Die Linke, wie sie leibt und lebt
TL;DR: Die Linke zerlegt sich lieber selbst, als politische Macht zu organisieren. Während Funktionäre ihre Ohnmacht beklagen und rote Linien beschwören, profitiert womöglich die CDU. Die Wählerschaft wollte Elif Eralp und bekam Martha Kleedörfer. Haltung ersetzt keine Politik.
Die Wählerschaft wollte Elif Eralp. Sie bekam Martha
Kleedörfer. Und am Ende womöglich einen CDU-Bürgermeister.
Es gehört zu den zuverlässigsten Leistungen der deutschen
Linken, dass sie ihre Niederlagen noch dann als moralische Siege zu verkaufen
versteht, wenn sie gerade dabei ist, dem politischen Gegner das Rathaus
aufzuschließen. Man hat schließlich Haltung. Und wo Haltung ist, muss Politik
nicht unbedingt stattfinden.
Martha Kleedörfer ist erschüttert. Das Papier sei
unzureichend, die Verhandlungen enttäuschend, die eigenen Leute hätten sich
unterworfen. Man habe sie nicht ausreichend informiert, ihr Dokumente
vorenthalten, die Sozialdemokraten hätten womöglich etwas an die Presse
durchgestochen. Das alles ist gewiss unerfreulich. Besonders für jemanden, der
dem geschäftsführenden Landesvorstand angehört und nun feststellen muss, dass
die eigene Partei nicht einmal ihre Funktionäre ernst nimmt.
Die Empörung hat allerdings einen Schönheitsfehler: Sie
kommt aus dem Maschinenraum jener Partei, deren Versagen hier beklagt wird. Die
Genossin entdeckt die Zumutungen des politischen Betriebs ausgerechnet dort, wo
sie selbst zu dessen Personal gehört. Das verleiht ihrer Klage jenen
eigentümlichen Klang, den man hört, wenn sich die Feuerwehr über den Brand
beschwert, nachdem sie das Benzin geliefert hat.
Die Berliner Wählenden, die ihre Stimme der Linken gegeben
haben, dürften sich etwas anderes vorgestellt haben. Sie wollten eine Partei,
die den Verhältnissen nicht bloß ihre sittliche Missbilligung ausspricht,
sondern ihnen etwas entgegensetzt. Sie wollten Elif Eralp, eine erkennbare
politische Alternative. Bekommen haben sie eine Funktionärspolitik, die ihre
eigene Ohnmacht in Gruppenchats protokolliert und den Rückzug aus der
Verantwortung als Ausdruck besonderer Prinzipientreue ausgibt.
Das ist der eigentliche Witz, und er ist nicht komisch.
Während die CDU sich darauf verlassen kann, dass ihre Gegner
einander mit der Präzision eines Erschießungskommandos ins Visier nehmen,
verhandelt die Linke über rote Linien, deren wichtigste Eigenschaft darin
besteht, dass sie sich jederzeit neu ziehen lassen. Vergesellschaftung sei „auf
dem Tisch“. Dort liegt sie vermutlich neben den übrigen Wahlversprechen, die
nach Gebrauch abzuräumen sind.
Man muss sich diese politische Meisterleistung
vergegenwärtigen: Eine Partei, die angetreten ist, Eigentumsverhältnisse
infrage zu stellen, beschäftigt sich vor allem mit den eigenen
Befindlichkeiten, Verfahrensfragen und innerfraktionellen Loyalitätsprüfungen.
Das Kapital kann derweil beruhigt schlafen. Seine Gegner sind mit sich selbst
ausgelastet.
Verräterisches Klagen
Besonders aufschlussreich ist die Klage über die mangelnde
Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungen.
Selbstverständlich ist eine solche Haltung notwendig. Aber wer sie zum Ersatz
für konkrete politische Ergebnisse macht, verwechselt das moralische
Selbstzeugnis mit gesellschaftlicher Veränderung. Eine bezahlbare Wohnung
entsteht nicht dadurch, dass ihre Nichtexistenz diskriminierungssensibel
beklagt wird. Und ein Immobilienkonzern verliert kein einziges Haus, weil eine
Landesvorstandssitzung die richtige Formulierung gefunden hat.
Noch bezeichnender ist, wie schnell aus der Kritik am
Verhandlungsergebnis eine Anklage gegen die eigenen Leute wird. Die
Fraktionsaufnahme einer Genossin wird zum nächsten Schauplatz des
innerparteilichen Streits. Wo politische Macht organisiert werden müsste,
organisiert man die nächste Auseinandersetzung darüber, wer überhaupt
dazugehören darf.
Das Resultat könnte ein CDU-Bürgermeister sein. Nicht, weil
die Linke dessen Programm überzeugend fände, sondern weil sie sich in ihren
Widersprüchen so gründlich eingerichtet hat, dass der Gegner kaum noch etwas
tun muss. Er braucht nur zu warten, bis die selbsternannten Verwalter des
Fortschritts ihre Möglichkeiten verspielt haben.
Die bittere Lehre für die Linkenwählerschaft lautet deshalb
nicht, dass ihre Partei zu radikal gewesen wäre. Sie lautet, dass Radikalität
im Vokabular noch keine Radikalität in der Praxis ist. Wer ständig rote Linien
beschwört, aber keine Macht organisiert, betreibt politische
Landschaftsmalerei.
Elif Eralp stand für die Hoffnung, dass die Linke mehr sein
könnte als eine Versammlung gekränkter Gewissen. Martha Kleedörfers Nachricht
dokumentiert, wie diese Hoffnung im Apparat verschwindet.
Und sollte am Ende die CDU profitieren, wird man bei der
Linken vermutlich erneut erschüttert sein.
An Erschütterungen hat es dort noch nie gefehlt. Nur an
Konsequenzen.
Der Chat Post von Martha Kleedörfer in voller länge
Guten Morgen Genoss*innen, ich kann Euch (auch als Mitglied
des Geschäftsführenden Landesvorstands) leider in den meisten Punkten nur
zustimmen. Ich finde das Papier vollkommen unzureichend und bin erschüttert,
dass wir uns so unterworfen haben — mit diesem Start wird es leider nicht das
letzte Mal gewesen sein, fürchte ich.
Die Verabredung im GLV war, dass wir nach jeder
Sondierungsrunde zusammenkommen und informiert werden. Das fand am Mittwoch
nicht statt, trotz meiner Nachfrage. Auch meine Bitte, das Papier bei einer GLV
Sitzung zu sehen, wurde abgelehnt (wir haben Teile davon mündlich präsentiert
bekommen, da klang es allerdings deutlich softer — wie das halt so ist).
Gleichzeitig haben es die SPD-Gremien scheinbar gesehen und dann an die Presse
durchgestochen — ein klares
scheinbar gesehen und dann an die Presse durchgestochen —
ein klares Zeichen dafür, dass sie mindestens in Teilen diese Koalition gar
nicht wollen, sondern auf Neuwahlen abzielen.
Es war immer die Rede davon, dass das Papier grundsätzlich
eine Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit und andere
Diskriminierungen ausdrücken soll — das ist offensichtlich nicht gelungen. Da
haben die Spitzen von drei Parteien, zwei davon Wahlverlierer, eine davon
ehemalige Volkspartei und jetzt 12-Prozent-Partei mit Spitzenkandidaten mit
Korruptionshintergrund anderthalb Wochen lang eine Gruppenarbeit an einem Text
gemacht, der die Grundlage für fünf weitere Jahre Repression schafft.
Wenn jetzt in den eigentlichen Sondierungen nicht ernsthafte
Durchbrüche stattfinden — die feste Verabredung der Vergesellschaftung […]
Hinweis: Der letzte Satz ist im Screenshot abgeschnitten und
kann deshalb nicht vollständig wiedergegeben werden.
Ein Wort noch zur Nichtaufnahme von Vedi in die Fraktion:
ich finde das vollkommen inakzeptabel und werde mich in der Fraktionssitzung
dagegen aussprechen. Ich erwarte das auch von den anderen Abgeordneten aus
Mitte. Tatsächlich müssen wir darüber sprechen, was wir alle in unserer
Kommunikation nach vorne stellen sollten (die Frage von Ein-/Zweistaatenlösung
sollte es mMn nicht sein), aber ihre Aussage, dass die Forderung nach einer
demokratischen Einstaatenlösung legitim sei, ist auf jeden Fall keine Grundlage
für eine Nichtaufnahme in die Fraktion sondern sollte einfach basic Knowledge
sein.

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