CDU – oder: Antisemitismus ist nicht verhandelbar, außer in eigener Sache
TL;DR: Die CDU verurteilt den Antisemitismus in der Linken, verdrängt aber die NS-Kontinuitäten ihrer eigenen Geschichte und stimmt in Heidenau mit der AfD gegen weitere Stolpersteine. Wer Antisemitismus zum moralischen Ausschlusskriterium erklärt, muss sich selbst daran messen lassen. Sonst wird aus historischer Verantwortung parteipolitische Heuchelei.

Über
Antisemitismus als politische Waffe der CDU, verdrängte NS-Kontinuitäten und
die Doppelmoral einer Partei, die anderen historische Verantwortung predigt,
aber ihre eigenen Maßstäbe selektiv anwendet.
Die CDU hat
eine Entdeckung gemacht: den Antisemitismus. Nicht den eigenen, versteht sich,
sondern den der anderen. „Antisemitismus
ist nicht verhandelbar! Er darf nicht relativiert oder verharmlost werden. Er
muss zurückgedrängt und bekämpft werden. Die geplante Zusammenarbeit von SPD
und Grünen mit der Linken in Berlin ist ein schwerer politischer Fehler.“
Ein prächtiger
Grundsatz. Man möchte ihn der CDU über jede Geschäftsstelle hängen. Besonders
über jene in Heidenau.
Dort
beschlossen am 24.
September 2026 CDU, AfD und Bürgerinitiative Oberelbe gemeinsam, künftig keine
weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßenraum zuzulassen. Dreizehn
Stimmen dafür, sechs dagegen. Das Gedenken könne auf dem Evangelisch-Lutherische-Nordfriedhof
stattfinden. Dort, wo die Toten niemanden beim Einkaufen stören.
Die Kritiker,
darunter nach den vorliegenden Berichten
jüdische Vertreter:innen und das Internationale Auschwitz-Komitee,
erkennen darin eine bemerkenswerte erinnerungspolitische Leistung: Die Opfer
des Nationalsozialismus sollen ausgerechnet aus jenem öffentlichen Raum
verschwinden, aus dem sie einst von den Nationalsozialisten ausgeschlossen
wurden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Erinnerung darf bleiben, sofern sie
den Alltag nicht belästigt.
Stolpersteine
erinnern nicht irgendwo an irgendwelche Toten. Sie tragen Namen vor die
Häuser zurück, in denen Menschen lebten, bevor ihnen ihre Rechte, ihre Heimat
und schließlich ihr Leben genommen wurden. Gerade darin liegt ihre Zumutung:
Die Shoah erscheint nicht als fernes Ereignis hinter Friedhofsmauern, sondern
als Verbrechen, das mitten in deutschen Nachbarschaften begann.
Jüdische
NS-Opfer ausschließlich auf einen kommunalen, möglicherweise christlich
geprägten Friedhof zu verweisen, wirft zudem die Frage auf, warum ihre
Erinnerung nicht dort stattfinden soll, wo ihr gesellschaftliches Leben
ausgelöscht wurde. Die Ermordeten werden so ein zweites Mal aus dem
Stadtbild entfernt – nicht tatsächlich, wohl aber symbolisch aus jener
Alltagsöffentlichkeit, die ihre Namen sichtbar machen sollte.
Nicht jeder
Einwand gegen Stolpersteine ist antisemitisch. Über Gedenkformen lässt sich
streiten. Auch jüdische Stimmen beurteilen das Gedenken im Straßenpflaster
unterschiedlich. Doch wer gemeinsam mit der Antisemitischen
und Demokratiefeindlichen AfD die öffentliche Erinnerung einschränkt und
sie auf einen Friedhof verweisen möchte, sollte etwas vorsichtiger erklären,
welche Zusammenarbeit die deutsche Geschichte verbietet. Ein strafrechtlicher
Antisemitismusvorwurf ist dafür weder erforderlich noch begründet.
Die lange
Tradition des unaufgearbeiteten Antisemitismus
Johannes
Volkmann von der CDU weiß es dennoch genau: „Die
Linke in Deutschland hat eine lange Tradition des unaufgearbeiteten
Antisemitismus.“
Daran ist mehr
richtig, als manchen Linken lieb sein dürfte. Der staatliche Antizionismus der SED
und antisemitische
Ressentiments in Teilen der westdeutschen radikalen Linken gehören zu einer
Geschichte, die sich nicht durch Berufung auf den Antifaschismus erledigt. Auch
heute überschreiten einzelne Strömungen die Grenze zwischen legitimer Kritik an
Israel und antisemitischer Dämonisierung.
Allerdings ist
die 2007 gegründete Partei Die Linke weder mit der SED noch mit sämtlichen
Strömungen der westdeutschen Linken identisch. Sie hat sich in Beschlüssen und
Kontroversen mit Antisemitismus auseinandergesetzt. Ob ausreichend, ist
umstritten. Dass überhaupt keine Aufarbeitung stattgefunden habe, ist falsch.
Interessant
wird Volkmanns historische Gewissenhaftigkeit, sobald man sie auf die eigene
Partei anwendet.
Die CDU wurde
1945 gegründet. Sie war keine Nachfolgeorganisation der NSDAP; unter ihren
Gründern befanden sich auch Gegner und Verfolgte des Nationalsozialismus.
Gleichwohl fanden ehemalige Funktionsträger des NS-Regimes später Aufnahme in
die Union. Waldemar Kraft, einst SS-Hauptsturmführer und während der
Besatzungszeit in Polen politisch tätig, wurde nach seiner Zeit im GB/BHE
CDU-Mitglied, Bundestagsabgeordneter und Bundesminister für besondere Aufgaben.
Auch Karl-Heinz Spilker, ehemaliger SS-Obersturmführer, saß später für die CSU
im Bundestag und war zeitweise stellvertretender Vorsitzender der
Unionsfraktion. Seine Tätigkeit in der Dienststelle Hinkel des
NS-Propagandaministeriums, die mit der antisemitischen Ausgrenzung aus dem
Kulturleben befasst war, verlangt eine genaue historische Prüfung. Wer solche
Biografien als erledigte Fußnoten behandelt, verwechselt Aufarbeitung mit
Aktenablage. Quellen und Belege: Waldemar Kraft, einst
SS-Hauptsturmführer · NS-Zeit · Hans
Hinkel
Auch die
Biografie Georg Bauers wirft Fragen nach personellen Kontinuitäten auf. Den im
Ausgangstext angeführten Angaben zufolge trat er 1931 der NSDAP und der SA bei,
war später SS-Obersturmführer und Angehöriger des Sicherheitsdienstes (SD).
Während seiner Tätigkeit in Norwegen soll er 1943 an der Inhaftierung und
Deportation norwegischer Polizeibeamter im Rahmen der sogenannten „Aktion
Polarkreis“ beteiligt gewesen sein. Nach 1945 bekleidete er von 1962 bis 1978
Landratsämter in Oberbayern. Diese Angaben und ihre jeweilige Beleglage sind
getrennt zu prüfen; insbesondere darf aus einer Organisationszugehörigkeit
nicht ohne Weiteres eine persönliche Beteiligung an jedem ihrer Verbrechen
abgeleitet werden. Quellen und Belege: NSDAP · SA
· Völkischen Beobachter · SS-Obersturmführer · Sicherheitsdienst des
Reichsführers SS · SS-Einsatzgruppen
· Aktion Polarkreis
· SS-Obersturmführer · Landkreises Weilheim in Oberbayern
· Landkreises Weilheim-Schongau
Seinem
gesellschaftlichen Ansehen schadete diese Vergangenheit offenbar wenig: Neben
dem Landratsamt bekleidete Bauer verschiedene Ehrenämter, darunter den Vorsitz
eines Kreisverbandes für Gartenbau und Landespflege. Die Frage lautet nicht, ob
Gartenbau ein Verbrechen sei, sondern wie bereitwillig die
Nachkriegsgesellschaft belastete Biografien in ihre Vorstellung bürgerlicher
Ehrbarkeit integrierte.
Neben den
bereits vorgestellten Personen gehörten zahlreiche weitere ehemalige Angehörige
der SS, die maßgeblich an der systematischen Ermordung der europäischen Juden
beteiligt war, der
CDU oder CSU an. Einige von ihnen bekleideten später höchste politische
Ämter.
Eine
ausdrückliche Entschuldigung der CDU/CSU für die Aufnahme ehemaliger
Angehöriger der SS – einer Organisation, die maßgeblich an der systematischen
Vernichtung der europäischen Juden beteiligt war – lässt sich anhand der hier
angeführten Belege ebenso wenig abschließend beurteilen wie eine umfassende
öffentliche Distanzierung von diesen personellen Kontinuitäten.
Das beweist
keine ideologische Identität zwischen Nationalsozialismus und Christdemokratie.
Es dokumentiert jedoch personelle Kontinuitäten und die Grenzen der
Entnazifizierung. Im
vierten Bundestag hatten nach historischen Erhebungen rund 25 Prozent aller
Abgeordneten eine NSDAP-Vergangenheit – wohlgemerkt über die Parteigrenzen
hinweg.
Die
Aufarbeitung dieser Geschichte blieb nicht vollständig aus. Sie erfolgte jedoch
vielfach verspätet, gegen Widerstände und erst durch spätere historische
Forschung.
Hier liegt die
eigentliche Kunst bürgerlicher Selbstentlastung: Die eigene belastete
Vergangenheit wird historisiert, die des politischen Gegners aktualisiert.
Die
SED-Vergangenheit der Linken gilt als gegenwärtiger Makel. Die Integration
ehemaliger Nationalsozialisten in die Union dagegen als erledigtes Kapitel.
Dass beide Vorgänge historisch verschieden sind, verbietet ihre Gleichsetzung.
Nicht aber, an beide denselben Anspruch auf kritische Selbstprüfung zu stellen.
In Berlin soll
die Zusammenarbeit mit der Linken wegen antisemitischer Tendenzen untragbar
sein. In Heidenau reicht es für eine gemeinsame erinnerungspolitische
Entscheidung mit der AfD. Der Unterschied ist offensichtlich: Dort dient die
Erinnerung als Argument gegen eine Koalition, hier wird über ihre Entfernung
aus dem Straßenbild abgestimmt.
Antisemitismus
ist tatsächlich nicht verhandelbar. Gerade deshalb darf seine Bekämpfung nicht
davon abhängen, ob der Beschuldigte politischer Gegner oder möglicher
Abstimmungspartner ist.
Die CDU muss
sich an dem universellen Maßstab messen lassen, den sie gegenüber anderen
Parteien geltend macht.
Andernfalls
bleibt von ihrem kategorischen Imperativ nur eine parteipolitische
Geschäftsordnung: Gegen Antisemitismus immer. Gegen die Linke unbedingt. Gegen
die eigenen Widersprüche möglichst nie.
Und für die
Opfer des Nationalsozialismus findet sich gewiss noch ein würdiger Platz.
Hauptsache, sie liegen der deutschen Gegenwart nicht länger im Weg.