Stuttgarter Demo: Der 7. Oktober ohne jüdische Opfer

TL;DR: Ein von Die Linke Stuttgart unterzeichneter Demonstrationsaufruf erklärt den 7. Oktober zum „Tag des Genozids“, erwähnt aber weder das Massaker der Hamas noch die ermordeten, zumeist jüdischen, Israelis oder die verschleppten Geiseln. Das Problem ist nicht die Solidarität mit Palästinenser:innen und auch nicht die Kritik an israelischer Politik. Es ist eine antiimperialistische Erzählung, in der Israel dauerhaft als Täter erscheint, während „palästinensischer Widerstand“ und sogar das größte Antisemitische Massaker seit dem 8. Mai 1945 zur moralisch entlasteten Gegenkraft wird. Die entscheidende Frage ist deshalb: Warum braucht eine Linke wieder eine Seite, deren Verbrechen sie nicht sehen muss?

Grafische Montage eines Aufrufs zu einer Demonstration am 7. Oktober 2026 in Stuttgart. Das Plakat mit politischen Motiven und zahlreichen Organisationslogos ist mit einem großen roten Kreuz durchgestrichen. Darüber steht in großer weißer Schrift: „Stuttgart: Der 7. Oktober ohne jüdische Opfer“.

Ein von der Partei Die Linke unterzeichneter Stuttgarter Demonstrationsaufruf lügt den Jahrestag des Massakers der Hamas und ihrer verbündeter an israelischen, zumeist Jüdischen, Zivilist:innen Faktenfrei zum Beginn des „Genozids in Gaza“ um. Das Hamas-Massaker, ermordete israelische, zumeist jüdische, Zivilisten und die Geiseln? Sie kommen in dem von dem Kreisverband des Parteivorsitzenden Die Linke, Luigi Pantisano, unterschriebenen „Demoaufruf“ nicht vor.

Der Demonstrationsaufruf „Gegen Genozid, ethnische Säuberung und imperiale Kriege in Palästina, Westasien und international“, unterzeichnet von Die Linke Stuttgart und der Linksjugend Stuttgart, zum 7. Oktober 2026 vollbringt ein bemerkenswertes historiografisches Kunststück. Er spricht über den 7. Oktober, ohne das Ereignis zu benennen, das dieses Datum geprägt hat. Das Massaker der Hamas kommt nicht vor. Ebenso wenig die ermordeten israelischen Zivilist:innen oder die verschleppten Geiseln. Stattdessen setzt die Erzählung an einem anderen Punkt ein: „Am 7. Oktober 2023, also vor 3 Jahren begann mit dem Genozid in Gaza ein neuer Höhepunkt der seit 1948 anhaltenden Nakba“.

Diese Leerstelle ist kein nebensächliches Versäumnis. Sie trägt die gesamte Argumentation. Erst wenn der konkrete 7. Oktober aus dem Bild verschwindet, lässt sich sein Datum vollständig als Symbol israelischer Schuld neu besetzen.

Ein Jahrestag, dem das Ereignis fehlt

Dafür muss niemand palästinensisches Leid leugnen oder die israelische Kriegsführung verteidigen. Tote Zivilisten, Vertreibung, Zerstörung, Siedlergewalt und Blockade gehören in eine Kritik israelischer Politik. Umso auffälliger ist die Auswahl des Aufrufs: Israelische Gewalt wird mit Zahlen, Orten und historischen Linien beschrieben. Die Gewalt der Hamas und ihrer Verbündeter bleibt dagegen unsichtbar.

Man muss den Autor:innen deshalb keine heimliche Begeisterung für das Massaker unterstellen. Das wäre ohnehin die weniger interessante Kritik. Die Konstruktion des Textes funktioniert einfacher: Was nicht erwähnt wird, muss weder erklärt noch gerechtfertigt werden.

Umso klarer tritt ein anderes historisches Subjekt hervor. Die Rede ist von „der kolonialistischen zionistischen Bewegung sowie dem Staat Israel“, deren Versuch, „die palästinensischen Lebensgrundlagen, Land, Kultur und Geschichte zu zerstören“, seit 1948 andauere. Unterschiedliche Regierungen, gesellschaftliche Konflikte und politische Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg verschmelzen damit zu einer durchgehenden Tätergeschichte. „Zionismus“ ist hier kaum noch ein historischer Gegenstand, den es zu untersuchen gilt. Der Begriff enthält bereits die Erklärung.

Auf der anderen Seite werden Unterschiede gerade nicht herausgearbeitet. Dort heißt es am Ende nur: „Solidarisieren wir uns mit dem palästinensischen Widerstand gegen Genozid und ethnische Säuberung !“. Aber welcher Widerstand ist gemeint? Welche politischen Ziele und welche Mittel umfasst er? Und wo endet diese Solidarität? Ein Aufruf ausgerechnet zum 7. Oktober sieht keinen Grund, das zu klären.

Wie „Widerstand“ Gewalt unsichtbar macht

Genau darin liegt der politische Nutzen dieser Unschärfe. Israel erscheint möglichst konkret als historischer Täter, während der „Widerstand“ als möglichst offene Gegenkategorie stehen bleibt. Dadurch gelten für Gewalt zwei verschiedene Maßstäbe: Auf der einen Seite wird sie zum Ausdruck einer historischen Kontinuität. Auf der anderen verschwindet sie hinter einem politischen Sammelbegriff.

Damit kehrt eine Denkfigur zurück, gegenüber der eine Linke eigentlich besonders misstrauisch sein müsste: die Vorstellung vom guten Völkischen Kollektiv. Hier „der Zionismus“, Israel und der „demokratische Westen“, dort die Unterdrückten und ihr Widerstand. Gesellschaftliche Widersprüche schrumpfen zu einem Moralstück, dessen Rollen längst verteilt sind.

Eine materialistische Kritik könnte es sich nicht so leicht machen. Sie müsste gleichzeitig festhalten können, dass palästinensisches Leid die Hamas nicht zu einer emanzipatorischen Kraft macht und dass die Verbrechen der Hamas israelische Staatsgewalt nicht legitimieren. Palästinensische Zivilist:innen sind nicht Hamas. Israelische Zivilist:innen sind nicht die israelische Regierung. Besatzung und Krieg machen Nationalismus nicht dadurch progressiv, dass er auf der vermeintlich richtigen Seite steht.

Kaum ein Datum würde stärker dazu zwingen, diese Unterschiede ernst zu nehmen, als der 7. Oktober. Der Aufruf tut das Gegenteil. Ist das größte Antisemitische Massaker seit dem 8. Mai 1945 erst aus der Erzählung gestrichen, kann „Widerstand“ wieder zu jener angenehm unbestimmten moralischen Kategorie werden, bei der die Frage, wer konkret was getan hat, gar nicht mehr gestellt werden muss.

Antisemitismus erscheint nur noch als Vorwurf

Die vielleicht aufschlussreichste Passage liefert der Aufruf selbst: „Protestieren wir gegen den Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs zur Verschleierung von Kriegsverbrechen und Genozid !“.

Dass Antisemitismusvorwürfe politisch instrumentalisiert werden können, ist möglich. Bemerkenswerter ist die Asymmetrie im Text. Für einen möglichen Missbrauch des Vorwurfs ist er ausgesprochen sensibel. Die Möglichkeit von Antisemitismus im eigenen politischen Umfeld kommt dagegen überhaupt nicht in den Blick. Antisemitismus erscheint ausschließlich als Anschuldigung gegen Palästinasolidarität, nicht als etwas, das auch im eigenen Antizionismus zum Problem werden könnte.

Dafür muss man niemandem persönlichen Judenhass zuschreiben. Ein Blick auf die politische Perspektive des Textes reicht. „Zionismus“ erscheint als über Jahrzehnte konstantes Tätersubjekt. Israelische Gewalt wird historisch eingeordnet und kollektiv zugerechnet. Gewalt gegen Israelis kann dagegen selbst am Jahrestag des Massakers vollständig aus der Darstellung verschwinden. Man braucht also nicht über verborgene Motive der Autoren zu spekulieren. Das Problem zeigt sich in dem, was der Text sagt, und noch deutlicher in dem, was er auslässt.

Dass unter den Unterstützern der Mobilisierung unter anderem die Linksjugend solid Stuttgart und Die Linke Stuttgart genannt werden, verschärft den Widerspruch. Eine Linke, deren Anspruch einmal darin bestand, Nation, Volk und historische Erlösungskollektive grundsätzlich mit Misstrauen zu betrachten, findet hier erneut eine Seite, mit der sie sich mit  Nation, Volk und einem historischen Erlösungskollektiv ohne erkennbare Abgrenzung solidarisieren kann. Die alte Autoritär Linke Sehnsucht nach dem richtigen Volk kehrt zurück, diesmal in der Sprache des richtigen Widerstands.

Darin liegt die politische Regression dieses Aufrufs. Nicht darin, dass er israelische Verbrechen anklagt. Sondern darin, dass seine Erzählung nur funktioniert, wenn die Verbrechen der anderen Seite nicht einmal mehr vorkommen. So entsteht ausgerechnet am 7. Oktober ein 7. Oktober ohne ermordete Israelis.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Auf wessen Seite steht ihr? Sondern: Warum braucht ihr überhaupt wieder eine Seite, deren Verbrechen ihr nicht sehen müsst?

 

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