Das erwartbare Schweigen der Linken zum Völkermord
TL;DR: Die Linke sprach in der Generaldebatte auf ihrem Parteitag ausführlich über Israel, Gaza, Stalinismus und eigene Strategien. Für den Krieg im Sudan, für dortige Massaker, dortige sexualisierte Gewalt und den 2. dortigen Völkermord seit 2004 blieb kein Wort. Das war kein Versehen, sondern selektiver Internationalismus im Namen der Linken: Empörung dort, wo sie ins Weltbild passt; Schweigen dort, wo die Opfer darin nicht vorkommen.
In der
Generaldebatte auf dem Parteitag der Linken war von Israel die Rede, von Gaza,
von Stalinismus und Haustürgesprächen, von Strategie, Stimmung und der
unerschöpflichen Selbstbefragung einer Partei, die sich gern beim Denken
zusieht. Nur die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart kam nicht vor: der Krieg im Sudan, die Massaker, die Vertreibungen, die sexuelle Gewalt, der Völkermord.
Ich habe die
Generaldebatte auf dem Parteitag der Linkspartei in Potsdam verfolgt. Zorn wäre
naheliegend gewesen. Geblieben ist eher Traurigkeit. Sie kommt daher, dass die
Entfernung zwischen mir und dieser Partei inzwischen nicht mehr zu übersehen
ist. Und mehr noch: zwischen der Linken, in der ich politisch groß geworden
bin, und jener Organisation, die heute diesen Namen führt.
Im Sudan wurden
Hunderttausende Menschen ermordet. Millionen hungern. Millionen sind auf der
Flucht. Familien wurden auseinandergerissen, Dörfer ausgelöscht, ganze
Landstriche verwüstet. Menschen verlieren dort nicht nur ihr Haus, ihr Feld,
ihre Angehörigen. Sie verlieren auch die Gewissheit, dass die Welt sie
überhaupt noch sieht.
All das habe
ich in Dutzenden Artikeln beschrieben, analysiert und benannt. Nicht, weil
Beschreibung genügte. Sondern weil sie stören sollte. Weil sie Linke aufrütteln
sollte, auch jene in der Partei Die Linke. Weil aus Kenntnis irgendwann
Handlung werden müsste: Protest, Druck, Mobilisierung gegen den Völkermord.
Ich schrieb mit
der Verzweiflung der Menschen im Sudan vor Augen, die sich von der Welt
verlassen fühlen müssen. Gleichzeitig glaubte ich mich dabei politisch nicht
allein. Ich sah mich noch immer als Teil einer Linken, für die das Recht auf
Leben, Schutz und Würde nicht nach Herkunft, Nützlichkeit oder ideologischer
Bequemlichkeit bemessen wird. Also selbstverständlich auch für Sudanes*innen
gelten müsste: für die Masalit, die Fur, die Zaghawa, die Nuba und Kanabi.
Doch in dieser
Generaldebatte der Partei Die Linke war von Israel die Rede, von Gaza, von
Stalinismus und Haustürgesprächen, von Strategie und Stimmung. Kein
Delegierter, keine Delegierte fand ein Wort für die Vergessenen im Sudan. Nicht
einmal einen Gedanken. In diesem Moment fühlte ich mich politisch verlassen:
von einer Partei, die sich anmaßt, die Linke zu sein, und die Opfer eines
Völkermords aus ihrem Blick verliert.
Die Linke, die
ich kannte, hätte zu einem solchen Verbrechen nicht geschwiegen. Sie hätte
gestritten, protestiert, Alarm geschlagen. Sie hätte sich womöglich geirrt,
über Ursachen, Täter, Interessen und Verantwortung gezankt. Aber sie hätte
nicht den Eindruck erweckt, all das geschehe irgendwo hinter dem Horizont,
außerhalb des eigenen Blicks und jenseits jeder moralischen Verpflichtung.
Vielleicht
schmerzt daran weniger das politische Versagen als die Kälte. Denn
Gleichgültigkeit ist schwerer zu ertragen als Irrtum. Wer irrt, hat wenigstens
hingesehen.
So sieht ein
Internationalismus aus, der seine Aufmerksamkeit nach ideologischer
Brauchbarkeit verteilt. Die Empörung schwillt an, wo sie ins vertraute Weltbild
passt. Sie versiegt, wo die Opfer in keiner bevorzugten Erzählung vorkommen.
Man sagt „Nie wieder“, beruft sich auf historische Verantwortung und moralische
Pflicht und findet doch kaum Worte für einen gegenwärtigen Völkermord, der
nicht in die gewohnten Schablonen passt.
Wer „Nie
wieder“ sagt, sollte erklären können, warum dieses Versprechen offenbar nicht
für die Menschen im Sudan gilt. Nicht für die Masalit, die Fur, die Zaghawa,
die Nuba und Kanabi. Nicht für die Frauen, die sexualisierte Gewalt erleiden.
Nicht für die Familien, die vertrieben werden. Nicht für die Kinder, die
zwischen Hunger, Flucht und Krieg aufwachsen.
Wer sich
Internationalist nennt, sollte wenigstens versuchen, die Welt zur Kenntnis zu
nehmen. Und wer eine linke Partei sein will, müsste erschüttert sein, wenn
Hunderttausende Menschen ermordet werden.
Das Schweigen
der Partei Die Linke zum Sudan wirkt deshalb nicht wie ein Versehen. Es wirkt
wie ein Befund über den Zustand der Partei. Vielleicht ist genau das das
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