Der Antisemit braucht keinen Grund
TL; DR: Robert Habeck will legitime Kritik an Israels Politik vor vorschnellen Antisemitismusvorwürfen schützen. Doch indem er die aktuelle „Konjunktur“ des Antisemitismus mit Israels Vorgehen in Gaza erklärt, verschiebt er Verantwortung. Israelische Politik darf und muss kritisiert werden. Antisemitismus bleibt jedoch immer in der Verantwortung der Antisemiten. Für Deutsche kommt hinzu: Auschwitz ist kein Schweigegebot, aber die historische Voraussetzung jedes Redens über Juden und Israel.
Robert Habeck will Antisemitismus bekämpfen und Israel
kritisieren. Doch beim Versuch, beides auseinanderzuhalten, erklärt er den
Aufschwung des Antisemitismus mit israelischem Handeln.
Habecks
Ausgangspunkt klingt vernünftig. „Jede Form von Antisemitismus“ müsse
„benannt und bekämpft werden“. Daraus dürfe kein „Schweigeverbot“ entstehen,
das Kritik an Israel oder der Regierung Netanjahu unterbindet. Kritik an Israel
ist nicht antisemitisch, Kritik an Antisemitismus kein Beifall für Israels
Regierung.
Dann
folgt der Satz, der diese Unterscheidung beschädigt: „Der Grund dafür, dass
der Antisemitismus im Moment eine solche Konjunktur auf der linken Seite hat,
ist das Vorgehen und die Kriegsverbrechen, die Israel in Gaza begangen hat!“.
Habeck benennt einen „Grund“. Israels Handeln rückt damit in die Position einer
Ursache für den Antisemitismus anderer.
Der Antisemit mit Außenpolitikreferat
Das klingt nach Kontext, verschiebt aber Verantwortung.
Israel begeht Verbrechen, also erlebt Judenfeindschaft Konjunktur. Wer Juden
kollektiv für Israels Regierung verantwortlich macht, dokumentiert die Struktur
seines Ressentiments. Antisemiten brauchen keinen israelischen
Ministerpräsidenten als Betriebsanleitung.
Habeck
sagt: „Ich denke, es gibt viele Belege, dass in Gaza Kriegsverbrechen
begangen wurden“. Aus keinem israelischen Verbrechen folgt jedoch eine
Erklärung oder gar Entschuldigung für Antisemitismus in Deutschland.
Aufschlussreicher
ist Habecks Forderung: „Es muss Räume geben, wo Menschen ihre Fragen
loswerden können, ohne dass sie gleich als Antisemiten dargestellt werden“. Das
klingt liberal. Aber schon die Wahl des Problems ist bemerkenswert. Habeck
sorgt sich darum, der Antisemitismusvorwurf könne legitime Kritik an Israel ersticken.
Weniger Aufmerksamkeit erhält die umgekehrte Gefahr: dass sich antisemitisches
Ressentiment als respektable Kritik an Israel artikuliert.
Hier erscheint ein vertrautes deutsches Bedürfnis: über
Israel endlich sprechen zu können, ohne dass Auschwitz ständig mit am Tisch
sitzt. Doch Auschwitz sitzt mit am Tisch. Nicht als Maulkorb und nicht als
Verbot, Netanjahu zu kritisieren oder Verbrechen zu benennen. Sondern als
historische Voraussetzung deutschen Redens über Juden und den jüdischen Staat.
Gerade hier wäre historische Befangenheit keine Schwäche, sondern Voraussetzung
einer Kritik, die sich auch ihrer Herkunft bewusst bleibt.
Friedfertigkeit als jüdische Nachkriegspflicht?
Noch
deutlicher wird das in Habecks Rückblick: „Man denkt, weil die Juden nach
dem Zweiten Weltkrieg und all den Pogromen danach Opfer waren, ist der Staat
Israel ein friedfertiger. Und das ist er nicht!“. Der Satz offenbart eine
merkwürdige Erwartung: Warum sollte aus der Geschichte der Verfolgung
der Juden folgen, dass ein jüdischer Staat besonders friedfertig sein müsse?
In dieser Denkfigur klingt, wenn auch in anderer Form, eine
alte und geschichtsrevisionistische Zumutung an: Juden hätten aus Auschwitz
doch etwas „lernen“ müssen und seien deshalb, und dies ist die Grüne Besonderheit,
zu besonderer Friedfertigkeit
verpflichtet. Habeck sagt nicht, Israel mache es „genauso“ wie die
Nationalsozialisten. Das wäre ihm nicht fair zuzuschreiben. Aber seine eigene
Beschreibung der früheren Erwartung folgt derselben problematischen
Voraussetzung, dass aus der jüdischen Opfergeschichte eine besondere
moralische Bewährungspflicht erwachse. Warum eigentlich? Mit welchem Recht
wird ausgerechnet von Juden erwartet, aus ihrer Vernichtung eine Lektion für
besseres politisches Verhalten gelernt zu haben? Auschwitz war ein
Vernichtungslager, keine Lehranstalt für das spätere Wohlverhalten der Überlebenden
und ihrer Nachkommen gegenüber ihren Peinigern, deren Verbündeten und
Anhänger*innen und dem Rest der Welt.
Gerade darin liegt die Absurdität dieser Erwartung. Nicht
die Juden hatten nach Auschwitz eine historische Lektion zu bestehen. Die
Deutschen hatten sie. Wer aus der Shoah eine besondere Verpflichtung Israels
zur Friedfertigkeit ableitet, dreht die Richtung dieser historischen
Verantwortung auf groteske Weise um: Aus dem deutschen Menschheitsverbrechen
wird eine moralische Hausaufgabe für den jüdischen Staat.
Die Opfergeschichte wird zur moralischen Bewährungsauflage.
Ausgerechnet Juden sollen aus ihrer Verfolgung eine besondere politische Tugend
gelernt haben.
Habeck
sagt zugleich, Israel sei „die Konsequenz der deutschen Geschichte“, und
Deutschlands Verpflichtung kenne „keine Grauzone“. Gerade daraus folgt ein
anderer Maßstab. Auschwitz zerstört den deutschen Anspruch, dem jüdischen Staat
vorzuschreiben, welche moralische Lektion er aus jüdischer Verfolgung zu ziehen
habe. Das suspendiert weder Völkerrecht noch Kritik an einer israelischen
Regierung.
Aber es verlangt, die Blickrichtung nicht zu verwechseln.
Habeck problematisiert die Gefahr, einen Kritiker Israels fälschlich zum
Antisemiten zu erklären. Die historisch unangenehmere Frage lautet, ob sich ein
Antisemit nicht ebenso erfolgreich zum bloßen Kritiker Israels erklären kann.
Beides ist möglich. Politisch sind die Blickrichtungen entgegengesetzt.
Wer die „Konjunktur“ des Antisemitismus mit israelischen
Kriegsverbrechen erklärt, verschiebt den Blick vom Ressentiment des Antisemiten
auf Israel. Plötzlich lautet die Frage nicht mehr zuerst, warum jemand Juden
kollektiv verantwortlich macht, sondern was Israel getan habe, damit jemand auf
diese Idee kommen konnte. So wird aus einer Ideologie beinahe eine Reaktion und
aus dem Antisemiten ein Mann mit außenpolitischen Gründen. Gerade Deutschland
sollte es besser wissen.