Die Angst der anderen

TL;DR: Der SPIEGEL macht aus Elif Eralps Angst vor extremistischen Bedrohungen einen Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit. Statt die Gefahren ins Zentrum zu rücken, gerät die Betroffene unter Verdacht. Die Medienkritik fragt, wann berechtigte Vorsicht zur angeblichen Schwäche wird und wo journalistische Aufklärung in Bloßstellung umschlägt.

Screenshot eines Artikels auf der Website des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ vom 29. Oktober 2026. Die Überschrift lautet „Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten“. Der Untertitel thematisiert einen internen Vermerk, in dem die Berliner Linkenpolitikerin Elif Eralp ihre Sorge vor Kontakten zu Hamas-Sympathisanten äußert, und stellt ihre Eignung für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin infrage. Über dem Artikel liegt eine graue Abdunkelung mit dem groß eingeblendeten weißen Schriftzug „Die Angst der anderen“.


Die Angst der anderen

Wie der SPIEGEL die Bedrohung einer Politikerin zum Vorwurf gegen die Betroffene macht.

Elif Eralp fürchtet sich. Darin liegt offenbar die eigentliche Nachricht. Weniger interessant scheint, dass eine Politikerin, die Berlin regieren will, sich und ihre Familie von Extremisten bedroht sieht. Auch der Umstand, dass Sicherheitsbehörden ihr nach eigener Aussage geraten haben, gewisse Personen besser nicht öffentlich zu benennen, rückt in den Hintergrund. Entscheidend ist ihre Angst. Gleich sechs Autoren hat der SPIEGEL aufgeboten, um der Frage nachzugehen, ob eine Frau, die ihre Angehörigen schützen möchte, überhaupt geeignet ist, eine Millionenstadt zu führen. Wie viele Journalisten wohl nötig wären, um die tatsächlichen Bedrohungen ähnlich gründlich zu untersuchen?

„Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten“, lautet die Überschrift. Schon das Wort „offenbart“ verrät einiges über die Perspektive. Es klingt nach einem peinlichen Geständnis, nach etwas Verwerflichem, das endlich ans Licht kommt. Dabei hatte Eralp gar nichts öffentlich bekannt gegeben. Ihre Bemerkungen fanden sich in den internen Kommentaren einer Word-Datei, die irrtümlich bei der Redaktion landete. Daraus machte der SPIEGEL eine Enthüllung. Vertrauliche Überlegungen wurden zur öffentlichen Angelegenheit, weil am Ende offenbar die Redaktion bestimmt, welche privaten Ängste die Gesellschaft zu interessieren haben.

Die Entdeckung der Feigheit

„Kann so jemand für die Sicherheit in der Hauptstadtverantwortlich sein?“, fragt das Magazin gleich zu Beginn. Viel Raum für eine unvoreingenommene Antwort lässt diese Frage nicht. Angst erscheint als Makel, der Wunsch nach Schutz für die eigene Familie als möglicher Eignungsmangel. Selbst wer einen Rat der Polizei beherzigt, muss sich plötzlich fragen lassen, ob ihm die nötige Härte zum Regieren fehlt.

Naheliegender wäre zunächst eine andere Frage: Hat Eralp berechtigten Anlass zur Sorge? Der SPIEGEL scheint davon auszugehen, schließlich zeichnet er anhand ihrer Schilderungen einen „Abgrund“ der inneren Sicherheit. Zugleich soll ausgerechnet diese Furcht Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit wecken. Für die Beschreibung der Berliner Sicherheitslage taugt sie also als ernst zu nehmendes Warnsignal. Geht es um Eralps persönliche Eignung, verwandelt sie sich in eine Schwäche. Dieselbe Beobachtung stützt damit zwei Urteile, die kaum miteinander vereinbar sind. Eine erstaunliche journalistische Konstruktion.

Eralp zufolge hatte ihr das Landeskriminalamt schon früher empfohlen, bei Äußerungen über organisierte Kriminalität auf konkrete Namen zu verzichten. Ihr Sprecher spricht zudem von einer allgemeinen Gefährdung. All das erwähnt der SPIEGEL, um anschließend eine weitreichende Vermutung anzustellen: Wer heute aus Sicherheitsgründen vorsichtig formuliert, könnte morgen politische Beschlüsse aus Furcht vermeiden. Mehr als dieses „Könnte“ braucht es offenbar nicht. Schon steht der Verdacht mangelnder Regierungsfähigkeit im Raum.

Dass es vernünftige Gründe geben mag, gefährliche Akteure nicht persönlich zu provozieren, spielt in dieser Betrachtung kaum eine Rolle. Interessant wird die Vorsicht vor allem dort, wo sie Stoff für eine zugespitzte Geschichte liefert. Man kann das investigativen Journalismus nennen. Man könnte allerdings auch fragen, warum die Bedrängnis eines Menschen gegen ihn selbst verwendet wird.

Die Freiheit der Indiskretion

Aufschlussreich ist auch, wie die Redaktion ihre Entscheidung begründet. Sicherheitsbedenken habe man selbstverständlich in die Überlegungen einbezogen. Am Ende sei jedoch die politische Bedeutung der Informationen ausschlaggebend gewesen. Das hört sich verantwortungsvoll an. Im Ergebnis beansprucht die Redaktion damit das Recht, ihre publizistischen Interessen über das Schutzbedürfnis der Betroffenen zu stellen. Sollte die Veröffentlichung Konsequenzen haben, muss sie diese allerdings nicht selbst ausbaden.

An Themen, die eine gründliche Recherche verdienen, mangelt es keineswegs. Mögliche Verbindungen einzelner Politiker der Linken zu extremistischen Gruppen gehören ebenso dazu wie die Verharmlosung antisemitischer Positionen. Auch die Frage, weshalb die Parteispitze solchen Entwicklungen nicht deutlicher widerspricht, ist legitim. Die Hamas ist eine Terrororganisation. Wer sie verherrlicht, kann sich nicht auf eine unverfängliche Form politischer Solidarität berufen. Nur bleibt schwer nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet die Angst vor einem solchen Umfeld gegen Eralps politische Eignung sprechen soll. Extremismus bekämpft man kaum dadurch, dass man denjenigen mangelnden Mut vorwirft, die sich vor ihm fürchten.

Der SPIEGEL hält selbst fest, dass den Sicherheitsbehörden keine Erkenntnisse über eine Beteiligung des im Artikel genannten Aktivisten Ibrahim Ibrahim an Gewalttaten oder Anschlagsplänen vorliegen. Trotzdem entsteht beim Lesen das Bild einer nahezu überall lauernden Gefahr. Die Bedrohung bekommt größtmögliches Gewicht, während die daraus erwachsende Angst anschließend der Politikerin zur Last gelegt wird.

Für diesen Gedanken bemüht das Magazin sogar Harry Potter. Wer einen Namen lieber nicht ausspricht, wird mit jenen Zauberern verglichen, die sich davor scheuen, Voldemort zu erwähnen. Aus einer Politikerin, die auf Empfehlungen von Sicherheitsbehörden verweist, wird so eine ängstliche Romanfigur. Vielleicht sagt dieser literarische Vergleich mehr über die Vorstellung von Tapferkeit in der Redaktion aus als über Elif Eralp. Zwischen kluger Vorsicht und Feigheit liegen schließlich Welten.

Der Mut der Ungefährdeten

Über Geschlechterrollen spricht der SPIEGEL nicht. Dennoch lässt sich die Frage kaum vermeiden. Würde ein männlicher Bewerber um das Bürgermeisteramt erklären, er wolle seine Frau und seine Kinder vor möglichen Gefahren schützen, könnte das durchaus als Ausdruck von Verantwortung gelten. Bei Eralp wird die Sorge um ihren Mann und ihre Familie zum Anlass, ihre Belastbarkeit anzuzweifeln. Ob die Redaktion einen Mann tatsächlich anders beurteilt hätte, bleibt offen. Fest steht hingegen, dass sie bei dieser Frau aus ihrer Angst eine Frage der politischen Eignung macht.

Selbstverständlich muss Eralp erklären, welchen Umgang sie mit extremistischen Kräften innerhalb ihrer Partei pflegen will. Ebenso berechtigt ist die Kritik, ihre bisherigen Abgrenzungen könnten unzureichend sein. Für solche Fragen benötigt niemand versehentlich übermittelte interne Anmerkungen. Entscheidend wären nachvollziehbare Belege, klare politische Positionen und eine Prüfung dessen, was Eralp tatsächlich sagt und tut.

Der Artikel schließt stattdessen mit ihrem Satz „Berlinlässt sich nicht einschüchtern“ und der spöttischen Bemerkung: „Wenn das mal sowäre.“ Die Pointe soll offenbar darin liegen, dass eine Politikerin nach außen Entschlossenheit demonstriert, während sie im Privaten Sorgen hat. Doch weshalb sollte sich beides ausschließen? Mut bedeutet schließlich nicht, gegen jede Angst immun zu sein. Er zeigt sich gerade darin, trotz vorhandener Furcht handlungsfähig zu bleiben.

Bemerkenswert an dieser Berichterstattung ist vor allem, wie sie die Verantwortung verschiebt. Extremistische Akteure gefährden das demokratische Miteinander. Eine Politikerin nimmt deren Einschüchterungspotenzial ernst und sorgt sich um ihre Angehörigen. Zum eigentlichen Problem erklärt die Zeitung dann ihre Reaktion. Plötzlich steht die mögliche Betroffene unter Rechtfertigungsdruck, während ihre Angst als Indiz gegen ihre Amtsfähigkeit dient. Die Drohkulisse wird auf diese Weise zur persönlichen Bewährungsprobe für den Menschen, der sich ihr ausgesetzt sieht.

Eine Demokratie ist auf Politiker angewiesen, die sich weder einschüchtern noch erpressen lassen. Genauso braucht sie eine Presse, die sorgfältig zwischen tatsächlicher Erpressbarkeit und nachvollziehbarem Sicherheitsbewusstsein unterscheidet. Geht dieser Unterschied verloren, wird aus journalistischer Kontrolle schnell die öffentliche Bloßstellung derjenigen, die Schutz suchen.

Dass der SPIEGEL keine Scheu hatte, Elif Eralps vertrauliche Ängste öffentlich zu machen, hat er eindrucksvoll demonstriert. Ein bemerkenswerter Triumph der Pressefreiheit. Vor allem für jene, vor denen sich die Politikerin fürchtet.

 


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