Issa Remmo, ein jüdische Gütesiegel und Linker Antisemitismus

TL:DR: Der Besuch Issa Remmos auf einer öffentlichen Wahlparty beweist keine politische Nähe zur Linken. Interessanter ist, wie die Partei über sich selbst spricht: Wenn eine jüdische Kandidatin als Beleg für „Diversität“ präsentiert wird, wird ausgerechnet ihre Herkunft zum politischen Gütesiegel. Wer beurteilen will, ob die Linke ein Antisemitismusproblem hat, sollte deshalb weniger auf Partygäste als auf Aussagen, Bündnisse und politische Praxis schauen. 

Politische Collage mit einem Foto einer gut besuchten Wahlparty, auf dem drei Männer im Vordergrund stehen. Darüber steht groß: „Issa Remmo, ein jüdisches Gütesiegel und Linker Antisemitismus“. Die Bildunterschrift bezeichnet zwei der Männer als Ferat Koçak und Ibrahim Ibrahim und enthält eine Aussage über dessen Unterstützung der PFLP. Darunter ist ein Post von Lea Reisner zu sehen, in dem sie schreibt, Die Linke Neukölln schicke eine der wenigen jüdischen Kandidatinnen ins Abgeordnetenhaus und mache damit die Vielfalt jüdischen Lebens sichtbar.


Issa Remmo auf einer Wahlparty beweist wenig. Aussagekräftiger wird es, wenn eine jüdische Kandidatin zum Diversitätsnachweis ihrer Partei gerät. Über Antisemitismus, Tokenismus und die sonderbare linke Sehnsucht nach dem richtigen Gütesiegel.

Ja, die Berliner Linke hat eine Antisemitismusdebatte. Aber der Besuch Issa Remmos auf einer ihrer Wahlpartys beweist ungefähr so zuverlässig politische Nähe wie der Besuch eines Taschendiebs im KaDeWe dessen Geschäftsmodell. Die Feier war öffentlich zugänglich, Remmo nach Angaben der Partei weder eingeladen noch auf einer Gästeliste. Landesgeschäftsführer Bjoern Thielebein erklärte sogar: „Typen wie er sind definitiv nicht Verbündete von uns.“ Ein Tweet der Bundestagsabgeordneten Lea Reisner ist deshalb interessanter.

Reisner freute sich darüber, dass der Bezirksverband Neukölln „eine der wenigen (vielleicht sogar die einzige?) Jüdin ins AGH“ schicke. Dadurch werde sichtbar, „wie divers jüdisches Leben in Deutschland ist“ und dass „Juden kein homogener Block“ seien.

Man muss ihr dankbar sein. Ohne diesen Hinweis hätte womöglich jemand geglaubt, die Juden Deutschlands verfügten über ein gemeinsames politisches Bewusstsein, morgens vom Zentralrat per Tagesbefehl ausgegeben.

Die Absurdität wird deutlicher, wenn man die Minderheit austauscht. Alice Weidel beweist als lesbische Frau weder die Liberalität der AfD noch die Vielfalt homosexueller Politik. Niemand würde ihre sexuelle Orientierung als Aufkleber „So divers ist queeres Leben“ auf die Parteipackung kleben. Warum soll eine jüdische Kandidatin für die Linke leisten, was eine lesbische Vorsitzende für die AfD nicht leisten kann?

Der Mensch soll nicht auf seine Herkunft reduziert werden und wird deshalb stolz als Herkunft präsentiert. Das Individuum soll zählen und erscheint als Exemplar seiner Gruppe. Auf der Packung steht: enthält jetzt auch jüdisches Leben.

Tokenismus wird nicht dadurch emanzipatorisch, dass das Token links sitzt.

Und dann kommt Remmo. Neben ihm soll Ibrahim Ibrahim gestanden haben. Dem Verein democ zufolge gehört Ibrahim zu den Unterstützern der PFLP in Deutschland; er trat außerdem als Vertreter des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees auf, das vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wird. Democ zufolge bezeichnete er Hamas-Chef Yahya Sinwar als „standhaften Führer“ und „Märtyrerhelden“. Bemerkenswert ist weniger, dass Ibrahim auf einer öffentlichen Wahlparty auftauchte, als dass er kein völlig unbekanntes Gesicht im politischen Umfeld war: Schon 2025 trat er laut t-online bei Veranstaltungen von Amnesty International und der Neuköllner Linken auf.

Damit wird aus dem Türsteherproblem ein politisches.

Denn die Vorgeschichte besteht nicht nur aus Fotos. Ende August hat bei einer Veranstaltung der Linken ein Rapper „Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“ gesungen haben. Spitzenkandidatin Elif Eralp nannte Gewalt- und Tötungsaufrufe anschließend „absolut inakzeptabel“ und erklärte, die Verantwortlichen in Neukölln hätten intervenieren müssen. Sie taten es laut t-online nicht. Die CDU wiederum behauptet, antisemitische und israelfeindliche Positionen seien in Teilen der Linken „strukturell verankert“, und fordert eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Das ist eine politische Forderung des Gegners, kein Beweis. Der nicht unterbundene Auftritt dagegen ist ein Vorgang, über den sich reden lässt.

Gerade deshalb ist Remmo die bequemere Geschichte. Ein Clan-Chef auf dem Foto erspart die Beschäftigung mit dem eigenen politischen Betrieb. Man kann ihn für unerwünscht erklären, und wahrscheinlich war er es tatsächlich. Schwieriger wird es bei Leuten, die schon vorher auf eigenen Veranstaltungen aufgetreten sind, oder bei Parolen, gegen die erst protestiert wird, nachdem niemand protestiert hat, als sie fielen.

Hier trifft sich der Antisemitismusstreit mit Reisners Diversity-Pädagogik. Wer politische Unbedenklichkeit durch Repräsentation beglaubigen möchte, macht Menschen zu Zertifikaten. Dann wird die jüdische Kandidatin zum Entlastungszeugen und der falsche Gast zum Belastungszeugen. Die politische Auseinandersetzung verwandelt sich in eine Warenprüfung: Jüdin drin, Remmo draußen, Haltung bestanden.

Beides ist Unsinn.

Eine jüdische Abgeordnete exkulpiert keine Partei vom Antisemitismus, so wenig ein Remmo auf der Tanzfläche ihn beweist. Entscheidend ist, welche Parolen auf eigenen Veranstaltungen geduldet, welche Akteure wiederholt eingeladen oder akzeptiert, welche Bündnisse geschlossen und welche Grenzüberschreitungen erst dann entdeckt werden, wenn eine Zeitung darüber schreibt.

Wer wissen will, ob die Linke ein Antisemitismusproblem hat, sollte deshalb nicht ihre Gäste zählen und erst recht nicht ihre Juden. Er sollte nachsehen, was ihre Funktionäre sagen, was auf ihren Veranstaltungen geschieht und wie sie reagieren, wenn es geschieht.

Dort beginnt Politik. Der Rest ist Diversity-Marketing mit anschließendem Türsteherproblem.


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