Lafontaine: der Faschismus als Wanderpokal
TL;DR: Lafontaine trifft einen wunden Punkt: Brandmauer, mediale Selbstgerechtigkeit und soziale Verwerfungen erklären den Aufstieg der AfD nicht weg. Doch seine Gegenrechnung scheitert am eigenen Moralismus. Wer Aufrüstung, Israel-Unterstützung und westliche Außenpolitik kurzerhand mit Faschismus verbindet, macht aus einem historischen Begriff einen politischen Wanderpokal. Eine materialistische Linke müsste stattdessen Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus und autoritäre Herrschaft unabhängig davon kritisieren, aus welchem geopolitischen Lager sie kommen.
Oskar Lafontaine will den Faschismusvorwurf gegen das BSW
zurückweisen und reicht ihn dafür an fast alle anderen weiter. Das Ergebnis ist
keine materialistische Faschismusanalyse, sondern eine politische
Moralgeografie, in der das Etikett zuverlässig dort klebt, wo der Gegner steht.
Es gibt Wörter, die durch häufigen Gebrauch nicht genauer
werden. „Faschismus“ gehört zu ihnen. Wer mit ihm hantiert, könnte sich für die
historischen Bedingungen interessieren, unter denen faschistische Bewegungen
entstehen, welche Klasseninteressen sie organisieren, welche Krisen sie
ausbeuten, welche Feindbilder sie mobilisieren und welche Form von Herrschaft
sie anstreben. Man kann es sich aber auch einfacher machen und Faschismus
ungefähr mit allem identifizieren, was man für besonders militaristisch, verbrecherisch
oder politisch verwerflich hält. Oskar Lafontaine entscheidet sich in seinem
Text „Die Steigbügelhalter des Faschismus“ entschieden für die zweite
Möglichkeit.
Der unmittelbare Anlass ist der Vorwurf, das BSW könne in
Sachsen-Anhalt durch die Bereitschaft zu wechselnden Mehrheiten unter
Einschluss der AfD zu deren Normalisierung beitragen. Lafontaine bestreitet
nicht nur diese Diagnose. Er dreht sie um. Die
eigentlichen „Steigbügelhalter des Faschismus“ seien die Parteien der
sogenannten demokratischen Mitte, deren Politik aus Aufrüstung und Sozialabbau
die AfD groß gemacht habe; dazu komme ein Journalismus, der durch seine
Abgehobenheit unfreiwillig Werbung für die extreme Rechte betreibe.
An dieser Kritik ist zunächst mehr wahr, als ihren liberalen
Gegnern lieb sein dürfte. Eine Brandmauer ist keine Gesellschaftstheorie. Man
kann die AfD parlamentarisch isolieren und zugleich gesellschaftliche
Verhältnisse verwalten, in denen Abstiegsängste, Konkurrenz, autoritäre
Sehnsüchte und nationalistische Krisendeutungen gedeihen. Ebenso wenig
verschwindet der Rechtsextremismus dadurch, dass Journalisten sich gegenseitig
bestätigen, wie unverständlich seine Wähler ihnen seien. Lafontaines Einwand gegen
die Selbstzufriedenheit der „demokratischen Mitte“ trifft deshalb einen realen
Punkt: Wer die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Rechtsrucks nicht
untersucht, verwechselt politische Hygiene mit politischer Erklärung.
Nur folgt daraus keineswegs, was Lafontaine daraus folgen
lässt.
Das Volk kann nichts dafür
In Lafontaines Konstruktion besitzt die Gesellschaft eine
bemerkenswert übersichtliche Dramaturgie. Unten befindet sich eine „große
Mehrheit der Bevölkerung“, deren Interessen von den herrschenden Parteien
missachtet würden; oben befinden sich Politiker und Journalisten, die eine
falsche Politik betreiben und anschließend über deren Folgen erstaunt sind. Die
AfD erscheint in diesem Bild wesentlich als Produkt der Fehler ihrer Gegner.
Die Bevölkerung dagegen tritt vor allem als Geschädigte auf.
Das ist Populismus in einer seiner bequemsten Formen: Nicht
weil er die Kritik an Eliten erfunden hätte – Herrschaftskritik ohne Kritik an
Eliten wäre ein kurioses Unternehmen –, sondern weil er gesellschaftliche
Widersprüche in den Gegensatz zwischen einem im Grunde vernünftigen Volk und
seinen schlechten Repräsentanten übersetzt. Lafontaine
schreibt, die Parteien hätten eine Politik betrieben, die von der „großen
Mehrheit der Bevölkerung“ abgelehnt werde, und der Journalismus verstehe „die
Wähler nicht“. Damit wird eine Frage beantwortet, bevor sie überhaupt gestellt
wurde: Was, wenn ein Teil der Wähler nicht bloß aus Protest rechts wählt,
sondern weil ihm zumindest Teile des rechten Angebots gefallen?
Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und der Wunsch nach
autoritärer Ordnung fallen nicht vom Himmel, aber sie werden auch nicht morgens
im Kanzleramt erfunden und abends von den Fernsehnachrichten in eine
widerstrebende Bevölkerung übertragen. Sie haben gesellschaftliche
Voraussetzungen. Konkurrenzgesellschaften produzieren nicht automatisch
Faschisten, wohl aber Erfahrungen von Ohnmacht, Statusangst und gegeneinander
gerichteten Interessen, die nationalistisch oder rassistisch verarbeitet werden
können. Eine materialistische Kritik hätte gerade zu untersuchen, wie objektive
Verhältnisse und subjektive Bedürfnisse ineinandergreifen. Das Volk dabei zum
unschuldigen Opfer seiner politischen Vertreter zu erklären, ist keine solche
Kritik. Es ist ihre Abkürzung.
Ähnlich
kurz gerät Lafontaines Faschismustheorie. Militarismus sei „Tradition des
Faschismus“, schreibt er, ebenso die Aufrüstung. Das ist als historische
Beobachtung trivial richtig und als Definition unbrauchbar. Faschistische
Regime waren militaristisch; daraus folgt so wenig, dass Militarismus
Faschismus sei, wie aus ihrer Autobahnpolitik folgt, dass Straßenbau
faschistisch wäre. Eine Kategorie erklärt nur dann etwas, wenn sie Unterschiede
kennt. Wird jeder Militarismus zum Faschismus, ist am Ende nicht mehr der
Faschismus genauer bestimmt, sondern bloß der Militarismus heftiger beschimpft.
Genau
dieses Verfahren strukturiert den Text. Die deutsche Unterstützung Israels
und der Ukraine wird zur Hilfe für „Faschisten“, die Regierungsparteien werden
im Zusammenhang mit Gaza als „gesichert rechtsextrem“ bezeichnet, und CDU und
SPD erscheinen als Parteien, mit denen Zusammenarbeit mindestens ebenso
begründungsbedürftig sei wie mit der AfD. Der Faschismusbegriff wandert damit
vom Namen einer spezifischen politischen Herrschafts- und Mobilisierungsform
zum Superlativ des moralisch Verwerflichen.
Das erzeugt eine hübsche dialektische Pointe, nur nicht die
beabsichtigte. Lafontaine wendet sich dagegen, BSW und AfD über einen
moralischen Kontaktschuldmechanismus zusammenzurücken, und antwortet darauf mit
einem Kontaktschuldmechanismus von erheblich größerer Reichweite. Wer Israel
unterstützt, unterstützt in seiner Argumentation Faschisten; wer die Ukraine
unterstützt, ebenso; wer aufrüstet, steht in der Tradition des Faschismus; wer
all dies journalistisch verteidigt, hilft wiederum dem Faschismus. Der Vorwurf
wird nicht kritisiert, sondern verstaatlicht: Jeder bekommt einen.
Frieden nach Himmelsrichtung
Das Problem reicht tiefer als eine missglückte Terminologie.
Lafontaines Text verrät eine politische Methode, bei der nicht allein
entscheidend ist, was ein Akteur tut, sondern in welchem geopolitischen Lager
er verortet wird. Gegenüber den deutschen Regierungsparteien, Israel und der
Ukraine wird die stärkstmögliche moralische Sprache mobilisiert. Von ihnen
handelt der Text als Tätern, Kriegstreibern oder Unterstützern des Faschismus.
Andere Akteure kommen in diesem konkreten Text dagegen hauptsächlich als
Objekte westlicher Politik vor.
Gerade hier wäre eine universalistische Friedenspolitik
anspruchsvoller. Wer Militarismus kritisiert, müsste ihn unabhängig davon
kritisieren, ob seine Waffen aus Washington, Berlin, Moskau oder Teheran
stammen. Wer Nationalismus für gefährlich hält, müsste ihn nicht erst
entdecken, wenn er eine NATO-Fahne trägt. Und wer Antisemitismus und autoritäre
Herrschaft als gesellschaftliche Tatsachen ernst nimmt, dürfte sie nicht zu
Nebensachen erklären, sobald ihre Träger Gegner westlicher Machtpolitik sind.
Das bedeutet keineswegs, die Außenpolitik westlicher Staaten
von ihrer Verantwortung freizusprechen. Eine solche Konsequenz wäre nur das
spiegelverkehrte Elend derselben Lagerlogik. Die deutsche Aufrüstung kann
kritisiert werden, ohne daraus eine Entlastung anderer imperialer oder
nationalistischer Projekte abzuleiten. Ebenso lässt sich die Politik der
israelischen Regierung radikal kritisieren, ohne „Israel“ zum metaphysischen
Täter zu machen oder die politischen Ziele seiner Gegner aus der Analyse zu
streichen. Materialismus beginnt dort, wo Moral nicht nach Bündniszugehörigkeit
verteilt wird.
Lafontaines Text tut das Gegenteil. Seine stärkste
rhetorische Operation besteht darin, die moralische Anklage der liberalen Mitte
gegen sie selbst zu wenden. Wenn ihr uns wegen des Umgangs mit der AfD
Faschismusnähe vorwerft, lautet die Konstruktion, dann seid ihr wegen Krieg,
Aufrüstung und eurer Außenpolitik erst recht die Faschistenhelfer. Das mag als
Retourkutsche befriedigen. Als Analyse verwandelt es den Faschismus jedoch in
einen Wanderpokal, der immer gerade der Mannschaft überreicht wird, die man ohnehin
nicht leiden kann.
Dabei liegt unter der Polemik ein ernstes Problem, das diese
begriffliche Inflation eher verdeckt als erhellt. Lafontaine hat recht, wenn er
die Vorstellung zurückweist, die parlamentarische Abgrenzung von der AfD könne
die gesellschaftlichen Ursachen ihres Erfolgs beseitigen. Eine Gesellschaft,
die soziale Sicherheit abbaut, Konkurrenz verschärft und politische
Entscheidungen als alternativlose Sachzwänge präsentiert, darf sich über
autoritäre Reaktionen nicht wundern. Aber aus einer materialistischen Perspektive
wäre der entscheidende Satz gerade nicht: Deshalb sind die anderen die wahren
Faschisten. Er müsste lauten: Deshalb muss erklärt werden, warum
gesellschaftliche Krisen unter bestimmten Bedingungen nach rechts verarbeitet
werden.
Diese Erklärung verlangt, die unangenehme Seite des Subjekts
ernst zu nehmen. Menschen sind weder bloß Manipulationsopfer noch automatisch
vernünftige Wesen, sobald die Tagesschau ausgeschaltet ist. Sie handeln
innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse und bringen deren Widersprüche
zugleich selbst hervor und weiter. Die Sehnsucht nach nationaler Gemeinschaft
kann eine Antwort auf reale Vereinzelung sein und bleibt trotzdem
nationalistisch. Rassismus kann soziale Konkurrenz ideologisch verarbeiten und
bleibt trotzdem Rassismus. Antisemitismus kann sich als Kritik von Macht,
Finanzkapital oder Imperialismus verkleiden und wird dadurch nicht
emanzipatorisch.
Gerade deshalb genügt es nicht, den liberalen Antifaschismus
dafür zu kritisieren, dass er die AfD moralisch isoliert und die
gesellschaftlichen Verhältnisse ansonsten gern unangetastet lässt. Diese Kritik
ist notwendig. Sie wird aber regressiv, sobald sie den autoritären Gehalt
rechter Politik dadurch relativiert, dass sie deren Aufstieg fast vollständig
als Reaktion auf die Fehler der etablierten Parteien erzählt. Aus der
berechtigten Kritik an einer falschen Erklärung des Faschismus entsteht sonst
nur die nächste falsche Erklärung.
Dasselbe gilt für den Frieden. Frieden ist keine politische
Tugend, wenn er vor allem von den Angegriffenen verlangt wird. Er ist auch
keine linke Position, wenn Herrschaft und Gewalt bei der einen Macht minutiös
verbucht und bei der anderen als Reaktion auf Vorgeschichte, Provokation oder
Einkreisung verständlich gemacht werden. Die emanzipatorische Frage lautet
nicht, welches geopolitische Lager die bessere Presse verdient. Sie lautet,
unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen beherrscht, verfolgt,
entrechtet und für nationale Projekte mobilisiert werden – und wie diese
Bedingungen aufgehoben werden können.
Lafontaines Polemik will die moralische Selbstgewissheit
seiner Gegner zerstören. Darin liegt ihre produktive Provokation. Sie scheitert
dort, wo sie an die Stelle dieser Moral lediglich eine andere setzt. Die
demokratische Mitte ist nicht deshalb antifaschistisch, weil sie sich so nennt.
Die Gegner der NATO sind aber ebenso wenig deshalb antiimperialistisch, weil
sie gegen die NATO sind. Und wer das Wort Faschismus auf jeden politischen
Feind klebt, hat am Ende womöglich eine eindrucksvolle Sammlung von Faschisten
und keinen Begriff des Faschismus mehr.
Die Frage, wer heute den Steigbügel hält, lässt sich deshalb
nicht beantworten, indem man den Vorwurf möglichst schwungvoll in die
Gegenrichtung schleudert. Interessanter wäre die Frage, warum eine Gesellschaft
immer wieder Pferde hervorbringt, für die sich so viele Steigbügel finden – und
weshalb eine Linke, die diese Gesellschaft verändern will, sich mitunter lieber
über die Richtung streitet, aus der der Reiter kommt.