Die Einheit der Unbelehrbaren
TL;DR: Die Erklärung „Niemals alleine, immer gemeinsam“ beklagt die Spaltung der Linken, weicht aber einer konkreten Prüfung von Antisemitismusvorwürfen aus. Unter Berufung auf Lenins Kritik an abstrakter Kompromisslosigkeit zeigt der Kommentar, wie politische Prinzipientreue zur Denkverweigerung verkommt, wenn Solidarität wichtiger wird als die Auseinandersetzung mit den eigenen Widersprüchen.
„Ein Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für
alle Fälle („keinerlei Kompromisse“!), fabrizieren zu wollen wäre Unsinn.“
W. I. Lenin, Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit
im Kommunismus, Kapitel VIII: „Keinerlei Kompromisse?“ (1920).
Wie eine Erklärung gegen die angebliche Spaltung der
Linken den Antisemitismus zur Nebensache erklärt und politische Solidarität mit
der Pflicht zur gemeinsamen Selbsttäuschung verwechselt.
Wer wissen möchte, wie eine Partei ihre politische
Urteilskraft gegen die Gewissheit eintauscht, im Besitz der richtigen Gesinnung
zu sein, dem sei die Erklärung „Niemals
alleine, immer gemeinsam: Gegen die Spaltungsversuche von Springer und Co.“
empfohlen. Sie ist ein Dokument jener linken Selbstgerechtigkeit, die noch in
der Kritik an den eigenen Positionen den Beweis einer feindlichen Verschwörung
erkennt. Wo Argumente verlangt werden, erscheinen Springer, SPD und Grüne. Wo
Antisemitismus zur Debatte steht, wird über Immobilienkonzerne gesprochen. Und
wo politische Verantwortung beginnen müsste, endet die Erkenntnis beim Ruf nach
Solidarität.
Lenin, der gewiss nicht im Verdacht steht, politische
Prinzipien gering geschätzt zu haben, wusste immerhin, dass sich aus ihnen
keine für alle Fälle brauchbaren Rezepte herstellen lassen. Die Verfasser der
Erklärung scheinen anderer Auffassung. Ihre politische Methode besteht darin,
Widersprüche durch die Berufung auf Geschlossenheit zu erledigen. Nicht die
konkrete Kritik soll geprüft werden, sondern die Zugehörigkeit ihrer Urheber
zum richtigen Lager.
Schon der erste Befund verdient Beachtung. Die
Formulierungen des Berliner Papiers seien „so
weit und dehnbar gefasst, dass sie gegen jede Kritik an der israelischen
Besatzungspolitik ins Feld geführt werden können“. Können! Nicht, dass dies
tatsächlich geschehen sei, wird nachgewiesen. Die bloße Möglichkeit genügt, um
die Auseinandersetzung für erledigt zu erklären. Dass Kritik an israelischer
Regierungspolitik legitim ist, versteht sich. Dass sie deshalb niemals
antisemitisch sein könne, versteht sich keineswegs. Zwischen beiden Sätzen
liegt eine Unterscheidung, deren Zumutung sich die Verfasser ersparen.
Besonders hübsch gerät die anschließende Behauptung: „Damit
wird der reale Antisemitismus verharmlost.“ Der reale! Als gäbe es daneben
einen irrealen, dessen Feststellung sich schon dadurch erledigt, dass die
Beschuldigten ihn bestreiten. Wer bestimmt, welcher Antisemitismus real ist?
Offenbar diejenigen, gegen deren politische Äußerungen sich der Verdacht
richtet. Eine bequemere Einrichtung zur Entlastung des eigenen Milieus lässt
sich schwer denken.
Die Wahrheit als Eigentum der eigenen Partei
Der Text spricht von einer „medialen
Hetzkampagne“, ohne die beanstandeten Vorwürfe im Einzelnen zu prüfen. Er
benötigt diese Prüfung nicht. Die Herkunft einer Kritik soll bereits über ihren
Wahrheitsgehalt entscheiden. Was Springer schreibt, muss falsch sein, weil
Springer es schreibt. Dass auch ein reaktionäres Blatt gelegentlich einen
zutreffenden Satz drucken kann, würde diese Weltordnung empfindlich stören.
Zur politischen Theorie wächst die Ausflucht, wenn SPD und
Grünen vorgeworfen wird, „Disziplinierungs-
und Spaltungsmechanismen von außen in die Partei Die Linke“ hineinzutragen.
Die Partei erscheint als unschuldiger Organismus, dessen Konflikte nur durch
fremde Einwirkung entstehen können. Dass innerhalb der Linken selbst
unterschiedliche Auffassungen über Israel, Antisemitismus und politische
Verantwortung existieren, passt nicht ins Bild. Wer widerspricht, ist nicht
Genosse mit einer anderen Überzeugung, sondern Vollstrecker äußerer Interessen.
Dabei wäre durchaus zu fragen, welche Zugeständnisse SPD und
Grüne verlangen und ob diese mit den politischen Grundsätzen der Linken
vereinbar sind. Nicht jeder Kompromiss ist vernünftig, nicht jede Verweigerung
dogmatisch. Gerade darauf zielte Lenins Kritik an der abstrakten
Kompromisslosigkeit. Wer die konkrete Untersuchung durch eine allgemeine Regel
ersetzt, hat den Unterschied zwischen politischer Prinzipientreue und
politischem Ritual bereits aufgegeben.
So verwandelt sich innerparteiliche Demokratie in die
Forderung, bestimmte Positionen vor den Folgen öffentlicher Kritik zu schützen.
Die Verfasser verlangen, „innerparteiliche
bürokratische Verdrängungsversuche“ müssten „sofort
enden“. Ob konkrete Ausschlussverfahren berechtigt sind, wäre im Einzelfall
zu untersuchen. Doch eine solche Unterscheidung ist dem Text fremd. Schon die
Möglichkeit einer Sanktion erscheint als illegitimer Angriff. Die Freiheit der
Meinung soll offenbar auch die Freiheit von jeder politischen Konsequenz
umfassen.
Am aufschlussreichsten ist jedoch der gedankliche Sprung zur
Wohnungsfrage. Die Berliner hätten Die Linke gewählt, weil sie „Antworten
auf unbezahlbare Mieten, Wohnungsnot und soziale Ungleichheit erwarten“.
Das mag stimmen. Nur folgt daraus nichts über die Berechtigung oder
Unberechtigung antisemitismuskritischer Einwände. Die Vergesellschaftung großer
Immobilienkonzerne ist weder ein Argument gegen Antisemitismus noch eine
Entschuldigung für ihn. Wer beides miteinander verrechnet, behandelt
gesellschaftliche Emanzipation wie ein Guthabenkonto, von dem sich moralische
Verfehlungen abbuchen lassen.
Die Erklärung macht aus dieser Verwechslung ein politisches
Programm. Hinter den Angriffen stünden „reale
Macht- und Profitinteressen“. Gewiss existieren solche Interessen. Aber sie
erklären nicht jede Kritik und widerlegen schon gar nicht deren Inhalt. Der
Gedanke, dass eine Äußerung zugleich politisch unerwünscht und sachlich richtig
sein könnte, überfordert ein Weltbild, in dem Wahrheit nach Lagerzugehörigkeit
verteilt wird.
Auch der Verweis auf die Gefahr einer „schwarz-blauen
Zusammenarbeit“ erfüllt seinen Zweck. Wer die eigenen Positionen
kritisiert, hilft demnach mittelbar der extremen Rechten. Auf diese Weise lässt
sich jede unangenehme Debatte in eine Frage der antifaschistischen Loyalität
verwandeln. Der Antifaschismus wird nicht durch die Kritik am Antisemitismus
gestärkt, sondern als Schutzschild gegen sie verwendet. Eine bemerkenswerte
Leistung.
Solidarität als organisierte Denkverweigerung
Nicht weniger bemerkenswert ist die Solidaritätsformel am
Ende. Man stehe allen Menschen bei, die von „rassistischer,
antimuslimischer, antipalästinensischer, antisemitischer und antilinker
medialer Hetze“ betroffen seien. Alles wird aufgezählt, nichts
unterschieden. Unterschiedliche Formen von Diskriminierung und politischer
Feindschaft verschwinden in einer gemeinsamen Opfergemeinschaft. Der Begriff
des Antisemitismus steht dort, wo er niemanden mehr zu einer bestimmten
Erkenntnis verpflichtet.
„Ein
Angriff auf eine*n von uns ist ein Angriff auf uns alle!“ Das klingt
entschlossen und ist vor allem eine Absage an die Fähigkeit zur Unterscheidung.
Denn selbstverständlich kann ein Angriff auf einen Genossen ungerecht sein. Er
kann aber auch eine begründete Kritik darstellen. Wer beides unterschiedslos
zur Attacke auf das Kollektiv erklärt, ersetzt politische Solidarität durch
Korpsgeist.
Das eigentliche Elend dieser Erklärung liegt nicht in ihrer
Gegnerschaft zu Springer, SPD oder Grünen. An diesen gibt es wahrlich genug zu
kritisieren. Es liegt in der Vorstellung, die Richtigkeit der eigenen Sache
mache die Prüfung der eigenen Argumente überflüssig.
Eine Linke, die gesellschaftliche Verhältnisse verändern
will, müsste gerade dort unerbittlich sein, wo ihre eigenen Gewissheiten
beginnen. Stattdessen verlangt dieser Text Geschlossenheit, wo Aufklärung nötig
wäre, und Loyalität, wo Widerspruch angebracht ist.
„Niemals
alleine, immer gemeinsam“ lautet die Parole. Als wäre die Zahl derer, die
einen Irrtum teilen, ein Argument für seine Richtigkeit. Lenin wusste immerhin,
dass politische Prinzipien nicht dadurch verteidigt werden, dass man ihre
Anwendung auf die Wirklichkeit verweigert. Seine heutigen Nachlassverwalter
scheinen dagegen überzeugt, der revolutionäre Charakter einer Partei bemesse
sich an ihrer Fähigkeit, den Widerspruch aus den eigenen Reihen fernzuhalten.
Gemeinsam kann man vieles erreichen. Man kann sich auch gemeinsam irren. Wer aber
die Prüfung des eigenen Irrtums bereits für Verrat hält, hat aus der
Solidarität eine Tugend gemacht, die vor allem eines verlangt: nicht zu denken.
