Antisemitismus kommt vor. Nur begriffen wird er nicht.

TL;DR: Der Parteivorstand der Partei Die Linke erwähnt in seinem Beschluss Antisemitismus, begreift aber seine Besonderheit nicht. Die Kolumne kritisiert, dass er im allgemeinen Raster von Rassismus und Diskriminierung aufgeht. Dabei kann Antisemitismus seine Opfer gerade als mächtig imaginieren und sich als Kapitalismus-, Macht- oder Herrschaftskritik tarnen. Wer diese Struktur nicht versteht, erkennt womöglich das Wort, aber nicht die Ideologie.

Screenshot einer Webseite der Linksjugend. Zentral steht auf rotem Hintergrund die Überschrift „A03: Kritik am Pluralismus“. Darunter ist ein angeschnittener Text über den Pluralismus innerhalb der Partei Die Linke und der Linksjugend zu sehen. Über die Seite wurde in großer weißer Schrift die Frage gelegt: „Hat die Partei wieder ‚immer recht‘?“

Wie der Parteivorstand der Linken den Antisemitismus in seinen Antirassismus einsortiert – und dabei seine gesellschaftliche Spezifik, seine mörderische Geschichte und seine Fähigkeit verfehlt, sich als Kapitalismus-, Macht- und Herrschaftskritik zu verkleiden.

Die einfachste Kritik am Beschluss des Parteivorstands der Linken „Antirassismus ist keine Identitätspolitik“ wäre die Behauptung, die Partei habe den Antisemitismus vergessen. Sie wäre auch die bequemste, denn sie ließe sich mit einem Zitat erledigen. Antisemitismus steht drin. Sogar ziemlich weit oben.

„Rassismus tritt dabei in unterschiedlichen, miteinander verbundenen Formen auf“, heißt es, und zu diesen gehörten „unter anderem Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, Antiziganismus, anti-Schwarzer Rassismus“.

Da ist er also, der Antisemitismus. Ordnungsgemäß erfasst, einsortiert und abgeheftet. Was er ist, braucht danach nicht mehr zu interessieren.

Das Problem dieses Beschlusses ist nicht, dass er Antisemitismus ignoriert. Das Problem ist schlimmer: Er kennt das Wort und erspart sich den Begriff.

Antisemitismus wird einer Reihe von Diskriminierungsformen zugeschlagen, diese wiederum überschneiden sich „entlang von Klasse, Geschlecht, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, Behinderung oder Aufenthaltsstatus“. Die Schlussfolgerung: „Antirassismus muss intersektional gedacht werden.“

So wird aus Analyse eine Sortieranlage. Jede Feindschaft bekommt ihr Fach, alle Fächer bekommen ein gemeinsames Regal.

Nur funktioniert Antisemitismus nicht einfach wie die übrigen Phänomene, unter die man ihn subsumiert. Der Rassist erklärt den von ihm Verfolgten gern für minderwertig, primitiv und unzivilisiert. Der Antisemit kann den Juden für das Gegenteil halten: übermächtig, reich, international vernetzt, Herr über Banken, Medien, Regierungen und Revolutionen. Der Jude ist in der antisemitischen Phantasie nicht bloß der Unterlegene, den man tritt. Er ist der heimliche Herrscher, von dem der Antisemit behauptet, sich befreien zu müssen.

Dass dies keine akademische Feinheit ist, hätte eine sozialistische Partei bei Horkheimer und Adorno nachlesen können. In den „Elementen des Antisemitismus“ erscheint der Jude dem Antisemiten nicht einfach als minderwertiger Mensch, sondern als „negatives Prinzip als solches“, als das „absolut Böse“.

Der Antisemit möchte den Juden nicht bloß unten halten. Er phantasiert ihn oben: hinter Geld und Medien, Kapitalismus und Kommunismus, Nation und deren Zersetzung. Wo gewöhnlicher Rassismus seinem Objekt einen minderen Platz in der Welt zuweist, macht der Antisemit sein Objekt zum heimlichen Prinzip dieser Welt.

Horkheimer und Adorno formulierten die Konsequenz aus der Perspektive faschistischer Vernichtungslogik in der Dialektik der Aufklärung: Während Schwarze Menschen im rassistischen Weltbild dort gehalten werden sollen, „wo sie hingehören“, soll von den Juden „die Erde gereinigt“ werden; man will sie „wie Ungeziefer […] vertilgen“.

Die Pointe ist keine Rangordnung des Leidens. Sie bezeichnet einen Unterschied der Ideologie: Antisemitismus ist nicht nur Diskriminierung. Er ist Welterklärung, Projektion, Verschwörungsdenken und Vernichtungsphantasie.

Moishe Postone hat gezeigt, warum diese Vernichtungsphantasie mit einer besonderen Vorstellung von Macht verbunden ist. Das „Jüdische“ wird nicht mit Ohnmacht identifiziert, sondern mit einer „mysteriösen Unfassbarkeit, Abstraktheit, Allgemeinheit“: wurzellos, grenzenlos, unsichtbar und doch überall wirksam. Was als gesellschaftliches Verhältnis nicht begriffen wird, erscheint als Machenschaft. Was niemand beherrscht, soll heimlich von jemandem beherrscht werden. Und irgendwann ist der Schuldige gefunden.

Darum stößt das Raster von Unterdrückten und Privilegierten gerade beim Antisemitismus an seine Grenze. Sein Objekt erscheint als zu mächtig, nicht als machtlos; als überall eingedrungen, nicht als ausgeschlossen; als kosmopolitisch und wurzellos, nicht als rückständig. Der Antisemit verfolgt Menschen und erklärt dabei, er bekämpfe Herrschaft.

Genau deshalb müsste eine sozialistische Partei bei jeder Rede von Kapital, globaler Macht und Herrschaft besonders genau wissen, was sie tut. Nicht weil Kapitalismuskritik antisemitisch wäre, sondern weil Antisemitismus sich als Kapitalismuskritik auszugeben versteht.

Der Beschluss selbst erklärt das „globale Wirtschaftssystem“ aus „Ausbeutung, ungleicher Entwicklung, Entwertung von Menschen und ihrer Würde und der Sicherung von Profiten“. Solange „Kapitalinteressen über Menschenrechte gestellt werden“, würden Fluchtursachen produziert. Gefordert wird die „Überwindung dieser kapitalistischen Logik“.

Gerade hier wäre der Begriff des Antisemitismus fällig gewesen.

Denn die abstrakte Herrschaft von Kapital, Markt und Geld kann antisemitisch personalisiert werden. Aus einem gesellschaftlichen Verhältnis werden Schuldige, aus Kapital „Finanzmacht“, aus undurchschauten Verhältnissen Verschwörung, aus der Weltwirtschaft eine Clique. Zwischen der Kritik eines gesellschaftlichen Verhältnisses und der Suche nach den Menschen, die angeblich dahinterstecken, liegt jene Grenze, an der Gesellschaftskritik in Verschwörungsideologie umschlägt.

Von dieser Grenze weiß der Beschluss nichts.

Stattdessen stehen „Kapitalinteressen“ den „Menschenrechten“ gegenüber, als ließe sich das Kapital wie der Bösewicht eines schlechten Films hinter dem Vorhang entdecken. Gerade eine materialistische Linke müsste wissen, dass Kapitalismus nicht deshalb Kapitalismus ist, weil schlechte Menschen beschlossen haben, Profitinteressen zu verfolgen. Eine antisemitismuskritische Linke müsste außerdem wissen, welche mörderische Karriere die Vorstellung gemacht hat, hinter abstrakter Herrschaft müsse ein konkreter Herrscher stecken.

Was aus der großen Diagnose praktisch folgt, ist dafür erstaunlich übersichtlich: „Awareness- und Antidiskriminierungsstrukturen“, „niedrigschwellige Ansprechpersonen“, „externe Expertise und Mediation“, „Monitoring“, Repräsentation und Teilhabe.

Gegen Beschwerdestellen ist so wenig einzuwenden wie gegen Feuerlöscher. Man sollte nur nicht glauben, mit der Anschaffung des Feuerlöschers die Theorie des Feuers erledigt zu haben.

Der Beschluss diagnostiziert Kapitalismus, globale Machtverhältnisse und strukturelle Unterdrückung – und landet bei Awareness und Monitoring. Die Weltgesellschaft tritt auf und bekommt eine Ansprechperson.

Noch aufschlussreicher ist, was nach der Erwähnung des Antisemitismus geschieht: nichts.

Kein eigener Beschlusspunkt. Keine Analyse antisemitischer Ideologie. Keine antisemitismusspezifische Bildungsarbeit. Kein Wort über Verschwörungsdenken oder linken Antisemitismus. Kein Wort über Antizionismus oder Israel. Kein Wort über die Shoah.

Ein deutscher Parteivorstand schreibt 2026 einen Grundsatzbeschluss, in dem Antisemitismus vorkommt, ohne dass Auschwitz für dessen Begriff irgendeine erkennbare Bedeutung hätte.

Das muss man erst einmal fertigbringen.

Dass diese Leerstelle kein Zufall ist, zeigt ein Blick in Bernd Riexingers und Raul Zeliks Broschüre Was ist Sozialismus heute? „Befreiung kann es nur als gemeinsames, plurales und universelles Emanzipationsprojekt aller Unterdrückten geben“, heißt es dort.

Das klingt vollständig, gerade weil es niemanden ausdrücklich ausschließt. Umso bemerkenswerter ist, wer in der dazugehörigen Theorie nicht als solcher vorkommt. Juden sind unter „allen Unterdrückten“ abstrakt mitgemeint; die Ideologie aber, die sie als Juden verfolgt und in Deutschland und Europa zu vernichten suchte, erhält keinen eigenen Begriff. Antisemitismus erscheint weder als eigenständige Ideologie noch als historische Erfahrung oder Gegenwartsproblem.

Das ist mehr als eine vergessene Ergänzung. Ein Universalismus, der alle Unterdrückten einschließt, aber nicht erklären kann, warum der Antisemit ausgerechnet seine Opfer zu den heimlichen Herrschern erklärt und ihre Vernichtung als Befreiung imaginiert, scheitert an dem Gegenstand, den er zu umfassen behauptet.

Antisemitismus ist bei Riexinger und Zelik deshalb nicht falsch eingeordnet. Er ist gar nicht eingeordnet.

Der Parteivorstand hat dieses Problem nun auf bemerkenswerte Weise gelöst: Er hat das Wort hineingeschrieben.

Der tiefere Fehler bleibt.

Denn das Raster heißt weiterhin: Unterdrückte hier, Privilegierte dort; Diskriminierung hier, strukturelle Macht dort. Ausgerechnet Antisemitismus sprengt dieses Schema. Er verfolgt Menschen, indem er sie zu den Mächtigen erklärt. Juden können als „weiß“, wohlhabend oder gesellschaftlich erfolgreich wahrgenommen werden und gerade deshalb in der antisemitischen Phantasie als Beweis ihrer angeblichen Herrschaft gelten.

Wer nur gelernt hat, nach unten zu schauen, um das Opfer zu finden, erkennt den Antisemitismus womöglich gerade dann nicht, wenn dieser ihm erklärt, sein Opfer sitze oben.

Das wäre belanglos, ginge es nur um Terminologie. Politisch gefährlich wird es, sobald eine Linke nicht mehr erkennt, dass Antisemitismus sich nicht ausschließlich rechts von ihr befindet. Er kann sich antikapitalistisch geben, gegen „Finanzeliten“ agitieren, sich antiimperialistisch kostümieren und behaupten, lediglich Macht zu kritisieren. Revolutionäres Vokabular ist kein Impfstoff gegen Judenhass.

Die Arbeiterbewegung wusste das früher besser. 1917 warnte der russische Sowjetkongress vor der „Tendenz des Antisemitismus, sich hinter radikalen Losungen zu verstecken“. Die Einsicht war einfach: Revolutionäre Rhetorik schützt nicht vor Judenhass. Sie kann ihn sogar tarnen.

Diese Einsicht fehlt heute nicht vollständig. Sie wird nur ungern angewandt – wenn sie die eigene Seite betrifft.

Hundertneun Jahre später verabschiedet der Vorstand einer deutschen sozialistischen Partei einen Antirassismusbeschluss, der für genau diese Möglichkeit keinen Begriff besitzt.

Das ist die eigentliche Blamage.

Nicht, dass Juden vergessen worden wären. Vergessenes könnte man ergänzen. Antisemitismus wurde vielmehr in ein theoretisches System aufgenommen, das ihn seiner Besonderheit entledigt. Man hat ihn nicht ausgeschlossen, sondern erfolgreich integriert.

Bei Riexinger und Zelik fehlte Antisemitismus als eigenständiges Verhältnis. Im Beschluss steht er im Text und verschwindet im Allgemeinbegriff des Rassismus. Aus Abwesenheit ist Subsumtion geworden.

Über allem schwebt der Universalismus: „Sicherheit, Teilhabe und Würde für alle Menschen“ verspricht der Beschluss.

Wer wollte widersprechen?

Nur besteht die Aufgabe materialistischer Gesellschaftskritik nicht darin, unanfechtbare Sätze zu produzieren. „Würde für alle“ ist ebenso richtig wie „Frieden wäre schön“. Interessant wird Politik dort, wo sie erklären muss, warum das Richtige nicht geschieht und welche gesellschaftlichen Formen das Falsche annimmt.

Beim Antisemitismus verweigert der Beschluss diese Arbeit.

Er weiß, dass es Antisemitismus gibt. Er sagt nicht, was er ist.

Deshalb weiß er auch nicht, was antisemitismuskritische Praxis von allgemeiner Antidiskriminierungsarbeit unterscheiden müsste. Einen antisemitischen Vorfall kann man verwalten. Ob man die antisemitische Welterklärung erkennt, sobald sie im Vokabular von Emanzipation, Kapitalismuskritik, Antiimperialismus und Befreiung erscheint, ist eine andere Frage.

Für eine deutsche Linke ist das keine theoretische Fußnote. Es ist die entscheidende Prüfung.

Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass der Antisemit sich Antirassist nennt, wie das Beispiel Malcolm X, der unbestreitbar Antirassist was und zugleich an die Protokolle der Weisen von Zion glaubte, zeigt

 Kapitalismuskritik wird nicht dadurch materialistisch, dass sie von „Macht“ und „Profiten“ spricht. Und Universalismus wird nicht dadurch universal, dass er jede Besonderheit unter Allgemeinbegriffe sortiert, bis von ihr nichts mehr übrig ist.

Der Parteivorstand wollte beweisen, dass Antirassismus keine Identitätspolitik sei.

Beim Antisemitismus hat er vor allem bewiesen, dass man ein Wort sehr deutlich aussprechen und seinen Gegenstand trotzdem übersehen kann.

 

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