Der Antisemitismus, den das Kapital bestellt hat?
TL;DR: Springers Interesse an bestehenden Eigentumsverhältnissen ist real - daraus folgt aber nicht, dass Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Linken falsch sind. Die Kolumne kritisiert die Reduktion der Debatte durch die junge welt & Schambergers auf Klasseninteressen ebenso wie pauschale Antisemitismusurteile des Zentralrates der Juden und anderer über die gesamte Partei Die Linke. Entscheidend ist die Differenzierung: Die Interessen des Anklägers entscheiden nicht über die Wahrheit der Anklage.
Wer Springers Klasseninteresse erkennt, hat noch keinen Antisemitismusvorwurf widerlegt – denn die Interessen des Anklägers entscheiden nicht über die Wahrheit der Anklage
Es gibt eine besonders bequeme Form der
Gesellschaftskritik. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Gesellschaft am
Ende weniger kompliziert aussieht als vorher. Kerem
Schamberger liefert dafür in drei Sätzen das Taschenmodell: „Es geht
ihnen nicht um Antisemitismus. Es geht ihnen um die Verhinderung von Enteignung
und Vergesellschaftung. Deshalb die Kampagne gegen Die Linke.“ Mehr braucht
der aufgeklärte Mensch offenbar nicht zu wissen. Springer, Zentralrat der
Juden, SPD, CDU, Grüne, innerparteiliche Kritiker – sie verschwinden in einem
einzigen Personalpronomen: ihnen. Das Kapital hat gesprochen, und
bemerkenswerterweise spricht es mit sehr vielen verschiedenen Stimmen immer
genau denselben Satz.
Natürlich besitzt Springer materielle
Interessen. Ein Medienkonzern wird kaum zum Sturmgeschütz der
Vergesellschaftung werden, und niemand muss Mathias Döpfner für einen
heimlichen Leser des „Kapital“ halten. Wer Peter
Thiel auszeichnet, dokumentiert jedenfalls keine überschäumende
Begeisterung für die Abschaffung großer Privatvermögen. Daraus lässt sich
einiges über Springer lernen. Nur über Antisemitismus zunächst gar nichts.
Denn selbst wenn ein Antisemitismusvorwurf
einem politischen Interesse nützt, folgt daraus nicht, dass er falsch ist.
Sonst müsste man nur noch die Interessen des Anklägers ermitteln, um sich die
Prüfung des Angeklagten zu ersparen. Der Staatsanwalt bekommt Gehalt vom Staat:
Freispruch. Der Journalist arbeitet für einen Konzern: Freispruch. Der
Zentralrat äußert politische Interessen: ebenfalls Freispruch. Kritik wäre
dann keine Frage ihres Wahrheitsgehalts mehr, sondern der gesellschaftlichen
Position dessen, der sie ausspricht. Ausgerechnet Materialismus verkäme zur
Herkunftskontrolle von Argumenten.
Ein „ihnen“ für alle Fälle
Max
Grigutsch liefert in der jungen Welt die ausführlichere Variante
desselben Verfahrens. Schon im Vorspann von „Auf Wahlsieg folgt Rauswurf“
steht fest, was vorgeht: Die „Antisemitismuskampagne geht weiter“. Damit ist
das Urteil gesprochen, bevor das Material geprüft wird. Besonders
praktisch wird es, als Hannah Bruns' Satz referiert wird, die Befreiung
Palästinas sei erst vollendet, „wenn Tel Aviv wieder in der Hand von
Palästina liegt“. Man könnte nun untersuchen, was es politisch bedeutet, wenn
auch Tel Aviv, also das Zentrum des israelischen Staatsgebiets, in ein
palästinensisches nationales Projekt eingeordnet werden soll. Man könnte nach
Staatsmodellen, gleichen Rechten, jüdischer Selbstbestimmung und dem Schicksal
der dort lebenden Bevölkerung fragen.
Grigutsch
interessiert sich stärker dafür, wer solche Fragen stellt. Von
„proisraelischen Scharfmachern“ ist die Rede; später wird aus den verschiedenen
Vorwürfen ein „wildes Gemisch“, schließlich eine „Hetzkampagne“. Die
Rhetorik übernimmt die Arbeit, die eigentlich das Argument leisten müsste.
Wer einen problematischen Satz beanstandet, gerät sprachlich selbst auf die
Anklagebank.
Das bedeutet nicht, dass der Zentralrat
seinerseits außerhalb der Kritik stünde. Seine Erklärung "Berliner
Wahlen 2026" vom 22. September vollzieht den entgegengesetzten Sprung.
Aus
konkreten Vorgängen auf einer Wahlkampfbühne wird das Urteil über „diese
Partei“, die Judenhass „in ihren Reihen duldet und frei gewähren lässt“; daraus
folgt der Appell an SPD und Grüne, der Linken nicht zur Regierung zu verhelfen.
Zwischen einem Vorfall und einem Urteil über eine ganze Partei liegen jedoch
Fragen nach Verantwortlichkeit, Repräsentativität, Parteibeschlüssen und
Konsequenzen. Wer differenziert, muss auch diese Übergänge prüfen.
Nur ist die angemessene Antwort auf eine
mögliche Verallgemeinerung nicht die Gegenverallgemeinerung. Aus „Die Linke ist
antisemitisch“ wird bei Schamberger faktisch: Die Kritik an Linken Antisemitismus
ist eine Kampagne gegen Vergesellschaftung. Zwei Totalerklärungen begegnen
sich, und jede hält ihre Vereinfachung für die Widerlegung der anderen.
Gerade eine Linke, die diesen Namen nicht
bloß als Parteibezeichnung führt, müsste mehr können. Sie müsste sagen:
Springer kann gegen Enteignung kämpfen und ein konkreter
Antisemitismusvorwurf kann trotzdem zutreffen. Der Zentralrat kann begründete
Sorgen formulieren und daraus politische Folgerungen ziehen, die man
nicht teilen muss. Einzelne Mitglieder der Linken können Grenzen überschreiten,
ohne dass deshalb jedes Parteimitglied zum Antisemiten wird. Und
Palästina-Solidarität kann notwendig sein, ohne dass jede unter ihrem Namen
erhobene nationale Forderung dadurch emanzipatorisch wird.
Das kleine Wort „und“ wäre hier politisch
erheblich fortschrittlicher als Schambergers großes „deshalb“.
Wenn der Klassenkampf den Gegenstand
verschwinden lässt
Grigutsch
schreibt, beim Ausschlussantrag gehe es nach Bruns' Darstellung um die
„Disziplinierung und Diffamierung der palästinasolidarischen Kräfte“. Das kann
ihre Interpretation des Vorgangs sein. Aber
die entscheidende Frage lautet, ob damit schon alles über dessen Gegenstand
gesagt ist. Ein Parteiausschluss kann machtpolitisch motiviert,
koalitionstaktisch erwünscht und zugleich Reaktion auf tatsächlich
problematische Äußerungen sein. Gesellschaftliche Wirklichkeit hat die lästige
Eigenschaft, mehrere Ursachen gleichzeitig zuzulassen.
Die bequemere Theorie benötigt dagegen
nur Bösewichter. Hier die aufrechte Palästina-Solidarität, dort Springer,
Koalitionsstrategen und „Scharfmacher“. So entsteht ausgerechnet in einem Text,
der Diffamierung beklagt, eine Freund-Feind-Ordnung, in der die Position des
Kritikers bereits durch seine Zuordnung verdächtig wird. Wer Antisemitismus
thematisiert, riskiert, als Hilfskraft der Kampagne zu erscheinen; wer
Palästina-Solidarität sagt, erhält dagegen einen politischen Vorschuss auf
Unbedenklichkeit.
Nach Auschwitz sollte eine Linke sich einen
solchen Vorschuss gerade nicht ausstellen. Antisemitismus wurde nicht dadurch
unmöglich, dass seine Träger sich links nannten; Nationalismus wird nicht
dadurch emanzipatorisch, dass die Nation unterdrückt ist. Wer deutschen
Nationalismus als falsche Versöhnung gesellschaftlicher Gegensätze kritisiert,
sollte nicht plötzlich metaphysische Eigenschaften von Fahnen entdecken, sobald
sie die richtige Farbe tragen. Die Solidarität mit Palästinensern verlangt
keinen Glauben an die erlösende Kraft eines palästinensischen Nationalstaats,
ebenso wenig wie die Solidarität mit Juden die israelische Regierung der Kritik
enthebt.
Das wäre die unangenehmere Linke: eine,
die weder Springer noch sich selbst glaubt. Sie würde Döpfners Eigentumsordnung
kritisieren, ohne deshalb jeden von Springer gedruckten Satz automatisch für
falsch zu erklären. Sie würde dem Zentralrat widersprechen können, wenn aus
einzelnen Vorgängen ein Pauschalurteil über eine Partei wird, ohne jüdische
Antisemitismussorgen als Kulisse eines Immobilienkampfs umzudeuten. Und sie
würde einen Satz über Tel Aviv nach seinem eigenen politischen Gehalt
untersuchen, statt zunächst die Visitenkarte desjenigen zu verlangen, der ihn
problematisch findet.
Schambergers Tweet und Grigutschs
Artikel scheuen genau diese Zumutung. Der eine erklärt den Konflikt aus dem
Interesse an Eigentumsverhältnissen, der andere erzählt ihn als
„Antisemitismuskampagne“. Beide gewinnen dadurch Gewissheit, indem sie
Unterschiede beseitigen. Der Antisemitismusvorwurf wird nicht geprüft,
sondern soziologisch entsorgt.
Eine illusionslose und emanzipatorische Linke
hätte es schwerer. Sie müsste gleichzeitig wissen, dass Antisemitismus
politisch instrumentalisiert werden kann, dass Antisemitismus innerhalb
der Linken existieren kann, dass die pauschale Beschuldigung einer
Partei falsch sein kann und dass die pauschale Entlastung ihrer
Mitglieder ebenso falsch sein kann. Das klingt weniger heroisch als
„Nicht darauf reinfallen“. Dafür müsste man tatsächlich hinsehen.
Denn wer jede Antisemitismuskritik an der
Linken auf Eigentumsinteressen zurückführt, verteidigt am Ende nicht die Linke
gegen ihre Gegner. Er nimmt ihr die Fähigkeit zur Selbstkritik. Und wer
Springer so sehr verachtet, dass schon dessen Feindschaft genügt, um den
Gegenstand seiner Kritik für nichtexistent zu erklären, hat dem Konzern eine
erstaunliche Macht eingeräumt: Springer müsste künftig nur noch die Wahrheit
drucken, damit ein Teil der Linken sie aus Prinzip für Propaganda hält.