Die falschen Freunde der Freiheit

TL;DR: Die Kolumne kritisiert zwei Lager, die Freiheit durch Bündnistreue ersetzen: Teile der Linken verklären autoritäre und islamistische Kräfte, sobald diese gegen Israel oder den Westen auftreten. Zugleich macht die JFDA aus Parolen vorschnell Tatbeweise und erklärt den deutschen Rechtsstaat zur moralischen Gegenwelt. Beide Seiten vermeiden die entscheidende Frage: Woran lassen sich politische Verbündete messen, wenn nicht an ihren tatsächlichen Zielen und Taten?

 

Screenshot einer Website des „Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.“ mit Navigationsleiste und Logo im oberen Bereich.  Zentral steht als große Überschrift der Blog-Titel: „Die falschen Freunde der Freiheit“. Darunter folgt der Artikeluntertitel: „Blutige Paradoxie: Wenn das ideologische Vorspiel zur Tat wird“.  Im weiteren Text wird auf queeren Antisemitismus, islamistischen Antizionismus bei Berliner Pride-Demonstrationen sowie eine ideologische Verbindung zu einem islamistischen Anschlag auf den CSD Bezug genommen.  Die Darstellung wirkt wie ein klassischer Nachrichten- oder Meinungsartikel mit klarem Fokus auf politisch-gesellschaftliche Analyse.

Wie Lagerdenken aus Reaktion Befreiung macht – und aus Deutschland gleich noch deren Schutzmacht

Freiheit hat viele Freunde, besonders unter denen, die sie anderen nicht gönnen. Die einen marschieren unter Regenbogenfahnen und erklären Regime zu Verbündeten, die Homosexuelle verfolgen. Die anderen sehen darin den Beweis, dass der deutsche Staat schon deshalb emanzipatorisch sei, weil seine Gegner es nicht sind. So treffen sich zwei Lager, die einander verachten, in derselben Denkform: Politik heißt, den richtigen Feind zu wählen.

Der Text „Blutige Paradoxie“ beschreibt eine queerfeministische Linke, die islamistische und nationalistische Kräfte nicht nach ihrem gesellschaftlichen Programm beurteilt, sondern nach ihrer Stellung zu Israel und zum Westen. Das trifft einen wunden Punkt. Wer den Reaktionär zum Genossen erklärt, sobald er „antiimperialistisch“ spricht, hat die Emanzipation nicht erweitert, sondern entsorgt.

Doch die JFDA-Redaktion bleibt dem Verfahren verhaftet, das sie kritisiert. Sie zerlegt das eine Lager, um das andere als moralische Gegenwelt aufzubauen. Aus einer notwendigen Kritik am Bündnis mit Reaktionären wird so eine Erzählung, in der Deutschland für Freiheit steht, weil Islamisten sie bekämpfen. Ein Staat wird aber nicht dadurch zum Freund der Freiheit, dass seine Feinde noch schlechtere Absichten haben.

Der richtige Feind adelt jedes Bündnis

Die politische Bankrotterklärung beginnt dort, wo Geografie Moral ersetzt. In Teilen der radikalen Linken entscheidet nicht mehr, ob eine Bewegung Frauen entrechtet, Juden bedroht, Homosexuelle verfolgt oder Oppositionelle einsperrt. Entscheidend ist, ob sie gegen Israel, die USA oder den Westen auftritt. Der Kompass zeigt nicht nach Freiheit, sondern nach Feindschaft.

Der Ausgangstext benennt diese Verschiebung deutlich: Maßstab für Bündnisse sei nicht mehr, „ob eine Bewegung emanzipatorisch, demokratisch oder menschenrechtskonform agiert“, sondern ob sie sich gegen die richtigen Mächte richte. Das ist präzise beobachtet. Der Reaktionär erhält einen Persilschein, sobald er ihn mit Palästinensertuch vorlegt.

Die Absurdität ist nicht schwer zu erkennen. Wer „Allah loves gays“ ruft und zugleich politische Kräfte verklärt, die gleichgeschlechtliches Leben verfolgen, verwechselt Solidarität mit Kulisse. Die Parole soll einen Widerspruch versöhnen, den sie nur dekoriert. Sie ist weniger Brücke als Tapete über einem Riss.

Auch der Begriff „Pinkwashing“ kann zur bequemen Abwehrmaschine werden. Kritik an israelischer Politik ist nötig; die Entrechtung queerer Menschen im Iran, in Gaza oder anderswo verschwindet dadurch nicht. Wer jeden Hinweis darauf als Propaganda zurückweist, schützt nicht die Unterdrückten, sondern das eigene Weltbild vor ihnen.

Der Fehler liegt tiefer als in schlechter Recherche. Er besteht in der Vorstellung, Emanzipation sei eine Eigenschaft von Lagern. Dann gilt der Feind des Westens als fortschrittlich, selbst wenn er im Inneren jede Freiheit bekämpft. Das erinnert an jene politische Buchführung, in der der Gulag als Betriebsunfall erschien, solange die Bilanz gegen Washington stimmte.

Der Ausgangstext spricht von einer „Ideologie des Bekenntniszwangs“: Wer für LGBTQ-Rechte eintrete, müsse auch antizionistisch sein. Wo Zugehörigkeit nur noch durch das richtige Bekenntnis erworben wird, endet Kritik als Verrat. Die Bewegung prüft dann nicht mehr ihre Bündnisse; sie prüft die Gesinnung ihrer Mitglieder.

Dass jüdische oder israelische Queers in solchen Milieus ausgegrenzt werden können, wäre deshalb kein Nebeneffekt, sondern die logische Folge. Wer Menschen nach Lagerzugehörigkeit sortiert, begegnet ihnen nicht als Menschen. Die Identität, die schützen soll, wird zum Grenzposten.

Die Gegenwelt, die keine ist

So weit, so richtig. Doch dann setzt die JFDA-Redaktion ihre Analyse unter Strom, bis aus Nähe Ursache wird. Sie behauptet eine „bitter-konsequente Dynamik“ zwischen Parolen auf einer Demonstration und einem späteren islamistischen Anschlag: Was rhetorisch gefordert worden sei, habe der Täter „in die konkrete Tat“ umgesetzt.

Hier wird aus zeitlicher Folge politische Kausalität. Dafür bräuchte es mehr als Symbolik: Kontakte, Einflusswege, gemeinsame Strukturen, ein Motiv, das sich belegen lässt. Der Text liefert stattdessen Dramaturgie. Weil erst gerufen und später zugeschlagen wurde, soll der Ruf schon fast die Tat gewesen sein. Das ist keine Analyse, sondern ein Schnitt im Trailer.

Die Parole „Globalize the Intifada“ ist kritikwürdig, weil sie Gewalt romantisieren und unterschiedliche historische Erfahrungen in ein Mobilisierungswort pressen kann. Aber eine Parole ist kein Tatnachweis. Wer das verwechselt, übernimmt ausgerechnet jene Denkweise, die er der Gegenseite vorwirft: Die Zugehörigkeit zum falschen Lager ersetzt die Prüfung des Einzelfalls.

Ähnlich verfährt der Text mit dem Ausdruck „linksislamistisch“. In ihm werden queerfeministische Gruppen, antiimperialistische Linke, palästinensische Nationalisten, Unterstützer Irans und Sympathisanten terroristischer Organisationen zu einem Block montiert. Dass es Überschneidungen geben kann, ist plausibel; dass daraus ein politisch einheitliches Subjekt entsteht, müsste gezeigt werden.

Wo der Nachweis fehlt, hilft das Adjektiv. „Linksislamistisch“ klingt, als sei die Verbindung bereits bewiesen, weil sie benannt wurde. Das Wort funktioniert wie ein Polizeifoto, auf dem alle Verdächtigen schon dieselbe Jacke tragen.

Noch bequemer wird die Erzählung, sobald der deutsche Rechtsstaat als unschuldige Gegenwelt erscheint. Hier Freiheit, dort Barbarei; hier Schutz, dort Vernichtung. Doch Deutschlands Gegner sind kein Entlastungszeuge für Deutschland. Wer Abschiebungen, rassistische Polizeipraxis oder die politische Verwaltung von Minderheiten kritisiert, muss deswegen keinen Islamisten zum Befreier ernennen.

Umgekehrt darf die Kritik am Islamismus nicht zur patriotischen Abkürzung werden. Ein Staat schützt Rechte nie aus reiner Gesinnung, sondern unter Druck, durch Kämpfe, Urteile und gesellschaftliche Verschiebungen. Der Christopher Street Day erinnert gerade daran, dass Freiheit nicht als Geschenk der Ordnung begann, sondern als Zumutung an sie.

Die JFDA-Redaktion erkennt den Verrat einer Linken, die ihre Maßstäbe an der Grenze abgibt. Sie übersieht nur, dass auch der Rechtsstaat seine Maßstäbe gern im Schaufenster ausstellt und im Lagerraum anders sortiert. Der Unterschied zwischen beiden ist real; die moralische Reinheit des einen folgt daraus nicht.

Die sogenannte „blutige Paradoxie“ ist deshalb weniger paradox als behauptet. Wer Menschen nach Lagern statt nach ihren Zielen beurteilt, wird irgendwann von den Zielen seiner Verbündeten eingeholt. Die einen entdecken zu spät, dass der Feind Israels auch sie verachtet. Die anderen erklären Deutschland zum Sieger der Freiheit, weil die Barbarei diesmal von außen kommen soll.

Beide Seiten sparen sich die Kritik, die weh täte. Die eine müsste anerkennen, dass Antiimperialismus ohne Emanzipation nur die Außenpolitik der Reaktion ist. Die andere müsste einräumen, dass der Schutz vor Islamismus den deutschen Staat nicht von eigener Herrschaft freispricht.

Ideologien drängen zur Praxis. Überraschend ist nicht, dass sie Wirklichkeit werden, sondern dass ihre Anhänger die Wirklichkeit anschließend für ein Missverständnis halten. Die offene Frage lautet daher nicht, welches Lager die besseren Fahnen trägt, sondern wer noch bereit ist, seine Freunde nach ihren Taten zu beurteilen.


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