Afghanistan: Der zweite Verrat
TL;DR: Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban wird aus dem Versagen von 2021 politische Normalität: Damals ließen die demokratischen Staaten ihre afghanischen Verbündeten zurück, heute suchen sie aus geopolitischen, wirtschaftlichen und migrationspolitischen Interessen wieder die Nähe zum Taliban-Regime. Während Frauen und Mädchen entrechtet und Kritiker verfolgt werden, schwindet die internationale Isolation der Islamisten. Besonders zynisch ist die Rückkehrpolitik: Wer Menschen in ein von den Taliban beherrschtes Afghanistan abschiebt, setzt den Verrat von 2021 mit anderen Mitteln fort. Notwendige humanitäre Kontakte dürfen nicht zur politischen Normalisierung werden.
Kommentar zum 5. Jahrestag des 15. August 2021 und zur
Normalisierung der Taliban-Herrschaft
Am 15. August 2021 nahmen die Taliban Kabul. Wenig später
saßen ihre Kämpfer im Präsidentenpalast und verkündeten einen Sieg, den sie
sich gewiss erkämpft hatten, den ihnen aber andere erst ermöglichten. Die
demokratischen Staaten, die zwanzig Jahre lang erklärt hatten, in Afghanistan
nicht zuletzt Freiheit, Menschenrechte und die Rechte der Frauen zu
verteidigen, entschieden sich für einen Abzug, dessen absehbaren Preis andere
zu bezahlen hatten. Sie gingen – und als Kabul zusammenbrach, wurde aus dem Abzug
eine Flucht.
Was folgte, war kein Machtvakuum, sondern die Rückkehr alter
Bekannter aus den Abgründen des 20. Jahrhunderts. Die Taliban marschierten ein
und setzten sich fest, als wären die vergangenen zwanzig Jahre nur eine lästige
Unterbrechung ihrer Herrschaft gewesen. Seither: Verbote
statt Verfassungsrechte,
Dekrete statt Debatten, Gottesgebot statt Bürgerrecht.
Afghanistan ist heute
ein Land ohne Internet, in dem Mädchen ab der
Pubertät aus den Klassenzimmern verschwinden und in Kinderehen gedrängt werden,
Frauen systematisch
aus Bildung, Beruf und öffentlichem Leben gedrängt und Kritiker verfolgt werden.
Millionen Kinder sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, das
Gesundheitssystem steht unter gewaltigem Druck – und die sogenannte
Weltgemeinschaft? Teile von ihr reichen den Taliban längst wieder die Hand.
Und der Afghan*innen, die den Versprechungen des Westens
geglaubt hatten, durften erfahren, welchen Kurswert ein Versprechen besitzt,
sobald derjenige, der es gegeben hat, keinen Nutzen mehr darin erkennt, es
einzulösen.
Besonders eindrucksvoll ließ sich damals studieren, wie man
eine Niederlage in einen moralischen Erfolg umlügt. Während in Afghanistan
Menschen verbrannten, was sie als Mitarbeiter westlicher Organisationen
auswies, während Frauen ahnten, dass die gerade gewonnenen Freiheiten bald
Erinnerungen sein würden, feierten Teile der deutschen Linken vor allem eines:
Endlich war die NATO weg. Die
Partei DIE LINKE begrüßte den beschlossenen NATO-Abzug ausdrücklich. Wer
vor allem den Abzug der westlichen Truppen zum Maßstab des Fortschritts
erklärte, konnte einen bemerkenswerten Sieg verbuchen: Nach der Logik von
Teilen der Linken, der diese nach 5 Jahren Taliban Herrschaft noch immer
anhängen: Der Westen verlor, also musste irgendwie die gute Sache gewonnen
haben.
Nur hatten die
afghanischen Frauen davon nichts.
Das ist eine jener Stellen, an denen
Antiimperialismus in sein Gegenteil umschlägt: Die Menschen, in deren Namen
er angeblich spricht, verschwinden hinter der Freude über die Niederlage des
falschen Staates. Ob nach dem Abzug Schülerinnen noch zur Schule gehen dürfen,
Journalistinnen arbeiten, Oppositionelle leben und
ehemalige Ortskräfte schlafen können, ohne beim nächsten Klopfen an der Tür
um ihr Leben zu fürchten, wird zur Nebensache gegenüber der weltpolitisch
offenbar viel bedeutenderen Genugtuung, dass die NATO eins auf die Mütze
bekommen hat.
Thomas Osten-Sacken nannte
das im August 2021 Verrat und schrieb „Was bis jetzt über ihre Gräueltaten
zu hören ist, dürfte erst der Anfang der langen, dunklen Nacht sein, die sich
gerade wieder über Afghanistan senkt.“.
Das Wort war nicht zu groß. Wer Menschen für sich arbeiten
lässt, ihnen politische und gesellschaftliche Hoffnungen macht, sie gerade
dadurch zu Feinden der Taliban werden lässt und anschließend abreist, übernimmt
nicht weniger Verantwortung, weil der Abflugplan eingehalten wurde.
Fünf
Jahre später beschreibt Jason Burke im ‚Guardien‘ die Fortsetzung dieses
Verrats mit diplomatischen Mitteln.
Die Taliban haben sich nicht liberalisiert.
Mädchen dürfen weiterhin keine weiterführenden Schulen besuchen und werden
stattdessen in Kinderehen getrieben, Frauen
werden aus Universitäten und großen Teilen des öffentlichen Lebens
gedrängt, Oppositionelle,
Journalisten und Minderheiten leben unter einem Regime, dessen Vorstellung
von Freiheit
ungefähr dort endet, wo die Freiheit des Einzelnen beginnt. Die große
Hoffnung, internationale Kontakte würden die Taliban mäßigen, hat sich als das
erwiesen, was man 2021 bereits wissen konnte: eine Hoffnung, deren besonderer
Vorzug darin bestand, dass sie diejenigen nichts kostete, die sie äußerten.
Geändert haben sich nicht die Taliban. Geändert hat sich der
Umgang mit ihnen.
Russland
erkennt ihre Regierung an. China redet mit ihnen über Sicherheit, Rohstoffe und
Geschäfte. Indien entdeckt seine strategischen Interessen.
Zentralasiatische Staaten interessieren sich für Handelswege. Europäische
Regierungen entdecken schließlich einen besonders europäischen Grund für
Pragmatismus: Afghanistan besitzt Afghanen, die man gerne wieder loswerden
möchte.
Und so verwandelt sich Barbarei in einen Ansprechpartner.
Man muss die Taliban schließlich nicht mögen, heißt die neue
Weisheit, man müsse nur „pragmatisch“ mit ihnen umgehen. Pragmatismus ist in
der Außenpolitik jenes schöne Wort, mit dem ein Prinzip beerdigt wird, ohne
dass jemand das hässliche Wort Opportunismus benutzen muss. Menschenrechte sind
universell; Abschiebungen sind dringlich. Und sobald beides miteinander
kollidiert, entdeckt der demokratische Staat zuverlässig, welches seiner
Anliegen wirklich Staatsräson besitzt.
Dass heute Menschen
nach Afghanistan abgeschoben werden, ist deshalb nicht bloß beschämend. Es
vollendet die Logik des 15. August 2021.
Damals lautete die Botschaft an die Afghanen: Wir können
euch nicht länger schützen.
Heute lautet sie: Für manche von euch halten wir den Schutz
auch nicht länger für nötig.
Und damit die
Abzuschiebenden von einem Regime zurückgenommen werden, vor dem Menschen
geflohen sind, braucht man Kontakte zu eben diesem Regime. Der
Taliban-Funktionär wird so vom Repräsentanten einer international geächteten
islamistischen Diktatur zum Geschäftspartner europäischer Migrationspolitik.
Die Unterdrückung afghanischer Frauen darf selbstverständlich weiterhin
verurteilt werden – solange die Verurteilung weder eine Abschiebung verhindert
noch ein Geschäft stört.
Man sollte sich deshalb auch vor der bequemen Legende hüten,
2021 habe ein idealistischer Westen seine Werte verraten und betreibe seitdem
plötzlich interessengeleitete Politik. Staaten haben Interessen. Ihre Werte
sind am glaubwürdigsten dort, wo sie bereit sind, für sie Kosten zu tragen.
Afghanistan zeigt gerade deshalb so erbarmungslos, was von der sonntäglichen
Rede von Menschenrechten übrig bleibt, wenn montags Sicherheitspolitik, Handel
und Migrationsabwehr beginnen.
Das bedeutet nicht, den zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatz
nachträglich zum humanitären Unternehmen zu verklären. Auch eine Intervention
aus eigenen Interessen kann Freiräume schaffen, deren Beseitigung für
diejenigen eine Katastrophe ist, die in ihnen leben. Dass westliche Politik nie
so selbstlos war, wie ihre Sonntagsredner behaupteten, macht das Berufsverbot
einer Afghanin nicht fortschrittlicher. Und dass die NATO Fehler, Verbrechen
und Illusionen produziert hat, macht den Taliban keinen Deut weniger
reaktionär.
Das hätte gerade eine Linke begreifen müssen, die ihren
Namen ernst nimmt: Der Feind meines Feindes ist nicht notwendig mein Freund,
und die Niederlage einer westlichen Militärallianz ist noch lange kein Sieg der
Emanzipation. Zwischen Washington und den Taliban muss man sich nicht
entscheiden, um zu wissen, auf welcher Seite man steht, wenn Mädchen aus
Schulen ausgeschlossen werden.
2021 wurden Afghanen im Namen einer beendeten Intervention
ihrem Schicksal überlassen. 2026 droht ihre fortgesetzte Unterdrückung im Namen
von Stabilität, Migration, Handel und geopolitischem Pragmatismus zur
akzeptierten politischen Realität zu werden.
Mit den Taliban sollte deshalb keine politische
Normalisierung betrieben werden. Wo Kontakte zur Rettung von Menschen oder für
humanitäre Hilfe unvermeidlich sind, sind sie Mittel zum Zweck, keine
Partnerschaft und schon gar keine Anerkennung. Abschiebungen in ihr Afghanistan
verbieten sich.
Denn wer am 15. August 2021 erklärte, man könne die Afghanen
nicht mehr vor den Taliban schützen, und fünf Jahre später Menschen denselben
Taliban übergibt, hat aus Kabul durchaus etwas gelernt: wie man aus einem
politischen Versagen erst eine Notwendigkeit und aus der Notwendigkeit
schließlich Normalität macht.