Die Angst der anderen
TL;DR: Der SPIEGEL macht aus Elif Eralps Angst vor extremistischen Bedrohungen einen Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit. Statt die Gefahren ins Zentrum zu rücken, gerät die Betroffene unter Verdacht. Die Medienkritik fragt, wann berechtigte Vorsicht zur angeblichen Schwäche wird und wo journalistische Aufklärung in Bloßstellung umschlägt.
Die Angst der anderen
Wie der SPIEGEL die Bedrohung einer Politikerin zum Vorwurf gegen die Betroffene macht.
Elif Eralp fürchtet sich. Darin liegt offenbar die
eigentliche Nachricht. Weniger interessant scheint, dass eine Politikerin, die
Berlin regieren will, sich und ihre Familie von Extremisten bedroht sieht. Auch
der Umstand, dass Sicherheitsbehörden ihr nach eigener Aussage geraten haben,
gewisse Personen besser nicht öffentlich zu benennen, rückt in den Hintergrund.
Entscheidend ist ihre Angst. Gleich sechs Autoren hat der SPIEGEL aufgeboten,
um der Frage nachzugehen, ob eine Frau, die ihre Angehörigen schützen möchte,
überhaupt geeignet ist, eine Millionenstadt zu führen. Wie viele Journalisten
wohl nötig wären, um die tatsächlichen Bedrohungen ähnlich gründlich zu
untersuchen?
„Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten“,
lautet die Überschrift. Schon das Wort „offenbart“ verrät einiges über die
Perspektive. Es klingt nach einem peinlichen Geständnis, nach etwas
Verwerflichem, das endlich ans Licht kommt. Dabei hatte Eralp gar nichts
öffentlich bekannt gegeben. Ihre Bemerkungen fanden sich in den internen
Kommentaren einer Word-Datei, die irrtümlich bei der Redaktion landete. Daraus
machte der SPIEGEL eine Enthüllung. Vertrauliche Überlegungen wurden zur
öffentlichen Angelegenheit, weil am Ende offenbar die Redaktion bestimmt,
welche privaten Ängste die Gesellschaft zu interessieren haben.
Die Entdeckung der Feigheit
„Kann so jemand für die Sicherheit in der Hauptstadtverantwortlich sein?“, fragt das Magazin gleich zu Beginn. Viel Raum für eine
unvoreingenommene Antwort lässt diese Frage nicht. Angst erscheint als Makel,
der Wunsch nach Schutz für die eigene Familie als möglicher Eignungsmangel.
Selbst wer einen Rat der Polizei beherzigt, muss sich plötzlich fragen lassen,
ob ihm die nötige Härte zum Regieren fehlt.
Naheliegender wäre zunächst eine andere Frage: Hat Eralp
berechtigten Anlass zur Sorge? Der SPIEGEL scheint davon auszugehen,
schließlich zeichnet er anhand ihrer Schilderungen einen „Abgrund“ der inneren
Sicherheit. Zugleich soll ausgerechnet diese Furcht Zweifel an ihrer
Regierungsfähigkeit wecken. Für die Beschreibung der Berliner Sicherheitslage
taugt sie also als ernst zu nehmendes Warnsignal. Geht es um Eralps persönliche
Eignung, verwandelt sie sich in eine Schwäche. Dieselbe Beobachtung stützt
damit zwei Urteile, die kaum miteinander vereinbar sind. Eine erstaunliche
journalistische Konstruktion.
Eralp zufolge hatte ihr das Landeskriminalamt schon früher
empfohlen, bei Äußerungen über organisierte Kriminalität auf konkrete Namen zu
verzichten. Ihr Sprecher spricht zudem von einer allgemeinen Gefährdung. All
das erwähnt der SPIEGEL, um anschließend eine weitreichende Vermutung
anzustellen: Wer heute aus Sicherheitsgründen vorsichtig formuliert, könnte
morgen politische Beschlüsse aus Furcht vermeiden. Mehr als dieses „Könnte“
braucht es offenbar nicht. Schon steht der Verdacht mangelnder
Regierungsfähigkeit im Raum.
Dass es vernünftige Gründe geben mag, gefährliche Akteure
nicht persönlich zu provozieren, spielt in dieser Betrachtung kaum eine Rolle.
Interessant wird die Vorsicht vor allem dort, wo sie Stoff für eine zugespitzte
Geschichte liefert. Man kann das investigativen Journalismus nennen. Man könnte
allerdings auch fragen, warum die Bedrängnis eines Menschen gegen ihn selbst
verwendet wird.
Die Freiheit der Indiskretion
Aufschlussreich ist auch, wie die Redaktion ihre
Entscheidung begründet. Sicherheitsbedenken habe man selbstverständlich in die
Überlegungen einbezogen. Am Ende sei jedoch die politische Bedeutung der
Informationen ausschlaggebend gewesen. Das hört sich verantwortungsvoll an. Im
Ergebnis beansprucht die Redaktion damit das Recht, ihre publizistischen
Interessen über das Schutzbedürfnis der Betroffenen zu stellen. Sollte die
Veröffentlichung Konsequenzen haben, muss sie diese allerdings nicht selbst
ausbaden.
An Themen, die eine gründliche Recherche verdienen, mangelt
es keineswegs. Mögliche Verbindungen einzelner Politiker der Linken zu
extremistischen Gruppen gehören ebenso dazu wie die Verharmlosung
antisemitischer Positionen. Auch die Frage, weshalb die Parteispitze solchen
Entwicklungen nicht deutlicher widerspricht, ist legitim. Die Hamas ist eine
Terrororganisation. Wer sie verherrlicht, kann sich nicht auf eine
unverfängliche Form politischer Solidarität berufen. Nur bleibt schwer
nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet die Angst vor einem solchen Umfeld gegen
Eralps politische Eignung sprechen soll. Extremismus bekämpft man kaum dadurch,
dass man denjenigen mangelnden Mut vorwirft, die sich vor ihm fürchten.
Der SPIEGEL hält selbst fest, dass den Sicherheitsbehörden
keine Erkenntnisse über eine Beteiligung des im Artikel genannten Aktivisten
Ibrahim Ibrahim an Gewalttaten oder Anschlagsplänen vorliegen. Trotzdem
entsteht beim Lesen das Bild einer nahezu überall lauernden Gefahr. Die
Bedrohung bekommt größtmögliches Gewicht, während die daraus erwachsende Angst
anschließend der Politikerin zur Last gelegt wird.
Für diesen Gedanken bemüht das Magazin sogar Harry Potter.
Wer einen Namen lieber nicht ausspricht, wird mit jenen Zauberern verglichen,
die sich davor scheuen, Voldemort zu erwähnen. Aus einer Politikerin, die auf
Empfehlungen von Sicherheitsbehörden verweist, wird so eine ängstliche
Romanfigur. Vielleicht sagt dieser literarische Vergleich mehr über die
Vorstellung von Tapferkeit in der Redaktion aus als über Elif Eralp. Zwischen
kluger Vorsicht und Feigheit liegen schließlich Welten.
Der Mut der Ungefährdeten
Über Geschlechterrollen spricht der SPIEGEL nicht. Dennoch
lässt sich die Frage kaum vermeiden. Würde ein männlicher Bewerber um das
Bürgermeisteramt erklären, er wolle seine Frau und seine Kinder vor möglichen
Gefahren schützen, könnte das durchaus als Ausdruck von Verantwortung gelten.
Bei Eralp wird die Sorge um ihren Mann und ihre Familie zum Anlass, ihre
Belastbarkeit anzuzweifeln. Ob die Redaktion einen Mann tatsächlich anders
beurteilt hätte, bleibt offen. Fest steht hingegen, dass sie bei dieser Frau
aus ihrer Angst eine Frage der politischen Eignung macht.
Selbstverständlich muss Eralp erklären, welchen Umgang sie
mit extremistischen Kräften innerhalb ihrer Partei pflegen will. Ebenso
berechtigt ist die Kritik, ihre bisherigen Abgrenzungen könnten unzureichend
sein. Für solche Fragen benötigt niemand versehentlich übermittelte interne
Anmerkungen. Entscheidend wären nachvollziehbare Belege, klare politische
Positionen und eine Prüfung dessen, was Eralp tatsächlich sagt und tut.
Der Artikel schließt stattdessen mit ihrem Satz „Berlinlässt sich nicht einschüchtern“ und der spöttischen Bemerkung: „Wenn das mal sowäre.“ Die Pointe soll offenbar darin liegen, dass eine Politikerin nach außen
Entschlossenheit demonstriert, während sie im Privaten Sorgen hat. Doch weshalb
sollte sich beides ausschließen? Mut bedeutet schließlich nicht, gegen jede
Angst immun zu sein. Er zeigt sich gerade darin, trotz vorhandener Furcht
handlungsfähig zu bleiben.
Bemerkenswert an dieser Berichterstattung ist vor allem, wie
sie die Verantwortung verschiebt. Extremistische Akteure gefährden das
demokratische Miteinander. Eine Politikerin nimmt deren
Einschüchterungspotenzial ernst und sorgt sich um ihre Angehörigen. Zum
eigentlichen Problem erklärt die Zeitung dann ihre Reaktion. Plötzlich steht
die mögliche Betroffene unter Rechtfertigungsdruck, während ihre Angst als
Indiz gegen ihre Amtsfähigkeit dient. Die Drohkulisse wird auf diese Weise zur
persönlichen Bewährungsprobe für den Menschen, der sich ihr ausgesetzt sieht.
Eine Demokratie ist auf Politiker angewiesen, die sich weder
einschüchtern noch erpressen lassen. Genauso braucht sie eine Presse, die
sorgfältig zwischen tatsächlicher Erpressbarkeit und nachvollziehbarem
Sicherheitsbewusstsein unterscheidet. Geht dieser Unterschied verloren, wird
aus journalistischer Kontrolle schnell die öffentliche Bloßstellung derjenigen,
die Schutz suchen.
Dass der SPIEGEL keine Scheu hatte, Elif Eralps vertrauliche
Ängste öffentlich zu machen, hat er eindrucksvoll demonstriert. Ein
bemerkenswerter Triumph der Pressefreiheit. Vor allem für jene, vor denen sich
die Politikerin fürchtet.
