Der Fall Hannah Bruns!

TL;DR: Der Ausschlussantrag gegen Hannah Bruns ist mehr als ein Personalstreit der Berliner Linken. Er stellt die Frage, ob Antisemitismus auch dann erkannt und bekämpft wird, wenn er sich als Antikolonialismus und „Widerstand“ präsentiert – und ob ein Parteiausschluss wirkliche Selbstkritik ersetzt oder nur ein politisches Problem personell entsorgt.

Screenshot eines Tagesspiegel-Artikels mit dem Foto einer lächelnden Frau. Über dem Bild steht groß „Der Fall Hannah Bruns!“. Die Artikelüberschrift lautet: „Ausschlussantrag gegen Palästina-Aktivistin – Linken-Mitglieder gehen gegen antisemitische Parteigruppe vor“. Im Untertitel wird Hannah Bruns als Wortführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität in der Linken bezeichnet und auf israel­feindliche Äußerungen sowie einen angestrebten Parteiausschluss verwiesen.

Der Ausschlussantrag gegen Hannah Bruns stellt die Berliner Linke vor eine unangenehme Frage: Gilt der Kampf gegen Antisemitismus auch dann, wenn er die eigenen Genossen etwas kostet?

Es gibt Sätze, die durch Erläuterung nicht besser werden. „Ich werde mich von gar nichts distanzieren“ ist so einer. Hannah Bruns, Sprecherin der Berliner LAG Palästinasolidarität der Linken, sagte ihn im Juli 2025, nachdem ein Reporter wissen wollte, ob ihr „gerechtfertigter Kampf gegen das israelische Kolonialregime“ auch das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 einschließe. Man kann über politische Distanzierungsrituale einiges sagen. Parteien lieben sie, weil sich mit ihnen moralische Sauberkeit simulieren lässt, ohne einen einzigen Gedanken revidieren zu müssen. Wer aber angesichts eines Massakers demonstrativ erklärt, sich von „gar nichts“ zu distanzieren, verweigert nicht bloß ein Ritual. Er trifft eine politische Aussage.

Nun liegt ein Ausschlussantrag gegen Bruns bei der Landesschiedskommission der Berliner Linken. Sie hatte zuvor unter anderem erklärt, die „Befreiung Palästinas“ ende erst, wenn Tel Aviv „wieder in der Hand von Palästina“ liege; außerdem soll sie zur „globalen Intifada“ und zur „Intifada bis zum Sieg“ aufgerufen haben. Die Schiedskommission entscheidet unabhängig, Parteiausschlüsse haben hohe Hürden. Interessanter als die Personalfrage ist ohnehin, weshalb die Angelegenheit für die Partei erst jetzt zur Existenzfrage ihrer Glaubwürdigkeit wird. Bruns hat ihre Positionen schließlich nicht unter Pseudonym im Darknet verbreitet.

Der Widerstand und seine Kunden

Antisemitismus zu verurteilen ist in Deutschland eine erfreulich preiswerte Angelegenheit, solange der Antisemit der andere ist. Der Neonazi, der Reichsbürger, der islamistische Prediger: Gegen sie lässt sich Haltung zeigen, ohne den eigenen politischen Haushalt zu prüfen. Schwieriger wird es, wenn das Ressentiment die richtigen Vokabeln gelernt hat, sich antikolonial nennt und die Ermordeten nicht als Juden, sondern als Angehörige eines vermeintlichen „Kolonialregimes“ verbucht.

Der entscheidende Gegensatz verläuft dabei nicht zwischen Israelkritik und Israelbegeisterung. Israelische Regierungen, militärische Entscheidungen oder Siedlungspolitik können selbstverständlich kritisiert werden. Gerade deshalb muss man unterscheiden können zwischen der Kritik eines Staates und dem Wunsch nach seinem Verschwinden.

Diese Fähigkeit wird in einem bestimmten antiimperialistischen Weltbild allerdings entbehrlich. Dort stehen sich nicht widersprüchliche Gesellschaften, Staaten, Klassen, Interessen und politische Bewegungen gegenüber, sondern zwei moralisch vorsortierte Lager: hier Imperialismus, Kolonialismus und Westen, dort Unterdrückte, Widerstand und Befreiung. Ist die Mannschaft gewählt, wird auch das Foul zur historischen Notwendigkeit.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit hält sich ungern an dieses Drehbuch. Unterdrückte können reaktionär sein. Nationale Befreiungsbewegungen können nationalistisch und antisemitisch sein. Ein Staat kann Unrecht begehen, ohne dass jeder seiner Gegner dadurch zum Emanzipationssubjekt avanciert. Und palästinensisches Leid verwandelt die Ermordung israelischer Zivilisten nicht in Gesellschaftskritik.

Genau deshalb ist Bruns’ Weigerung, sich vom 7. Oktober zu distanzieren, politisch relevant. Nicht jeder Mensch ist verpflichtet, auf Zuruf die gewünschte Bekenntnisformel aufzusagen. Bruns wurde jedoch nach dem Zusammenhang ihrer eigenen Aussage mit dem Massaker gefragt und antwortete mit „gar nichts“. Das Problem besteht nicht in einer fehlenden Formel, sondern im politischen Zusammenhang.

Ähnliches gilt für ihren Satz über Tel Aviv. Nach dem von Peter Ansmann zusammengetragenen historischen Material wurde der Gründungskern Tel Avivs 1909 auf zuvor erworbenem Land errichtet; eine frühere palästinensische Staatshoheit über die Stadt, zu der das Wort „wieder“ zurückführen könnte, gab es demnach nicht. Das beantwortet nicht die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Enteignung 1948. Es verdeutlicht aber die politische Reichweite des Satzes: Gemeint ist nicht lediglich ein palästinensischer Staat neben Israel, sondern palästinensische Herrschaft auch über dessen Kerngebiet.

Wer gleichzeitig erklärt „Wir stehen zum Existenzrecht Israels“ (Beschluss des Bundesparteitags Die Linke am 19. Juni 2026), müsste erläutern, wie beides zusammenpasst. Vielleicht verfügt die Dialektik über Möglichkeiten, die ihren Erfindern verborgen blieben.

Antisemitismus mit gutem Gewissen

Der Fall reicht deshalb über Hannah Bruns hinaus. Er betrifft eine politische Tradition, die Antisemitismus lange vor allem als Ideologie der Rechten begriffen und sich damit selbst einen komfortablen Platz außerhalb des Verdachts eingerichtet hat. Aber Ressentiments verlangen beim Eintritt in ein linkes Milieu keinen Mitgliedsausweis.

Ein Nationalismus wird nicht internationalistisch, weil er sich gegen die USA richtet. Eine autoritäre Bewegung wird nicht emanzipatorisch, weil Israel ihr Gegner ist. Und Antisemitismus wird nicht zur Kapitalismuskritik, indem man „Zionisten“ sagt.

Ein Satz aus eines Mitglieds der BAG Palästina Solidarität führt diese Denkweise unfreiwillig vor: „Der Zionismus – unterstützt von Kapital und Ideologie – ist auch für die deutsche Arbeiterklasse eine der größten Gefahren.“

Man sollte diesen Satz nicht weginterpretieren. Man sollte ihn ernst nehmen.

Die Gefahr für die Arbeiterklasse geht hier nicht vom Kapitalverhältnis aus, sondern vom „Zionismus“, der seinerseits vom „Kapital“ gestützt werde. Welches Kapital gemeint ist und wie diese Unterstützung konkret funktionieren soll, bleibt offen. Aus einem gesellschaftlichen Verhältnis wird eine handelnde Macht, die hinter einer politischen Bewegung steht.

Der Satz trägt marxistisches Vokabular, aber seine Logik ist eine andere.

Der zentrale Gegensatz verläuft plötzlich nicht mehr zwischen Kapital und Arbeit, sondern zwischen der deutschen Arbeiterklasse und einem angeblich vom Kapital getragenen Zionismus. Eine abstrakte gesellschaftliche Struktur wird personalisiert, das internationale Kapital bekommt einen politischen Verbündeten, und am Ende führt die Spur ausgerechnet zur politischen Selbstorganisation von Juden.

Das Wort „Jude“ muss dabei gar nicht fallen, damit eine antisemitische Denkfigur wiederkehrt. Auch Ressentiments passen ihren Wortschatz der Zeit an.

Das bedeutet gerade nicht, Antizionismus und Antisemitismus kurzerhand gleichzusetzen. Entscheidend ist, was konkret gesagt und politisch gefordert wird. Wird eine israelische Regierung kritisiert? Oder erscheint Israel selbst als illegitimes Gebilde, dessen Verschwinden „Befreiung“ heißen soll? Werden palästinensische Rechte verteidigt? Oder wird Gewalt gegen israelische Zivilisten als bedauerliche Begleiterscheinung eines höheren historischen Zwecks behandelt?

Hier zeigt sich die politische Leistung des Wortes „Widerstand“. Es kann eine Beschreibung sein. Es kann aber auch zur Waschmaschine werden, in der noch die reaktionärste Bewegung nach einem Durchgang antikolonial duftet.

Der 7. Oktober muss in diesem Weltbild nicht geleugnet werden. Er wird bearbeitet. Kolonialismus, Besatzung und Imperialismus können notwendige Kategorien zum Verständnis des Konflikts sein. Zur Ideologie werden sie dort, wo sie nicht mehr erklären, sondern freisprechen. Aus dem Unterschied zwischen Erklärung und Rechtfertigung besteht jedoch ein beträchtlicher Teil dessen, was man einmal politische Urteilskraft nannte.

Die Linke kennt dieses Problem bereits. Bruns beteiligte sich nach dem Ausschluss Ramsis Kilanis an einer kurzzeitigen Besetzung der Berliner Parteizentrale und bezeichnete dessen Ausschluss laut Tagesspiegel als „Verbrechen an der palästinensischen Bevölkerung“. Nun erklärt die LAG Palästinasolidarität, es werde „mit uns keinen zweiten Ramsis Kilani geben“. Damit wird aus einer Personalentscheidung eine Machtfrage.

Und Machtfragen haben den Vorzug, moralische Grundsätze einem Praxistest zu unterziehen. Gegen Antisemitismus zu sein kostet wenig, solange die Resolution einstimmig beschlossen wird. Interessant wird die Sache, wenn das Prinzip Mitglieder, Mehrheiten und Bündnisse kostet.

Ausschluss und Aufräumdienst

Damit wäre allerdings wenig gewonnen, wenn die Linke Bruns ausschließt und anschließend den Antisemitismus gleich mit für ausgeschlossen erklärt. Parteien verwandeln politische Probleme gern in Personalfragen. Personal hat den unschätzbaren Vorteil, dass man es vor die Tür setzen kann. Begriffe, Bündnisse und politische Reflexe sind hartnäckiger.

Ein Ausschluss kann begründet sein und trotzdem zur Ersatzhandlung werden. Gerade unter politischem Druck besteht die Versuchung, einige besonders exponierte Figuren zu entfernen und ihre Entfernung anschließend als Beweis der eigenen Läuterung vorzuzeigen. Selbstkritik verwandelt sich dann in politische Hygiene: Oberfläche desinfiziert, Gebäude saniert.

Der Zeitpunkt macht diese Frage jedenfalls unvermeidlich. Nach dem Tagesspiegel bietet der Fall der Parteiführung Gelegenheit, ihren wiederholten Verurteilungen des Antisemitismus Konsequenzen folgen zu lassen; zugleich ist der Konflikt längst mit Fragen politischer Zusammenarbeit und Regierungsfähigkeit verbunden. Daraus folgt nicht, dass das Verfahren bloß taktisch motiviert wäre. Es folgt lediglich, dass Moral und Macht in einer Partei selten getrennte Büros beziehen.

Entscheidend wäre daher weniger, ob Bruns am Ende ihren Mitgliedsausweis behalten darf, als was die Partei jenseits des Verfahrens tut. Prüft sie die politische Grammatik, die aus „Kolonialismus“ ein Urteil und aus „Widerstand“ einen Freispruch macht? Kann sie Solidarität mit Palästinensern von der Romantisierung ihrer vermeintlichen Repräsentanten unterscheiden? Kann sie Israels Existenz verteidigen, ohne israelische Regierungspolitik für sakrosankt zu erklären?

Eine Linke, die Rassismus nicht bloß als Charakterfehler einzelner Menschen, sondern als gesellschaftliches Verhältnis begreifen will, kann beim Antisemitismus schlecht auf die Theorie vom faulen Apfel zurückfallen. Wer strukturelle Herrschaft analysiert, müsste auch die ideologischen Strukturen des eigenen Milieus untersuchen. Und wer Nationalismus kritisiert, müsste diese Kritik auch dann durchhalten, wenn der Nationalismus „Befreiung“ auf seine Fahne geschrieben hat.

Dafür braucht es keine neue Heilslehre. Es genügt zunächst die negative Bestimmung dessen, was Emanzipation nicht sein kann: Zivilisten sind kein Material nationaler Befreiung. Juden sind nicht kollektiv für israelische Politik haftbar. Palästinenser sind nicht mit Hamas identisch. Israelis sind nicht ihre Regierung. Und ein Verbrechen wird nicht dadurch progressiv, dass sein Täter den richtigen Feind gewählt hat.

Der Fall Hannah Bruns ist deshalb vor allem eine Frage an das Selbstverständnis der Linken. Antisemitismus zu erkennen, wenn er mit Reichskriegsflagge auftritt, ist keine besondere intellektuelle Leistung. Schwieriger wird es, wenn er sich mit dem Vokabular der Emanzipation vermischt und seine Träger gerade wegen ihres Antifaschismus überzeugt sind, Antisemiten gar nicht sein zu können.

Ein Parteiausschluss kann darüber entscheiden, wer Mitglied einer Partei ist. Er entscheidet nicht darüber, welche Gedanken in ihr zirkulieren.

Sich „von gar nichts“ zu distanzieren ist leicht. Schwieriger wäre es, sich von den eigenen Gewissheiten zu distanzieren.

 

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