DER SPIEGEL: Marx widerlegt, Linke erledigt?

TL;DR: Christian Reiermann erklärt linke Reformpolitik kurzerhand zum Marxismus und deren vermeintliches Scheitern zur Widerlegung von Marx. Doch wer Mietpolitik, Umverteilung und Staatsintervention mit Marx’ Kapitalismuskritik gleichsetzt, widerlegt vor allem ein selbst geschaffenes Zerrbild.

Screenshot eines SPIEGEL-Artikels. Im oberen Bildausschnitt ist der rote Pullover einer Person mit zwei Halsketten zu sehen; ein goldener Anhänger trägt den Schriftzug „Mietendeckel“. Darüber steht in großer weißer Schrift: „DER SPIEGEL: Marx widerlegt, Linke erledigt?“. Darunter beginnt ein Meinungsbeitrag mit der Überschrift „Die drei Lebenslügen von Reichinnek, Eralp und Mamdani“ von Christian Reiermann.

Christian Reiermann erklärt in Der Spiegel vom 17. September unter dem Titel "Die drei Lebenslügen von Reichinnek, Eralp und Mamdani" Reformpolitik zur Wiederkehr des Marxismus à la DDR – und widerlegt dann Marx mit den Fehlern eines Programms, das er ihm selbst erst zugeschrieben hat.

Christian Reiermanns Polemik beginnt mit einem Gespenst und endet mit einem Kalauer. Dazwischen liegt eine geradlinige Beweisführung: Die neue Linke fordert Enteignungen, Umverteilung und mehr Staat; Marx gilt als geistiger Ahnherr; historische sozialistische Staaten scheiterten; also seien Marx und die heutigen Linken gemeinsam widerlegt. Der Text formuliert das ohne Zögern: „Es gibt wenig, was gründlicher in Theorie und Praxis widerlegt wurde als die Ideen von Karl Marx“. Gerade deshalb wäre zu bestimmen, welche Ideen gemeint sind: Marx’ Kritik der politischen Ökonomie oder ein Regierungsprogramm für Berliner Mieten und deutsche Erbschaftsteuern?

Die neue Linke erkenne reale Probleme wie Wohnungsnot und hohe Mieten, beantworte sie aber mit einem falschen Weltbild. Sie behandle Reichtum und Armut als Nullsummenspiel, überschätze den Staat und zugleich, was sich durch Zugriff auf große Vermögen finanzieren lasse. Hinzu kommt das historische Argument, sozialistische Versuche hätten „Mangel, Elend und Unterdrückung“ hervorgebracht. Daraus folgt für ihn die Diagnose eines „Marxismus 2.0“, der scheitern müsse. Genau an diesem Übergang wird aus Kritik an linker Reformpolitik eine Widerlegung von Marx.

Marx im politischen Versandhaus

Der rhetorische Trick besteht darin, verschiedene Gegenstände in eine einzige rote Einkaufstasche zu packen. Eralp fordert die Enteignung von Immobilienkonzernen, Reichinnek steht für den „Kampf gegen das Kapital“, Mamdani für Umverteilung; daraus entsteht eine gemeinsame Lehre, deren Stammvater Marx sein soll. Anschließend wird sie an staatlicher Wohnungswirtschaft, Steuerpolitik und der Geschichte realsozialistischer Staaten geprüft. So kann jeder Mietendeckel zum Examen über das Kapital werden.

Nur schrieb Marx keinen Katalog sozialpolitischer Einzelmaßnahmen, dessen Erfolg seine Kritik des Kapitalismus verifizieren könnte. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die drei genannten Politiker ein identisches marxistisches Programm vertreten. Stattdessen genügt die Kette: links, Umverteilung, Staat, Enteignung – Marx. Sichtbar wird das im Satz: „Wer nach all den missratenen Versuchen noch immer an der alten Theorie festhält, braucht dafür wohl eine verbesserte Version des Menschen“. Welche Theorie welche Annahme über Menschen enthält, wird nicht gezeigt.

Ähnlich funktioniert die Behauptung vom Nullsummenspiel. Reiermann schreibt, für die Linke sei „der Reichtum der einen“ die Ursache „der Armut der anderen“ und Wachstum komme „in ihrer Gedankenwelt nicht vor“. Doch aus Umverteilung folgt das nicht. Man kann Wachstum anerkennen und dennoch fragen, wie Einkommen, Eigentum und Verfügungsmacht entstehen und verteilt werden. Dass Unternehmer „Werte“ schaffen, sagt noch nichts darüber, wie Marx kapitalistische Wertproduktion analysiert oder warum aus Wachstum eine bestimmte Verteilung folgen sollte.

Auch die Staatskritik trifft einen realen Einwand: Staatliche Akteure sind nicht automatisch klüger als private. Nur wird daraus eine falsche Alternative. Wer dem Staat Aufgaben zutraut, muss nicht glauben, Beamte würden „plötzlich von umfassender Weitsicht und Weisheit“ erfasst. Institutionen werden mit Regeln, Zuständigkeiten, Kontrolle und Zwecken begründet, nicht mit moralisch besseren Menschen. Man kann sie kritisieren. Man sollte dafür aber ihre tatsächliche Begründung treffen.

Die DDR als Universaladapter

Am deutlichsten wird die Verkürzung dort, wo die DDR zum Universalbeweis wird. Verfallene Wohnviertel am Ende der Achtzigerjahre sollen zeigen, dass staatliche Wohnungswirtschaft versagt; der spätere Wiederaufbau mit privatem und staatlichem Geld aus dem Westen soll den Gegenbeweis liefern. Als Illustration ist das anschaulich, als Widerlegung von Marx anspruchslos. Zwischen einer Kritik der kapitalistischen Produktionsweise und der Bilanz eines Staates liegen Fragen nach Eigentumsformen, politischer Herrschaft, Planung, Weltmarkt und historischen Bedingungen.

Damit wird auch das Freund-Feind-Bild sauber. Sie zeigen aber, wo der Text seine Beweislast rhetorisch erleichtert. Wer eine politische Richtung als Glaubensgemeinschaft beschreibt, muss ihre Argumente weniger genau unterscheiden. Aus Theorie wird Bekenntnis, aus Kritik Irrlehre.

Interessanter ist, was fehlt. Der Artikel fragt nicht, ob Krisen, Arbeitslosigkeit, Konkurrenz oder soziale Unsicherheit aus Strukturen kapitalistischer Produktion hervorgehen können. Er fragt auch nicht, ob Marx’ Analyse solcher Strukturen durch das Scheitern von Staaten widerlegt ist, die sich auf ihn beriefen. Stattdessen verschiebt er den Gegenstand von der Kritik einer Produktionsweise auf die Bilanz politischer Projekte.

Reiermann hat einen legitimen Punkt, wenn er linke Versprechen an ihren finanziellen und historischen Voraussetzungen messen will. Wer Reformen kritisiert, sollte ihre Kosten, Anreize, Nebenwirkungen und Ziele prüfen. Wer Marx widerlegen will, müsste zeigen, wo dessen Kategorien und Erklärungen falsch sind. Der Artikel tut das nicht. Er macht aus Marx den Ehrenvorsitzenden heutiger linker Forderungen und erklärt deren vermeintliche Schwächen zu seinem Nachlass.

„Marx war die Theorie, Murks die Praxis“, lautet Reiermanns Schluss. Als Analyse erspart es die Frage: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugen die Probleme, die anschließend verwaltet oder reformiert werden? Wer diese Frage durch einen Kalauer ersetzt, hat Marx nicht widerlegt. Er hat gezeigt, wie bequem es ist, ihn mit der Linken zu verwechseln.

Die Version von „Die drei Lebenslügen von Reichinnek, Eralp und Mamdani.“ von Christian Reiermann, DER SPIEGEL Online, 17. September 2026, ohne Pay-Wall.

 

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