Links sein schützt nicht vor Antisemitismus

TL;DR: Eine linke Haltung ist keine Immunisierung gegen Antisemitismus. Wo nicht konkrete israelische Politik kritisiert wird, sondern „der Zionismus“ zum allgegenwärtigen Feindbild gerät, kann Gesellschaftskritik in Ressentiment umschlagen. Eine emanzipatorische Linke muss deshalb beides zusammenbringen: die Rechte der Palästinenser verteidigen und jüdische Selbstbestimmung anerkennen. Solidarität mit Israel bedeutet dabei nicht, jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutzuheißen. Es bedeutet zunächst, zwischen Kritik an einem Staat und der Forderung nach seiner Abschaffung zu unterscheiden.

Politische Grafik auf dunkelviolettem Hintergrund. Oben steht groß „Gegen jeden Antisemitismus“. Darunter lautet die zentrale Botschaft in weißen, roten und schwarzen Schriftblöcken: „Links sein schützt nicht vor Antisemitismus“. Links unten ist ein stilisiertes Megafon abgebildet, aus dem rote Schallzeichen hervorgehen.


Links sein schützt nicht vor Antisemitismus: Warum linke Israelkritik palästinensische Rechte und jüdische Selbstbestimmung verbinden muss.

Eine der bequemsten Erzählungen innerhalb der deutschen Linken lautet ungefähr so: Wer links ist, kann kein Antisemit sein. Antisemitismus, das ist etwas für Nazis, Rechte und Reaktionäre. Linke stehen gegen Rassismus, Faschismus und Kapitalismus, also selbstverständlich auch gegen Antisemitismus.

Die eigene Haltung gilt damit schon als Beweis.

Nur hält sich Antisemitismus leider nicht an diese politische Arbeitsteilung.

Das Etikett „links“ ist schnell vergeben. Und manchmal genügt es, um Ressentiments als Gesellschaftskritik erscheinen zu lassen, Feindbilder als Herrschaftskritik und Gewaltfantasien als Befreiung. Was andernorts Nation heißt, wird zum Volk; aus Krieg wird Widerstand; und wo früher von Juden die Rede war, kann heute von Zionisten gesprochen werden.

Modernisiert hat sich dann vor allem die Sprache.

Genau deshalb schützt eine linke Selbstbeschreibung nicht vor Antisemitismus. Im Gegenteil: Sie kann ihm sogar ein gutes Gewissen verschaffen.

Wenn das Kapital plötzlich ein Gesicht bekommt

Moderner Antisemitismus erschöpft sich nicht in gewöhnlicher Feindseligkeit gegenüber Juden. Er funktioniert auch als Erklärung der Welt. Abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse werden dabei auf handelnde Personen oder Gruppen reduziert. Kapital, Finanzmärkte, Krisen und Macht erscheinen nicht länger als komplizierte Strukturen, sondern als Ergebnis gezielter Machenschaften. Irgendjemand, so die Vorstellung, muss im Hintergrund die Fäden ziehen.

Das macht Ressentiments so attraktiv: Sie verwandeln eine schwer durchschaubare Welt in eine scheinbar einfache Geschichte.

Auch Kapitalismuskritik ist davor nicht geschützt. Sobald sie gesellschaftliche Verhältnisse durch die Suche nach Strippenziehern ersetzt, wird aus Analyse schnell Verschwörungsdenken. Aus Kapital wird der Kapitalist, daraus der Spekulant, dann eine Clique und schließlich ein internationales Komplott.

Das funktioniert auch mit linkem Vokabular.

Ein Satz aus dem Umfeld der BAG Palästina Solidarität führt diese Denkweise unfreiwillig vor: „Der Zionismus – unterstützt von Kapital und Ideologie – ist auch für die deutsche Arbeiterklasse eine der größten Gefahren.“

Man sollte diesen Satz nicht weginterpretieren. Man sollte ihn ernst nehmen.

Die Gefahr für die Arbeiterklasse geht hier nicht vom Kapitalverhältnis aus, sondern vom „Zionismus“, der seinerseits vom „Kapital“ gestützt werde. Welches Kapital gemeint ist und wie diese Unterstützung konkret funktionieren soll, bleibt offen. Aus einem gesellschaftlichen Verhältnis wird eine handelnde Macht, die hinter einer politischen Bewegung steht.

Der Satz trägt marxistisches Vokabular, aber seine Logik ist eine andere.

Der zentrale Gegensatz verläuft plötzlich nicht mehr zwischen Kapital und Arbeit, sondern zwischen der deutschen Arbeiterklasse und einem angeblich vom Kapital getragenen Zionismus. Eine abstrakte gesellschaftliche Struktur wird personalisiert, das internationale Kapital bekommt einen politischen Verbündeten, und am Ende führt die Spur ausgerechnet zur politischen Selbstorganisation von Juden.

Das Wort „Jude“ muss dabei gar nicht fallen, damit eine antisemitische Denkfigur wiederkehrt. Auch Ressentiments passen ihren Wortschatz der Zeit an.

Auschwitz hat diese Denkweise nicht wie einen logischen Irrtum aus der Welt geschafft. Es hat gezeigt, welche Konsequenzen sie annehmen kann. Adornos Forderung, Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, verlangt deshalb mehr als Erinnerungskultur. Sie verlangt auch Wachsamkeit gegenüber Vorstellungen, in denen Juden oder das Jüdische erneut zum universellen Schlüssel für gesellschaftliches Übel gemacht werden.

Damit führt die Frage zwangsläufig zu Israel.

Israel kritisieren heißt nicht, Israel abschaffen

Der politische Zionismus begann nicht 1948. Er entwickelte sich im Europa des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Erfahrung, dass Aufklärung und rechtliche Gleichstellung den Antisemitismus keineswegs beseitigt hatten. Pogrome im zaristischen Russland und die Dreyfus-Affäre gehörten zu den Erfahrungen, aus denen Leo Pinsker, Theodor Herzl und andere den Schluss zogen, jüdische Emanzipation dürfe nicht allein vom Wohlwollen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft abhängen.

Auschwitz bestätigte dieses Misstrauen auf entsetzliche Weise.

Israel ist deshalb einerseits ein Staat wie andere. Es gibt Regierungen und Opposition, Polizei und Militär, Kapital und Klassen, Parteien und gesellschaftliche Konflikte. Nichts davon steht außerhalb politischer Kritik.

Andererseits erfüllt Israel für Juden eine besondere Funktion: Es bietet einen Ort, an dem jüdische Sicherheit nicht ausschließlich davon abhängt, ob eine Mehrheitsgesellschaft bereit und fähig ist, sie zu garantieren.

Israelsolidarität ist deshalb kein Abonnement auf die Politik israelischer Regierungen.

Man kann den Siedlungsbau kritisieren, militärische Entscheidungen verurteilen, einen palästinensischen Staat fordern und sich entschieden für die Rechte palästinensischer Zivilisten einsetzen. Zwischen solchen Positionen und der Forderung, Israel solle verschwinden, liegt jedoch ein grundlegender Unterschied.

Die Berliner Auseinandersetzung zeigt, worum es dabei geht. In den zugrunde liegenden Texten werden aus dem Umfeld der Linkspartei Parolen wie „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ dokumentiert. Hannah Bruns wird mit dem Satz zitiert: „Die Befreiung Palästinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt!“

Entscheidend ist hier das unscheinbare Wort „wieder“.

Tel Aviv ging aus der 1909 gegründeten Siedlung Ahuzat Bayit hervor. Jüdische Familien verteilten damals Grundstücke des neu entstehenden Viertels untereinander; das Gebiet stand zu dieser Zeit unter osmanischer Herrschaft. Eine frühere palästinensische Staatshoheit über Tel Aviv, zu der die Stadt im wörtlichen Sinne „wieder“ zurückkehren könnte, ergibt sich aus dieser Geschichte nicht.

Das kleine Wort konstruiert damit eine Vergangenheit, durch die eine gewünschte Zukunft als bloße Wiederherstellung erscheint.

Wer israelische Siedlungspolitik kritisiert, spricht über israelische Politik. Wer einen souveränen palästinensischen Staat verlangt, formuliert ein politisches Ziel. Wer dagegen die „Befreiung Palästinas“ bis nach Tel Aviv führen will, stellt eine andere Frage: nicht mehr, was Israel tun soll, sondern ob Israel überhaupt bestehen soll.

Beim Begriff „Intifada“ hilft auch der Verweis auf seine wörtliche Übersetzung nur begrenzt. Das arabische Wort lässt sich ungefähr mit „Abschütteln“ wiedergeben. Aber politische Begriffe bestehen nicht nur aus ihrer Etymologie. Sie tragen ihre Geschichte mit sich.

Zur zweiten Intifada gehörten unter anderem Selbstmordanschläge auf Busse, Cafés und Restaurants. Gleichzeitig starben bei israelischen Militäroperationen zahlreiche Palästinenser. Damit ist keine Gesamtbewertung des Konflikts vorgenommen. Es erklärt aber, warum „Intifada“ im politischen Gebrauch keine historisch unbelastete Vokabel ist.

Das Wörterbuch kann diese Geschichte nicht ausradieren.

Gerade beim Nahostkonflikt beruft sich ein Teil der Linken auffällig gern auf den reinen Wortsinn. Materialistische Kritik besteht sonst darauf, Begriffe aus ihrer Geschichte und gesellschaftlichen Praxis heraus zu verstehen. Hier dagegen soll „Intifada“ lediglich Abschütteln bedeuten, „Widerstand“ schon als solcher fortschrittlich sein und „Befreiung“ automatisch emanzipatorisch klingen.

Doch auch Bewegungen, die sich als Befreiungsbewegungen verstehen, können nationalistisch, autoritär, fundamentalistisch oder antisemitisch sein.

Der Feind meines Feindes wird dadurch noch nicht zu meinem Genossen.

Wenn Gaza zum Universaladapter wird

Eine emanzipatorische Linke müsste zunächst etwas aushalten, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Unterschiede.

Palästinenser haben Rechte. Israelis haben Rechte. Ein palästinensisches Kind verliert sein Recht auf Leben nicht, weil die Hamas Terror verübt. Ebenso wenig wird ein israelischer Zivilist zum legitimen Angriffsziel, weil die israelische Regierung Krieg führt. Universelle Rechte verlieren ihren Sinn, wenn sie nur für die politisch bevorzugte Seite gelten.

Dasselbe gilt für nationale Selbstbestimmung. Wer dieses Recht Palästinensern zugesteht, kann es Juden nicht ohne Weiteres verweigern. Es ist möglich, einen palästinensischen Staat zu unterstützen und zugleich für den Fortbestand Israels einzutreten. Ebenso kann man das Leid der Menschen in Gaza sehen und benennen, ohne islamistischen Terror nachträglich als emanzipatorischen Widerstand umzudeuten.

Das ist komplizierter als eindeutiges Lagerdenken. Genau deshalb ist es politisch anspruchsvoller.

Teile des sogenannten Antiimperialismus bevorzugen eine einfachere Ordnung der Welt: hier der Westen, dort seine Opfer. Israel wird dem Westen zugerechnet, ebenso die NATO, die Bundeswehr gehört wiederum zur NATO, und schon lassen sich Gaza, Rheinmetall und eine Bundeswehrübung in Hamburg in eine gemeinsame Erzählung einbauen.

Gaza wird so zum Universaladapter für längst vorhandene Feindbilder.

An diesem Punkt kann vermeintliche Analyse die Struktur des Ressentiments annehmen. Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Palästinasolidarität selbstverständlich ebenfalls nicht. Die Grenze wird dort relevant, wo konkrete Kritik in eine Totalerklärung umschlägt: Israel erscheint dann nicht mehr als realer Staat mit einer widersprüchlichen Gesellschaft, politischen Konflikten und wechselnden Regierungen, sondern als Verkörperung einer übermächtigen westlichen, imperialistischen oder kapitalistischen Ordnung.

Aus Israel wird dann „der Zionismus“. Gesellschaftliche Herrschaft verwandelt sich in „das Kapital“, das diesen Zionismus angeblich trägt. Und die politische Selbstorganisation von Juden erscheint plötzlich als besondere Gefahr.

Die Begriffe sind neu. Die Struktur dahinter kann sehr alt sein.

Der klassische Antisemitismus konnte Juden zugleich als Bolschewisten und Finanzkapitalisten imaginieren, als wurzellos und verschworen, schwach und allmächtig. Ähnlich widersprüchliche Konstruktionen können Israel heute gleichzeitig zum Außenposten des Westens, zu dessen Werkzeug und zum heimlichen Lenker westlicher Politik erklären.

Der innere Widerspruch widerlegt das Ressentiment für seine Anhänger nicht.

Er gehört zu seiner Funktionsweise.

Israelsolidarität ohne Heiligenschein

Wie kann also eine linke Haltung zu Israel aussehen, die antisemitische Denkweisen vermeidet?

Sie muss zwei Gedanken gleichzeitig zulassen. Israel ist ein Staat und deshalb selbstverständlich Gegenstand politischer Kritik. Zugleich ist Israel ein jüdischer Staat, dessen Entstehungs- und Existenzgeschichte untrennbar mit der Erfahrung antisemitischer Verfolgung verbunden ist.

Aus Israels Existenz folgt keine Pflicht, jede Handlung einer israelischen Regierung zu unterstützen. Umgekehrt folgt aus berechtigter Kritik an solchen Handlungen kein Recht, jüdische Staatlichkeit als solche zum Verbrechen zu erklären.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob jemand Israel kritisiert. Kritik allein ist noch kein politisches Gütesiegel. Entscheidend ist, was kritisiert wird, nach welchem Maßstab und mit welcher Konsequenz.

Geht es um eine Regierung, ein Gesetz, die Siedlungspolitik oder eine konkrete militärische Operation? Oder erscheint Israel als einzigartiges Übel, dessen Verschwinden bereits als „Befreiung“ gilt? Wird Juden dieselbe politische Subjektivität zugestanden wie anderen? Lassen sich palästinensische Zivilisten verteidigen, ohne diejenigen zu romantisieren, die israelische Zivilisten ermorden?

Eine linke Selbstbeschreibung beantwortet keine dieser Fragen von selbst.

Marx schützt nicht automatisch vor Antisemitismus. Antifaschismus tut es ebenfalls nicht. Dasselbe gilt für Palästinasolidarität. Selbst die aufrichtige Überzeugung, Antisemitismus abzulehnen, verhindert nicht zwangsläufig, dass antisemitische Vorstellungen reproduziert werden.

Die eigene Gesinnung ist kein Persilschein.

Eine emanzipatorische Linke müsste weder israelische Fahnen verbrennen noch eine Regierung allein deshalb verteidigen, weil sie israelisch ist. Sie kann gegen Besatzung eintreten, ohne Tel Aviv zum besetzten Gebiet zu erklären. Sie kann palästinensische Selbstbestimmung unterstützen, ohne jüdische Selbstbestimmung beseitigen zu wollen. Und sie kann gegen israelische Kriegsführung protestieren, ohne Gewalt gegen israelische Zivilisten als Notwehr zu verklären.

Vor allem muss sie den Unterschied zwischen der Kritik an den Handlungen eines Staates und der Forderung nach dem Ende dieses Staates erkennen.

„Nie wieder“ ist schließlich mehr als ein Satz für Gedenkveranstaltungen. Politische Bedeutung gewinnt er dort, wo jüdisches Leben nicht davon abhängig bleibt, dass andere versprechen, im entscheidenden Moment rechtzeitig Schutz zu gewähren.

Antisemitismus verschwindet nicht, weil jemand sich Links oder Antifaschist nennt. Nationalismus wird nicht automatisch progressiv, wenn die vermeintlich richtige Fahne über ihm weht. Fundamentalismus wird nicht emanzipatorisch, nur weil er sich gegen westliche Staaten richtet. Und die Forderung, Juden sollten ihren Schutzstaat verlieren, erhält keinen humanistischen Gehalt dadurch, dass sie unter dem Begriff „Befreiung“ auftritt.

Politische Begriffe sind keine Waschmaschinen.

Eine Linke, die ihren emanzipatorischen Anspruch ernst meint, muss Antisemitismus deshalb gerade dann erkennen können, wenn er sich der Sprache ihrer eigenen Tradition bedient: antikapitalistisch, antiimperialistisch, revolutionär oder antikolonial.

Genau dort zeigt sich, ob „Nie wieder“ Erkenntnis bleibt oder zur bloßen Parole wird.

Israelsolidarität bedeutet weder Beifall für eine bestimmte Regierung noch Schweigen über Krieg, Besatzung oder palästinensisches Leid. Sie beginnt mit einer wesentlich schlichteren Einsicht: Jüdisches Leben darf nicht erneut davon abhängig werden, dass der Rest der Welt verspricht, dieses Mal rechtzeitig einzugreifen.

Man kann als Linker Staaten grundsätzlich für eine schlechte Einrichtung halten. Man kann sich eine Welt wünschen, in der niemand einen Schutzstaat benötigt.

Nur sollte diese Welt zuerst Wirklichkeit werden.

Bevor ausgerechnet Juden auf ihren verzichten sollen.

 

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