Die schleichende Machtübernahme
TL;DR: Die AfD nutzt in Sachsen-Anhalt parlamentarische Ämter, um ihren politischen Einfluss auszubauen. Während jüdische Studierende gegen die Vereinnahmung und Entpolitisierung des Gedenkens an die Opfer des Rechtradikalen Anschlags von Halle durch die AfD protestieren, wird die Partei Die Linke zur angeblich größten Gefahr für jüdisches Leben erklärt. Antisemitismus von links muss bekämpft werden. Wer ihn jedoch benutzt, um die ungleich größere Gefahr der extremen Rechten zu verharmlosen, betreibt keine Aufklärung, sondern politische Instrumentalisierung.
Die schleichende Machtübernahme
Wie die AfD in Sachsen-Anhalt die Demokratie demontiert –
und weshalb der Antisemitismus der Linken ihr dabei als Entlastungszeuge dienen
soll
Die Demokratie wird in Deutschland nicht abgeschafft. Sie
wird verwaltet. Ihre Demontage erfolgt unter Beachtung der Geschäftsordnung,
mit ordnungsgemäß ausgezählten Stimmzetteln, parlamentarischen Mehrheiten und
einer Pressemitteilung der zuständigen Behörde. Wenn schließlich niemand mehr
weiß, ob der Landtag noch ein Verfassungsorgan oder bereits
die Pressestelle der AfD ist, wird man feststellen, dass alles seine
parlamentarische Ordnung hatte.
Die Demokratie wird nicht abgeschafft. Sie wird
verwaltet.
In Sachsen-Anhalt lässt sich derzeit besichtigen, wie das
funktioniert.
Tobias
Rausch, AfD, erhielt bei seiner Wahl zum Landtagspräsidenten 48 Stimmen.
Vier mehr, als AfD und BSW zusammen aufbringen. Woher sie kamen, weiß niemand.
Die Abstimmung war geheim. Die CDU hatte sich zur Enthaltung geraten, mehrere
ihrer Abgeordneten hatten Ablehnung angekündigt. Fünf enthielten sich. Der Rest
ist ein Betriebsgeheimnis jener christlichen Demokratie, die ihre Brandmauer
vorzugsweise dort errichtet, wo sie niemanden am Übersteigen hindert.
Dass CDU-Abgeordnete Rausch gewählt haben, ist nicht
bewiesen. Dass die Union ein Problem hat, welches durch den Hinweis auf das
Wahlgeheimnis nicht verschwindet, dagegen schon.
Es verschwindet übrigens auch nicht, wenn der CDU-Vorsitzende
Friedrich Merz erzählt, es gebe im Magdeburger Landtag drei Gruppen, „die
alles tun, um den Zusammenhalt in unserer Demokratie zu unterminieren“, Merz
meinte damit offenbar AfD, BSW sowie die Partei Die Linke und sprach von einer
möglichen politischen „False-Flag-Operation“. Die Linke-Abgeordnete stehen
demnach im Verdacht, einfach nur deshalb dem Kandidaten der AfD, Tobias Rausch,
zum Amt des Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt verholfen zu haben, um der
CDU die nun eingetretene Krise zu bescheren. Dennoch sekundierte der
Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Sepp Müller (CDU), am
Donnerstag dem Geraune des Kanzlers. Gegenüber
dem MDR vermutete Müller, dass Rausch Stimmen aus den Reihen von SPD,
Grünen und Die Linke erhalten habe. Das Ziel: „die Union mit Dreck zu
bewerfen.“.
Kaum im Amt, demonstrierte der neue Präsident, was er unter
überparteilicher Amtsführung versteht. Rausch
kündigte bei einer Veranstaltung des rechtsextremen Magazins Compact eine
Sondersitzung zur Russlandpolitik an, die er ausdrücklich ohne seinen
CDU-Stellvertreter leiten wolle. Das Parlament als Bühne für die
außenpolitischen Obsessionen der AfD und des BSW. Die Geschäftsordnung als
Gebrauchsanweisung zur Machtausübung.
Währenddessen
erkundigte sich Ulrich Siegmund bei ZDF-Reporter Fabian Köster, ob dieser sich
bereits eine neue Beschäftigung gesucht habe. Schließlich wolle man den
Medienstaatsvertrag kündigen. „Herzlich willkommen in
der neuen Zeit“, sagte er und legte den Arm um den Journalisten. Eine
freundliche Geste, sofern man die Drohung übersieht. Der autoritäre Politiker
von heute trägt keinen Schlagstock. Er trägt ein Lächeln und weiß, dass sich
Einschüchterung auch als Scherz verkaufen lässt.
Wenn jüdischer Protest zur Störung erklärt wird
Am
9. Oktober erschien Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Landtagsvizepräsident, an
der Synagoge von Halle. Dort wurde der Opfer des antisemitischen
Terroranschlags von 2019 gedacht. Jüdische
Studierende stellten sich ihm entgegen. Sie wollten nicht, dass ein
Politiker, der mit antisemitischen Verschwörungserzählungen aufgefallen war und
den Charakter des Anschlags öffentlich relativiert hatte, ihr Gedenken für
seine politische Selbstdarstellung nutzte.
Der
Landtag verbreitete daraufhin eine Mitteilung, in der von einer „Gruppe
linker Studenten“ und den Opfern eines „Amoklaufs“ die Rede war. Die jüdische
Identität der Protestierenden verschwand ebenso wie der rechtsextreme,
antisemitische Charakter des Anschlags.
Aus jüdischem Widerstand gegen Antisemitismus wurde eine
Störung durch Linke. Aus antisemitischem Terror ein Amoklauf. Eine
bemerkenswerte Leistung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit: Der Sachverhalt
wurde nicht einfach bestritten, sondern so lange sprachlich bearbeitet, bis er
politisch verwendbar war.
Der
Tagesspiegel berichtete am 14. Oktober zudem, dass gegen jüdische
Studierende wegen des Vorwurfs der Beleidigung ermittelt werde. Sie sollen
Tillschneider „Nazi“ genannt haben. Die Anzeige stamme nicht von ihm. Damit ist
weder eine Straftat bewiesen noch etwas über die Berechtigung der Bezeichnung
entschieden. Aber die politische Pointe ist kaum zu übersehen: Wer sich einem
Politiker mit einschlägiger Vergangenheit entgegenstellt, kann anschließend
selbst zum Gegenstand polizeilicher Ermittlungen werden.
Das ist noch keine Diktatur. Es ist auch nicht nötig, jede
autoritäre Entwicklung sofort zur Diktatur zu erklären. Es genügt, ihre
Funktionsweise zu erkennen.
Die AfD muss die demokratischen Institutionen nicht
beseitigen, um sie für ihre Zwecke einzusetzen. Sie braucht Ämter,
Zuständigkeiten, Personal und jene bürgerliche Bereitschaft, jeden neuen
Zustand als Normalität zu behandeln, sobald er ein amtliches Siegel trägt.
Die Linke als Entlastungszeuge der extremen Rechten
Besonders nützlich ist der AfD dabei eine Debatte, in der
ausgerechnet die
Partei Die Linke zur größten Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland
aufgeblasen wird.
Dass es innerhalb
der Linken und ihres politischen Umfelds antisemitische Positionen gibt, ist
keine Erfindung ihrer Gegner. Wer jüdische Menschen für die Politik der
israelischen Regierung verantwortlich macht, wer antisemitische Gewalt
relativiert, wer die Vernichtung Israels als Befreiungsprogramm ausgibt oder
jüdische Studierende einschüchtert, verdient keinen antifaschistischen Rabatt.
Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass er sich
Antizionismus nennt. Und nicht dadurch weniger antisemitisch, dass seine
Vertreter sich für Antifaschisten halten. Die politische Selbstbeschreibung des
Täters ist kein Entlastungszeugnis für die Tat.
Nur folgt daraus nicht, dass die Linke und die AfD dieselbe
Gefahr darstellen.
Wer diesen Unterschied beseitigt, betreibt keine
differenzierte Antisemitismuskritik. Er beseitigt die Differenz zwischen einer
demokratischen Partei, in der antisemitische Positionen bekämpft werden müssen,
und einer extrem rechten Partei, deren völkische Ideologie mit der Vorstellung
gleichberechtigter gesellschaftlicher Zugehörigkeit grundsätzlich kollidiert.
„Die AfD ist keine Alternative für Juden!“
Und weiter:
„Die AfD ist keine Partei für Juden. Die AfD ist keine
Partei für Demokraten. Die AfD ist eine Gefahr für jüdisches Leben in
Deutschland. Die AfD ist eine rassistische und antisemitische Partei.“
Man sollte meinen, dass diese Einschätzung für Politiker,
die sich gern als Schutzmacht jüdischen Lebens präsentieren, wenigstens Anlass
zur Beschäftigung mit der eigenen politischen Nachbarschaft wäre.
Stattdessen wird in rechtskonservativen Kreisen mit
wachsender Begeisterung an der Gleichsetzung der Partei Die Linke und AfD
gearbeitet. Die eine soll so gefährlich erscheinen wie die andere, damit die
andere schließlich nicht gefährlicher erscheint als die eine.
Das Verfahren ist einfach: Man
nimmt reale antisemitische Vorfälle aus dem linken Milieu, erklärt sie zum
Wesen der gesamten Partei Die Linke und benutzt das Ergebnis als Begründung
dafür, weshalb die Ausgrenzung der AfD ungerecht, inkonsequent oder politisch
nicht länger haltbar sei.
Die Kritik am Antisemitismus wird so zum Instrument seiner
Relativierung.
Dahinter steht ein handfestes politisches Interesse. Teile
des konservativen und wirtschaftsliberalen Milieus betrachten die AfD nicht
ausschließlich als Bedrohung, sondern auch als mögliche parlamentarische
Reserve für eine Politik, die mit Sozialabbau, Deregulierung und autoritärem
Staatsverständnis weniger Schwierigkeiten hat als mit gewerkschaftlichen
Forderungen oder gesellschaftlicher Gleichheit.
Das bedeutet nicht, dass jeder Unternehmer eine Koalition
mit Rechtsextremen anstrebt oder jede Kritik an der Partei Die Linke eine
solche vorbereitet. Aber wer die Brandmauer einreißen will, braucht eine
Geschichte, weshalb sie von Anfang an am falschen Ort stand.
Die Gleichsetzung von der Partei Die Linke und AfD liefert
diese Geschichte.
Auch Österreich zeigt, wie selbstverständlich Teile des
bürgerlichen Lagers eine Zusammenarbeit mit der extremen Rechten als
Machtoption behandeln. Der Faschismus muss dafür nicht zurückkehren wie in
einem historischen Kostümfilm. Es genügt, wenn seine politischen Erben als
gewöhnliche Koalitionspartner gelten.
Natürlich ist nicht jeder Konservative ein Faschist. Aber
nicht jeder, der einem Faschisten den Weg zur Macht freimacht, muss selbst
einer sein. Die Geschichte kennt genügend Beispiele für bürgerliche Politiker,
die glaubten, sie könnten die extreme Rechte benutzen, ohne von ihr benutzt zu
werden.
Wer die kleinere Gefahr zur größten erklärt, macht die
größere unsichtbar
Sie haben nicht gewartet, bis ihnen ein Landtagspräsident
bescheinigt, dass ihr Protest angemessen sei. Sie haben sich einem Politiker
entgegengestellt, dessen Anwesenheit sie als Vereinnahmung ihres Gedenkens
verstanden. Dafür verdienen sie Solidarität – und zwar nicht nur von denen, die
Antisemitismus ausschließlich rechts erkennen.
Denn jüdisches Leben ist weder ein Argumentationsvorrat für
konservative Parteistrategen noch eine Verfügungsmasse linker Nahostpolitik.
Wer jüdische Menschen schützen will, muss sie auch dann
ernst nehmen, wenn ihre Erfahrungen und Forderungen nicht in das eigene
politische Weltbild passen.
In Sachsen-Anhalt lässt sich beobachten, wie schnell aus
parlamentarischer Beteiligung institutionelle Macht werden kann. Nicht jede
umstrittene Amtshandlung ist bereits ein Verfassungsbruch. Nicht jede
Provokation bedeutet die Abschaffung der Demokratie. Aber die Summe solcher
Vorgänge verdient mehr Aufmerksamkeit als die beruhigende Behauptung,
Regierungs- und Parlamentsverantwortung würden die AfD schon mäßigen.
Die Partei wird nicht demokratisch, weil sie demokratisch
gewählte Ämter besetzt. Ein Amt verändert nicht notwendig den Charakter seines
Inhabers. Mitunter erweitert es lediglich dessen Möglichkeiten.
Wer die Linke zur größten Gefahr für jüdisches Leben
erklärt, um die AfD als gewöhnliche konservative Alternative behandeln zu
können, hat deshalb vielleicht einen politischen Gegner getroffen.
Den Antisemitismus jedenfalls nicht.
Und wer angesichts der Vorgänge in Sachsen-Anhalt noch immer
auf die mäßigende Wirkung parlamentarischer Verantwortung vertraut, sollte sich
fragen, ob er gerade die AfD entzaubert sieht – oder die eigenen Illusionen
über den deutschen Parlamentarismus.
Die Demokratie wird nicht erst gefährdet, wenn ihre
Feinde die Verfassung abschaffen.
Es reicht, wenn genügend ihrer angeblichen Verteidiger
bereit sind, ihnen bei der Anwendung zu helfen.
