Eine Synagoge brennt, schuld sind die Juden
TL;DR: Nach dem Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge kurz vor Jom Kippur kursiert in sozialen Medien sofort eine Erklärung: „Zionisten“, Israel oder der Mossad könnten selbst dahinterstecken. Der Kommentar zeigt, wie aus vermeintlicher Israelkritik antisemitische Täter-Opfer-Umkehr und „False Flag“-Verschwörungsdenken werden – noch bevor die Ermittlungen das Motiv geklärt haben.
In Wuppertal ermittelt noch die Polizei, während im Netz Juden,
„Zionisten“, Israel und Mossad bereits als Täter feststehen.
Am 20. September 2026 beginnt am Abend Jom Kippur. Wenige
Tage vorher versucht in Wuppertal jemand, an einem Nebeneingang einer Synagoge
Feuer zu legen. Der Brand wird schnell gelöscht, niemand wird verletzt, der
Sachschaden bleibt gering, ein Verdächtiger wird festgenommen. Man könnte nun
auf die geradezu abwegige Idee kommen, zunächst die Kriminalpolizei ermitteln
zu lassen.
Das Internet ist schneller.
Für die Twitter-Forensik ist die lästige Ermittlungsarbeit
bereits abgeschlossen
Dort weiß man, kaum dass an einer Synagoge das Feuer
gelöscht ist, schon ziemlich genau, wer eigentlich dahintersteckt: im
Zweifelsfall die Juden. Oder, weil man das Wort inzwischen für etwas unfein
hält, die Zionisten. Oder Israel. Oder der Mossad. Jedenfalls jene, gegen die
sich der Anschlag richtet.
„Zionisten Mossad arbeitet stets mit FALSE FLAG“,
verkündet einer. Ein anderer diagnostiziert: „Scheint wie eine False Flag zu
sein“. Ein Dritter weiß immerhin noch, dass er nichts weiß: „Wir wissen
überhaupt nicht, ob Antisemitismus das Motiv war“, benötigt aber nur wenige
Zeilen, um aus diesem Nichtwissen die bemerkenswerte Möglichkeit zu
destillieren, „es könnte sich um eine False Flag handeln“.
Die Unschuldsvermutung wird in diesen Kreisen sehr
eigentümlich gehandhabt. Sie gilt offenbar vor allem für den Antisemitismus.
Solange der Täter nicht rechtskräftig verurteilt, sein Motiv notariell
beglaubigt und womöglich noch von einer unabhängigen Kommission auf seine
Echtheit geprüft worden ist, darf keinesfalls voreilig von Judenhass gesprochen
werden. Für die Behauptung hingegen, Juden, Zionisten oder der Mossad hätten
womöglich selbst eine Synagoge angezündet, genügt ein Facebook-Account und eine
funktionierende Feststelltaste.
Das ist keine Skepsis. Skepsis verlangt Belege. Das hier ist
die alte antisemitische Verschwörungsphantasie in der zeitgemäßen Sprache des
Internets: Der Jude als Urheber dessen, was ihm widerfährt, als heimlicher
Regisseur seiner eigenen Verfolgung.
Einer fragt sogar: „Wieso gibt es überhaupt drei
Gotteshäuser in Wuppertal?!“ Eine Frage, deren Informationswert ungefähr
dem von „Warum gibt es überhaupt Juden?“ entspricht. Danach folgt die
interessante Einschränkung, falls die Synagoge Geld für die israelische Armee
sammle oder „Propaganda“ betreibe, „könnte es auch um eine Aktion gegen
Zionismus gehen“.
Eine Synagoge wird also zum legitimen Stellvertreter eines
Staates gemacht, sobald man ihr irgendeine Verbindung zu Israel unterstellt.
Genau jene Kollektivierung, gegen die sich Linke bei jeder anderen Minderheit
mit Recht verwahren würden, funktioniert beim Juden erstaunlich reibungslos.
Aus einem Gotteshaus wird eine Außenstelle der israelischen Regierung, aus
Wuppertaler Juden werden Repräsentanten israelischer Militärpolitik und aus
einem Feuer an einer Synagoge gegebenenfalls eine „Aktion gegen Zionismus“.
Man muss nicht lange darüber nachdenken, wohin diese Logik
führt. Wer eine Moschee wegen der Politik Erdoğans anzündet, bekämpft nicht den
türkischen Nationalismus, sondern greift Muslime an. Wer eine
russisch-orthodoxe Kirche wegen Putins Krieg anzündet, hat keinen Beitrag zur
Kritik des russischen Imperialismus geleistet. Nur beim jüdischen Gotteshaus
soll plötzlich die geopolitische Fußnote entscheiden, ob Feuer vielleicht doch
irgendwie „antizionistisch“ gemeint gewesen sein könnte.
Die Juden waren es!
Noch hübscher wird es dort, wo das Ressentiment sich
revolutionär verkleidet. „Der Zentralrat macht sich aber mitschuldig daran“,
heißt es. Woran genau? An einem Feuer, das jemand anderes an einer Synagoge
gelegt hat. Die bemerkenswerte Leistung des Antisemitismus besteht seit jeher
darin, den Juden noch zum Komplizen seines Verfolgers zu erklären.
Und natürlich darf Hitler nicht fehlen. „WENN NETANJAHU
DIE REINKARNATION [...] VON HITLER WÄRE“, schreibt ein Account. Das
Verfahren ist bekannt: Auschwitz wird nicht geleugnet, sondern als rhetorischer
Steinbruch benutzt. Der Nationalsozialismus liefert die Metaphern, mit denen
ausgerechnet Israel und „die Zionisten“ dämonisiert werden. So kann man sich
der moralischen Autorität der Erinnerung an die ermordeten Juden bedienen und
sie zugleich gegen lebende Juden wenden.
Israelische Regierungspolitik darf und muss kritisiert
werden wie die Politik jedes Staates. Auch Vorwürfe schwerster
Menschenrechtsverletzungen werden nicht dadurch antisemitisch, dass sie Israel
betreffen. Aber wer von einer konkreten israelischen Regierung zur Synagoge in
Wuppertal springt, vom Mossad zur brennenden Treppe und von Netanjahu zu
Hitler, betreibt keine Analyse des Nahostkonflikts. Er baut eine
Weltanschauung, in der für jedes Ereignis bereits vor der Ermittlung derselbe
Verdächtige bereitsteht.
„Die Zionisten haben mit den vorangekündigten Anschlägen
in Deutschland früh Angefangen !“, lautet folgerichtig ein
Facebook-Beitrag. Der Satz ist fast vollkommen. Eine Synagoge wird angegriffen,
und noch während die Polizei ermittelt, verwandelt die Phantasie den
Angegriffenen in den Angreifer.
Das Ressentiment besitzt dabei verschiedene politische
Garderoben. Rechts kennt man den Juden als heimlichen Herrscher über Banken,
Medien und Regierungen. In verschwörungsideologischen Milieus heißt dieselbe
Figur gern „Mossad“, „Globalisten“ oder „Zionisten“. Und Teile eines Milieus,
das sich selbst als links oder palästinasolidarisch versteht, können aus
„Zionismus“ ein Universalwort machen, das nicht mehr eine politische Ideologie
bezeichnet, sondern nahezu jede alte antisemitische Phantasie des heimlichen
jüdischen Einflusses transportieren kann.
Dass darunter tatsächlich palästinensisches Leid
verschwindet, ist die besondere Ironie dieser Sorte „Palästinasolidarität“. Wer
jedes Feuer in Deutschland zur Mossad-Operation erklärt, analysiert weder
Besatzung noch Krieg, Nationalismus, Vertreibung oder gesellschaftliche
Machtverhältnisse. Er erklärt gar nichts. Er hat lediglich einen Schuldigen.
Der Antisemit braucht den wirklichen Juden deshalb ungefähr
so wenig wie der Verschwörungstheoretiker eine wirkliche Verschwörung. Die
Synagoge kann brennen oder nicht brennen, der Täter kann dieses oder jenes
Motiv gehabt haben, die Ermittlungen können gerade erst begonnen haben: Das
Ergebnis steht bereits fest.
Besonders widerwärtig ist das wenige Tage vor Jom Kippur.
Nicht deshalb, weil ein Angriff auf eine Synagoge an einem gewöhnlichen
Dienstag weniger schlimm wäre, sondern weil jüdisches Leben in Deutschland noch
immer unter Polizeischutz stattfinden muss und der Zentralrat gerade vor einem
der wichtigsten jüdischen Feiertage erhöhte Sicherheitsvorkehrungen fordert.
Wer darauf mit „False Flag“ antwortet, demonstriert, weshalb solche
Sicherheitsvorkehrungen überhaupt notwendig erscheinen.
Der geringe Sachschaden ist dabei die beruhigendste und
zugleich nebensächlichste Nachricht. „ein wenig Benzin auf einer Treppe,
wird HOCHGEPUSCHT“, höhnt ein Account. Als müsste eine Synagoge erst
vollständig abbrennen, bevor Juden sich beunruhigen dürfen.
1938 brannten Synagogen in Deutschland, weil Antisemiten sie
anzündeten. 2026 genügt manchen schon eine angekokelte Treppe, um zu erklären,
die Juden könnten sie selbst angezündet haben.
Der technische Fortschritt ist unverkennbar.
Die Ausrede ist jetzt digital.