Wollt ihr die totale Befreiung?

 TL;DR: Die Kolumne analysiert, wie ein Demonstrationsaufruf den 7. Oktober zum „Leuchtfeuer der Standhaftigkeit“ verklärt. Seine zentrale Kritik: Wo Täter, Opfer und konkrete Handlungen hinter Begriffen wie „Widerstand“, „Kolonisator“ und „Befreiung“ verschwinden, wird Geschichte zur moralischen Absolution. Je „vollständiger“ die Befreiung gedacht wird, desto unsichtbarer wird der einzelne Mensch.

Grafische Montage eines Demonstrationsplakats mit der Aufschrift „Until Total Liberation“ und der Ankündigung einer Demonstration am 7. Oktober 2026 um 18 Uhr am Schlesischen Tor in Berlin. Die Illustration zeigt einen Bulldozer vor einem durchbrochenen Grenzzaun. Darüber steht in großer weißer Schrift die Frage: „Wollt ihr die totale Befreiung?“

Wie aus einem Massaker ein „Leuchtfeuer“ wird und ein Berliner Demonstrationsaufruf den 7. Oktober in ein Erlösungsdrama verwandelt.

Der Aufruf „UNTIL TOTAL LIBERATION“ hat einen Vorzug: Er erspart seinem Kritiker die Detektivarbeit. Man muss keine Chiffren knacken und keine verborgenen Absichten erraten. Der Text sagt es selbst. Der 7. Oktober, ein Massaker an 1.200 zumeist Jüdischen Menschen wird schließlich zum „Leuchtfeuer der Standhaftigkeit“ erklärt.

Bemerkenswert ist das Subjekt dieser Erzählung. Nicht bewaffnete Organisationen oder einzelne Täter handeln, sondern „die Menschen in Gaza“. Ein Kollektiv übernimmt die Tat, sobald sie heroisiert werden soll. So wird aus Geschichte ein Stück mit zwei Rollen. Hier das „gefangene Volk“, dort der „Kolonisator“. Wer einer Rolle zugewiesen ist, braucht offenbar keine individuelle Verantwortung mehr.

Die Waschmaschine der Geschichte

Das Verfahren erreicht seinen Höhepunkt, wenn der Aufruf den 7. Oktober zur „unvermeidlichen Antwort auf ein Jahrhundert der Enteignung, Belagerung, ethnischen Säuberung und des Völkermords“ erklärt. „Unvermeidlich“ ist ein bequemes Wort. Es klingt nach Erklärung und erledigt nebenbei die Frage nach Entscheidung und Verantwortung. Wo Geschichte zur Naturgewalt wird, verwandelt sich die Tat in Wetter: Es regnet, weil die Wolken nun einmal voll waren. Gerade diese Verschiebung ist der rhetorische Kunstgriff im Zentrum des Aufrufs.

Damit wird Kontext nicht benutzt, um Handlungen verständlich zu machen, sondern um sie moralisch vorzusortieren. Der Text muss nichts Einzelnes mehr prüfen. Es genügt die richtige Stellung im historischen Tableau. Die Unterdrückten widersteht, die Kolonisatoren unterdrückte. Entscheidend ist nicht mehr, was jemand tut, sondern was er im großen Drama verkörpert.

Folgerichtig wächst das Modell ins Globale. Kongo, Sudan, Haiti, die Philippinen, Abya Yala, Kaschmir und Palästina hängen dem Aufruf zufolge an „denselben Ketten“. Unterschiede dürfen noch in der Länge der Kette vorkommen, nicht mehr in ihrer politischen Beschaffenheit. Wer überall dasselbe Joch erkennt, muss sich mit Besonderheiten nicht länger aufhalten.

Total befreit, endlich abstrakt

Hier liegt die Ironie des Wortes „Befreiung“. Je universaler der Anspruch wird, desto weniger konkrete Menschen bleiben übrig. Der Aufruf spricht von „Volk“, „Widerstand“, „Globalem Süden“, „Kolonisator“ und „Zionismus“. Solidarität soll nicht länger „Wohltätigkeit“ oder „Mitleid aus sicherer Entfernung“ sein, sondern Erkenntnis weltweiter Verflechtung. Doch eine Solidarität, die den Einzelnen erst in ein Kollektiv verwandeln muss, bevor sie ihn sehen kann, hat ihren Universalismus eigentümlich verkürzt.

Deshalb ist auch „Bis zur vollständigen Befreiung“ aufschlussreicher als jede Spekulation über geheime Programme. Vollständig soll die Befreiung sein. Wovon eine befreite Gesellschaft politisch leben, wie sie Rechte sichern, Macht begrenzen, Minderheiten schützen oder Konflikte austragen soll, bleibt im Aufruf unbestimmt. Das positive Programm gewinnt seine Kontur fast nur aus der Negation: Gefängnis, Kolonisator, Zionismus, Kapitulation. Die Zukunft besitzt vor allem einen Superlativ.

Man könnte sich nun am Wort „total“ berauschen und historische Analogien veranstalten. Das wäre zu billig. Interessanter ist die Grammatik totaler Erlösung. Wo das Endziel durch seine Vollständigkeit glänzt, während sein gesellschaftlicher Inhalt blass bleibt, wird die Bewegung zum Maß aller Dinge. Dann kann jedes Hindernis als Rest der Unfreiheit erscheinen.

Am Ende kehrt der Text auf die Straße zurück: „Flutet am 7. Oktober auf die Straßen!“. Darin liegt die Pointe. Man muss nichts entschlüsseln. Der Aufruf erzählt vom Durchbrechen der Mauer, erklärt den Massenmord am 7. Oktober zum „Leuchtfeuer“, nennt den Widerstand, der diese abschlachten von zumeist Jüdischen Zivilist:innen darstellen soll, „unsere Hoffnung, er ist unser Versprechen“ und ruft am Jahrestag zur Demonstration. Die Chiffre besitzt ihre eigene Gebrauchsanweisung. Das Verstörende ist nicht, dass diese Sprache zu wenig über ihre Vorstellung von Befreiung verrät. Sie verrät mehr als genug: Wo Menschen nur als Träger geschichtlicher Rollen erscheinen, droht die vollständige Befreiung mit einer letzten Abstraktion zu enden, der Befreiung vom konkreten Menschen.

 


Beliebte Posts aus diesem Blog

„Antifa bedeutet Palästina?“ – Wenn der Palästina-Nationalismus gegen Antifaschist *innen marschiert

Ein Twitch-Live-Talk als ideologischer Offenbarungseid

Das erwartbare Schweigen der Linken zum Völkermord