Huthi-Siege als gute Nachricht? Der irritierende Antiimperialismus der SAV

TL;DR: DDie Polemik fragt, was von marxistischer Gesellschaftskritik übrig bleibt, wenn geopolitische Frontstellungen wichtiger werden als die Verhältnisse, für die eine Bewegung selbst steht.

Screenshot eines Artikels auf „sozialismus.info“, der Website der Sozialistischen Alternative (SAV). Die Überschrift lautet „Offensive der ‚Huthis‘ im Jemen: Schwere Niederlage für Saudi-Arabien“, darunter ist eine Karte des Jemen zu sehen. Über dem Screenshot steht in großen weißen Buchstaben: „Huthi-Siege als gute Nachricht? Der irritierende Antiimperialismus der SAV“.

Im Artikel „Offensive der ‚Huthis‘ im Jemen: Schwere Niederlage für Saudi-Arabien“ von Claus Ludwig auf Sozialismus.info der Sozialistischen Alternative (SAV) erscheint der Vormarsch der Huthis vor allem als schwere Niederlage des US-geführten Machtblocks. Ihr reaktionärer gesellschaftlicher Charakter rückt erst dort ins Zentrum, wo eine marxistische Analyse eigentlich enden müsste.

Eine Niederlage hat die Sozialistischen Alternative (SAV) auf Sozialismus.info zu vermelden – und nicht irgendeine. Saudi-Arabiens Armee sei „zahnlos“, der amerikanische „Schutzschirm für die Golfstaaten“ Geschichte, der US-Imperialismus stehe vor den „Trümmern seines wahnsinnigen Krieges“. Ansar Allah hingegen überrennt Gegner, schießt eine saudische F-15 ab und greift mit Raketen und Drohnen an. Ihr „militärischer Siegeszug“ verändert das regionale Kräfteverhältnis. Über diese Diagnose lässt sich streiten. Interessanter ist jedoch die politische Optik, durch die der Beitrag auf sozialismus.info diesen Sieg betrachtet.

Denn der Artikel besitzt eine eigentümliche Dramaturgie. Je länger er die Niederlagen der USA und Saudi-Arabiens beschreibt, desto stärker erscheint Ansar Allah durch das, was sie ihren Gegnern antut – und desto weniger durch das, was sie selbst gesellschaftlich darstellt. Die Bewegung ist gut bewaffnet, „hoch motiviert“, gesellschaftlich verankert und militärisch erstaunlich erfolgreich. Was ihre Herrschaft für jene bedeutet, die unter ihr leben, bleibt dagegen auffällig randständig. Der eine Machtblock wird politisch und gesellschaftlich seziert, sein Gegner vor allem militärisch bilanziert.

Das ist bemerkenswert für eine Analyse mit marxistischem Anspruch. Marxistische Kritik sollte Herrschaft schließlich nicht danach beurteilen, gegen wen deren Raketen fliegen. In diesem antiimperialistischen Koordinatensystem scheint die Geografie der Einschläge jedoch zeitweise fast zum politischen Kompass zu werden: Wo Saudi-Arabien verliert, verliert der US-Imperialismus; wo der US-Imperialismus verliert, verschiebt sich das Kräfteverhältnis; und wo sich dieses verschiebt, scheint zwischen den Zeilen bereits ein Stück historischen Fortschritts auf.

Raketen mit progressivem Beipackzettel

Natürlich behauptet der Beitrag nirgendwo ausdrücklich, Ansar Allah sei sozialistisch, fortschrittlich oder emanzipatorisch. Gerade darin liegt das Interessante. Politische Wertungen müssen nicht als Bekenntnis auftreten. Sie stecken auch in Auswahl, Gewichtung, Wortwahl und Erzählperspektive. Wer ausführlich von den „Demütigungen“ der USA erzählt, die saudische Armee als „zahnlos“ beschreibt und schildert, wie Ansar Allah eine Regionalmacht militärisch vorführt und strategische Verkehrsadern bedrohen kann, erzeugt eine Dramaturgie von Aufstieg und Niedergang. Der US-geführte Block taumelt, seine Gegner beweisen Handlungsfähigkeit.

Nur ist Ansar Allah keine gesellschaftspolitisch unbeschriebene Raketenabschussrampe. Die aus einer zaiditisch-schiitischen religiösen Bewegung hervorgegangene islamistische Macht steht für eine autoritäre und patriarchale Gesellschaftsordnung. Einschränkungen weiblicher Bewegungsfreiheit, religiöse Reglementierung des öffentlichen Lebens und Geschlechtertrennung vertragen sich schlecht mit jener universellen Emanzipation, die für eine sozialistische Gesellschaftskritik nicht erst dann interessant werden sollte, wenn die militärische Lage bereits abgehandelt ist.

Noch drastischer wird die Leerstelle beim Antisemitismus. Die Sarkha, der bekannte Schlachtruf der Bewegung, verbindet „Tod Amerika“ und „Tod Israel“ mit dem „Fluch über die Juden“. Wer zwischen Kritik an israelischer Staatspolitik und Judenfeindschaft unterscheiden will – und gerade eine sozialistische Linke müsste darauf bestehen –, kann einen solchen Antisemitismus nicht zur gesellschaftspolitischen Nebeninformation degradieren. Ebenso wenig die Verfolgung und Vertreibung der verbliebenen jüdischen Minderheit unter Huthi-Herrschaft.

Hier zeigt sich das Problem einer Analyse, die den politischen Charakter einer Kraft zunächst vornehmlich über ihre Stellung im imperialistischen Kräftemessen sichtbar macht. Was bedeutet schließlich die „Demütigung“ der USA für eine Frau, deren Freiheit von religiös-patriarchalen Vorschriften begrenzt wird? Was bedeutet sie für einen jemenitischen Juden, wenn die siegreiche Bewegung Juden in ihrem Schlachtruf verflucht? Und welchen emanzipatorischen Gebrauchswert besitzt die Schwächung Washingtons für Sozialisten, Gewerkschafter oder Säkularisten, wenn ihre eigenen politischen Spielräume unter einer islamistischen Herrschaft schrumpfen?

Man könnte sagen: Geopolitisch betrachtet sind das Details. Marxistisch betrachtet müssten sie die Hauptsache sein.

Klassenkampf nach Himmelsrichtung

Das eigentlich Irritierende ist, dass der Beitrag diesen Einwand am Ende selbst formuliert. Dort heißt es ausdrücklich, weder das iranische Regime noch Ansar Allah verträten „die Perspektive der Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung“. Der Artikel verweist auf die Unterdrückung von Arbeiter*innen, Frauen und nationalen Minderheiten im Iran und fordert eine Bewegung der Arbeiterklasse, die sich „unabhängig von allen imperialistischen und Regionalmächten“ formiert.

Das widerlegt die Kritik nicht. Es macht ihren Gegenstand erst sichtbar.

Denn wenn die gesellschaftliche Qualität solcher Kräfte der entscheidende marxistische Maßstab ist, warum strukturiert sie dann nicht die Analyse von Anfang an? Warum erscheint Ansar Allah zuvor hauptsächlich über militärische Fähigkeiten, strategische Erfolge und die Schwächung des gegnerischen Lagers? Die abschließende Distanzierung wirkt dadurch beinahe wie der politische Sicherheitshinweis nach einer langen Erfolgsmeldung: Bitte beachten Sie, dass die zuvor geschilderten Sieger nicht zur Emanzipation geeignet sind.

Darin zeigt sich eine alte Versuchung verkürzten Antiimperialismus. Aus der richtigen Erkenntnis, dass die USA, Saudi-Arabien und Israel eigene Machtinteressen verfolgen, entsteht eine problematische Verschiebung des politischen Maßstabs: Wer diese Mächte schwächt, erhält allein dadurch einen gewissen historischen Kredit. Die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb des gegnerischen Lagers treten hinter dessen Funktion im globalen Kräfteverhältnis zurück. Nicht vollständig, nicht ausdrücklich – aber lange genug, um die Erzählung zu bestimmen. Aus Klassenanalyse droht Geopolitik mit roter Fahne zu werden.

Gerade die Geschichte Südjemens sollte gegen eine solche Gleichsetzung immunisieren. Antiamerikanische Politik und sozialistische Politik sind keine Synonyme. Religiöser Autoritarismus wird nicht materialistisch, weil er Washington bekämpft. Patriarchat wird nicht emanzipatorisch, weil es Riad beschießt. Und Antisemitismus wird nicht antiimperialistisch, weil er sich mit Feindschaft gegen Israel verbindet. Der Feind eines Imperialisten ist zunächst einmal genau das: dessen Feind. Über seinen gesellschaftlichen Charakter ist damit noch nichts Progressives gesagt.

Das entlastet die Gegenseite um keinen Millimeter. Saudi-Arabiens Monarchie wird durch ihre Feindschaft zu Ansar Allah nicht fortschrittlich. Amerikanische Machtpolitik wird durch den reaktionären Charakter ihrer Gegner nicht emanzipatorisch. Und Kritik an Ansar Allah stellt israelischer Politik keinen Blankoscheck aus. Genau darin müsste eine universalistische materialistische Kritik bestehen: Herrschaft wird nach den gesellschaftlichen Verhältnissen beurteilt, die sie produziert und verteidigt – nicht danach, welches Trikot sie im geopolitischen Derby trägt.

Der Beitrag auf sozialismus.info endet selbst mit der Forderung nach einer Arbeiterbewegung, die unabhängig von allen imperialistischen und regionalen Mächten handelt. Man sollte diesen Anspruch ernster nehmen als die Dramaturgie, die ihm vorausgeht. Denn politische Unabhängigkeit beginnt dort, wo die Niederlage des eigenen Hauptgegners nicht mit gesellschaftlichem Fortschritt verwechselt wird. Die entscheidende Frage lautet nicht, wer Washington demütigt, sondern welche Verhältnisse nach der Demütigung Washingtons herrschen. Eine Rakete besitzt keine Klassenposition. Und der Sieg einer reaktionären Bewegung wird nicht dadurch zur guten Nachricht, dass auf der Verliererseite ein Imperialist steht.

 

Alle Zitate sind dem Artikel „Offensive der “Huthis” im Jemen: Schwere Niederlage für Saudi-Arabien“ auf Sozialismus.info der Sozialistischen Alternative (SAV) entnommen.

 

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