Kampf gegen Antisemitismus als Verrat an der Basis?
TL;DR: Die LAG Palästinasolidarität Sachsen erklärt Christian Schafts Eingeständnis eines Antisemitismusproblems in der Linken zum Verrat an der Basis. Die Polemik zeigt die Widersprüche dieses Framings: Antisemitismuskritik wird als „Staatsräson“ verdächtigt, innerparteilicher Pluralismus nur selektiv eingefordert und konkrete Belege für behauptete Doppelstandards fehlen. Eine glaubwürdige Linke muss zugleich palästinensische Rechte verteidigen, israelische Regierungspolitik kritisieren und Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpfen.
Ein Instagram-Post der LAG Palästinasolidarität Sachsen
gegen den Thüringer Linken Fraktionsvorsitzenden Christian Schaft zeigt vor
allem eines: Widerspruch gegen das eigene Weltbild wird schnell zum politischen
Verrat erklärt.
Der Instagram-Post der LAG
Palästinasolidarität Sachsen mit dem Titel „Rechter Parteiflügel ♥
Bürgerliche Presse“ zeichnet Christian Schaft
als rechten Funktionär, der sich bei Markus Lanz der „bürgerlichen Presse“
anbiedere und gegen die eigene Partei stelle. Liest man den Beitrag genauer,
liegt der eigentliche Konflikt jedoch woanders. Anstoß nimmt die LAG vor allem
daran, dass ein linker Fraktionsvorsitzender öffentlich sagt, seine Partei habe
ein Antisemitismusproblem und müsse sich damit auseinandersetzen. Schon dieses
Eingeständnis gilt ihr als „vollumfänglicher Ausverkauf seiner Genoss*innen“.
Damit sagt der Beitrag letztlich mehr über die Haltung
seiner Verfasser:innen aus als über Schaft. Auf Slide 3 wird
ihm vorgeworfen, der Thüringer Landesverband habe einen „Freundeskreis
Israel“ gegründet und gemeinsam mit anderen Fraktionen Anträge „gegen jeden
Antisemitismus“ eingebracht. Die Deutung folgt unmittelbar: Das sei „eine
Chiffre, um Kritik an Israel pauschal unmöglich zu machen“.
Gerade dieser Satz ist aufschlussreich. Der Post nennt
keinen konkreten Antrag, untersucht keine strittige Definition und zeigt auch
nicht, an welcher Stelle legitime Kritik an Israel tatsächlich unterdrückt,
worden sein soll. Stattdessen gerät bereits die Formel „gegen jeden
Antisemitismus“ unter Generalverdacht. Jeder, der Antisemitismus bekämpfen
will, erscheint damit für die der LAG-Palästinasolidarität Sachsen als
jemand, der Israelkritik verhindern möchte. So viel zur Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit
des Beschlusses des Bundesparteitages am 21. Juni 2026 „Nie
wieder“ heißt Verantwortung: Für Solidarität mit Jüdinnen und Juden – gegen
jeden Antisemitismus"
Natürlich lässt sich der Vorwurf des Antisemitismus
politisch instrumentalisieren. Ebenso selbstverständlich ist Kritik an
israelischer Regierungspolitik, Besatzung, Kriegführung oder Vertreibung nicht
automatisch antisemitisch. Gerade deshalb wäre eine präzise Unterscheidung
nötig. Eine linke Palästinasolidarität müsste beides leisten können.
Der Post geht den umgekehrten Weg. Sobald
Antisemitismus innerhalb der Linken zum Thema wird, fallen Begriffe wie
„Staatsräson“, „Anbiederung nach rechts“ oder „Diffamierung“. Aus einer
notwendigen politischen Auseinandersetzung wird so eine Frage der Loyalität.
Besonders deutlich
zeigt sich das an Lanz’ Frage: „Haben Sie in Ihrer Partei ein
Antisemitismus-Problem?“ Schaft antwortet: „Ja, haben wir, das gebe ich auch so
zu und das müssen wir auch bearbeiten […] Und das ist ein harter Kampf, den wir
führen müssen.“
Diese Einschätzung versucht der Post gar nicht erst zu
widerlegen. Er liefert kein Argument dafür, dass es in der Linkspartei kein
Antisemitismusproblem gebe. Er benennt keine erfundenen Fälle, keine haltlosen
Vorwürfe und keine falschen Maßstäbe. Zum Skandal wird vielmehr schon, dass
Schaft das Problem überhaupt ausspricht.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Wer meint, die
Partei habe kein entsprechendes Problem, kann dafür Gründe nennen. Wer
bereits das Benennen eines Problems als Angriff auf „Basis und Wähler*innen“
versteht, schützt die eigene Basis dagegen vor Kritik. Sie wird damit zum
politischen Schutzschild.
Auch der behauptete „Doppelstandard“ bleibt im Beitrag
weitgehend unbelegt. Die LAG schreibt,
Vertreter:innen des „rechten Parteiflügels“ könnten „folgenlos
auf ihren Genossinnen herumtrampeln“, während „junge, migrantische und
FLINTA*-Parteimitglieder“ für Social-Media-Posts sanktioniert würden. Solche
Ungleichbehandlungen können durchaus existieren. Der Post nennt jedoch
keinen vergleichbaren Fall, keine konkrete Sanktion und keinen gemeinsamen
Maßstab, anhand dessen sich die behauptete Ungleichbehandlung prüfen ließe. Die
genannten Identitätsmerkmale ersetzen an dieser Stelle die Begründung.
Noch deutlicher
wird der Widerspruch beim geforderten „innerparteilichen Pluralismus“.
Gleichzeitig verlangt die LAG von Mandatsträger*innen vor einer Wahl ein
„Mindestmaß an Solidarität“. Was darunter zu verstehen ist, folgt direkt
danach: Wer einen Medienauftritt nutze, um „eigene dogmatische Vorstellungen zu
verbreiten“, handle „egoistisch, strategisch dumm und menschlich fragwürdig“
und „schädige die Partei“.
Damit bekommt der Begriff Pluralismus enge Grenzen.
Er reicht offenbar nur so weit, wie öffentliche Äußerungen mit der eigenen
politischen Linie vereinbar bleiben. Sobald jemand offen widerspricht, wird aus
einer Meinungsverschiedenheit Parteischädigung. Das ist weniger ein Plädoyer
für Vielfalt als eine Forderung nach Disziplin innerhalb der Partei, allerdings
zugunsten der eigenen Position.
Als Gegenmodell präsentiert die LAG Jorinde Schulz.
Sie habe sich auf das „Framing“ des RBB „gar nicht erst eingelassen“ und zum
Songtitel „Stop The Genocide“ erklärt: „Der Genozid ist die Gewalt.“ Doch auch
hier tritt Entschiedenheit an die Stelle einer Begründung. Ob der Begriff
Genozid in diesem Zusammenhang zutrifft, ist eine rechtlich und politisch
umkämpfte Frage. Gewissheit allein entscheidet sie nicht. Und die Weigerung,
sich auf ein vermeintliches „Framing“ einzulassen, sagt noch nichts darüber
aus, ob die vertretene Position richtig ist.
Zum Schluss ordnet
der Post den Konflikt in ein moralisch eindeutiges Schema ein. Schaft steht
für „bücken vor der Staatsräson, Anbiederung nach rechts, Anpassung um jeden
Preis“. Schulz dagegen steht „für Menschenrechte“, „gegen den autoritären
Gesellschaftsumbau“ und für eine „glaubwürdige und antiimperialistische“
Politik.
Damit sind die Rollen verteilt, bevor die eigentliche
Debatte beginnt. Auf der einen Seite stehen Verrat, Unterwerfung und Anpassung,
auf der anderen Menschenrechte und politische Haltung. Für die Möglichkeit,
dass ein Linker zugleich palästinensische Rechte verteidigt, israelische
Regierungspolitik scharf kritisiert und Antisemitismus in der eigenen Partei
bekämpft, bleibt in diesem Bild kaum Raum.
Genau darin liegt das politische Problem. Der Post reduziert
Palästinasolidarität auf Lagerzugehörigkeit und behandelt bereits die
ausdrückliche Thematisierung von Antisemitismus als verdächtige Nähe zur
„Staatsräson“. Für jüdische Genoss*innen kann daraus die Botschaft entstehen,
dass ihre Sorge vor Antisemitismus nicht zuerst als politisches Problem ernst
genommen, sondern als möglicher Bestandteil einer gegnerischen Strategie
gelesen wird.
Diese Wirkung reicht über die Partei hinaus. Auch jüdischen
Menschen außerhalb der Linken kann ein solcher Umgang vermitteln, dass ihre
Sorgen angesichts antisemitischer Bedrohungen und Übergriffe nur so lange
Anerkennung finden, wie sie nicht mit bestimmten innerparteilichen Deutungen
kollidieren. Das steht in einem kaum aufzulösenden Widerspruch zu dem eigenenAnspruch der Partei: „Die Partei Die Linke steht als antifaschistische Partei
als Partnerin an der Seite von Jüdinnen und Juden im Kampf gegen jeden
Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens.“ Wenn parteieigene
Arbeitsgemeinschaften zugleich schon das Benennen und Bekämpfen von
Antisemitismus unter den Verdacht der „Staatsräson“ stellen, verliert ein
solches Bekenntnis erheblich an Glaubwürdigkeit.
Eine glaubwürdige Linke muss mehrere Dinge zugleich
aushalten und vertreten können: den Kampf gegen Entrechtung und Gewalt
gegenüber Palästinenser*innen, gegen antisemitische Projektionen, gegen
antimuslimischen Rassismus und gegen autoritäre staatliche Politik. Wer diese
Anliegen gegeneinander ausspielt, macht politische Analyse ärmer, nicht
radikaler.
Der Post endet mit der Frage, welchen Weg die Linke
einschlagen soll. Eine sinnvolle Antwort könnte damit beginnen, die vorgegebene
Alternative nicht zu akzeptieren. Weder „Staatsräson“ noch reflexhafte
Israel-Apologie sind linke Prinzipien. Ebenso wenig ist es links, jede
Beschäftigung mit Antisemitismus als bürgerliche Kampagne abzutun.
Christian Schaft kann für konkrete Aussagen, politische
Entscheidungen oder Fehler kritisiert werden. Dass er Antisemitismus in der
eigenen Partei als Problem benennt, ist keine Entwicklung nach rechts. Wer
schon darin „Anbiederung“ erkennt, liefert eher ein Argument dafür, warum diese
Debatte innerhalb der Linken geführt werden muss.