Mit einer Fälschung gegen Antisemitismus
TL;DR: Ein gefälschter „Intifada“-Sticker wird Elif Eralp und der Linken zugeschrieben. CDU-Staatssekretär Falko Liecke verbreitet das Motiv und verbindet es mit einem pauschalen Antisemitismusvorwurf gegen die Partei. Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost stammt der Sticker jedoch nicht von der Linken. Wer Antisemitismus kritisieren will, sollte sich auf echte Aussagen und tatsächliches Handeln stützen. Fälschungen machen diese Auseinandersetzung unglaubwürdiger.
Wer Antisemitismus in der Linken kritisieren will,
braucht dafür keine erfundenen Belege. Im Gegenteil: Gerade Fälschungen
schwächen die Glaubwürdigkeit einer notwendigen Kritik.
Ein Satz wie „Yallah
Intifada mit Elif Eralp: Intifada ins Abgeordnetenhaus wählen“ wäre
kaum eine harmlose Wahlkampfidee. Würde ein solcher Sticker tatsächlich von der
Linken stammen, gäbe es einiges zu erklären: Warum wirbt eine Partei mit einem
Begriff, der auch mit Terroranschlägen, Morden und antisemitischer Gewalt
verbunden ist? Weshalb sollte ausgerechnet eine solche Parole Stimmen bringen?
Kritische Fragen wären nicht nur nachvollziehbar, sondern nötig.
Nur liegt genau darin das Problem dieses Falls: Der
Sticker stammt nach dem Bericht der Berliner Morgenpost gerade nicht von
der Linken. Die Zeitung bezeichnet das Motiv ausdrücklich als gefälscht.
Die Partei bestreitet dem Bericht zufolge die Urheberschaft.
Damit verändert sich die Sache grundlegend. Ein gefälschtes
Motiv belegt nicht, was eine Partei gesagt oder getan hat. Es zeigt zunächst
nur, dass jemand ihr eine Botschaft zugeschrieben hat.
Auch Wahlkampf hebt diesen Unterschied nicht auf.
Falko Liecke, CDU-Politiker und Berliner
Bildungsstaatssekretär, verbreitete das Motiv nach Darstellung des Berichts und
schrieb dazu: „Damit
ist klar: Die Linke steht eindeutig für Antisemitismus.“ Gerade bei einem
so schweren Vorwurf wäre jedoch entscheidend gewesen, vorher zu klären, ob der
vermeintliche Beleg überhaupt echt ist.
Dafür muss man die Linke keineswegs pauschal von
Antisemitismusvorwürfen freisprechen. Die Berliner Partei führt diese Debatte
selbst seit Längerem. Erst
Ende August sorgte etwa der Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer
Wahlkampfveranstaltung der Linken in Neukölln für heftige Kontroversen.
Eralp verurteilte
den Auftritt anschließend öffentlich.
Gerade deshalb ist es unnötig, mit zweifelhaftem oder
gefälschtem Material zu arbeiten. Wer Antisemitismus in einer Partei
untersuchen will, kann sich an reale Äußerungen, Veranstaltungen, Beschlüsse
und das Verhalten ihrer Funktionäre halten. Dafür gibt es überprüfbare
Maßstäbe.
Eine Fälschung bewirkt das Gegenteil. Sie verschiebt die
Diskussion weg von dem, was tatsächlich gesagt oder getan wurde, hin zu der
Frage, ob das Beweismaterial überhaupt stimmt. Und sie bietet denen eine
einfache Ausrede, die auch berechtigte Antisemitismusvorwürfe grundsätzlich als
Kampagne abtun wollen.
Vorhandener Antisemitismus verschwindet dadurch nicht. Seine
glaubwürdige Kritik wird nur schwieriger.
Besonders
deutlich wird das an Elif Eralp selbst. Rund um ihre Haltung zu Israel und
den Konflikt in Gaza steht sie unter Druck aus sehr unterschiedlichen
Richtungen. Einerseits wurde sie nach dem Dahabflex-Auftritt mit dem Vorwurf
konfrontiert, ihre Partei dulde israelfeindliche oder antisemitische Positionen.
Andererseits verteidigte sie öffentlich das Existenzrecht Israels und erklärte,
die Linke stehe an der Seite jüdischer Menschen.
Ein gefälschter Sticker, der ihr eine „Intifada“-Kampagne
zuschreibt, trägt zur Klärung dieser Widersprüche nichts bei. Er produziert
lediglich einen weiteren Vorwurf, dessen Grundlage nicht stimmt.
Das wäre eine absurde Fußnote des Wahlkampfs, wäre das Thema
nicht so ernst.
Antisemitismus eignet sich nicht als beliebiges Mittel der
politischen Zuspitzung. Ein entsprechender Vorwurf wiegt schwer. Eben deshalb
sollte er sich auf überprüfbare Aussagen und Handlungen stützen.
Auch wer die Linke scharf kritisiert, muss ihr keine
Generalabsolution erteilen. Jeder konkrete Vorfall lässt sich untersuchen.
Äußerungen können zitiert, Entscheidungen bewertet und politische Konsequenzen
diskutiert werden. Eine Kritik, die auf belastbaren Tatsachen beruht, ist
ohnehin stärker als eine, die auf einem gefälschten Sticker aufbaut.
Der entscheidende Satz in dieser Affäre lautet deshalb
ausgerechnet: „Damit ist klar.“
Denn klar war zu diesem Zeitpunkt vor allem eines nicht: ob
das Material echt war, auf dem das Urteil beruhte.
Bei einem Vorwurf wie Antisemitismus sollte die Reihenfolge
umgekehrt sein: erst prüfen, dann urteilen.
Das ist keine Frage der Schonung irgendeiner Partei. Es ist
eine Frage sauberer Belege und der Glaubwürdigkeit, die eine ernsthafte
Auseinandersetzung mit Antisemitismus braucht.