Wenn Aufrüstung nicht Militarisierung heißen darf
TL;DR: Alexander Schmejkal will Krieg durch Abschreckung verhindern und versteht die deutsche Aufrüstung deshalb nicht als Militarisierung. Der Nachfolgende Text kritisiert vor allem diese Voraussetzung: Wenn Militär, Infrastruktur, zivile Institutionen und gesellschaftliches Denken auf einen möglichen Krieg ausgerichtet werden, lässt sich die Frage nach Militarisierung nicht dadurch erledigen, dass man diesen Prozess „Verteidigung“ oder „Ertüchtigung“ nennt.
Vorbemerkung:
Als Bürger der alten BRD, der 1981 den Kriegsdienst verweigert hat – und zwar aus einer antimilitaristischen Haltung heraus, nicht aus moralischen oder ethischen Gründen im Sinne einer absoluten Gewaltlosigkeit, wie sie für den klassischen Pazifismus charakteristisch ist –, musste ich, vor meiner Anerkennung als Wehrdienstverweigerer, zweimal „Verhöre“ durch einen Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer über mich ergehen lassen. Auch deshalb hatte und habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Verteidigung und Aufrüstung.
Verteidigung hielt und halte ich grundsätzlich für richtig. Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, die auf einem eigens dafür geschaffenen Feindbild beruhen, halte ich dagegen für falsch und für etwas, das es zu bekämpfen gilt. Vor diesem Hintergrund halte ich die Position von Alexander Schmejkal für kritikwürdig.
Alexander Schmejkal will keinen Krieg. Er will ihn durch
Abschreckung verhindern. Gerade deshalb lohnt die Kritik: Wo militärische
Aufrüstung als notwendige Verteidigung vorausgesetzt wird, bleibt für eine
linke Politik am Ende womöglich nur noch die Frage, wer sie bezahlt und
kontrolliert.
Alle Zitate nach: „Wird
die deutsche Gesellschaft militarisiert?“ von Alexander Schmejkal,
erschienen am 19. August 2026 unter “Positionen” bei der Progressive Linke
Alexander Schmejkal ist kein Militarist, jedenfalls nicht in
jenem schlichten Sinne, der die Auseinandersetzung angenehm einfach machen
würde. Er wünscht ausdrücklich, dass die Waffen der Bundeswehr niemals
eingesetzt werden, warnt vor den katastrophalen Folgen eines Atomkriegs,
kritisiert die Profite der Rüstungsindustrie und verlangt demokratische
Kontrolle der Aufrüstung. Sein Ziel ist Frieden durch Abschreckung, nicht
Krieg.
Gerade deshalb ist sein Text interessant. Schmejkal
verteidigt die Aufrüstung nicht gegen seine linken Überzeugungen, sondern
versucht, sie mit ihnen zu versöhnen. Waffen werden notwendig, sofern sie
abschrecken; Aufrüstung wird legitim, sofern sie demokratisch kontrolliert
wird; Rüstungsproduktion wird hinnehmbar, sofern nicht Rheinmetall bestimmt, wo
es langgeht. Die Kritik beginnt damit erst, nachdem die entscheidende Frage
schon beantwortet ist: Soll die militärische Ertüchtigung Deutschlands überhaupt
zum Projekt einer Linken gehören?
Militarisierung, die nicht so heißen darf
Schmejkals Entwarnung beginnt mit einer Definition.
Militarismus herrsche dort, wo militärische Werte und Denkweisen Staat und
Gesellschaft dominieren. Da dies in der Bundesrepublik nicht der Fall sei,
könne von Militarisierung keine Rede sein. Das klingt zwingend, ist es aber
nur, wenn man Zustand und Prozess verwechselt. Dass eine Gesellschaft nicht
vollständig militaristisch organisiert ist, beweist nicht, dass sie keinen
Militarisierungsprozess durchläuft.
Das Bemerkenswerte ist, dass Schmejkal das Material für den
Gegenbeweis selbst liefert. Er beschreibt die personelle Vergrößerung der
Bundeswehr und ihre Werbung, fordert moderne Waffensysteme, militärisch
geeignete Straßen, Brücken und Schienenwege sowie die Vorbereitung des
Gesundheitswesens, der Polizei, der Feuerwehr und der öffentlichen Verwaltungen
auf den Verteidigungsfall. Schließlich müsse auch die Bevölkerung diesen
Maßnahmen aufgeschlossener gegenüberstehen.
Wenn militärische Anforderungen beginnen, zivile
Infrastruktur, staatliche Institutionen und gesellschaftliches Bewusstsein zu
verändern, wäre zumindest zu prüfen, ob genau darin Militarisierung besteht.
Schmejkal erspart sich diese Untersuchung, indem er das Ergebnis begrifflich
vorwegnimmt. Was geschieht, heißt bei ihm nicht Militarisierung, sondern
„Ertüchtigung“, „Verteidigungsbereitschaft“ oder „Abschreckung“.
Diese Wörter sind nicht falsch. Neutral sind sie deshalb
noch lange nicht. „Ertüchtigung“ beschreibt eine politische Entscheidung
bereits aus der Perspektive ihrer Notwendigkeit. Wer eine Brücke militärisch
ertüchtigt, sagt nicht bloß, was mit ihr geschieht. Er legt zugleich nahe, dass
sie einer objektiv erforderlichen Aufgabe bislang nicht gewachsen war. Aus
einer politischen Entscheidung wird beinahe eine technische Reparatur.
Dasselbe geschieht mit der Aufrüstung. Sie diene, schreibt
Schmejkal, „einzig und allein der Abschreckung“. Gerade dieses „einzig und
allein“ wäre jedoch zu begründen. Militärische Fähigkeiten können der
Abschreckung dienen und zugleich Bündnispolitik, außenpolitischen Einfluss und
staatliche Handlungsfähigkeit erweitern. Schmejkal behandelt den defensiven
Zweck weniger als Ergebnis seiner Analyse denn als deren Voraussetzung.
Damit entsteht ein bequemes Argument: Weil die Aufrüstung
ausschließlich defensiv ist, ist sie keine Militarisierung; und weil sie keine
Militarisierung ist, kann die Linke darüber diskutieren, wie sie richtig
organisiert werden soll.
Wer ist eigentlich „wir“?
An diesem Punkt kommt Schmejkals Kapitalismuskritik ins
Spiel. Sie ist durchaus ernst gemeint. Er kritisiert die Profitinteressen der
Rüstungsindustrie und fragt zugespitzt, wer über die Aufrüstung bestimmt: der
Verteidigungsminister oder der Vorstand von Rheinmetall? Auch die
Rüstungsproduktion selbst betrachtet er ökonomisch keineswegs als
gesellschaftlichen Glücksfall. Gerade deshalb, argumentiert er, müsse es
außerordentlich gute Gründe geben, Waffen herzustellen.
Diesen Grund liefert die Bedrohung.
So entsteht eine eigentümliche Trennung. Auf der einen Seite
steht ein grundsätzlich legitimes staatliches Verteidigungsinteresse, auf der
anderen das private Profitinteresse, das dieses Projekt zu korrumpieren droht.
Die Lösung lautet folgerichtig: aufrüsten, aber demokratisch kontrolliert und
sozial verantwortbar.
Nur warum sollten Staats- und Kapitalinteresse so säuberlich
auseinanderfallen? Schmejkal selbst beschreibt Fälle, in denen nach seiner
Darstellung Unternehmensinteressen Beschaffungsentscheidungen oder
internationale Rüstungsprojekte beeinflussen. Dennoch erscheinen sie letztlich
als störender Fremdkörper einer ansonsten vernünftigen Sicherheitspolitik.
Seine Kapitalismuskritik richtet sich damit weniger gegen das militärische
Staatsinteresse als gegen dessen Organisation.
Dazu passt das politische Zauberwort „wir“. Schmejkal
spricht von „unserem Land“, „unserer“ Verteidigung und der NATO als „unserer
einzigen Verteidigungsgarantie“. Regierung, Staat und Bevölkerung erscheinen so
in einem gemeinsamen Sicherheitsinteresse.
Aber wer ist dieses Wir?
Es umfasst den Beschäftigten ebenso wie den
Rüstungsaktionär, den Steuerzahler wie den Minister, den Soldaten wie
denjenigen, der über seinen Einsatz entscheidet. Dass Menschen ein elementares
Interesse daran haben, nicht bombardiert oder getötet zu werden, versteht sich.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jedes militärpolitische Interesse
des Staates mit dem ihren identisch ist.
Besonders deutlich wird das in Schmejkals Auseinandersetzung
mit Jan van Aken über einen möglichen Einsatz deutscher Minenräumboote in der
Straße von Hormus. Schmejkal erläutert technische Fähigkeiten der Schiffe und
rechtliche Voraussetzungen eines Einsatzes. Doch die politische Frage beginnt
früher: Warum gehört die Straße von Hormus überhaupt zum möglichen
militärischen Handlungsraum Deutschlands? Die Leistungsfähigkeit eines
Minenräumbootes kann erklären, was Deutschland dort tun könnte. Sie erklärt noch
nicht, weshalb Deutschland dort militärisch tätig werden sollte.
Militärtechnische Kompetenz ersetzt keine Kritik des
politischen Zwecks.
Wenn der Frieden kriegstüchtig wird
Schmejkals stärkstes Argument lautet Abschreckung. Waffen
seien nicht schon deshalb abzulehnen, weil mit ihnen Krieg geführt werden
könne. Richtig eingesetzt könnten sie einen Krieg gerade verhindern. Seine
Logik ist einfach: Militärische Stärke schafft glaubwürdige Abschreckung;
Abschreckung verhindert den Angriff; der verhinderte Angriff erhält den
Frieden.
Das ist in sich schlüssig. Es ist nur nicht die einzig
mögliche Kausalkette. Aufrüstung kann vom Gegenüber als Bedrohung verstanden
werden, Gegenrüstung auslösen und eine Dynamik erzeugen, in der jede Seite ihre
eigene Bewaffnung als notwendige Reaktion auf die der anderen begreift. Diese
Möglichkeit diskutiert Schmejkal kaum.
Dabei führt seine Abschreckungslogik weit. Er fordert unter
anderem modernere Aufklärung, Radarsysteme, Luftverteidigung, Drohnenabwehr,
Kampfflugzeuge, weitreichende Flugkörper und Artillerie. Hinzu kommen
Verkehrswege und zivile Institutionen, die auf den Verteidigungsfall
vorbereitet werden sollen.
Der Krieg, der durch all dies verhindert werden soll,
beginnt damit bereits den Frieden zu organisieren.
Am radikalsten zeigt sich das bei den Atomwaffen. Schmejkal
weiß um ihre apokalyptische Konsequenz und fordert gerade deshalb eine
glaubwürdige nukleare Abschreckung. Ein potenzieller Angreifer müsse wissen,
dass sein Angriff seine eigene Vernichtung nach sich ziehen würde. Deutschland
solle dafür enger mit Frankreich und Großbritannien kooperieren.
Das Paradox ist bekannt und wird dadurch nicht geringer: Die
Waffen dürfen niemals eingesetzt werden, doch die Bereitschaft, sie
einzusetzen, muss glaubwürdig sein, damit ihr Einsatz unterbleibt. Der Frieden
wird durch die Androhung einer Katastrophe garantiert, deren tatsächliche
Herbeiführung den Zweck dieser Garantie vernichten würde.
Man muss daraus nicht folgern, Russland stelle keine
Bedrohung dar. Schmejkals Hinweise auf russische militärische Fähigkeiten und
hybride Kriegführung sind Teil seines Arguments; eine Kritik widerlegt sie
nicht dadurch, dass sie Russland kurzerhand zum friedlichen Gegenbild des
Westens erklärt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche politischen
Konsequenzen aus einer Bedrohung folgen – und wer darüber entscheidet.
Genau dort müsste eine linke Kritik beginnen. Sie müsste
weder behaupten, Schmejkal wolle Krieg, noch so tun, als seien Waffen, Staaten
und Bündnisse bloße Einbildungen. Sie müsste untersuchen, warum „Verteidigung“,
„nationale Sicherheit“ und „Bündnisinteresse“ als gemeinsame Interessen der
Gesellschaft erscheinen und welche gesellschaftlichen Veränderungen damit
gerechtfertigt werden.
Schmejkal stellt stattdessen vor allem die Frage, wie
Deutschlands Aufrüstung kontrolliert, finanziert und organisiert werden soll.
Damit ist die vorgelagerte Frage beinahe verschwunden: Warum soll die
militärische Konkurrenzfähigkeit Deutschlands überhaupt ein linkes Projekt
sein?
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe seines Textes.
Schmejkal fragt, ob Deutschland militarisiert werde, und beschreibt
anschließend Straßen, Krankenhäuser, Verwaltungen, Streitkräfte und eine
Bevölkerung, die für einen möglichen Krieg ertüchtigt werden sollen. Man kann
all das für notwendig halten. Man kann es Verteidigung nennen. Man kann hoffen,
dass gerade dadurch niemals geschossen wird.
Nur sollte man dann die Möglichkeit, dass genau dieser
Vorgang Militarisierung heißt, nicht schon per Definition aus der Welt
schaffen.
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