Wer darf entscheiden?
TL;DR: Politische Gleichheit endet oft dort, wo Eigentum über Wohnungen, Arbeit und Energie entscheidet. Die extreme Rechte lenkt soziale Ohnmacht auf Ausgrenzung. Antifaschistische Wirtschaftspolitik muss Versorgung sichern und wirtschaftliche Macht demokratisieren.

Wer darf entscheiden?
Die Rechte verspricht Vorrang.
Demokratie müsste Verfügungsmacht teilen.
2022 wurde Gas knapp. Der
Preis stieg und erfüllte damit eine Aufgabe, die ihm die Ökonomie zutraut: Er
zeigte Knappheit an und machte Verbrauch teuer. Nur konnte ein Haushalt mit
niedrigem Einkommen nicht beliebig weniger heizen. Das Preissignal
funktionierte. Eben darin lag das Problem: Es maß Zahlungsfähigkeit, nicht
Bedürftigkeit. Knappheit muss bewältigt werden. Dass zuerst der verzichten
soll, der am wenigsten hat, ist keine Naturregel.
Die Gaspreiskommission rang um
die Frage, wie sich Sparanreize und Schutz vor Überforderung verbinden lassen. Isabella
Maria Weber gehörte ihr an. Die Politik griff in die Preisfolgen ein. Die
Verteilung stand zur Debatte.
Die Freiheit der Besitzenden
Der
Mietvertrag kennt zwei Unterschriften. Das Gesetz erkennt zwei Parteien an.
Aber die eine besitzt die Wohnung, die andere benötigt eine. Es ist ein
Unterschied der Ausgangslage, der auf einem angespannten Markt über die
Freiheit entscheidet, Nein zu sagen. Formale
Gleichheit kann reale Abhängigkeit verdecken.
Auch Beschäftigte haben Rechte.
Trotzdem entscheidet über große Investitionen gewöhnlich nicht die Belegschaft,
die von ihnen abhängt. Eine Schließung erscheint in der Bilanz als Maßnahme und
am Küchentisch als Existenzfrage. Der eine hat entschieden, der andere soll
sich neu erfinden.
Die neoliberale Zumutung besteht
nicht bloß darin, diesen Unterschied schönzureden. Sie organisiert Risiken als
Privatsache und behandelt öffentliche Sicherheiten als Kosten. Anschließend
erklärt sie die Folgen zur Charakterfrage. Wer scheitert, hat sich nicht
angepasst. Wer Angst hat, soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten. Aus
gesellschaftlichen Entscheidungen werden persönliche Niederlagen.
Rechte Politik findet hier einen
Ansatzpunkt, nicht ihre vollständige Erklärung. Rassismus ist keine
Nebenwirkung einer teuren Heizung. Er hat Überzeugungstäter, Organisationen,
wohlhabende Förderer und eine eigene Geschichte. Auch wer wirtschaftlich sicher
lebt, kann gleiche Rechte für andere ablehnen.
Aber die Rechte kann Ohnmacht in
Überlegenheit übersetzen. Wer bei Miete und Lohn wenig zu sagen hat, soll
wenigstens über die Zugehörigkeit anderer urteilen dürfen. Der Nachbar wird zum
Fremden, der Kollege zum Konkurrenten aufgrund seines Passes. An der Verfügung
über Betriebe ändert das nichts. Die Rangordnung erhält nur eine neue
Begründung.
Der Erfolg der Rendite
Eine Wohnung erfüllt zwei
verschiedene Zwecke. Sie soll Menschen beherbergen und kann zugleich Erträge
abwerfen. Das eine ist ein gesellschaftliches Bedürfnis, das andere eine
private Rechnung. Ein steigender Ertrag beweist keine bessere Versorgung; ein hoher
Immobilienwert ersetzt keine bezahlbare Miete.
Steigende Mieten können Neubau
anregen. Aber sie schaffen weder Grundstücke noch Fachkräfte noch Finanzierung
zu tragbaren Bedingungen. Wer auf hohe Preise als Lösung verweist, verwechselt
die Aussicht auf Gewinn mit dem Nachweis gesellschaftlichen Nutzens.
Der Staat steht nicht außerhalb
dieser Ordnung. Er schützt Eigentum, setzt Bauvorschriften, finanziert
Infrastruktur und gewährt Zuschüsse. Mietbeihilfen können Menschen vor dem
Verlust der Wohnung bewahren; zugleich können sie die Einnahmen von Eigentümern
stabilisieren. Wer nur die Rechnung bezahlt, ändert noch nicht, wer sie
ausstellt.
Darum gehört Eigentum in die
politische Debatte. Artikel 15 des Grundgesetzes erlaubt die Vergesellschaftung
von Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln durch Gesetz mit
einer Regelung der Entschädigung. Auch öffentliche Unternehmen können schlecht
planen, knappe Mittel falsch verteilen und ihre Nutzer übergehen. Weder ein
öffentlicher Betrieb noch ein Parlament ist fehlerfrei. Aber ihre
Entscheidungen können begründet, kontrolliert und geändert werden. Bei privater
Verfügung endet die Auskunft oft an der Bilanz. Doch dann lässt sich die
entscheidende Frage nicht mehr hinter einem Geschäftsgeheimnis verstecken: Wer
legt fest, was gebaut, erhalten und bezahlt wird?
Gegen die falsche Antwort
Antifaschistische
Wirtschaftspolitik darf nicht mit der Hoffnung beginnen, jeder wirtschaftlich
Entlastete werde demokratisch. Gegen die extreme Rechte braucht es den Schutz
der Bedrohten, den Streit um ihre Lügen und den Widerstand gegen ihre
Organisationen. Wirtschaftspolitik hat eine andere Aufgabe: Sie muss verhindern
helfen, dass soziale Sicherheit als Belohnung für die richtige Herkunft
erscheint.
Das verlangt allgemeine Ansprüche
auf Wohnen, Wärme, Gesundheit und Mobilität. Nicht als Geschenke an eine
ausgewählte Nation, sondern als Bedingungen eines Lebens, in dem Menschen ohne
Erpressung durch Not entscheiden können. Es verlangt öffentliche Angebote,
verlässliche Regeln und Einfluss der Betroffenen auf Investitionen und
Versorgung. Über deren Kosten und Prioritäten muss gestritten werden.
Der ökologische Umbau zeigt, wie
ernst das gemeint ist. Teure fossile Energie ohne erreichbare Alternative
belastet vor allem jene, die weder Haus noch Auto rasch ersetzen können. Netze,
Verkehr und Wohnungen umzubauen ist notwendig. Aber wer bezahlt, wer profitiert
und wer bestimmt, darf nicht erst gefragt werden, wenn die Rechnung kommt.
Sonst wird Klimapolitik zum nächsten Anlass, den Ärger nach unten und gegen
Minderheiten umzuleiten.
Diese Politik wird auf Widerstand
stoßen. Wer an Knappheit verdient, muss ihren Abbau nicht begrüßen. Wer
Investitionen kontrolliert, verliert ungern Entscheidungsmacht. Gerade darum
reicht es nicht, Sorgen anzuhören und ihre Folgen zu bezuschussen. Eine
antifaschistische Wirtschaftspolitik müsste die Machtfrage stellen, ohne den
Rassismus zur bloßen Ablenkung von ihr zu erklären.
Die Rechte bietet den
Verunsicherten einen Platz über anderen an. Demokratie müsste ihnen Einfluss
auf das geben, wovon sie abhängig sind. Die erste Lösung verlangt einen
Ausweis. Die zweite verlangt, dass Eigentum nicht länger das letzte Wort hat.