Berlin: Viel links, wenig Geld, viel Gegenwind
TL;DR: Berlins rot-rot-grünes Sondierungspapier verspricht bezahlbare Mieten, Vergesellschaftung, stärkere öffentliche Dienstleistungen und mehr soziale Rechte. Doch der Sparkurs gefährdet die Umsetzung. Die CDU warnt vor linker Radikalität, obwohl das Papier zahlreiche Kompromisse enthält. Gelingt auch nur die Hälfte, könnte Berlin bundesweit zum Vorbild werden – und genau das dürfte Union und Springer missfallen.

Berlin: Viel links, wenig Geld, viel Gegenwind
Rot-Rot-Grün verspricht soziale Reformen. Ihr Erfolg
könnte bundesweit Schule machen – und ihre Gegner fürchten genau das.
Es gibt politische Nachrichten, die sind so unerfreulich,
dass die bürgerliche Öffentlichkeit sie zunächst für einen Angriff auf die
freiheitlich-demokratische Grundordnung halten muss. Zum Beispiel diese: In
Berlin könnten SPD, Grüne und Linke eine Regierung bilden, die nicht nur
ankündigt, das Leben der Menschen zu verbessern, sondern es möglicherweise
sogar tut. Das Sondierungspapier vom 17. Oktober 2026 trägt den erwartbar
trostlosen Titel „Mehr
gemeinsam, mehr Berlin“. Dahinter verbirgt sich jedoch ein Programm, das
für deutsche Verhältnisse geradezu unverschämt sozial ausfällt.
Bezahlbare Wohnungen, eine Behörde gegen Mietwucher, mehr
öffentlicher Wohnungsbau, bessere Krankenhäuser, ein leistungsfähigerer
Nahverkehr und mehr Rechte für Menschen ohne deutschen Pass. Nichts davon ist
Sozialismus. Es ist der Versuch, eine Stadt so einzurichten, dass ihre Bewohner:innen nicht ausschließlich als zahlungspflichtige Anhängsel des Eigentums vorkommen.
Das eigentlich Gefährliche daran: Wenn auch nur die Hälfte
verwirklicht wird, könnten Menschen in Hamburg, München oder Stuttgart dasselbe
verlangen. Und zwar sofort. Die Union hätte dann zu erklären, weshalb anderswo
unmöglich sein soll, was in Berlin funktioniert. Der Axel-Springer-Verlag
müsste womöglich darüber berichten, dass staatliches Handeln auch Menschen
nützen kann, die keine Immobilien besitzen. Beides wäre eine Zumutung. Also
darf man erwarten, dass reichlich Scheiße auf Rot-Rot-Grün geworfen wird. Den
ersten Eimer hat die CDU bereits bereitgestellt.
Wenn das Grundgesetz zum Umsturz wird
Der
Berliner CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers nennt das Sondierungspapier eine
„Kapitulationserklärung von SPD und Grünen vor einer radikalen, in Teilen
antisemitischen Linkspartei“. Ein Satz, der drei Behauptungen enthält und deren
Begründung durch die Lautstärke seiner Empörung ersetzt.
Sehen wir uns die angebliche Kapitulation an. Die drei
Parteien wollen den Volksentscheid von 2021 zur Vergesellschaftung großer
Wohnungskonzerne endlich umsetzen. Im
Sondierungspapier steht: „Die drei Parteien sind sich einig, dass die
Anwendung von Artikel 15 Grundgesetz ein Beitrag zum Ausbau des kommunalen
Wohnungsbestands und zur Überwindung der Krise auf dem Wohnungsmarkt ist.“
Artikel 15 Grundgesetz! Ausgerechnet die Verfassung, auf die
sich die Union gewöhnlich beruft, wenn sie etwas verhindern möchte, soll nun
angewendet werden. Eine Unverschämtheit, mit der ihre Verfasser offenbar nicht
gerechnet haben.
Freilich wird die Vergesellschaftung ordentlich gezähmt.
Statt Unternehmen ab 3.000 Wohnungen sollen erst solche ab 10.000 erfasst
werden, denen außerdem 10.000 Wohnungen verbleiben dürfen. Neubauten seit
Anfang 2021 bleiben ausgenommen. Ein Finanzierungskonzept soll 2027 stehen, das
Gesetz Mitte 2028 vorgelegt werden. Die Entschädigung und die Umsetzung bleiben
an die finanzielle Tragfähigkeit gebunden.
Die Eigentümer dürfen also aufatmen: Selbst ihre mögliche
Enteignung wird so organisiert, dass ihre Vermögensinteressen ausführlich
berücksichtigt werden. Von einer bedingungslosen Kapitulation vor der Linken
kann keine Rede sein. Dass die Vergesellschaftung überhaupt zum
Regierungsprojekt wird, ist dennoch ein beträchtlicher Erfolg.
Noch konkreter ist die geplante Mietenaufsicht. Ab 2027 soll
eine Behörde gegen rechtswidrige Vermietungspraktiken vorgehen. Eine
Schwerpunktabteilung der Staatsanwaltschaft soll Mietwucher verfolgen. Ab 2028
soll ein Mieten- und Wohnungskataster helfen. Die jährlichen Mietsteigerungen
bei landeseigenen Wohnungsunternehmen werden auf zwei Prozent begrenzt.
Man stelle sich vor: Der Staat könnte sich nicht nur dafür
interessieren, ob ein Bürger seine Miete bezahlt, sondern auch dafür, ob sein
Vermieter sie überhaupt verlangen darf. In einer Gesellschaft, die den Schutz
des Eigentums mit dem Schutz seiner Erträge verwechselt, ist das beinahe
revolutionär.
Bis 2031 sollen 100.000 Baugenehmigungen erteilt werden, aus
denen ebenso viele Wohnungen entstehen sollen. Mindestens die Hälfte des
Neubaus soll von landeseigenen oder gemeinwohlorientierten Unternehmen kommen.
Die von der Linken geforderte Mietpreisgarantie von acht Euro je Quadratmeter
fehlt allerdings. Es ist ein erheblicher Fortschritt, aber kein Sieg auf ganzer
Linie.
Die Zumutung eines besseren Lebens
Auch jenseits der Wohnungspolitik enthält das Papier
einiges, was im reichen Deutschland erstaunlicherweise als linke Zumutung gilt.
Die Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Hochschule soll
erhalten bleiben, ebenso kostenloses Schulmittagessen und Schüler:innenticket.
Gemeinschaftsschulen sollen gestärkt, der öffentliche Gesundheitsdienst
ausgebaut und die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern verbessert werden. Eine
Ausbildungsplatzumlage soll Unternehmen stärker in die Verantwortung nehmen.
Die erste Kiezkantine soll zeitnah eröffnen.
Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Menschen sollen
essen, lernen, wohnen und gesund werden können, ohne dass bei jeder dieser
Tätigkeiten jemand eine möglichst hohe Rendite erzielt.
Der öffentliche Nahverkehr soll Vorrang erhalten, die A100
nicht weiter verlängert und das Tempelhofer Feld nicht am Rand bebaut werden.
Die Kooperation mit der Bundeswehr an Schulen soll beendet werden. Die
bisherige Bezahlkarte für Geflüchtete soll verschwinden,
Landesaufnahmeprogramme und eine City-ID sollen Teilhabe erleichtern. Auch eine
Bundesratsinitiative für ein AfD-Verbotsverfahren ist vorgesehen.
Das sind keine Nebensächlichkeiten, sondern konkrete
Vorhaben, die das Leben vieler Menschen verbessern könnten.
Allerdings hat die Linke auch Federn gelassen. Das
versprochene Neun-Euro-Sozialticket ist nur noch ein günstigeres Ticket ohne
festgelegten Preis. Der Verfassungsschutz, den sie abschaffen wollte, bleibt
bestehen. Videoüberwachung und Waffenverbotszonen werden zunächst nicht
grundsätzlich verändert. Neben Tarifbindung und Ausbildungsplatzumlage stehen
Investitionsboni, Risikokapital und klassische Standortförderung.
Die Kapitalisten werden also nicht aus Berlin vertrieben.
Sie dürfen weiter investieren, Gewinne machen und sich von der öffentlichen
Hand fördern lassen. Lediglich die Hoffnung, dass auch andere etwas davon haben
könnten, hat Eingang in das Regierungsprogramm gefunden.
Antisemitismus als Waffe und als Wirklichkeit
Besonders
aufschlussreich ist Evers' Vorwurf einer „in Teilen antisemitischen
Linkspartei“. Antisemitismus ist keine Petitesse, die man aus parteipolitischer
Rücksicht übersieht. Er gehört auch dort bekämpft, wo er sich als
Antikapitalismus, Antizionismus oder Solidarität mit Unterdrückten ausgibt. Wer
Juden für die Politik Israels verantwortlich macht oder antisemitische
Verschwörungserzählungen verbreitet, wird nicht dadurch zum Antifaschisten,
dass er sich links nennt.
Nur muss man konkrete Vorwürfe auch konkret belegen. Das
Sondierungspapier selbst liefert keinen Beweis für die pauschale
Charakterisierung der Berliner Linken. Seine Anlage zum Nahostkonflikt bekennt
sich zum Schutz jüdischen Lebens, zur Bekämpfung des Antisemitismus und des
antipalästinensischen Rassismus. Sie erkennt das Existenzrecht Israels und das
Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser an, lehnt die BDS-Kampagne ab und
sieht ein Verfahren zur Bewertung antisemitischer Vorfälle innerhalb der Koalitionsfraktionen
vor.
Ob diese Vereinbarungen eingehalten werden, muss sich
zeigen. Aber sie als Beleg für die Kapitulation vor dem Antisemitismus
anzuführen, wäre eine bemerkenswerte Leistung politischer Dialektik.
Interessant wird die moralische Strenge der CDU beim Blick
in die eigene Geschichte. Der
Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) erklärte: „Jüdinnen und Juden
müssen die Gewissheit haben, dass Antisemitismus keine Meinung ist, die man
verhandeln kann“
Gleichzeitig
würdigte er den früheren Berliner CDU-Innensenator Heinrich Lummer in einem
Facebook-Beitrag als „unvergessen“ und lobte dessen „klare Sprache und
herzliche Bürgernähe“.
Lummer
hatte sich wiederholt mit antisemitischen Äußerungen hervorgetan. 1997
wandte er sich gegen jüdische Einwanderung nach Deutschland und behauptete, die
deutsche Außenpolitik gegenüber Israel werde weitgehend „von anderen bestimmt“.
1999 führte er die Errichtung des Holocaust-Mahnmals auf den Druck der
„amerikanischen Ostküste“ zurück – eine bekannte antisemitische Chiffre.
Auch die NS-Zwangsarbeit wusste Lummer zu verharmlosen. In
der rechtskonservativen Jungen Freiheit stellte er infrage, ob sie
tatsächlich „so schrecklich und so gering bezahlt“ gewesen sei. Dass die
ehemaligen Zwangsarbeiter nicht früher Entschädigungen verlangt hätten, diente
ihm als vermeintlicher Beweis. Die spätere Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen
erklärte er zum Werk amerikanischer Juden, die damit ihre Identität stiften
wollten. Aus den Opfern wurden so die Urheber einer angeblich
interessengeleiteten Kampagne gegen Deutschland.
2003 gehörte Lummer zu den Unterstützern einer
Solidaritätserklärung für den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin
Hohmann. Der hatte in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit nicht nur
Entschädigungszahlungen an NS-Zwangsarbeiter und jüdische Holocaustopfer
infrage gestellt. Unter Berufung auf antisemitische Schriften, darunter Henry
Fords Der internationale Jude, hatte er auch darüber spekuliert, ob man
Juden mit „einer gewissen Berechtigung“ als „Tätervolk“ bezeichnen könne. Zwar
verwarf Hohmann anschließend den Begriff der kollektiven Schuld für Juden wie
Deutsche. Dass er zuvor die antisemitische Vorstellung einer jüdischen
Kollektivtäterschaft ausführlich verbreitet hatte, machte diese Distanzierung
nicht überzeugender.
Ein Mann mit solchen politischen Positionen wird vom
Regierenden Bürgermeister Kai Wegner als „unvergessen“ gewürdigt und für seine
„klare Sprache und herzliche Bürgernähe“ gelobt. Währenddessen erklärt sein
Parteifreund Stefan Evers die mögliche Berliner Regierungskoalition wegen des
angeblichen Antisemitismus der Linken zum politischen Skandal.
Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass er in der
eigenen Partei vorkommt. Und er wird nicht dadurch bekämpft, dass man ihn
ausschließlich beim politischen Gegner entdeckt. Wer mit dem
Antisemitismusvorwurf Regierungskoalitionen delegitimieren will, sollte
wenigstens erklären können, weshalb er bei der Würdigung der eigenen
Parteigeschichte offenbar weniger stört.
Wer einen solchen Politiker würdigt, muss sich Fragen
gefallen lassen. Das macht antisemitische Positionen innerhalb der Linken nicht
harmloser. Es zeigt nur, dass die Glaubwürdigkeit der Antisemitismuskritik auch
davon abhängt, ob sie vor der eigenen Parteitür haltmacht.
Die Bekämpfung des Antisemitismus ist zu wichtig, um sie als
Ersatz für die Auseinandersetzung über Mieten, Löhne und öffentliche
Dienstleistungen zu missbrauchen. Und zu wichtig, um sie denjenigen zu
überlassen, die bei den eigenen politischen Ahnen großzügigere Maßstäbe anlegen
als beim Gegner.
Der Sozialismus scheitert am Kassenwart
Die eigentliche Schwachstelle des Berliner Reformprogramms
steht nicht in der Wohnungspolitik, sondern im Haushaltskapitel. Dort haben
sich die drei Parteien auf einen verbindlichen Konsolidierungskurs bis 2031
verständigt.
Für 2027 werden Haushaltsentlastungen von 900 Millionen Euro
ins Auge gefasst, ab 2028 strukturell 500 Millionen. Zugleich sollen jährlich
mindestens 400 Millionen Euro zusätzlich eingenommen werden. Das ist kein
ausdrücklich beschlossenes Sozialkürzungsprogramm, aber auch noch keine
belastbare Finanzierung der versprochenen Verbesserungen.
Der
entscheidende Satz lautet: „Darüber hinaus sind durch die Koalition
gewünschte Mehrbedarfe durch Umschichtungen zu finanzieren.“
Übersetzt: Wenn die Schule mehr Geld braucht, muss womöglich
jemand anders mit weniger auskommen. Der öffentliche Mangel wird nicht
abgeschafft, sondern neu verteilt. Das nennt man Haushaltsdisziplin, und sie
hat schon manches Reformprogramm zuverlässiger erledigt als seine politischen
Gegner.
Die
Berliner Linke hatte im August erklärt: „Eine linke Regierung darf soziale
Angriffe nicht verwalten, sondern muss ihnen entgegentreten.“ Ein Satz, dessen
Wahrheitsgehalt sich nicht auf Parteitagen, sondern in Haushaltsberatungen
erweisen wird.
Denn Schulen brauchen Lehrkräfte, Krankenhäuser Personal,
Verkehrsbetriebe Fahrzeuge und Beschäftigte. Soziale Einrichtungen lassen sich
nicht mit wohlmeinenden Adjektiven betreiben. Wer ihre Leistungen ausbauen
will, muss sie bezahlen. Und wer gleichzeitig sparen will, muss sagen, woher
das Geld kommen soll.
Hier liegt der entscheidende Widerspruch des
Sondierungspapiers: Es verspricht soziale Verbesserungen und unterwirft ihre
Umsetzung einem finanzpolitischen Rahmen, der sie gefährden könnte.
Dennoch wäre es töricht, deshalb das gesamte Vorhaben
abzuschreiben. Eine funktionierende Mietenaufsicht, öffentliche Wohnungen,
bessere Gesundheitsversorgung und mehr soziale Rechte wären reale Fortschritte.
Nicht irgendwann nach Überwindung des Kapitalismus, sondern für Menschen, die
ihre Miete nächsten Monat bezahlen müssen.
Genau darin liegt die politische Gefahr für die Union und
ihre publizistischen Verbündeten. Sollte Berlin auch nur die Hälfte dieser
Vorhaben verwirklichen, könnten Menschen anderswo fragen, weshalb ihre
Landesregierungen ihnen dasselbe verweigern. Ein funktionierendes öffentliches
Angebot ist schließlich die unangenehmste Widerlegung der Behauptung, der Staat
könne nichts und der Markt müsse alles regeln.
Man darf deshalb erwarten, dass jeder überfüllte Bus, jede
verspätete Baugenehmigung und jede Verwaltungspanne zum Beweis für das
Scheitern von Rot-Rot-Grün erklärt wird. Der Kapitalismus darf seit Jahrzehnten
Wohnungskrisen produzieren, ohne dass seine Abschaffung ernsthaft zur Debatte
gestellt wird. Eine linke Regierung dagegen soll möglichst schon gescheitert
sein, bevor sie angefangen hat.
Die Linke hat angekündigt, ihre Ergebnisse anhand von 30
prioritären Maßnahmen öffentlich überprüfen zu lassen. Entscheidend werden
nicht die Formulierungen sein, sondern die Zahl bezahlbarer Wohnungen, die Höhe
der Mieten, die Ausstattung der Krankenhäuser und die Verlässlichkeit
öffentlicher Dienstleistungen.
Das Sondierungspapier ist weder eine sozialistische
Machtübernahme noch die Kapitulation von SPD und Grünen. Es ist der
bemerkenswerte Versuch, innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung soziale
Verbesserungen durchzusetzen, deren Notwendigkeit diese Ordnung täglich selbst
beweist.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob SPD und Grüne vor der
Linken kapituliert haben, sondern ob aus den sozialen Versprechen politische
Wirklichkeit wird. Zwischen Sondierungspapier und besserem Leben stehen Geld,
Personal, politische Prioritäten und die Interessen derer, die am bestehenden
Zustand gut verdienen. Darüber wird jetzt entschieden.
Und sollten sich die Reformen tatsächlich durchsetzen,
könnte Berlin etwas erleben, das in Deutschland beinahe als Systemgefährdung
gilt: eine Regierung, deren Politik den Menschen tatsächlich nützt.