dass derselbe Präsident gleichzeitig eine Politik unterstützt, die Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung ins Gefängnis bringt, passt schlecht in diese Erzählung.

Also wird es gern übersehen.

Dabei wäre es politisch ehrlicher, den Widerspruch auszuhalten.

Ein Staat kann gegen neokoloniale Abhängigkeiten kämpfen – und zugleich Minderheitenrechte einschränken. Eine Bewegung kann soziale Reformen fordern – und gesellschaftlich konservativ sein.

Geschichte liefert dafür genug Beispiele.

Die antikolonialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts waren selten liberal im heutigen Sinne. Viele verbanden nationale Befreiung mit kulturellem Traditionalismus.

Der Unterschied ist nur: Damals wusste man das noch.

Heute hingegen scheint der politische Diskurs in Europa gelegentlich so zu funktionieren, als müsse jede Bewegung, die gegen den Westen opponiert, automatisch auch progressive Werte vertreten.

Eine Annahme, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Der Wahlsieg von Bassirou Diomaye Faye war zweifellos ein bedeutendes Ereignis in der politischen Geschichte Senegals. Er entstand aus realen sozialen Konflikten, wirtschaftlichen Problemen und einem legitimen Wunsch nach politischer Selbstbestimmung.

Doch daraus folgt nicht automatisch ein liberaler Staat.

Vielleicht wäre das die nüchternere Lehre aus Dakar.

Dass politische Kategorien nicht exportfähig sind. Dass Antiimperialismus keine Garantie für Freiheit ist. Und dass eine Bewegung gleichzeitig progressiv und repressiv sein kann.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, was im Senegal passiert.

Die interessantere Frage ist, warum ein Teil der europäischen Linken immer wieder überrascht ist, wenn die Wirklichkeit sich nicht an ihre Projektionen hält.

Oder anders gesagt:

Warum politische Helden in Europa oft so lange funktionieren – bis sie anfangen zu regieren.

 

 

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