Antisemitismus kommt vor. Nur begriffen wird er nicht.
TL;DR: Der Parteivorstand der Partei Die Linke erwähnt in seinem Beschluss Antisemitismus, begreift aber seine Besonderheit nicht. Die Kolumne kritisiert, dass er im allgemeinen Raster von Rassismus und Diskriminierung aufgeht. Dabei kann Antisemitismus seine Opfer gerade als mächtig imaginieren und sich als Kapitalismus-, Macht- oder Herrschaftskritik tarnen. Wer diese Struktur nicht versteht, erkennt womöglich das Wort, aber nicht die Ideologie.

Wie der Parteivorstand der Linken den Antisemitismus in
seinen Antirassismus einsortiert – und dabei seine gesellschaftliche Spezifik,
seine mörderische Geschichte und seine Fähigkeit verfehlt, sich als
Kapitalismus-, Macht- und Herrschaftskritik zu verkleiden.
Die
einfachste Kritik am Beschluss des Parteivorstands der Linken
„Antirassismus ist keine Identitätspolitik“ wäre die Behauptung, die Partei
habe den Antisemitismus vergessen. Sie wäre auch die bequemste, denn sie ließe
sich mit einem Zitat erledigen. Antisemitismus steht drin. Sogar
ziemlich weit oben.
„Rassismus tritt dabei in unterschiedlichen, miteinander
verbundenen Formen auf“, heißt es, und zu diesen gehörten „unter anderem
Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, Antiziganismus, anti-Schwarzer
Rassismus“.
Da ist er also, der Antisemitismus. Ordnungsgemäß erfasst,
einsortiert und abgeheftet. Was er ist, braucht danach nicht mehr zu
interessieren.
Das Problem dieses Beschlusses ist nicht, dass er
Antisemitismus ignoriert. Das Problem ist schlimmer: Er kennt das Wort und
erspart sich den Begriff.
Antisemitismus
wird einer Reihe von Diskriminierungsformen zugeschlagen, diese wiederum
überschneiden sich „entlang von Klasse, Geschlecht, sexueller Orientierung,
geschlechtlicher Identität, Behinderung oder Aufenthaltsstatus“. Die
Schlussfolgerung: „Antirassismus muss intersektional gedacht werden.“
So wird aus Analyse eine Sortieranlage. Jede Feindschaft
bekommt ihr Fach, alle Fächer bekommen ein gemeinsames Regal.
Nur funktioniert Antisemitismus nicht einfach wie die
übrigen Phänomene, unter die man ihn subsumiert. Der Rassist
erklärt den von ihm Verfolgten gern für minderwertig, primitiv und
unzivilisiert. Der
Antisemit kann den Juden für das Gegenteil halten: übermächtig, reich,
international vernetzt, Herr über Banken, Medien, Regierungen und Revolutionen.
Der Jude ist in der antisemitischen Phantasie nicht bloß der Unterlegene, den
man tritt. Er
ist der heimliche Herrscher, von dem der Antisemit behauptet, sich befreien zu
müssen.
Dass dies keine akademische Feinheit ist, hätte eine
sozialistische Partei bei Horkheimer
und Adorno nachlesen können. In den „Elementen des Antisemitismus“
erscheint der Jude dem Antisemiten nicht einfach als minderwertiger Mensch,
sondern als „negatives Prinzip als solches“, als das „absolut Böse“.
Der Antisemit möchte den Juden nicht bloß unten halten. Er phantasiert ihn oben:
hinter Geld und Medien, Kapitalismus und Kommunismus, Nation und deren
Zersetzung. Wo gewöhnlicher Rassismus seinem Objekt einen minderen Platz in der
Welt zuweist, macht der Antisemit sein Objekt zum heimlichen Prinzip dieser
Welt.
Horkheimer
und Adorno formulierten die Konsequenz aus der Perspektive faschistischer
Vernichtungslogik in der Dialektik der Aufklärung: Während Schwarze
Menschen im rassistischen Weltbild dort gehalten werden sollen, „wo sie
hingehören“, soll von den Juden „die Erde gereinigt“ werden; man will sie „wie
Ungeziefer […] vertilgen“.
Die Pointe ist keine Rangordnung des Leidens. Sie bezeichnet
einen Unterschied der Ideologie: Antisemitismus
ist nicht nur Diskriminierung. Er ist Welterklärung, Projektion,
Verschwörungsdenken und Vernichtungsphantasie.
Moishe Postone hat gezeigt, warum diese
Vernichtungsphantasie mit einer besonderen Vorstellung von Macht verbunden ist.
Das „Jüdische“ wird nicht mit Ohnmacht identifiziert, sondern mit einer
„mysteriösen Unfassbarkeit, Abstraktheit, Allgemeinheit“: wurzellos,
grenzenlos, unsichtbar und doch überall wirksam. Was als gesellschaftliches
Verhältnis nicht begriffen wird, erscheint als Machenschaft. Was niemand
beherrscht, soll heimlich von jemandem beherrscht werden. Und irgendwann ist
der Schuldige gefunden.
Darum stößt das Raster von Unterdrückten und Privilegierten
gerade beim Antisemitismus an seine Grenze. Sein Objekt erscheint als zu
mächtig, nicht als machtlos; als überall eingedrungen, nicht als
ausgeschlossen; als kosmopolitisch und wurzellos, nicht als rückständig. Der
Antisemit verfolgt Menschen und erklärt dabei, er bekämpfe Herrschaft.
Genau deshalb müsste eine sozialistische Partei bei jeder
Rede von Kapital, globaler Macht und Herrschaft besonders genau wissen, was sie
tut. Nicht weil Kapitalismuskritik antisemitisch wäre, sondern weil
Antisemitismus sich als Kapitalismuskritik auszugeben versteht.
Der Beschluss selbst erklärt das „globale Wirtschaftssystem“
aus „Ausbeutung, ungleicher Entwicklung, Entwertung von Menschen und ihrer
Würde und der Sicherung von Profiten“. Solange „Kapitalinteressen über
Menschenrechte gestellt werden“, würden Fluchtursachen produziert. Gefordert
wird die „Überwindung dieser kapitalistischen Logik“.
Gerade hier wäre der Begriff des Antisemitismus fällig
gewesen.
Denn
die abstrakte Herrschaft von Kapital, Markt und Geld kann antisemitisch
personalisiert werden. Aus einem gesellschaftlichen Verhältnis werden
Schuldige, aus Kapital „Finanzmacht“, aus undurchschauten Verhältnissen
Verschwörung, aus der Weltwirtschaft eine Clique. Zwischen
der Kritik eines gesellschaftlichen Verhältnisses und der Suche nach den
Menschen, die angeblich dahinterstecken, liegt jene Grenze, an der
Gesellschaftskritik in Verschwörungsideologie umschlägt.
Von dieser Grenze weiß der Beschluss nichts.
Stattdessen stehen „Kapitalinteressen“ den „Menschenrechten“
gegenüber, als ließe sich das Kapital wie der Bösewicht eines schlechten Films
hinter dem Vorhang entdecken. Gerade eine materialistische Linke müsste wissen,
dass Kapitalismus nicht deshalb Kapitalismus ist, weil schlechte Menschen
beschlossen haben, Profitinteressen zu verfolgen. Eine antisemitismuskritische
Linke müsste außerdem wissen, welche mörderische Karriere die Vorstellung
gemacht hat, hinter abstrakter Herrschaft müsse ein konkreter Herrscher
stecken.
Was aus der großen Diagnose praktisch folgt, ist dafür
erstaunlich übersichtlich: „Awareness- und Antidiskriminierungsstrukturen“,
„niedrigschwellige Ansprechpersonen“, „externe Expertise und Mediation“,
„Monitoring“, Repräsentation und Teilhabe.
Gegen Beschwerdestellen ist so wenig einzuwenden wie gegen
Feuerlöscher. Man sollte nur nicht glauben, mit der Anschaffung des
Feuerlöschers die Theorie des Feuers erledigt zu haben.
Der Beschluss diagnostiziert Kapitalismus, globale
Machtverhältnisse und strukturelle Unterdrückung – und landet bei Awareness und
Monitoring. Die Weltgesellschaft tritt auf und bekommt eine Ansprechperson.
Noch aufschlussreicher ist, was nach der Erwähnung des
Antisemitismus geschieht: nichts.
Kein eigener Beschlusspunkt. Keine Analyse antisemitischer
Ideologie. Keine antisemitismusspezifische Bildungsarbeit. Kein Wort über
Verschwörungsdenken oder linken Antisemitismus. Kein Wort über Antizionismus
oder Israel. Kein Wort über die Shoah.
Ein deutscher Parteivorstand schreibt 2026 einen
Grundsatzbeschluss, in dem Antisemitismus vorkommt, ohne dass Auschwitz für
dessen Begriff irgendeine erkennbare Bedeutung hätte.
Das muss man erst einmal fertigbringen.
Dass diese Leerstelle kein Zufall ist, zeigt ein Blick in
Bernd Riexingers und Raul Zeliks Broschüre Was
ist Sozialismus heute? „Befreiung kann es nur als gemeinsames, plurales
und universelles Emanzipationsprojekt aller Unterdrückten geben“, heißt es
dort.
Das klingt vollständig, gerade weil es niemanden
ausdrücklich ausschließt. Umso bemerkenswerter ist, wer in der dazugehörigen
Theorie nicht als solcher vorkommt. Juden sind unter „allen Unterdrückten“
abstrakt mitgemeint; die Ideologie aber, die sie als Juden verfolgt und in
Deutschland und Europa zu vernichten suchte, erhält keinen eigenen Begriff.
Antisemitismus erscheint weder als eigenständige Ideologie noch als historische
Erfahrung oder Gegenwartsproblem.
Das ist mehr als eine vergessene Ergänzung. Ein
Universalismus, der alle Unterdrückten einschließt, aber nicht erklären kann,
warum der Antisemit ausgerechnet seine Opfer zu den heimlichen Herrschern
erklärt und ihre Vernichtung als Befreiung imaginiert, scheitert an dem
Gegenstand, den er zu umfassen behauptet.
Antisemitismus ist bei Riexinger und Zelik deshalb nicht
falsch eingeordnet. Er ist gar nicht eingeordnet.
Der Parteivorstand hat dieses Problem nun auf bemerkenswerte
Weise gelöst: Er hat das Wort hineingeschrieben.
Der tiefere Fehler bleibt.
Denn das Raster heißt weiterhin: Unterdrückte hier,
Privilegierte dort; Diskriminierung hier, strukturelle Macht dort. Ausgerechnet
Antisemitismus sprengt dieses Schema. Er verfolgt Menschen, indem er sie zu den
Mächtigen erklärt. Juden können als „weiß“, wohlhabend oder gesellschaftlich
erfolgreich wahrgenommen werden und gerade deshalb in der antisemitischen
Phantasie als Beweis ihrer angeblichen Herrschaft gelten.
Wer nur gelernt hat, nach unten zu schauen, um das Opfer zu
finden, erkennt den Antisemitismus womöglich gerade dann nicht, wenn dieser ihm
erklärt, sein Opfer sitze oben.
Das wäre belanglos, ginge es nur um Terminologie. Politisch
gefährlich wird es, sobald eine Linke nicht mehr erkennt, dass Antisemitismus
sich nicht ausschließlich rechts von ihr befindet. Er kann sich
antikapitalistisch geben, gegen „Finanzeliten“ agitieren, sich
antiimperialistisch kostümieren und behaupten, lediglich Macht zu kritisieren.
Revolutionäres Vokabular ist kein Impfstoff gegen Judenhass.
Die Arbeiterbewegung wusste das früher besser. 1917
warnte der russische Sowjetkongress vor der „Tendenz des Antisemitismus, sich
hinter radikalen Losungen zu verstecken“. Die Einsicht war einfach:
Revolutionäre Rhetorik schützt nicht vor Judenhass. Sie kann ihn sogar tarnen.
Diese Einsicht fehlt heute nicht vollständig. Sie wird nur
ungern angewandt – wenn sie die eigene Seite betrifft.
Hundertneun Jahre später verabschiedet der Vorstand einer
deutschen sozialistischen Partei einen Antirassismusbeschluss, der für genau
diese Möglichkeit keinen Begriff besitzt.
Das ist die eigentliche Blamage.
Nicht, dass Juden vergessen worden wären. Vergessenes könnte
man ergänzen. Antisemitismus wurde vielmehr in ein theoretisches System
aufgenommen, das ihn seiner Besonderheit entledigt. Man hat ihn nicht
ausgeschlossen, sondern erfolgreich integriert.
Bei Riexinger und Zelik fehlte Antisemitismus als
eigenständiges Verhältnis. Im Beschluss steht er im Text und verschwindet im
Allgemeinbegriff des Rassismus. Aus Abwesenheit ist Subsumtion geworden.
Über allem schwebt der Universalismus: „Sicherheit, Teilhabe
und Würde für alle Menschen“ verspricht der Beschluss.
Wer wollte widersprechen?
Nur besteht die Aufgabe materialistischer
Gesellschaftskritik nicht darin, unanfechtbare Sätze zu produzieren. „Würde für
alle“ ist ebenso richtig wie „Frieden wäre schön“. Interessant wird Politik
dort, wo sie erklären muss, warum das Richtige nicht geschieht und welche
gesellschaftlichen Formen das Falsche annimmt.
Beim Antisemitismus verweigert der Beschluss diese Arbeit.
Er weiß, dass es Antisemitismus gibt. Er sagt nicht, was
er ist.
Deshalb weiß er auch nicht, was antisemitismuskritische
Praxis von allgemeiner Antidiskriminierungsarbeit unterscheiden müsste. Einen
antisemitischen Vorfall kann man verwalten. Ob man die antisemitische
Welterklärung erkennt, sobald sie im Vokabular von Emanzipation,
Kapitalismuskritik, Antiimperialismus und Befreiung erscheint, ist eine andere
Frage.
Für eine deutsche Linke ist das keine theoretische Fußnote.
Es ist die entscheidende Prüfung.
Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass der Antisemit sich
Antirassist nennt, wie das Beispiel Malcolm X, der unbestreitbar Antirassist
was und zugleich an die Protokolle der Weisen von Zion glaubte, zeigt
Kapitalismuskritik
wird nicht dadurch materialistisch, dass sie von „Macht“ und „Profiten“ spricht.
Und Universalismus wird nicht dadurch universal, dass er jede Besonderheit
unter Allgemeinbegriffe sortiert, bis von ihr nichts mehr übrig ist.
Der Parteivorstand wollte beweisen, dass Antirassismus keine
Identitätspolitik sei.
Beim Antisemitismus hat er vor allem bewiesen, dass man ein
Wort sehr deutlich aussprechen und seinen Gegenstand trotzdem übersehen kann.