Das erwartbare Schweigen der Linken zum Völkermord

TL;DR: Die Linke sprach in der Generaldebatte auf ihrem Parteitag ausführlich über Israel, Gaza, Stalinismus und eigene Strategien. Für den Krieg im Sudan, für dortige Massaker, dortige sexualisierte Gewalt und den 2. dortigen Völkermord seit 2004 blieb kein Wort. Das war kein Versehen, sondern selektiver Internationalismus im Namen der Linken: Empörung dort, wo sie ins Weltbild passt; Schweigen dort, wo die Opfer darin nicht vorkommen.

Titelbild eines Blogbeitrags mit der Überschrift „Das erwartbare Schweigen der Linken zum Völkermord“ und dem darüberstehenden Hinweis „Potsdamer Parteitag 2026“.  Im Hintergrund ist eine Bühnen- oder Parteitagskulisse zu sehen: Eine große rote Wand mit dem weißen Schriftzug „Die Linke“ dominiert das Bild. Von oben leuchten mehrere Scheinwerfer auf die Bühne.  Im Vordergrund sind unscharf Silhouetten von Menschen und erhobenen Armen oder Schildern zu erkennen, die auf ein Publikum oder Delegierte hinweisen. Oben rechts befinden sich Navigationspunkte wie „Themen“, „Mitmachen“ und „Partei“.

In der Generaldebatte auf dem Parteitag der Linken war von Israel die Rede, von Gaza, von Stalinismus und Haustürgesprächen, von Strategie, Stimmung und der unerschöpflichen Selbstbefragung einer Partei, die sich gern beim Denken zusieht. Nur die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart kam nicht vor: der Krieg im Sudan, die Massaker, die Vertreibungen, die sexuelle Gewalt, der Völkermord.

Ich habe die Generaldebatte auf dem Parteitag der Linkspartei in Potsdam verfolgt. Zorn wäre naheliegend gewesen. Geblieben ist eher Traurigkeit. Sie kommt daher, dass die Entfernung zwischen mir und dieser Partei inzwischen nicht mehr zu übersehen ist. Und mehr noch: zwischen der Linken, in der ich politisch groß geworden bin, und jener Organisation, die heute diesen Namen führt.

Im Sudan wurden Hunderttausende Menschen ermordet. Millionen hungern. Millionen sind auf der Flucht. Familien wurden auseinandergerissen, Dörfer ausgelöscht, ganze Landstriche verwüstet. Menschen verlieren dort nicht nur ihr Haus, ihr Feld, ihre Angehörigen. Sie verlieren auch die Gewissheit, dass die Welt sie überhaupt noch sieht.

All das habe ich in Dutzenden Artikeln beschrieben, analysiert und benannt. Nicht, weil Beschreibung genügte. Sondern weil sie stören sollte. Weil sie Linke aufrütteln sollte, auch jene in der Partei Die Linke. Weil aus Kenntnis irgendwann Handlung werden müsste: Protest, Druck, Mobilisierung gegen den Völkermord.

Ich schrieb mit der Verzweiflung der Menschen im Sudan vor Augen, die sich von der Welt verlassen fühlen müssen. Gleichzeitig glaubte ich mich dabei politisch nicht allein. Ich sah mich noch immer als Teil einer Linken, für die das Recht auf Leben, Schutz und Würde nicht nach Herkunft, Nützlichkeit oder ideologischer Bequemlichkeit bemessen wird. Also selbstverständlich auch für Sudanes*innen gelten müsste: für die Masalit, die Fur, die Zaghawa, die Nuba und Kanabi.

Doch in dieser Generaldebatte der Partei Die Linke war von Israel die Rede, von Gaza, von Stalinismus und Haustürgesprächen, von Strategie und Stimmung. Kein Delegierter, keine Delegierte fand ein Wort für die Vergessenen im Sudan. Nicht einmal einen Gedanken. In diesem Moment fühlte ich mich politisch verlassen: von einer Partei, die sich anmaßt, die Linke zu sein, und die Opfer eines Völkermords aus ihrem Blick verliert.

Die Linke, die ich kannte, hätte zu einem solchen Verbrechen nicht geschwiegen. Sie hätte gestritten, protestiert, Alarm geschlagen. Sie hätte sich womöglich geirrt, über Ursachen, Täter, Interessen und Verantwortung gezankt. Aber sie hätte nicht den Eindruck erweckt, all das geschehe irgendwo hinter dem Horizont, außerhalb des eigenen Blicks und jenseits jeder moralischen Verpflichtung.

Vielleicht schmerzt daran weniger das politische Versagen als die Kälte. Denn Gleichgültigkeit ist schwerer zu ertragen als Irrtum. Wer irrt, hat wenigstens hingesehen.

So sieht ein Internationalismus aus, der seine Aufmerksamkeit nach ideologischer Brauchbarkeit verteilt. Die Empörung schwillt an, wo sie ins vertraute Weltbild passt. Sie versiegt, wo die Opfer in keiner bevorzugten Erzählung vorkommen. Man sagt „Nie wieder“, beruft sich auf historische Verantwortung und moralische Pflicht und findet doch kaum Worte für einen gegenwärtigen Völkermord, der nicht in die gewohnten Schablonen passt.

Wer „Nie wieder“ sagt, sollte erklären können, warum dieses Versprechen offenbar nicht für die Menschen im Sudan gilt. Nicht für die Masalit, die Fur, die Zaghawa, die Nuba und Kanabi. Nicht für die Frauen, die sexualisierte Gewalt erleiden. Nicht für die Familien, die vertrieben werden. Nicht für die Kinder, die zwischen Hunger, Flucht und Krieg aufwachsen.

Wer sich Internationalist nennt, sollte wenigstens versuchen, die Welt zur Kenntnis zu nehmen. Und wer eine linke Partei sein will, müsste erschüttert sein, wenn Hunderttausende Menschen ermordet werden.

Das Schweigen der Partei Die Linke zum Sudan wirkt deshalb nicht wie ein Versehen. Es wirkt wie ein Befund über den Zustand der Partei. Vielleicht ist genau das das Verstörende

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