Der 3. Oktober – Einig Vaterland, getrennte Interessen
TL;DR: Der 3. Oktober feiert die deutsche Einheit und beschwört dabei ein Vaterland, eine nationale Gemeinschaft, die gesellschaftliche Gegensätze verdeckt. Beschäftigte und Unternehmensleitungen, Vermögende und Arme teilen zwar dieselbe Staatsangehörigkeit, aber nicht automatisch dieselben Interessen. Patriotismus, die Vorstellung eines höheren gemeinsamen Interesses, für das vor allem diejenigen Opfer bringen sollen, die ohnehin weniger besitzen, ist teil des Vaterländischen Denkens. Solidarität sollte nicht am nationalen „Wir“ oder an Staatsgrenzen enden.
Am 3. Oktober feiert Deutschland seine Einheit. Dass die
Menschen in Deutschland deshalb gemeinsame Interessen hätten, gehört zu den
erfolgreicheren Feiertagslegenden.
Einmal im Jahr, am 3. Oktober, erfahren die Menschen in
Deutschland, was sie an den übrigen 364 Tagen leicht vergessen könnten: dass
sie Deutsche sind und sich darüber zu freuen haben. Dann werden Fahnen gehisst,
in der Politik werden Reden über Freiheit und Zusammenhalt gehalten, und das
Vaterland betrachtet sich selbst bei der gelungenen Wiedervereinigung. Aus zwei
deutschen Staaten wurde einer, aus zwei Staatsvölkern ein Volk und aus ziemlich
verschiedenen Interessen jene höhere Einheit, die immer dann besonders
beschworen wird, wenn einige für die Interessen anderer bezahlen sollen.
„Deutschland, einig Vaterland“ hieß die Zeile aus der
DDR-Hymne, die 1989 eine unverhoffte zweite Karriere machte. Das Vaterland
wurde tatsächlich einig und durfte fortan, wie es die dritte Strophe des
„Liedes der Deutschen“ verlangt, auch wieder gemeinsam „blühen“. Geblüht hat
seither manches. Nur die behauptete Gemeinschaft seiner Bevölkerung gehört
nicht dazu.
Im selben Boot, auf verschiedenen Decks
Wer einen Automobilkonzern besitzt, und wer dort den
Arbeitsplatz verliert, weil der Konzern ihn streicht, besitzen dasselbe
Vaterland. Wer die Miete erhöht, und wer sie bezahlen muss, ebenfalls. Der
Vorstand, der eine „schwierige Transformation“ verkündet, und die Belegschaft,
die sie durch Lohnverzicht erleichtern soll, können beim Länderspiel sogar
nebeneinandersitzen und dieselbe Hymne singen. Mehr Gemeinsamkeit wäre
ökonomisch auch hinderlich.
Das Vaterland vollbringt nämlich ein kleines ideologisches
Wunder: Es macht aus Leuten, die in einem gesellschaftlichen Verhältnis
gegeneinander stehen, Angehörige derselben Gemeinschaft. Wer morgens den
Beschäftigten erklärt, leider lasse der Standort keine höheren Löhne zu, kann
ihnen abends versichern, alle säßen im selben Boot. Das stimmt sogar, sofern
nicht erwähnt wird, wer unter Deck im Dunkeln rudert und wer auf dem Sonnendeck
sitzt.
Nationalismus besteht nicht erst darin, mit Glatze und Fahne
ausländische Menschen anzubrüllen. Seine gesellschaftlich brauchbarere Form
beginnt viel früher: bei der Vorstellung, Unternehmensleitung und Beschäftigte,
Vermögende und Menschen im Bürgergeldbezug, militärische Führung und
Rekrutierte hätten jenseits ihrer wirklichen Gegensätze ein gemeinsames höheres
Interesse, weil in ihren Pässen dasselbe Staatswappen steht.
Diese Vorstellung heißt, wenn sie sich manierlich benimmt,
Patriotismus.
Das Vaterland verlangt dafür zunächst gar nicht viel. Ein
bisschen Verbundenheit. Ein bisschen Stolz. Das Bekenntnis, man gehöre
zusammen. Erst wenn es darauf ankommt, stellt sich heraus, dass Gefühle eine
erstaunliche Neigung zur materiellen Konsequenz besitzen.
Dann muss „Deutschland wettbewerbsfähig bleiben“.
Beschäftigte sollen deshalb beim Lohn Maß halten. Menschen im Ruhestand sollen
Verständnis haben. Wer zur Miete wohnt, soll höhere Energiepreise als nationale
Bewährungsprobe begreifen. Wer wenig verbraucht, soll noch weniger verbrauchen,
während der Privatjet selbstverständlich nicht aus Vaterlandsliebe am Boden
bleibt, weil die Person, der er gehört, die Wettbewerbsfähigkeit vermutlich
schon durch ihre bloße Existenz gewährleistet.
Das Opfer fürs Vaterland hat seit jeher die angenehme
Eigenschaft, sehr gerecht verteilt zu werden: Alle bringen, was sie haben. Die
einen ihren Lohn, die anderen gute Ratschläge.
Im Ernstfall kommt zum Lohnverzicht der Dienst. Das
Vaterland, das den Einzelnen zuvor als Heimat der Kindheit, der Sprache und der
Fußballmannschaft vorgestellt wurde, tritt plötzlich als Staat auf und entdeckt
einen Anspruch auf Zeit, Arbeit, Geld und notfalls das Leben seiner
Bevölkerung. Die sentimentale Leistung des Begriffs besteht gerade darin,
beides miteinander zu verwechseln. Wer die Landschaft liebt, in der die eigene
Kindheit verbracht wurde, soll sich mit der politischen und ökonomischen Ordnung
identifizieren, die dort herrscht. Als wären Apfelbaum, Bundeshaushalt und
Rheinmetall verschiedene Erscheinungsformen derselben Sache.
Der Mensch ist kein Baum
Besonders gern wird deshalb von „Verwurzelung“ gesprochen.
Menschen werden zu botanischen Wesen erklärt, denen ein bestimmter Boden
entspricht. Ein Baum, der seinen Standort verlässt, hat tatsächlich ein
Problem. Beim Menschen heißt dieselbe Fähigkeit Freiheit.
Die Geschichte der Menschheit ist nicht die Geschichte
ordentlich verwurzelter Familien, die seit der Steinzeit hinter demselben
Gartenzaun sitzen. Menschen wanderten, flohen, wurden vertrieben, suchten
Arbeit, Sicherheit, Liebe oder bloß einen Ort, an dem sie in Ruhe gelassen
wurden. Ausgerechnet die moderne Nation macht daraus eine moralische
Auffälligkeit. Wer im richtigen Land geboren wurde, besitzt Heimat; wer sich in
das falsche rettet, muss einen Aufenthaltsgrund vorlegen.
Darin zeigt sich, dass die Liebe zum Vaterland die Fremden
benötigt wie der Verein den Nichtverein. Eine Gemeinschaft, die behauptet,
durch Zugehörigkeit bestimmt zu sein, muss bestimmen, wer nicht dazugehört.
Deshalb ist die Rede von der nationalen Gemeinschaft auch
dort nicht unschuldig, wo sie sich ausdrücklich gegen Rassismus verwahrt. Man
kann Menschen verschiedener Herkunft in das nationale „Wir“ aufnehmen und hat
damit den grundlegenden Irrtum noch nicht beseitigt: dass aus
Staatsangehörigkeit eine politische Interessengemeinschaft folge.
Heimat mit sozialem Begleitprogramm
Auch in der politischen Linken wird regelmäßig das Vaterland
entdeckt. Es heißt dann gern „Heimat“, damit es weniger nach Stahlhelm klingt,
und es wird erklärt, man dürfe den Begriff nicht den Rechten überlassen. Das
ist ungefähr so überzeugend wie die Forderung, man dürfe Rattengift nicht den
Rattenfängern überlassen.
Dahinter steht eine politische Hoffnung: Wer nach rechts
gegangen ist, weil dort Nation, Grenze und Autorität versprochen wurden, soll
zurückkommen, wenn die Linke Nation, Grenze und Autorität mit sozialem
Begleitprogramm anbietet. Der Erfolg besteht gewöhnlich darin, dass sich Rechte
bestätigt fühlen und weiterhin das Original wählen.
Eine Linke hätte anderes zu tun, als dem Vaterland eine
freundlichere Bedeutung zu schenken. Sie könnte daran erinnern, dass der
Gegensatz zwischen oben und unten nicht dadurch verschwindet, dass beide Seiten
einen deutschen Pass besitzen. Dass „Gemeinwohl“ häufig der Name ist, den ein
besonderes Interesse annimmt, sobald andere dafür Opfer bringen sollen. Und
dass Solidarität gerade dort interessant wird, wo sie an der Staatsgrenze nicht
endet.
Das heißt nicht, dass Menschen keine Orte lieben dürfen,
keine Sprache, keine Landschaft, keine Stadt und nicht einmal das Dorf, aus dem
sie möglichst früh fortgezogen sind. Man darf an vielem hängen. Verdächtig wird
die Sache erst, wenn aus der Zuneigung eine Pflicht und aus der Erinnerung ein
politisches Programm wird.
Am 3. Oktober wird deshalb weniger gefeiert, dass
zusammenkam, was zusammengehörte, als die Behauptung, zusammen gehöre, was
gesellschaftlich auseinanderliegt.
Wer die Fabrik besitzt und wer dort entlassen wird. Der
Immobilienkonzern und die Menschen, die ihm Miete zahlen. Das
Regierungsmitglied und diejenigen, denen es Sparsamkeit empfiehlt. Sie alle
dürfen sich für einen Tag als Angehörige desselben großen Ganzen fühlen.
Am 4. Oktober kann dann wieder verteilt werden, wer für
dieses Ganze die Rechnung bezahlt.