Der Antisemitismus der anderen
TL;DR: Die CDU wirft der Berliner Linken Antisemitismus vor, misst eigene Mitglieder jedoch an anderen Maßstäben. Während einzelne Verfehlungen zur Verurteilung einer ganzen Partei dienen, bleiben rechtsextreme Verbindungen in den eigenen Reihen ohne vergleichbare politische Konsequenzen. Besonders fragwürdig wird es, wenn die Erinnerung an Auschwitz gegen linke Wohnungspolitik instrumentalisiert wird. Antisemitismus muss bekämpft werden, nicht als politisches Werkzeug dienen.

Der Antisemitismus der anderen
Wie CDU-Politiker den Antisemitismusvorwurf gegen die
Linke verwenden – und die eigenen Maßstäbe vergessen.
Vom Vorwurf zum Urteil
Die Berliner Linke gewinnt am 20.
September mit 25,7 Prozent die Abgeordnetenhauswahl. Regieren kann sie nur
mit einer Mehrheit. Aufschlussreich ist die Methode ihrer Gegner. Der
Berliner CDU-Politiker Stefan Evers nennt das Sondierungspapier von SPD, Grünen
und Linken eine „Kapitulationserklärung“ vor einer „radikalen, in Teilen
antisemitischen Linkspartei“. Aus Vorfällen in Teilen einer Partei wird ein
Urteil über die Zumutbarkeit der ganzen.
Vom Vorwurf zum Urteil
Diese Vorfälle sind ernst. Wer das
Massaker der Hamas vom 7. Oktober verharmlost, antisemitische Gewalt
entschuldigt oder die
Distanzierung verweigert, kann sich nicht auf den Antifaschismus seines
Parteibuchs berufen. Doch nicht jede Kritik an Israel, nicht jede Forderung
nach einem gemeinsamen Staat für Israelis und Palästinenser und erst recht
nicht jedes anwaltliche Mandat beweist Judenfeindschaft. Jeder Vorwurf verlangt
einen eigenen Beleg.
Die Zahl der Beschuldigten beweist oder widerlegt kein
strukturelles Problem. Entscheidend sind politische Netzwerke, wiederkehrende
Positionen und der Umgang der Führung mit den Verantwortlichen. Die
Berliner Linke hat Vorgänge verurteilt und parteirechtliche
Schritte gegen besonders schwer Belastete eingeleitet. Ob das genügt, darf
bezweifelt werden. Wer daraus jedoch die Regierungsunfähigkeit der gesamten
Partei folgert, muss erklären, warum diese Reaktionen nicht zählen.
Das Sondierungspapier verpflichtet die Parteien zum Schutz
jüdischen Lebens, bekennt sich zu Israels Existenzrecht und zum
Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser, lehnt BDS ab und sieht die
Untersuchung antisemitischer Vorfälle vor. Das ersetzt keine Politik, ist aber
keine Kapitulation. Evers' Zusatz „in Teilen“ ist insofern ehrlich, als er den
Vorwurf begrenzt. Politisch nützlich wird er erst, wenn die Begrenzung im
nächsten Schritt vergessen wird.
Auschwitz schützt das Eigentum
„Damit verbieten sich künftig alle Belehrungen gegenüber der
CDU.“ So heißt es in einem der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Potsdamzugeschriebenen Beitrag. Weil SPD und Grüne mit der Linken verhandeln, soll die
CDU künftig nicht mehr an ihrer Abgrenzung zur AfD gemessen werden. Das
behauptete Fehlverhalten der anderen dient als Erlaubnisschein für das eigene.
Die Montage der Unións Vereinigung verkündet: „„Judenfrage“
geklärt, jetzt wird enteignet.“ Hammer und Sichel, islamische Halbmonde und
düstere Architektur besorgen die Illustration. Die Sprache der
nationalsozialistischen Judenverfolgung eröffnet hier einen Angriff auf linke
Wohnungspolitik. Die ermordeten europäischen Juden liefern den moralischen
Schrecken für den Kampf gegen Vergesellschaftung.
Ob Vergesellschaftung nach Artikel 15 des Grundgesetzes
Mietern hilft, ist streitbar. 2021 stimmte eine Mehrheit beim Volksentscheid
dafür. Die Montage spart sich die Auseinandersetzung über Entschädigung, Mieten
und Eigentum. Sie bringt die „Judenfrage“ mit der Enteignung in eine
Reihenfolge, die aus einer sozialpolitischen Forderung einen Zivilisationsbruch
machen soll. Erinnerungskultur als Dienstleistung am Privateigentum.
Damit ist nicht bewiesen, dass hinter jedem
Antisemitismusvorwurf ein Immobilieninteresse steht. Bewiesen ist etwas
Präziseres: In dieser politischen Botschaft werden Holocaust-Anspielung, Abwehr
der Vergesellschaftung und Entlastung der CDU von der Brandmauer ausdrücklich
miteinander verbunden. Wer Linke und AfD gleichermaßen „extremistisch“ nennt,
muss den Einfluss antidemokratischer Strömungen auf beide Parteien vergleichen.
Ein Etikett genügt nicht.
Der Balken mit Parteibuch
An dieser Stelle wird Ulrich Vosgerau interessant(siehe zu
allen Zitaten „Der
Antisemitismus der Antisemitismusbekämpfer“. Der Teilnehmer des
Potsdamer Treffens über „Remigration“ war laut Tagesspiegel weiterhin
CDU-Mitglied und warb für Zusammenarbeit mit der AfD. Über Menschen, darunter
jüdische Protestierende, die dem Rechtsextremisten Hans-Thomas Tillschneider
den Zugang zu einer Synagoge in Halle versperrten, schrieb er, es sei „wirklich
schade“, dass sie „nicht mit dem Polizeiknüppel durch die Straßen gejagt worden
sind“.
Das ist kein Beweis dafür, dass die CDU antisemitisch wäre.
Es ist die dokumentierte Billigung von Gewalt gegen Menschen, die sich einem
Rechtsextremisten vor einer Synagoge entgegenstellten. Wer aus Verfehlungen
einzelner Linker auf die Regierungsfähigkeit der Partei schließt, schuldet
Auskunft über den Umgang mit dem eigenen Mitglied. Die Frage ist nicht, ob
beide Vorgänge identisch sind. Die Frage ist, warum für politische
Verantwortung zweierlei Maß gelten sollte.
Auch jüdische Stimmen lassen sich nicht zu einer einzigen
Parteimeinung zusammenfassen. Der Zentralrat der Juden warnt vor der Koalition;
150 progressive Berliner Juden widersprechen der pauschalen Verurteilung der
Linken. Beide Stimmen zählen. Jüdische Interessen sind kein Parteieigentum.
Antisemitismus in der Linken muss bekämpft werden, ohne
Ausflüchte und ohne Rücksicht auf politische Sympathien. Wer ihn jedoch beim
Gegner zum Urteil über die ganze Partei erhebt, bei den eigenen Leuten aber zur
Frage des Einzelfalls verkleinert, verteidigt keinen Maßstab. Er verteilt
politische Absolution nach Parteibuch. Und wer die Erinnerung an die Shoah in
den Dienst des Kampfes gegen Vergesellschaftung stellt, sollte sich nicht als
ihr Sachwalter aufspielen. Auschwitz ist keine Grundbuchversicherung für
Immobilienkonzerne.