Der Antisemitismus, den man widerlegen kann

TL;DR: Nimrod Flaschenberg widerlegt den pauschalen Vorwurf, Die Linke sei eine antisemitische Partei. Doch damit ist die entscheidende Frage nicht beantwortet: Wie geht die Partei mit antisemitischen oder gewaltlegitimierenden Positionen in den eigenen Reihen um? Wer statt konkreter Vorfälle vor allem die Motive der Kritiker untersucht, verwechselt die mögliche Instrumentalisierung eines Vorwurfs mit dessen Widerlegung.

Wer beweist, dass Die Linke keine antisemitische Partei ist, hat damit Antisemitismus in der Partei noch nicht widerlegt.

Manchmal erledigt man eine unangenehme Frage am zuverlässigsten, indem man sie zunächst vergrößert. Aus der Frage, ob es in einer Partei antisemitische Akteure, Deutungsmuster oder politische Milieus gibt und wie die Organisation mit ihnen umgeht, wird die Behauptung: Diese Partei ist antisemitisch. Die ist leichter zurückzuweisen. Nicht alle Mitglieder sind Antisemiten, das Programm ist keines, die Führung erklärt sich dagegen – Fall geschlossen.

Ungefähr so funktioniert Nimrod Flaschenbergs im Jacobin erschienener Artikel „Die Linke ist keine antisemitische Partei“. Sein Ausgangspunkt ist kategorisch: Die Linke habe kein „Antisemitismusproblem“. Dass manche Juden sie als Bedrohung wahrnehmen, erklärt er mit einem falschen medialen Narrativ ohne faktische Grundlage. Das Ergebnis steht damit fest, bevor die interessantere Frage überhaupt gestellt ist.

Denn Flaschenberg behauptet keineswegs, es gebe nichts zu untersuchen. Er räumt Mitglieder mit problematischen Äußerungen und Symbolen ein, die als Unterstützung bewaffneten Widerstands verstanden werden könnten. Er räumt Antisemiten in der Partei ein. Und er schreibt selbst, antiisraelische Positionen könnten in Antisemitismus eskalieren. Die Erscheinungen, die kein Problem darstellen sollen, haben also immerhin den Vorzug, zu existieren.

Das beweist nicht, dass Die Linke eine antisemitische Partei wäre. Es beweist etwas viel Bescheideneres: Die Frage nach Antisemitismus in einer Partei ist eine andere als die Frage, ob die Partei als Ganze antisemitisch genannt werden kann. Wer die zweite Behauptung widerlegt, hat die erste noch nicht untersucht.

Der nützliche Einzelfall

Eine Partei wird nicht antisemitisch, weil sich ein Antisemit in ihr Mitgliedsbuch verirrt. Interessant wird es erst danach: Welche Stellung hat er? Wie reagieren Funktionäre und Genossen? Wird widersprochen, relativiert oder verteidigt? Bleibt eine Äußerung isoliert, oder findet sie Resonanz? Gibt es Milieus, in denen bestimmte Begriffe und Feindbilder wiederkehren?

Flaschenberg beantwortet solche Fragen nicht anhand der von ihm erwähnten Fälle. Stattdessen verweist er auf das antirassistische Selbstverständnis der Partei. Richtig verstandene linke Ideologie bekämpfe alle Formen der Diskriminierung und damit selbstverständlich auch Antisemitismus.

Das mag als politischer Anspruch erfreulich sein. Als empirischer Befund taugt es ungefähr so gut wie eine Compliance-Richtlinie zum Beweis dafür, dass in einem Konzern niemand gegen Compliance-Regeln verstößt. Eine Organisation kann programmatisch gegen etwas sein, das innerhalb ihrer Praxis trotzdem vorkommt. Gerade eine materialistische Kritik sollte wissen, dass das Bewusstsein einer Institution von sich selbst nicht mit ihrer Wirklichkeit identisch ist.

Flaschenberg kennt den Widerspruch sogar. Manche Aktivisten, schreibt er, äußerten ihre Palästina-Solidarität auf eine Weise, die einer demokratischen linken Partei nicht zuträglich sei. Aussagen oder Symbole könnten als Unterstützung bewaffneten Widerstands verstanden werden und stünden im Widerspruch zu Parteibeschlüssen. Das sind keine Nichtigkeiten. Sie werfen Fragen nach Gewalt, politischer Verantwortung und der Differenz zwischen Beschlusslage und Parteiwirklichkeit auf.

Doch weil diese Vorgänge nach Flaschenbergs Urteil keine „antisemitische Kultur“ der Gesamtpartei beweisen, werden sie beinahe schon als Belege für das Gegenteil behandelt. Aus „Das beweist nicht alles“ wird „Das beweist nichts“.

Dazwischen liegt die eigentliche Untersuchung. Kritik an israelischer Regierungspolitik ist nicht antisemitisch. Auch radikale Kritik ist es nicht automatisch. Die Grenze wird dort relevant, wo aus Kritik die Dämonisierung Israels, aus Antizionismus die Bestreitung jüdischer Staatlichkeit oder aus Solidarität mit Palästinensern die politische Veredelung von Gewalt gegen Israelis und Juden wird. Ob diese Grenze überschritten wird, entscheidet weder das Parteibuch des Sprechers noch das Parteibuch seines Kritikers.

Wer profitiert von der Kritik?

Hier vollzieht Flaschenbergs Argument seinen entscheidenden Wechsel. Nachdem problematische Erscheinungen eingeräumt und ihr struktureller Charakter bestritten wurde, richtet sich der Blick nicht mehr auf die Vorfälle, sondern auf diejenigen, die darüber sprechen.

Warum werde Die Linke des Antisemitismus beschuldigt? Weil sie politisch erfolgreich sei. Der Vorwurf solle SPD und Grüne von einer Koalition fernhalten und damit letztlich die Vergesellschaftung von Wohnraum verhindern. Als Profiteur erscheint die Immobilienlobby; Medien und konservative jüdische Institutionen fungieren in dieser Darstellung als politische Verstärker.

Dass Antisemitismusvorwürfe instrumentalisiert werden können, ist selbstverständlich möglich. Parteien verfolgen Interessen, Lobbyverbände auch, Medien setzen Themen. Nur sagt das über den Wahrheitsgehalt eines konkreten Vorwurfs nichts aus.

Wer einen Ladendieb aus niederträchtigen Motiven anzeigt, macht die gestohlene Ware nicht zum Eigentum des Diebes. Selbst wenn ein Immobilienkonzern aus purem Eigennutz eine antisemitische Äußerung verbreitete, wäre immer noch anhand der Äußerung zu entscheiden, ob sie antisemitisch war. Die Frage „Wer profitiert?“ gehört zur politischen Analyse. Als Ersatz für „Stimmt es?“ ist sie deren Bankrotterklärung.

Besonders problematisch wird diese Verschiebung bei jüdischen Kritikern. Flaschenberg schreibt, Teile der jüdischen Gemeinschaft seien von nationalistischen Kräften davon überzeugt worden, sie seien bedroht; ihre Bedenken seien unbegründet, müssten aber ernst genommen werden . Selbstverständlich sind jüdische Organisationen nicht unfehlbar, und ihre Einschätzungen dürfen kritisiert werden. Aber wer ihre Wahrnehmung als Resultat politischer Manipulation erklärt, müsste umso genauer die konkreten Vorwürfe prüfen. Sonst entsteht eine hübsche Arbeitsteilung: Die Partei besitzt die richtige Erkenntnis ihrer selbst; ihre jüdischen Kritiker besitzen eine Wahrnehmung, deren Irrtum erklärt werden muss.

Auch der Hinweis, Antisemitismus existiere überall und sei bei Anhängern anderer Parteien womöglich stärker verbreitet, hilft nicht weiter. Selbst wenn der Vergleich stimmt, beantwortet er nicht die Frage nach dem Umgang der Linken mit den eigenen Fällen. Der eigene Antisemitismus wird nicht kleiner, weil beim politischen Gegner mehr davon gefunden wurde. Antisemitismus ist kein Parteivermögen, dessen moralische Rendite sich am Marktanteil bemisst.

Gerade deshalb lassen sich einige von Flaschenbergs Sätzen durchaus festhalten: Die Linke ist nicht schon wegen einzelner Mitglieder eine antisemitische Partei. Israelkritik ist nicht mit Antisemitismus identisch. Und der Antisemitismusvorwurf kann politisch missbraucht werden. Nur folgt daraus ein vierter Satz, den seine Argumentation gern überspringt: Keine dieser Feststellungen widerlegt einen konkreten antisemitischen Vorfall.

Eine Linke, die ihren Antirassismus ernst nimmt, müsste auch gar nicht beweisen, dass niemals ein Antisemit in ihre Reihen gelangt. Entscheidend wäre, was geschieht, nachdem er dort aufgefallen ist: ob seine Aussagen geprüft werden, ob Widerspruch erfolgt, ob politische Grenzen gezogen werden – und ob diese Grenzen auch gelten, wenn ihre Anwendung der eigenen Seite schadet.

Der bequemere Gegner ist der erfundene Gesamtparteiantisemit. Man widerlegt ihn und darf sich anschließend fühlen, als sei damit auch der Antisemitismus in der Partei widerlegt. Der wirkliche Fall ist lästiger. Er hat einen Namen, eine Aussage, einen Kontext und womöglich Genossen, die ihm widersprechen – oder eben nicht.

Erst dort beginnt die Untersuchung. Flaschenbergs Überschrift erklärt sie bereits für beendet.

Flaschenberg, Nimrod. 2026. „Die Linke ist keine antisemitische Partei.“ Jacobin, 21. September 2026.

 


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