Luigi Pantisano irrt: Ein anderer Busfahrplan schafft den Nationalismus nicht ab
TL;DR: Pantisano benennt die AfD zu Recht als rechtsextreme Gefahr und will ihre Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt verhindern. Doch seine Erklärung ihres Erfolgs greift zu kurz: Soziale Unsicherheit allein erklärt weder Nationalismus noch Rassismus und Antisemitismus. Bessere Krankenhäuser, Busverbindungen und Arbeitsplätze sind notwendig – aber sie beseitigen kein Ressentiment. Besonders problematisch bleibt, dass Pantisano von den „Erfahrungen unserer Geschichte“ spricht, ohne Auschwitz, die Shoah und Antisemitismus ausdrücklich zu benennen.
Luigi Pantisano erkennt nach der Wahl in Sachsen-Anhalt
die rechtsextreme Gefahr der AfD. Doch seine Erklärung ihres Erfolgs bleibt
eigentümlich beruhigend: Hinter dem Rechtsruck vermutet er vor allem
enttäuschte soziale Interessen. Nationalismus und Rassismus werden damit zur
falschen Antwort auf eigentlich richtige Fragen – und Antisemitismus kommt
natürlich überhaupt nicht vor.
Man könnte Luigi Pantisano zugutehalten, dass er die AfD in seinem Statement zum Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einmal nicht verharmlost. Er spricht von einer „rechtsextremen Partei“, warnt vor einer „rechtsextremen Regierung“, nennt Rassismus, Hetze und die Ausgrenzung von Geflüchteten und Menschen mit Behinderung. Sollte eine Regierung Grundrechte angreifen, kündigt er Widerstand „im Landtag und auf der Straße“ an. Und wenn die Stimmen der Linken benötigt würden, um eine AfD-Regierung zu verhindern, werde man sie dafür einsetzen.
Das ist zunächst einmal richtig.
Es steht allerdings in einem bemerkenswerten Verhältnis zu
Pantisanos eigener Polemik kurz vor seiner Wahl zum Parteivorsitzenden im Juni
2026. Damals hatte er mit einem Vergleich von CDU, AfD und Faschisten heftige
Kritik ausgelöst. Das Problem einer solchen Gleichsetzung besteht nicht darin,
dass sie die CDU besonders hart trifft. Das Problem ist, dass sie die
spezifische Qualität der extremen Rechten verwischt. Wer Faschismus zum
besonders kräftigen Wort für jede reaktionäre, unsoziale oder autoritäre Politik
macht, hat am Ende kein Wort mehr für diejenigen, bei denen es tatsächlich
angebracht ist.
In seinem jetzigen Statement unterscheidet Pantisano
deutlicher. Die AfD ist für ihn eine rechtsextreme Partei, deren
Regierungsübernahme eine besondere Gefahr darstellt. Damit korrigiert er
zumindest praktisch jene begriffliche Einebnung, zu der er selbst beigetragen
hatte.
Doch kaum hat Pantisano die AfD als eigenständige Gefahr
bezeichnet, beginnt er ihren Erfolg hauptsächlich durch die Politik ihrer
demokratischen Konkurrenten zu erklären. Friedrich Merz sei mit dem Ziel
angetreten, die AfD zu
halbieren, und habe stattdessen bei dieser Wahl die AfD „verdoppelt und die
CDU halbiert“. Krankenhäuser würden geschlossen, Buslinien gestrichen,
Arbeitsplätze in der Chemie bedroht. Die Menschen hörten seit Jahren, dass
alles besser werden solle, während sie zusehen müssten, wie ihre
gesellschaftliche Infrastruktur verfällt. Dass sie der Politik nicht
mehr glaubten, wütend seien und Veränderung wollten, könne er „ehrlich
gesagt verstehen“.
Daran ist zunächst wenig auszusetzen. Menschen wohnen,
arbeiten, fahren Bus, werden krank, bekommen Kinder und müssen ihre Miete
bezahlen. Eine Linke, die sich für diese materiellen Lebensbedingungen nicht
interessiert, könnte ihren Betrieb einstellen. Dass Pantisano Krankenhäuser,
öffentlichen Verkehr, Arbeitsplätze und ein bezahlbares Leben verteidigen will,
ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo aus der Beschreibung sozialer
Misere eine Erklärung des Rechtsradikalismus wird.
Der Rechte als enttäuschter Sozialdemokrat
Pantisano behandelt den AfD-Wähler tendenziell wie einen
Sozialdemokraten, der sich in der Wahlkabine verirrt hat. Eigentlich wolle er
ein Krankenhaus, einen funktionierenden Bus und einen sicheren Arbeitsplatz;
weil die etablierte Politik ihm das nicht geliefert habe, sei er bei den
Rechten gelandet. Die AfD gebe auf berechtigte soziale Fragen lediglich die
falschen Antworten. Folglich müsse eine glaubwürdige Linke die richtigen
Antworten liefern und den Menschen zeigen, wer ihre wirklichen Interessen vertrete.
Diese Vorstellung hat für die Linke einen erheblichen
Vorteil: Sie muss sich mit den unangenehmeren Motiven rechter Wähler nicht
allzu lange beschäftigen.
Denn Menschen wählen rechte Parteien nicht notwendig
deshalb, weil sie ihre Interessen missverstanden haben. Sie können durchaus
verstehen, was sie wählen. Ein Arbeiter hört nicht automatisch auf, Nationalist
zu sein, wenn sein Tarifvertrag verbessert wird. Eine funktionierende Buslinie
erzeugt keinen Antirassismus. Ein erhaltenes Krankenhaus immunisiert niemanden
gegen Antisemitismus. Und wer Geflüchtete aus dem Land haben möchte, muss dazu
nicht erst von Friedrich Merz enttäuscht worden sein.
Das Ressentiment besitzt eine eigene Attraktivität. Es
verspricht Zugehörigkeit durch Ausschluss, Gemeinschaft durch Feinderklärung
und die Aufwertung des Eigenen durch die Erniedrigung anderer. Gerade darin
liegt die politische Leistung nationalistischer Ideologie: Die wirklichen
gesellschaftlichen Gegensätze werden nicht beseitigt, sondern in der
Vorstellung einer bedrohten nationalen Gemeinschaft aufgehoben. Aus
Arbeitnehmer und Unternehmer werden Deutsche; aus dem gesellschaftlichen
Widerspruch wird der Konflikt zwischen „uns“ und „den anderen“.
Pantisano kommt diesem Zusammenhang sogar nahe. Der AfD wirft er vor, eine
„Identitätspolitik der Spaltung“ zu betreiben und ein
„Wir gegen die anderen“ zu konstruieren. Nur zieht er daraus für seine eigene
Erklärung des AfD-Erfolgs nicht die Konsequenz. Denn wenn dieses „Wir
gegen die anderen“ selbst politische Bedürfnisse befriedigt, kann man nicht
zugleich unterstellen, dahinter stecke hauptsächlich ein unerfülltes Verlangen
nach besserer Sozialpolitik.
Auch
der Hinweis, die AfD mache „Politik für die Reichen“, widerlegt sie deshalb
weniger, als Pantisano offenbar glaubt. Menschen wählen schließlich nicht
ausschließlich nach ihrem verfügbaren Haushaltseinkommen. Sie wählen auch
Vorstellungen von Nation, Autorität, Geschlecht und gesellschaftlicher Ordnung.
Sie können sogar gegen bestimmte materielle Interessen stimmen, wenn ihnen
dafür Zugehörigkeit, nationale Größe oder die Abwertung anderer angeboten wird.
Man muss nicht bestreiten, dass soziale Krisen der extremen
Rechten Möglichkeiten eröffnen. Es macht einen Unterschied, ob Menschen
Sicherheit erfahren oder permanent um Wohnung, Arbeitsplatz und
gesellschaftlichen Abstieg fürchten müssen. Nur folgt daraus nicht, dass der
Rassismus eine verkleidete Mietforderung und der Nationalismus ein missglückter
Tarifkampf wären.
Wer das glaubt, unterschätzt gerade das, was er bekämpfen
möchte.
Von „unserer Geschichte“ – und von dem, was ungesagt
bleibt
Noch auffälliger ist deshalb ein Satz, mit dem Pantisano begründet, warum
die Linke eine AfD-Regierung verhindern werde: „Es kann nicht sein, dass in
Deutschland eine rechtsextreme Regierung auch nach den Erfahrungen unserer
Geschichte nochmals an die Macht kommt.“
Der Satz ist eindeutig antifaschistisch gemeint. Gerade
seine Selbstverständlichkeit macht aber bemerkbar, was fehlt.
Welche Erfahrungen? Welche Geschichte? Welche Verbrechen?
Auschwitz wird nicht genannt. Die Shoah wird nicht
genannt. Die ermordeten europäischen Juden werden nicht genannt. Und
während Pantisano Rassismus und die Ausgrenzung verschiedener
gesellschaftlicher Gruppen ausdrücklich anspricht, fällt in dem gesamten
Statement kein Wort über Antisemitismus.
Das ist keine pedantische Beschwerde darüber, dass auf einer
Liste diskriminierter Minderheiten eine Position vergessen worden sei.
Antisemitismus ist nicht einfach eine weitere Variante allgemeiner
Fremdenfeindlichkeit, und Auschwitz ist nicht eines von mehreren historischen
Beispielen dafür, dass Rechtsextremismus schlimm enden kann. Die Vernichtung
der europäischen Juden bezeichnet eine historische Zäsur, an der sich deutsche
Politik und erst recht eine deutsche Linke messen lassen müssen.
Die
Formel von den „Erfahrungen unserer Geschichte“ droht dagegen genau das
Besondere in eine allgemeine historische Lektion aufzulösen. Sie klingt
verbindlich, gerade weil sie nichts präzisieren muss. Geschichte erscheint als
nationales Lehrbuch, aus dem „wir“ gemeinsam gelernt hätten.
Aber wer ist dieses Wir?
Die Verfolgten und ihre Verfolger? Die Deportierten und
diejenigen, die sie deportierten? Die Ermordeten und die Gesellschaft, die ihre
Ermordung organisierte, unterstützte, hinnahm oder davon profitierte? Gerade
eine Linke, die dem Nationalismus misstraut, sollte auch gegenüber einem
geschichtspolitischen „Wir“ misstrauisch bleiben, das solche Unterschiede
sprachlich einebnet.
Damit werden Pantisanos praktische Forderungen keineswegs
falsch. Natürlich ist ein Krankenhaus gegen seine Schließung zu verteidigen.
Natürlich soll der Bus fahren. Natürlich sind Arbeitsplätze nicht deshalb
gleichgültig, weil auch Arbeiter Rassisten sein können. Und selbstverständlich
ist eine rechtsextreme Regierung zu verhindern, wenn dies parlamentarisch
möglich ist.
Nur sollte man diesen Kämpfen keine Erlösungskraft
andichten.
Die entscheidende Differenz besteht deshalb nicht zwischen
Sozialpolitik und Ideologiekritik. Sie besteht zwischen Sozialpolitik und dem
Glauben an die erlösende Wirkung von Sozialpolitik. Man kann für bessere Löhne
kämpfen, ohne den Lohnabhängigen zum geborenen Antifaschisten zu verklären. Man
kann Krankenhäuser erhalten, ohne sich einzureden, dass mit jeder geretteten
Geburtsstation ein Nationalist weniger existiert. Man kann eine Buslinie
verteidigen, ohne zu erwarten, dass ihre Fahrgäste am Ende der Strecke als
Internationalisten aussteigen.
Und man kann eine AfD-Regierung verhindern, ohne sich
anschließend einzureden, damit seien die gesellschaftlichen Voraussetzungen
ihres Erfolgs beseitigt.
Pantisano sagt, die Linke bleibe dort, „wo wir immer waren,
bei den Menschen“. Das klingt sympathisch und enthält doch das ganze Problem.
Denn „die Menschen“ sind keine von Natur aus solidarischen Wesen, die lediglich
von Friedrich Merz, Krankenhausprivatisierungen und schlechten Busverbindungen
von ihren eigentlichen Interessen abgebracht wurden. Sie sind Subjekte dieser
Gesellschaft und damit zu Solidarität ebenso fähig wie zu Konkurrenz,
Nationalismus und Ressentiment.
Eine Linke sollte trotzdem bei ihnen sein. Sie sollte für
ihre materiellen Interessen kämpfen, wenn diese Interessen vernünftig sind. Sie
sollte Menschen gegen Armut, Entrechtung und rassistische Gewalt verteidigen.
Und sie sollte eine rechtsextreme Regierung verhindern, wo immer sie dazu die
Möglichkeit besitzt.
Aber sie sollte sich nicht einreden, der Faschist sei im
Grunde ein enttäuschter Sozialdemokrat, der nur auf den nächsten Bus wartet.
Der Bus sollte fahren.
Den Nationalismus wird er nicht abschaffen.
Hier zum Video:
Luigi Pantisano zu den
Ergebnissen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt