Die Waffen der anderen nieder
TL;DR: Über den „Aufruf für die Demonstrationen am 3. Oktober 2026“, über einen deutschen Pazifismus, der den Krieg abschaffen will, indem er dem Angreifer das Gewinnen ermöglichen will – und über eine Friedenskoalition, in der Teile der Partei Die Linke mit BSW, dieBasis, kommunistischen Gruppen und traditionellen Pazifisten eine Querachse bilden, deren kleinster gemeinsamer Nenner weniger eine gemeinsame Vorstellung von Emanzipation ist als die abstrakte Beschwörung des Wortes „Frieden“. Wo die Frage nach den Opfern aufhört, kann Frieden zur Ruhe werden, die der Sieger herstellt.
„Hier ist nichts ungefährlich, nicht mal die Begeisterung
für den Frieden.“
— Wolfgang Pohrt, Ein Volk, ein
Reich, ein Frieden (1981)
Über die deutsche Sehnsucht nach einem Frieden, den
andere bezahlen
Der Deutsche, wenn er schon wieder kriegstüchtig werden
soll, möchte wenigstens dagegen sein. Das ist verständlich. Weniger
verständlich ist, warum deshalb der Russische Staat, realitätsfern, als friedfertig beschrieben sein muss.
„Nein
zu Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg!“, ruft die Friedensbewegung zum 3.
Oktober, jenem Feiertag, an dem Deutschland gewöhnlich sich selbst gratuliert,
dass es wieder eines ist. Diesmal marschieren gegen seine Kriegstüchtigkeit
Teile der Partei Die Linke gemeinsam mit BSW, DKP, dieBasis, Pazifisten,
Gewerkschaftern, Christen, Palästinafreunden, Verschwörungsmythologen und
Leuten, die sich sonst vermutlich nicht einmal darüber einigen könnten, wer von
ihnen links ist.
Das Wort, unter dem sie zusammenfinden, heißt Frieden.
Wörter haben den Vorteil, dass sie keine Interessen haben.
Der Aufruf schon.
Deutschland,
heißt es dort, werde „kriegstüchtig gemacht“, die Bundeswehr hochgerüstet,
Gesundheitswesen und Infrastruktur würden dem Militär untergeordnet. Das ist
kein Grund, der Bundesregierung zu widersprechen, sondern mehrere. Wer nach
zwei deutschen Versuchen, Europa nach seinen Bedürfnissen einzurichten, beim
dritten Mal nicht begeistert „Führungsverantwortung“ ruft, verfügt wenigstens
über ein historisches Gedächtnis.
Auch dass Milliarden für Kanonen nicht gleichzeitig für
Krankenhäuser ausgegeben werden, ist keine bolschewistische Geheimlehre. Und
dass ein Staat, der bei seinen Gegnern das Völkerrecht entdeckt, bei seinen
Freunden gelegentlich kurzsichtig wird, gehört zum Wesen der Außenpolitik.
Soweit könnte man miteinander reden.
Dann aber kommt Russland.
Die
Aufrüstung, erfährt man, werde mit einer russischen Bedrohung „begründet“,
obwohl Russland angeblich weder Absicht noch Fähigkeit besitze, NATO-Staaten
anzugreifen. Deutschland,
EU und NATO „eskalieren und verlängern“ durch Militärhilfe den Krieg in der
Ukraine.
Von Russland erfährt man dagegen vor allem, womit der Westen
sein Verhalten begründet.
Das ist eine bemerkenswerte Arbeitsteilung.
Der Westen hat Interessen, Russland Sorgen.
Der Westen eskaliert, Russland befindet sich in einer
Eskalation.
Der Westen liefert Waffen, Russland offenbar Wetter oder
Regenbogen oder, um im Bild zu bleiben, weiße Tauben.
Dabei ließe sich gegen deutsche Aufrüstung argumentieren,
ohne Wladimir Putin zum Zivildienstleistenden erklären zu müssen.
Die Waffen der Angegriffenen nieder
Der Trick besteht darin, nicht mehr zu fragen, was
geschieht, sondern wodurch es schneller aufhört. Ein Krieg, den der
Angegriffene verliert, weil ihm niemand Waffen liefert, ist schließlich auch
beendet. Sogar besonders erfolgreich. Die Toten schießen nicht zurück, die
Besetzten verlängern keinen Krieg, und wer im Gefängnis sitzt, belastet keine
Friedensverhandlung durch Maximalforderungen.
Darum
fordert der Aufruf den „Stopp aller Wirtschaftssanktionen und
Waffenlieferungen“. Aller.
Das ist die Schönheit des vorgeblichen konsequenten
Pazifismus des Aufrufs und der Unterzechnenden: Er diskriminiert nicht zwischen
dem Gewehr des Angreifers und dem, das dessen Opfer erhält. Er nimmt beiden die
Waffen – allerdings zunächst nur dort, wo seine Bundesregierung Zugriff auf sie
hat. Was praktisch bedeutet, dass derjenige seine behalten darf, der sie
schon besitzt.
„Wir sagen NEIN zu allen Kriegen“, heißt es.
Auch das ist ein schöner Satz. Leider hat die Geschichte die
unangenehme Eigenschaft, ihn gelegentlich zu beantworten. Auschwitz wurde nicht
durch eine Friedenskonferenz befreit. Die Wehrmacht stellte ihre Tätigkeit
nicht ein, weil in London jemand „Die Waffen nieder!“ rief. Das Schreckensregime der Roten Khmer in
Kambodscha, das rund ein Viertel der eigenen Bevölkerung ermordete, wurde 1979
erst durch den militärischen Einmarsch vietnamesischer Truppen gestürzt. Wer
jeden Krieg unterschiedslos verwirft, muss irgendwann erklären, ob auch der
Krieg gegen die Vernichtungsmaschine nur deshalb bedauerlich war, weil
geschossen wurde.
„Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ sind eben nur
so lange dasselbe, wie niemand Auschwitz mit Krieg verhindern muss.
Genau dort hört der Aufruf auf zu denken.
Seine Unterzeichnerliste hilft beim Verständnis. Neben der
alten Friedensbewegung und DFG-VK stehen DKP und SDAJ, neben der Linkspartei
das BSW, neben Gewerkschaftsgliederungen dieBasis, neben christlichen
Pazifisten antiimperialistische Gruppen und Organisationen der
Palästinasolidarität. Was diese Gesellschaft über die Emanzipation denkt,
dürfte verschieden sein. Darüber, wer den Frieden stört, versteht man sich
leichter.
Der gemeinsame Nenner ist weniger eine Vorstellung der
befreiten Gesellschaft als eine Geographie des Verdachts: Washington, NATO,
Bundesregierung, Rüstungsindustrie, Israel.
Moskau kommt darin hauptsächlich als Gegenstand westlicher
Feindbilder vor.
Teheran als Opfer.
Und Israel als Täter.
Der Aufruf beklagt zu Recht, Völkerrecht dürfe nicht nach
Bündniszugehörigkeit verteilt werden. Doch Universalismus wird nicht dadurch
hergestellt, dass man die Einäugigkeit wechselt. Wer israelische Gewalt
untersucht und iranische Herrschaft, Islamismus, Antisemitismus und dessen
bewaffnete Verbündete aus dem Bild schiebt, hat den Doppelstandard nicht
abgeschafft. Er hat bloß die Seiten gewechselt.
Dasselbe gilt für die Ukraine. Wer mit Recht fragt, welche
Interessen Deutschland dort verfolgt, müsste auch fragen, welche Russland
verfolgt. Und vor allem, welche die Ukrainer haben könnten. In einer
Friedensbewegung, die unablässig von Diplomatie spricht, kommen ausgerechnet
diejenigen, über deren Land diplomatisch verfügt werden soll, erstaunlich
selten als politische Subjekte vor.
„Eine gemeinsame Friedensordnung in Europa unter Einschluss
Russlands“ soll entstehen.
Gewiss. Nur ist „Friedensordnung“ noch keine Auskunft
darüber, wer anschließend über Cherson herrscht, wer aus Mariupol zurückkehren
darf und ob Grenzen durch Verhandlungen verändert oder durch Panzer geschaffen
werden dürfen. Auch der Friedhof besitzt eine stabile Friedensordnung.
Die entscheidende Frage: Frieden für wen?
Die deutsche Friedensbewegung hat einen richtigen Verdacht
und zieht daraus den falschen Trost. Richtig ist, der eigenen Regierung nicht
zu glauben, sie rüste ausschließlich aus Menschenliebe. Falsch ist der Schluss,
deshalb müsse der Gegner dieser Regierung die weniger gefährliche Macht sein.
Materialismus hieße, keinen Staat beim Wort zu nehmen.
Auch nicht den, gegen den der eigene Staat Waffen liefert.
Die Frage lautet deshalb nicht, wer „für Frieden“ ist. Dafür
sind am Ende alle, sobald der gewünschte Zustand hergestellt ist. Putin will
Frieden, wenn seine Bedingungen gelten. Trump will Frieden, wenn seine
Geschäfte stimmen. Die Bundesregierung will Frieden, wenn er ihrer Vorstellung
europäischer Ordnung entspricht. Selbst ein Eroberer führt Krieg nicht deshalb,
weil er das Geräusch der Artillerie liebt, sondern weil er einen Zustand
herstellen möchte, in dem er nicht mehr schießen muss.
Die Frage lautet: Welcher Frieden?
Wer behält das eroberte Land? Wer darf zurückkehren? Wer
muss fliehen? Wer darf sich bewaffnen? Wer entscheidet? Und wer bezahlt die
Ruhe, die andere Frieden nennen?
Eine Linke, die diese Fragen durch das Wort „Diplomatie“
ersetzt, hat den Krieg nicht überwunden. Sie hat lediglich beschlossen, beim
Ergebnis nicht mehr so genau hinzusehen.
Wo der Schutz der Bedrohten vom Frieden getrennt wird,
verschwindet nämlich nicht die Gewalt.
Es ändert sich nur, wer sie ungestört ausüben darf.
Und manchmal heißt Frieden bloß, dass der Sieger nicht mehr
schießen muss.