Die Arbeiterklasse wählt rechts?

TL;DR: Die AfD gewinnt immer mehr Arbeiterstimmen. Doch daraus folgt weder, dass die Arbeiterklasse grundsätzlich rechts ist, noch, dass soziale Benachteiligung automatisch solidarisches Bewusstsein hervorbringt. Die Kolumne zeigt, wie Nationalismus soziale Konflikte in nationale Gegensätze umdeutet, warum Sozialpartnerschaft und Standortdenken dafür Anknüpfungspunkte bieten und weshalb auch linke Arbeiterromantik in die Irre führt. Die Ausbeutung bleibt bestehen – nur die Solidarität verschwindet.

Die Arbeiterklasse wählt rechts?

Oder: Wie Ausgebeutete zu Volksgenossen werden

Die Arbeiterklasse ist wieder da. Jahrzehntelang galt sie als gesellschaftliches Auslaufmodell. Mal war sie angeblich in der Mittelschicht aufgegangen, mal verschwand sie hinter der harmloseren Bezeichnung „Arbeitnehmer“. Nun steht sie erneut im Mittelpunkt politischer Debatten. Allerdings aus einem anderen Grund, als es sich die traditionelle Linke erhofft hatte: Immer mehr Arbeiter geben ihre Stimme der AfD. Aus jener Klasse, der einst die Befreiung der Menschheit zugetraut wurde, ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein politischer Gefahrenherd geworden.

Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen, unter den als Arbeiter erfassten Wählern waren es 38 Prozent. In Sachsen-Anhalt erreichte sie 2026 insgesamt 43,8 Prozent, unter Arbeitern 53 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern standen 38,2 Prozent aller gültigen Stimmen einem Arbeiterstimmenanteil von 52 Prozent gegenüber.

In Berlin erreichte die Linke 2026 insgesamt 25,7 Prozent und unter den als Arbeiter erfassten Wählern 26 Prozent. Die AfD kam insgesamt auf 16,3 Prozent, unter Arbeitern dagegen auf 29 Prozent, während die SPD bei 12,1 % der Stimmen nur noch auf sechs Prozent der Arbeiterstimmen kam. Ausgerechnet jene Partei, deren Entstehung eng mit der Geschichte der Arbeiterbewegung verbunden ist, spielt unter deren heutigen statistischen Nachfahren kaum noch eine Rolle.

Die Reaktionen folgen bekannten Mustern. Rechts wird der vermeintliche Abschied der Arbeiter von der Linken als Rückkehr zur nationalen Gemeinschaft gefeiert. Auf linker Seite herrscht dagegen teils Enttäuschung über den politischen Abfall einer Klasse, der man offenbar mehr revolutionäre Zuverlässigkeit zugetraut hatte. Andere entdecken ihre Begeisterung für das Proletariat gerade jetzt wieder. Mitunter entsteht dabei der Eindruck, dass die romantischen Vorstellungen umso ausgeprägter sind, je weniger man über den Alltag heutiger Lohnabhängiger weiß.

So unterschiedlich diese Reaktionen ausfallen, sie beruhen häufig auf derselben Erwartung: Wer eine bestimmte Stellung innerhalb der Gesellschaft einnimmt, müsse daraus auch die passende politische Haltung entwickeln.

Doch weshalb entscheiden sich ausgerechnet Menschen, die für ihren Lebensunterhalt ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, für eine Partei, deren wirtschafts- und sozialpolitische Vorstellungen vielfach Unternehmen und Wohlhabenden zugutekommen? Der grundlegende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit verschwindet durch die AfD schließlich nicht. Ihr gelingt vielmehr etwas anderes. Sie lenkt die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung in das Versprechen nationaler Zugehörigkeit um.

Die Klasse und ihre falschen Freunde

Die Rede von einer geschlossenen Rechtsentwicklung der Arbeiterklasse klingt zunächst plausibel. Bei genauerem Hinsehen beruht sie jedoch auf einer problematischen Interpretation der Wahlergebnisse. Hohe Stimmenanteile der AfD unter Arbeitern sagen wenig darüber aus, wie diese Bevölkerungsgruppe insgesamt politisch denkt. Noch weniger belegen sie, dass Millionen ehemalige Linkswähler plötzlich ihre Überzeugungen gewechselt hätten.

Tarik Abou-Chadi und Linus Westheuser kommen zu einem anderen Befund. Ihrer Untersuchung zufolge erreicht die AfD vor allem Arbeiter, die bereits zuvor konservative oder rechte Einstellungen vertraten. Ein Teil von ihnen wählte früher entsprechende Parteien, andere beteiligten sich überhaupt nicht an Wahlen. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Arbeiterschaft zahlreiche Menschen mit egalitären, solidarischen und migrationsfreundlichen Überzeugungen. Das verbreitete Bild eines kulturell einheitlichen, grundsätzlich konservativen Proletariats hält einer empirischen Prüfung nicht stand.

Damit ist allerdings noch längst nicht geklärt, warum die AfD so erfolgreich ist. Der Verweis auf bereits vorhandene rechte Einstellungen beschreibt zunächst nur einen politischen Ausgangspunkt. Er erklärt weder, weshalb diese Einstellungen an Bedeutung gewinnen, noch, warum sie schließlich das Wahlverhalten bestimmen. Interessant wird die Frage erst dort, wo gesellschaftliche Erfahrungen auf politische Deutungen treffen und aus vorhandenen Vorurteilen eine organisierte politische Kraft entsteht.

Schon die statistische Kategorie des Arbeiters verdient dabei einen kritischeren Blick. In Wahlbefragungen werden Arbeiter und Angestellte gewöhnlich getrennt erfasst, obwohl diese beruflichen Zuordnungen wenig über ihre tatsächliche Stellung im kapitalistischen Produktionsprozess verraten. Thomas Sablowski und Hans-Günter Thien haben die Aussagekraft solcher Einteilungen entsprechend infrage gestellt. Für eine materialistische Betrachtung kommt es vor allem darauf an, ob Menschen vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, Produktionsmittel besitzen oder über die Arbeit anderer verfügen können. Welche Berufsbezeichnung jemand in einer Umfrage ankreuzt, ist dafür von nachrangiger Bedeutung.

Die heutige Arbeiterklasse besteht schließlich nicht allein aus Industriearbeitern. Auch Pflegekräfte, Reinigungspersonal und Beschäftigte in Logistikzentren gehören zu einer Arbeitswelt, die ohne ihre Tätigkeit kaum funktionieren würde. Trotzdem behauptet sich in Teilen der Linken ein erstaunlich traditionelles Bild: Der deutsche Facharbeiter am Fließband verkörpert nach wie vor das eigentliche Proletariat. Eine migrantische Reinigungskraft muss sich ihren Platz in dieser Vorstellung erst verdienen.

Das Ideal ist männlich, industriell geprägt und vorzugsweise deutsch. Die wirklichen Klassenverhältnisse sind komplizierter. Sie haben sich nur nie besonders darum gekümmert, den politischen Sehnsuchtsbildern ihrer Bewunderer zu entsprechen.

Marx interessierte sich für die Arbeiterklasse nicht wegen einer ihr angeblich innewohnenden moralischen Überlegenheit. Ausschlaggebend war ihre gesellschaftliche Position: die Abhängigkeit vom Lohn und damit vom Kapital. Doch diese Stellung bringt kein Bewusstsein hervor, das automatisch zur Kritik der bestehenden Verhältnisse führt. Menschen können unter ihrer Ausbeutung leiden und trotzdem die Interessen ihrer Arbeitgeber verteidigen. Sie können sich gegen die Bedingungen ihrer Arbeit wehren oder Trost darin finden, auf andere herabzusehen.

Aus der gemeinsamen Klassenlage entsteht also keineswegs zwangsläufig eine gemeinsame politische Einsicht. Wer das Gegenteil erwartet, verwechselt materialistische Gesellschaftskritik mit dem Wunsch, die Geschichte möge sich gefälligst an den eigenen Hoffnungen orientieren.

Vom Klasseninteresse zum Deutschen Standortnationalismus

Dass Beschäftigte wirtschaftliche Interessen vertreten, die ihren eigenen widersprechen, lässt sich nicht allein rechten Parteien zuschreiben. Die Voraussetzungen dafür wurden über Jahrzehnte auch von der Sozialdemokratie und erheblichen Teilen der Gewerkschaftsbewegung geschaffen. An die Stelle eines offen ausgetragenen Konflikts zwischen Arbeit und Kapital trat zunehmend die Vorstellung, beide Seiten müssten gemeinsam für den Erfolg der deutschen Wirtschaft sorgen.

Die Sozialpartnerschaft lieferte dafür das politische Modell. Unternehmen und Belegschaften sollten ihre unterschiedlichen Interessen am Verhandlungstisch miteinander vereinbaren. Die Beschäftigten erhielten im besten Fall sichere Arbeitsplätze und steigende Einkommen, die Unternehmen konnten auf wirtschaftlichen Erfolg hoffen. Als gemeinsames Ziel galt ein konkurrenzfähiger Standort, von dem angeblich alle profitierten.

Dabei geriet eine entscheidende Frage aus dem Blick. Was für den Unternehmer günstig ist, muss für seine Beschäftigten keineswegs vorteilhaft sein. Niedrige Arbeitskosten und hohe Produktivität verbessern die Wettbewerbsposition eines Betriebs, können für dessen Belegschaft aber gerade höheren Leistungsdruck, Lohnzurückhaltung oder Stellenabbau bedeuten.

Die Sprache der Sozialpartnerschaft machte aus diesem Gegensatz ein gemeinsames Problem. Nicht mehr die Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums stand im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit deutscher Unternehmen, sich gegen ihre Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu behaupten. Aus dem Kampf um bessere Lebensbedingungen wurde die Verantwortung für den Wirtschaftsstandort.

Einen der wichtigsten ideologischen Anknüpfungspunkte für die politische Rechte stellt die national geprägten Sozialpartnerschaft dar. Wer über lange Zeit vermittelt bekommt, dass sein persönliches Wohlergehen vom Erfolg deutscher Unternehmen abhängt, hat bereits gelernt, wirtschaftliche Interessen durch die nationale Brille zu betrachten. Die AfD kann daran anknüpfen, ohne das Grundverständnis erst selbst herstellen zu müssen.

Besonders überzeugend erscheint diese Vorstellung, solange wirtschaftliches Wachstum tatsächlich mit höheren Löhnen und einer gewissen sozialen Sicherheit einhergeht. Sobald die Konjunktur schwächelt, verändert sich das Bild. Unternehmen fordern Verzicht, Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, Beschäftigte sollen ihre Ansprüche zurückstellen. Über Investitionen, Gewinne und die grundsätzliche Ausrichtung der Produktion entscheiden allerdings weiterhin die Eigentümer.

Spätestens hier zeigt sich, wie ungleich die Mitglieder dieser angeblichen Interessengemeinschaft tatsächlich gestellt sind. Während die eine Seite über Kapital verfügt, bleibt der anderen häufig nur die Hoffnung, ihren Arbeitsplatz behalten zu dürfen.

Daraus folgt keineswegs, sämtliche Gewerkschaften seien nationalistische Organisationen. Gerade im Pflege- und Sozialbereich gibt es kämpferische Belegschaften und antifaschistische Initiativen, die solche politischen Grenzziehungen ausdrücklich ablehnen. Umgekehrt schützt eine Gewerkschaftsmitgliedschaft nicht automatisch vor rechten Überzeugungen. Eine Organisation kann Beschäftigte zusammenbringen, ohne dass daraus bereits eine solidarische Sicht auf die Gesellschaft entsteht.

Entscheidend ist deshalb auch, wofür sie sich organisiert. Wenn deutsche Arbeitsplätze ausschließlich gegen Konkurrenz aus dem Ausland verteidigt werden sollen, ist die nationale Unterscheidung schon Bestandteil der eigenen Forderung. Die AfD braucht diese Logik anschließend nur auf die Beschäftigten selbst auszudehnen.

Die Nation als Ersatzbefriedigung

Nationalistische Vorstellungen gewinnen ihre Anhänger nicht einfach deshalb, weil diese besonders anfällig für Täuschungen wären. Ihre Überzeugungskraft beruht auch darauf, dass sie an tatsächliche Erfahrungen anknüpfen. Menschen erleben, wie Mieten steigen, Arbeitsplätze unsicher werden, gesellschaftliche Konkurrenz zunimmt und politische Entscheidungen ihrem Einfluss entzogen bleiben.

Der Nationalismus bietet dafür eine Erklärung, die unmittelbar verständlich erscheint. Er greift bestehende Probleme auf, trennt sie jedoch von den gesellschaftlichen Verhältnissen, aus denen sie hervorgehen. An ihre Stelle treten Menschen, die angeblich für die eigene Benachteiligung verantwortlich sind.

Bei der Hamburger Wahl 2025 erzielte die AfD in sozial belasteten Stadtteilen wie Billstedt und Neuallermöhe überdurchschnittliche Ergebnisse. In Sachsen-Anhalt kommen Erfahrungen hinzu, die mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch nach 1990 verbunden sind. Deindustrialisierung, der Verlust vertrauter Institutionen und tiefgreifende Veränderungen der Lebensverhältnisse haben dort eigene Spuren hinterlassen.

Die konkreten Bedingungen beider Regionen unterscheiden sich erheblich. Dennoch lassen sich Erfahrungen sozialer Unsicherheit und mangelnder politischer Einflussmöglichkeiten als mögliche Gemeinsamkeit erkennen. Daraus ergibt sich keine zwangsläufige Hinwendung zur Rechten. Wohl aber kann verständlich werden, weshalb Parteien Zuspruch erhalten, die eine Wiederherstellung von Kontrolle und gesellschaftlicher Bedeutung versprechen.

Klaus Dörre veranschaulicht solche Erfahrungen mit dem Bild einer Warteschlange. Menschen gehen arbeiten, leisten ihre Beiträge und bemühen sich, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Dafür erhoffen sie sich ein besseres Leben. Wenn der erhoffte Fortschritt ausbleibt, liegt für manche der Gedanke nahe, andere seien auf unfaire Weise an ihnen vorbeigezogen.

Die politische Rechte liefert eine passende Geschichte dazu. Schuld seien angeblich Migranten, denen Leistungen, Wohnungen oder Möglichkeiten zugesprochen würden, die eigentlich den Einheimischen zustünden. Aus der Frage, weshalb gesellschaftlicher Wohlstand so ungleich verteilt ist, wird der Vorwurf, die falschen Menschen würden bevorzugt.

Besonders deutlich lässt sich diese Verschiebung an der Wohnungsfrage beobachten. Hohe Bodenpreise, spekulative Renditeerwartungen, fehlender Wohnungsbau und politische Fehlentscheidungen verschwinden aus der Betrachtung. Stattdessen sollen Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, für den Wohnungsmangel verantwortlich sein. Ob durch ihre Ausgrenzung tatsächlich mehr bezahlbarer Wohnraum entsteht, spielt für diese Erzählung kaum eine Rolle. Ihre politische Funktion besteht schließlich darin, einen Schuldigen zu benennen.

So wird die soziale Spaltung innerhalb einer Gesellschaft durch eine andere Trennlinie überlagert: die zwischen denen, die dazugehören sollen, und denen, die als Fremde gelten. Der deutsche Unternehmer erscheint plötzlich als natürlicher Verbündeter seines deutschen Arbeiters. Der Kollege mit ausländischer Staatsangehörigkeit dagegen wird zum Konkurrenten erklärt, obwohl beide Beschäftigten von ihrem Lohn leben müssen.

An den wirtschaftlichen Abhängigkeiten ändert diese Einteilung nichts. Sie eröffnet lediglich die Möglichkeit, sich innerhalb einer gesellschaftlichen Hierarchie zumindest einer national bevorzugten Gruppe zugehörig zu fühlen.

Genau darin liegt eines der zentralen Versprechen nationalistischer Ideologie. Sie stellt eine Gemeinschaft in Aussicht, die gesellschaftliche Unterschiede scheinbar überwindet. Unternehmer und Arbeiter können sich gleichermaßen als Deutsche verstehen. Im Arbeitsalltag bleibt jedoch bestehen, dass der eine über Kapital und Produktionsmittel verfügt, während der andere seine Arbeitskraft verkaufen muss.

Die nationale Identität hebt diese Ungleichheit nicht auf. Sie sorgt vielmehr dafür, dass der Gegensatz politisch in den Hintergrund tritt.

Rassistische Einstellungen sind allerdings weder eine zwangsläufige Reaktion auf Armut noch ein Werkzeug, das die gesellschaftlich Mächtigen jederzeit nach Belieben einsetzen könnten. Ihre Verbreitung hängt von politischen Entscheidungen, öffentlichen Debatten und bestehenden gesellschaftlichen Konflikten ab.

Anhand der Auseinandersetzungen um Flucht und Migration seit 2015 kann man sehen, wie solche Prozesse ineinandergreifen. Politische Maßnahmen, wirtschaftliche Interessen und die öffentliche Darstellung der Migration beeinflussten sich gegenseitig. Von der zunehmenden Wahrnehmung von Migration als gesellschaftliche Bedrohung und der Normalisierung restriktiver Forderungen konnte die AfD profitieren.

Damit lässt sich das Wahlverhalten ihrer Anhänger gesellschaftlich einordnen. Entschuldigt ist es dadurch nicht. Wer für Wohnungsnot, wirtschaftliche Unsicherheit oder soziale Konflikte ausgerechnet Migranten verantwortlich macht, entscheidet sich für eine rassistische Erklärung. Diese Entscheidung ist ihm zuzurechnen. Zugleich wäre es falsch, politische Überzeugungen so zu behandeln, als entstünden sie völlig unabhängig von den Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Debatten, in denen sich Menschen bewegen.

Die Behauptung, unschuldige Arbeiter würden lediglich von rechten Parteien manipuliert, greift deshalb ebenso zu kurz wie die Vorstellung, Rassismus gehöre gewissermaßen zur natürlichen Ausstattung der Arbeiterklasse. Beides verhindert eine ernsthafte Untersuchung seiner gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Ähnliche Probleme zeigen sich beim Antisemitismus. Auch hier können abstrakte Herrschaftsverhältnisse in der Vorstellung einer geheimen Macht personifiziert werden. Wirtschaftliche und politische Prozesse erscheinen dann als Ergebnis des verborgenen Handelns einer bestimmten Gruppe. Wer gesellschaftliche Widersprüche auf diese Weise erklärt, betreibt keine Kritik kapitalistischer Verhältnisse. Er ersetzt sie durch Verschwörungsvorstellungen, die in antisemitische Verfolgungsfantasien münden können.

Solche Denkweisen beschränken sich keineswegs auf rechte Milieus. Auch linke Bewegungen müssen sich fragen lassen, ob sie gesellschaftliche Herrschaft tatsächlich erklären oder vermeintlich allmächtige Feinde für sie verantwortlich machen. Gerade im Zusammenhang mit Israel ist dabei sorgfältig zu unterscheiden: Die Kritik konkreter Entscheidungen einer israelischen Regierung ist etwas anderes als antisemitische Zuschreibungen oder die grundsätzliche Infragestellung jüdischer Selbstbestimmung.

Ob eine politische Erklärung überzeugend ist, hängt deshalb nicht davon ab, ob sie sich selbst als links oder rechts versteht. Entscheidend bleibt, ob sie gesellschaftliche Machtverhältnisse begreifbar macht oder diese durch die Personalisierung von Schuld verdeckt.

Das Proletariat als Sehnsuchtsort

Während rechte Parteien die nationale Gemeinschaft beschwören, widmen sich Teile der radikalen Linken wieder mit erstaunlichem Eifer der Arbeiterklasse. Das Wort „proletarisch“ scheint dabei manchen politischen Vorhaben schon durch seine bloße Verwendung zusätzliche revolutionäre Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wo die tatsächliche Verbindung zur Arbeitswelt fehlt, soll wenigstens die Bezeichnung für die richtige Verankerung sorgen.

Der Arbeiter erhält in solchen Vorstellungen eine beinahe romantische Rolle. Er gilt als bodenständig, unverstellt und frei von den vermeintlichen Empfindlichkeiten einer akademisch geprägten Linken. Seine Lebensweise soll eine Authentizität besitzen, die anderen gesellschaftlichen Gruppen offenbar abhandengekommen ist.

Mit den wirklichen Menschen, die täglich in Fabriken, Krankenhäusern, Lagerhallen oder Büros arbeiten, hat dieses Ideal allerdings wenig zu tun. Ihre politischen Ansichten, Interessen und Erfahrungen sind ebenso vielfältig und widersprüchlich wie die anderer Bevölkerungsgruppen. Wer von ihnen erwartet, allein aufgrund ihrer Klassenlage eine besondere Nähe zur revolutionären Wahrheit zu besitzen, macht sie zu Trägern einer politischen Hoffnung, die sie selbst womöglich gar nicht teilen.

Nicht selten übernehmen dabei ausgerechnet diejenigen die Deutungshoheit über das vermeintlich authentische Proletariat, deren eigener Kontakt zur heutigen Arbeitswelt ausgesprochen begrenzt ist.

Ein Blick auf die italienischen Operaisten der 1970er-Jahre zeigt, dass sich Klassenpolitik auch anders betreiben lässt. Ihr Interesse richtete sich auf die tatsächlichen Bedingungen kapitalistischer Produktion, auf die Zusammensetzung der Belegschaften und auf konkrete Konflikte innerhalb der Betriebe. Sie gingen nicht einfach von einer unveränderlichen revolutionären Bestimmung der Arbeiterklasse aus, sondern untersuchten, unter welchen Umständen Beschäftigte Widerstand entwickelten und wie sich ihre Kämpfe organisierten.

Eine solche Herangehensweise könnte auch heute weiterführen. Statt historische Arbeiterbilder ästhetisch wiederzubeleben, wäre zu fragen, unter welchen Bedingungen Menschen gegenwärtig arbeiten, welche Abhängigkeiten ihren Alltag bestimmen und welche Möglichkeiten gemeinsamer Gegenwehr sich daraus ergeben.

Der AfD gelingt es, politisch rechte Einstellungen innerhalb der Arbeiterschaft erfolgreich zu mobilisieren. Gleichzeitig fehlt vielen Beschäftigten mit solidarischen und egalitären Vorstellungen eine überzeugende politische Vertretung. Dass andere Entwicklungen möglich sind, zeigen nach ihrer Darstellung die Erfolge der Berliner Linken. Gerade beim Thema bezahlbares Wohnen lassen sich Menschen erreichen, die sich von den etablierten Parteien längst nicht mehr angesprochen fühlen

Daraus lässt sich weder eine grundsätzliche Hoffnung auf parlamentarische Lösungen ableiten noch die baldige Wiederkehr eines revolutionären Proletariats verkünden. Es zeigt zunächst, dass politische Überzeugungen nicht unveränderlich sind. Gesellschaftliche Erfahrungen, organisierte Interessen und gemeinsam ausgetragene Konflikte können beeinflussen, wie Menschen ihre eigene Situation verstehen.

Solidarität entsteht allerdings nicht schon dadurch, dass zwei Menschen denselben Arbeitgeber haben oder auf ähnliche Weise vom Lohn abhängig sind. Unter kapitalistischen Bedingungen konkurrieren Beschäftigte um Arbeitsplätze, Einkommen und soziale Sicherheit. Gemeinsame Interessen müssen deshalb überhaupt erst als solche erkannt und gegen diese Konkurrenz praktisch vertreten werden.

Wer dem Rechtsradikalismus etwas entgegensetzen möchte, sollte folglich nicht darauf hoffen, dass die Arbeiterklasse irgendwann von selbst zu ihrer vermeintlich natürlichen Solidarität zurückfindet. Ebenso wenig führt es weiter, nationalistische Forderungen in abgeschwächter Form zu übernehmen, um rechte Wähler zurückzugewinnen.

Eine Politik, die Beschäftigten die Abwertung von Migranten zugesteht, damit sie sich wieder für soziale Fragen interessieren, hat einen entscheidenden Teil der rechten Weltsicht bereits akzeptiert. Sie behandelt die nationale Trennung der Lohnabhängigen als berechtigten Ausgangspunkt, anstatt deren gesellschaftliche Funktion infrage zu stellen.

Die bloße moralische Verurteilung rechter Wähler reicht freilich ebenfalls nicht aus. Es gibt gute Gründe, rassistische und nationalistische Überzeugungen entschieden zurückzuweisen. Doch damit ist noch nicht erklärt, weshalb Menschen in der Herabsetzung anderer eine Antwort auf ihre eigenen Erfahrungen von Unsicherheit und Machtlosigkeit finden.

Gerade diese Frage müsste eine Gesellschaftskritik beschäftigen, die mehr leisten will, als die politischen Ansichten der Bevölkerung nach sympathisch und unsympathisch zu sortieren.

Die AfD wird nicht dadurch zur Vertreterin der Arbeiterklasse, dass viele Arbeiter sie wählen. Ihr Erfolg beruht darauf, soziale Konflikte als nationale Gegensätze erscheinen zu lassen. Sie verspricht Zugehörigkeit, Anerkennung und politischen Einfluss, ohne die materiellen Abhängigkeiten ihrer Anhänger grundsätzlich anzutasten.

Der Kapitalismus bringt eben nicht automatisch Menschen hervor, die ihn überwinden wollen. Er schafft Lebensverhältnisse, unter denen die Mehrheit gezwungen ist, ihre Existenz durch Lohnarbeit zu sichern. Wie diese Menschen ihre Lage verstehen und politisch darauf reagieren, steht damit noch lange nicht fest. Manche wenden sich gegen die bestehenden Verhältnisse, andere identifizieren sich mit denen, die von ihnen profitieren.

Die Entscheidung darüber fällt weder durch die Zugehörigkeit zu einer Klasse noch durch irgendeine geschichtliche Vorsehung.

Der deutsche Arbeiter kann sich als Volksgenosse seines deutschen Unternehmers betrachten. Seinen ausländischen Kollegen darf er aus dieser vorgestellten Gemeinschaft ausschließen, obwohl beide in einer vergleichbaren Abhängigkeit vom Arbeitslohn stehen. Der Unternehmer behält unterdessen sein Eigentum, seine wirtschaftliche Macht und die Verfügung über das Kapital.

Für den Arbeiter ändert sich an seinem Lohnverhältnis nichts. Er darf sich lediglich einbilden, mit seinem Arbeitgeber gesellschaftlich auf einer Seite zu stehen.

Die Ausbeutung besteht fort. Verschwunden ist die Solidarität.

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