Wollt ihr die totale Befreiung?
TL;DR: Die Kolumne analysiert, wie ein Demonstrationsaufruf den 7. Oktober zum „Leuchtfeuer der Standhaftigkeit“ verklärt. Seine zentrale Kritik: Wo Täter, Opfer und konkrete Handlungen hinter Begriffen wie „Widerstand“, „Kolonisator“ und „Befreiung“ verschwinden, wird Geschichte zur moralischen Absolution. Je „vollständiger“ die Befreiung gedacht wird, desto unsichtbarer wird der einzelne Mensch.
Wie aus einem Massaker ein „Leuchtfeuer“ wird und ein
Berliner Demonstrationsaufruf den 7. Oktober in ein Erlösungsdrama verwandelt.
Der Aufruf „UNTIL TOTAL
LIBERATION“ hat einen Vorzug: Er erspart seinem Kritiker die
Detektivarbeit. Man muss keine Chiffren knacken und keine verborgenen Absichten
erraten. Der Text sagt es selbst. Der 7. Oktober, ein
Massaker an 1.200 zumeist Jüdischen Menschen wird schließlich zum „Leuchtfeuer
der Standhaftigkeit“ erklärt.
Bemerkenswert ist
das Subjekt dieser Erzählung. Nicht bewaffnete Organisationen oder einzelne
Täter handeln, sondern „die Menschen in Gaza“. Ein Kollektiv übernimmt die Tat,
sobald sie heroisiert werden soll. So wird aus Geschichte ein Stück mit zwei
Rollen. Hier das „gefangene Volk“, dort der „Kolonisator“. Wer einer Rolle
zugewiesen ist, braucht offenbar keine individuelle Verantwortung mehr.
Die Waschmaschine der Geschichte
Das Verfahren erreicht seinen Höhepunkt, wenn der Aufruf den
7. Oktober zur „unvermeidlichen Antwort auf ein Jahrhundert der Enteignung,
Belagerung, ethnischen Säuberung und des Völkermords“ erklärt.
„Unvermeidlich“ ist ein bequemes Wort. Es klingt nach Erklärung und erledigt
nebenbei die Frage nach Entscheidung und Verantwortung. Wo Geschichte zur
Naturgewalt wird, verwandelt sich die Tat in Wetter: Es regnet, weil die Wolken
nun einmal voll waren. Gerade diese Verschiebung ist der rhetorische Kunstgriff
im Zentrum des Aufrufs.
Damit wird Kontext nicht benutzt, um Handlungen verständlich
zu machen, sondern um sie moralisch vorzusortieren. Der Text muss nichts
Einzelnes mehr prüfen. Es genügt die richtige Stellung im historischen Tableau.
Die Unterdrückten widersteht, die Kolonisatoren unterdrückte. Entscheidend
ist nicht mehr, was jemand tut, sondern was er im großen Drama verkörpert.
Folgerichtig wächst das Modell ins Globale. Kongo, Sudan,
Haiti, die Philippinen, Abya Yala, Kaschmir und Palästina hängen dem Aufruf
zufolge an „denselben Ketten“. Unterschiede dürfen noch in der Länge der
Kette vorkommen, nicht mehr in ihrer politischen Beschaffenheit. Wer überall
dasselbe Joch erkennt, muss sich mit Besonderheiten nicht länger aufhalten.
Total befreit, endlich abstrakt
Hier liegt die Ironie des Wortes „Befreiung“. Je universaler
der Anspruch wird, desto weniger konkrete Menschen bleiben übrig. Der Aufruf
spricht von „Volk“, „Widerstand“, „Globalem Süden“, „Kolonisator“ und
„Zionismus“. Solidarität
soll nicht länger „Wohltätigkeit“ oder „Mitleid aus sicherer Entfernung“ sein,
sondern Erkenntnis weltweiter Verflechtung. Doch eine Solidarität, die den
Einzelnen erst in ein Kollektiv verwandeln muss, bevor sie ihn sehen kann, hat
ihren Universalismus eigentümlich verkürzt.
Deshalb ist auch „Bis zur vollständigen Befreiung“
aufschlussreicher als jede Spekulation über geheime Programme. Vollständig
soll die Befreiung sein. Wovon eine befreite Gesellschaft politisch leben, wie
sie Rechte sichern, Macht begrenzen, Minderheiten schützen oder Konflikte
austragen soll, bleibt im Aufruf unbestimmt. Das positive Programm gewinnt
seine Kontur fast nur aus der Negation: Gefängnis, Kolonisator, Zionismus,
Kapitulation. Die Zukunft besitzt vor allem einen Superlativ.
Man könnte sich nun am Wort „total“ berauschen und
historische Analogien veranstalten. Das wäre zu billig. Interessanter ist
die Grammatik totaler Erlösung. Wo das Endziel durch seine Vollständigkeit
glänzt, während sein gesellschaftlicher Inhalt blass bleibt, wird die Bewegung
zum Maß aller Dinge. Dann kann jedes Hindernis als Rest der Unfreiheit
erscheinen.
Am Ende kehrt der
Text auf die Straße zurück: „Flutet am 7. Oktober auf die Straßen!“. Darin
liegt die Pointe. Man muss nichts entschlüsseln. Der Aufruf erzählt vom Durchbrechen
der Mauer, erklärt den Massenmord am 7. Oktober zum „Leuchtfeuer“, nennt den
Widerstand, der diese abschlachten von zumeist Jüdischen Zivilist:innen darstellen
soll, „unsere Hoffnung, er ist unser Versprechen“ und ruft am Jahrestag zur
Demonstration. Die Chiffre besitzt ihre eigene Gebrauchsanweisung. Das
Verstörende ist nicht, dass diese Sprache zu wenig über ihre Vorstellung von
Befreiung verrät. Sie verrät mehr als genug: Wo Menschen nur als Träger
geschichtlicher Rollen erscheinen, droht die vollständige Befreiung mit einer
letzten Abstraktion zu enden, der Befreiung vom konkreten Menschen.