Angriff auf die Vernunft

TL;DR: Loren Balhorn, Chefredakteur von Jacobin, erklärt die Kontroverse um Dahabflex vor allem zum Versuch, die Berliner Linke politisch in die Defensive zu drängen. „Angriff auf die Vernunft“ hält dagegen: Dieser Versuch scheitert am Gegenstand selbst. Die Interessen und die Heuchelei der Kritiker widerlegen deren Kritik nicht. Wer „Tod für die IDF“, PFLP- und Leila-Khaled-Referenzen sowie Blut-, Volks-, Opfer- und Gewaltpathos zum bloßen Kommunikationsproblem erklärt, betreibt keine Kritik mehr. Er ersetzt sie durch Lagerdenken – und hält den Inhalt offenbar schon deshalb für progressiv, weil die Falschen ihn kritisieren.

Screenshot eines Artikels im Magazin Jacobin mit der Überschrift „In der Politik ist Angriff immer die beste Verteidigung“. Rechts ist ein bärtiger Rapper mit Mikrofon zu sehen. Der Artikel kritisiert die Reaktion der Berliner Linken auf dessen Auftritt in Neukölln. Darüber steht in weißer Schrift: „Angriff auf die Vernunft“.

Wie aus Gewaltpathos eine Medienfrage wird und aus Kritik am eigenen Lager ein Verrat an der guten Sache.

Loren Balhorns Kommentar „In der Politik ist Angriff immer die beste Verteidigung“ hat eine erfreulich klare These: Die Berliner Linke soll sich durch die Affäre um den Rapper Dahabflex nicht in die Defensive treiben lassen. Statt „Aufarbeitung“ und „Konsequenzen“ zu versprechen, müsse sie den „Spieß umdrehen“, auf Gaza, deutsche Unterstützung Israels und die sozialen Fragen Berlins verweisen. Politik, so die Botschaft, gewinnt, wer die Tagesordnung bestimmt. Das ist als Wahlkampfregel nicht dumm. Dumm wird sie dort, wo die Beherrschung der Tagesordnung die Prüfung dessen ersetzt, worüber geredet wird.

Balhorn rekonstruiert den Vorgang als beinahe mustergültige Falle. Eine aufsteigende Linkspartei, eine „bürgerliche Presse“, eine „politische Mitte“, die angeblich „seit Monaten alles tun, diesen [Aufwärtstrend] zu sabotieren“, und endlich der ersehnte Anlass: ein Rapper, der „Yallah Yallah, Intifada!“ und „Death to the IDF“ gerufen habe. Das Personal ist verteilt, bevor die Sache untersucht wird. Hier die Partei mit den „populären sozialen Forderungen“, dort die Institutionen, die ihr den Erfolg missgönnen. Dass Medien Konflikte zuspitzen und Konkurrenten Fehler ausnutzen, ist ungefähr so überraschend wie Regen im November. Aus dieser Banalität folgt nur nicht, dass der Anlass erfunden wäre.

Die Falle, in der der Text verschwindet

Der bemerkenswerteste Kunstgriff des Artikels besteht darin, den Skandal als Framing zu analysieren und den Gegenstand des Framings fast verschwinden zu lassen. Der Liedtext hilft dabei wenig. „Mein Blut ist Palästinensisch“, heißt es dort; „Auf meinem Ehrenwort, auf meiner Religion“; „Palästina, Intifada, wie die PFLP“; „Leila-Chaled-Style“; „Tod, Tod für die IDF“; schließlich „Mollis durch die Scheiben knall'n“ und „Wir entwaffnen Rheinmetall und lassen ihnen keine Wahl“. Man muss weder Springer lesen noch Netanyahu verehren, um zu bemerken, dass hier mehr vorliegt als eine etwas ungeschickte Formulierung zur Lage in Gaza.

Gerade deshalb ist Balhorns Augenzeugenbericht zugleich wichtig und unzureichend. Er sah „hunderte Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus“, Debatten über Rassismus, Behindertenrechte und Wohnungsknappheit, eine „solidarische, einladende und äußerst vielfältige“ Atmosphäre. Das mag jedes Zerrbild von einem tobenden antisemitischen Mob widerlegen. Nur widerlegt eine freundliche Atmosphäre keinen Satz. Ein vielfältiges Publikum macht „Tod, Tod für die IDF“ nicht humanistischer, und ein Workshop über Mieten verwandelt die positive Referenz auf PFLP und Leila Khaled nicht in Sozialpolitik, und „Mollis durch die Scheiben knall'n“ wird durch Gerede über Friedenspolitik bricht zum  zur Gewaltlosigkeit.

Hier zeigt sich die ideologische Voraussetzung des Kommentars: Entscheidend ist weniger, was gesagt wird, als von wem die Kritik daran kommt. Die „bürgerliche Presse“ erscheint nicht als heterogenes Feld verschiedener Interessen und Urteile, sondern als politisches Kollektivsubjekt. Ebenso wird „die politische Mitte“ zum handelnden Block. Beide „blicken mit Schrecken“ auf die Linke und wollen sabotieren. Das ist praktisch: Hat der Gegner ein Interesse, ist sein Argument schon halb erledigt. Nach dieser Methode müsste ein Mietwucherer nur gegen einen Taschendieb sprechen, damit dessen Eigentumskritik als erwiesen gelten kann.

Hier zeigt sich die ideologische Voraussetzung des Kommentars: Entscheidend ist weniger, was gesagt wird, als von wem die Kritik daran kommt. Die „bürgerliche Presse“ erscheint nicht als heterogenes Feld verschiedener Interessen und Urteile, sondern als politisches Kollektivsubjekt. Ebenso wird „die politische Mitte“ zum handelnden Block. Beide „blicken mit Schrecken“ auf die Linke und wollen sabotieren. Das ist ungemein praktisch: Hat der Gegner ein Interesse, gilt sein Einwand bereits als widerlegt. Als könnte eine Zeitung eine Todesparole dadurch in eine Friedensbotschaft verwandeln, dass sie aus den falschen Gründen Anstoß an ihr nimmt. Springer mag hetzen, instrumentalisieren und Kampagnen betreiben; daraus folgt nur leider nicht, dass jeder Gegenstand einer Springer-Kampagne unschuldig wird. Die Niedertracht des Anklägers ist noch kein Alibi für den Angeklagten.

Blut, Volk und die Verwandlung ins Progressive

Am aufschlussreichsten ist deshalb nicht, was Balhorn sagt, sondern was er nicht sagt. Ein Lied, das „Blut“, „Volk“, „Religion“, Opferbereitschaft und nationale Zugehörigkeit miteinander verschränkt, hätte einer sozialistischen Kritik reichlich Material geboten. „Ich gehöre zu mein Volk, ich opfere [mich] für sie“ ist keine Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern die Verklärung einer Völkischen Gemeinschaft, der das Individuum sich hingibt. „Mein Blut ist Palästinensisch“ ersetzt Politik durch Abstammungsmetaphorik. Blut wird nicht weniger Blut, wenn es die richtige Fahne trägt; Religion nicht materialistisch, wenn sie sich gegen die falsche Staatsmacht richtet; Nationalismus nicht internationalistisch, weil seine Träger unterdrückt sind.

Das bedeutet nicht, palästinensisches Leid zu leugnen oder zivile Opfer kleinzureden. Im Gegenteil: Wer Menschen nur als Exemplare eines Volkes wahrnimmt, wiederholt jene Logik, die konkrete Individuen hinter nationalen Kollektiven verschwinden lässt. Solidarität mit Palästinensern verlangt keinen Kult des Blutes. Kritik an israelischer Politik verlangt keine PFLP-Romantik. Empörung über tote Kinder verlangt keinen Todeswunsch gegen eine militärische Kollektivbezeichnung. Und Widerstand gegen deutsche Rüstungspolitik wird durch „Mollis durch die Scheiben“ nicht klüger, sondern nur fotogener für genau jene Presse, deren Bosheit anschließend den ganzen Ärger erklären soll.

Balhorn gesteht immerhin „Zweifel“ ein, ob „Yallah Yallah, Intifada“ ein „sinnvoller Slogan im Landeswahlkampf“ sei. Schon die Formulierung verrät das Problem. Die Frage lautet nicht zuerst, ob der Slogan Stimmen kostet. Sie lautet, was er in Verbindung mit PFLP, Leila Khaled, Todesruf und Gewaltbildern bedeutet. Moral wird zur Unterabteilung der Kampagnenplanung. Was als Inhalt geprüft werden müsste, erscheint als Kommunikationsrisiko. Der strategische Instinkt, den Balhorn bei Mamdani und Mélenchon bewundert, wird so zur Universalmedizin: nicht rechtfertigen, Themen setzen, Reihen schließen. Nur ist Geschlossenheit kein Wahrheitskriterium.

Auch der Vergleich mit Mamdani und Mélenchon rettet die Argumentation nicht. Aus dem Umstand, dass Antisemitismusvorwürfe politisch instrumentalisiert werden können, folgt nicht, dass jeder Vorwurf Instrumentalisierung ist. Wer verschiedene Fälle unter die Formel „konstruierten Antisemitismusvorwürfen“ stellt, müsste zunächst ihre Inhalte vergleichen. Andernfalls funktioniert die Analogie wie ein politischer Ablasshandel: Weil ein Vorwurf anderswo falsch oder überzogen war, wird die Prüfung des nächsten entbehrlich.

Die Pointe liegt daher gegen Balhorns Titel. Angriff ist in der Politik nicht immer die beste Verteidigung. Manchmal ist er nur die schnellste Methode, einer unangenehmen Frage davonzulaufen. Eine Linke, die soziale Emanzipation beansprucht, sollte weder Springer zum Gewissen noch dessen Feindschaft zum Persilschein machen. Sie müsste israelische Kriegsführung kritisieren können, ohne Todesparolen zu verniedlichen; palästinensische Rechte verteidigen, ohne Blut und Volk zu romantisieren; deutsche Staatsräson angreifen, ohne militante Organisationen zu Folklore zu erklären. Wer stattdessen jede Selbstkritik als Übernahme des gegnerischen „Framings“ behandelt, gewinnt vielleicht einen Nachrichtenzyklus. Er verliert aber den Unterschied zwischen Solidarität und Lagerdenken. Und eine Politik, die diesen Unterschied nicht mehr kennt, geht tatsächlich in die Offensive – nur leider gegen die eigene Vernunft.

 

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