Die Reinheit der Ohnmacht
TL;DR: Die Kritik an gescheiterten linken Regierungsbeteiligungen ist berechtigt. Falsch wird sie dort, wo aus diesen Niederlagen die prinzipielle Überlegenheit der Opposition folgt. Wer gesellschaftliche Verhältnisse verändern will, muss außerparlamentarische Gegenmacht organisieren und zugleich institutionelle Macht nutzen können. Radikalität bemisst sich nicht an der Distanz zur Macht, sondern daran, ob sie reale Verhältnisse verändert.
Die Berliner „Linke in der Linken“ will den Kapitalismus bekämpfen, aber auf keinen Fall beim Regieren ertappt werden. Ihre Erklärung zeigt, wie aus berechtigter Kritik an linker Regierungspraxis eine politische Tugendlehre werden kann, in der Opposition schon deshalb radikal erscheint, weil sie Opposition bleibt.
Es gehört zu den zuverlässigeren Erfahrungen der
parlamentarischen Linken, dass sie in der Regierung Dinge tut, gegen die sie in
der Opposition demonstriert hätte. Wer mitregiert, entdeckt Sachzwänge,
Haushaltslöcher und Koalitionspartner; wer opponiert, entdeckt darin Verrat.
Die Erklärung „Rebellischer
Wahlkampf: Für linke Politik kämpfen statt Regierungsbeteiligung!“ der
Berliner Vernetzung „Linke in der Linken“ möchte diesen Kreislauf dadurch
durchbrechen, dass sie den zweiten Zustand zum politisch überlegenen erklärt.
Eine erneute Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen wird abgelehnt,
stattdessen soll Berlin zur „Herzkammer des Widerstands“ werden.
Dafür gibt es Gründe, und gerade deshalb lohnt es sich, die
Schlussfolgerung zu prüfen. Die Erklärung erinnert daran, dass linke
Regierungsbeteiligung keineswegs automatisch linke Politik hervorbringt. Sie
richtet sich gegen Kürzungen, Privatisierungen, Abschiebungen, Aufrüstung und
die Anpassung eigener Forderungen an mögliche Koalitionspartner. Eine Partei,
die das Gegenteil dessen verwaltet, wofür sie gewählt wurde, darf sich nicht
darüber wundern, wenn irgendwann niemand mehr weiß, wozu man sie noch wählen
soll.
Nur folgt aus der Möglichkeit des Verrats durch Regierung
nicht die Tugend der Machtlosigkeit. Die
Erklärung macht aus einer strategischen Erfahrung eine beinahe
geschichtsphilosophische Gewissheit: Regierungsbeteiligung schwäche die
Linke als „Motor des oppositionellen Widerstandes“. Das kann geschehen. Doch
eine Opposition, die keinen Widerstand durchsetzt, ist deswegen noch kein
Motor. Manchmal ist sie lediglich das Geräusch, das ein Motor machen würde,
wenn einer eingebaut wäre.
Der Staat als Feind und Wunschzettel
Besonders hübsch wird der Widerspruch dort, wo der
bürgerliche Staat zugleich als Instrument kapitalistischer Herrschaft behandelt
und mit einer Aufgabenliste bedacht wird, für die selbst ein ausgesprochen
arbeitsamer Staat einige Überstunden einplanen müsste. Gefordert
werden massive Investitionen in Wohnen, Verkehr, Klima, Jugend, Gesundheit
und Bildung, kostenloser öffentlicher Nahverkehr, die Rekommunalisierung
privatisierter Unternehmen, die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne,
Schutz vor Abschiebungen, die Enteignung von Unternehmen bei Stellenabbau und
die Umstellung von Rüstungsproduktion auf „sinnvolle Güter“.
An der sozialen Stoßrichtung dieser Forderungen muss man
sich nicht stören. Interessant ist vielmehr, wer sie verwirklichen soll.
Offenbar genau jene staatlichen Institutionen, deren Benutzung als
Regierungspartei unter den Verdacht der Anpassung gestellt wird. Der Staat
erscheint damit als ziemlich sonderbares Gerät: Herrschaftsinstrument der
Bourgeoisie, solange die anderen seine Schalter bedienen, und Vollzugsorgan
gesellschaftlicher Emanzipation, sobald die eigene Forderungsliste
danebenliegt.
Das Problem verschwindet auch nicht, wenn man „Klassenkampf“
darüber schreibt. Im Text soll der Wahlkampf ausdrücklich als Klassenkampf
geführt, Widerstand „auf der Straße und in den Betrieben“ gestärkt und der
Zusammenhang von Sozialabbau, Militarisierung und Kapitalismus hergestellt
werden . Die Klasse selbst erscheint dabei allerdings vor allem als Adressatin
der richtigen Politik: Beschäftigte sollen streiken, Mieter:innen vergesellschaften,
Bewegungen Widerstand leisten und Wähler:innen erkennen, dass Die Linke ihre
Alternative sei.
Die schwierigere Frage beginnt einen Schritt später. Wie
werden aus Beschäftigten mit unterschiedlichen Interessen, aus Erwerbslosen,
prekär Arbeitenden, Mieter:innen, Studierenden und anderen gesellschaftlichen
Gruppen dauerhaft handlungsfähige politische Mehrheiten? Wie wird aus
Zustimmung Organisation, aus Organisation Macht und aus Macht eine Veränderung,
die den nächsten Angriff übersteht? Dazu sagt die Erklärung wenig. Ihre
Revolution besitzt ein bemerkenswert reiches Vokabular, aber noch keinen
Fahrplan.
Das ist nicht bloß ein organisatorisches Detail. Wer Politik
materialistisch verstehen will, müsste sich gerade dafür interessieren, durch
welche Institutionen gesellschaftliche Interessen wirksam werden. Ein Streik
ist eine Machtfrage. Eine Demonstration kann eine werden. Eine organisierte
Mieterschaft ebenfalls. Aber auch ein Haushaltsbeschluss, ein Gesetz und eine
Verwaltungsentscheidung verteilen ganz materiell Geld, Rechte, Wohnungen,
Aufenthaltsmöglichkeiten und Lebenschancen. Dass gesellschaftliche Macht nicht
hauptsächlich im Parlament entsteht, ist ein vernünftiger Einwand gegen
parlamentarischen Größenwahn. Dass parlamentarische Macht deshalb belanglos
wäre, wäre nur dessen spiegelbildliche Dummheit.
Zwischen Reform und Erlösung
Die
Erklärung formuliert selbst Forderungen, deren Bedeutung gerade darin liegt,
dass sie konkrete Lebensbedingungen verändern sollen. Wer Kürzungen
verhindern, Zwangsräumungen unterbinden, Abschiebungen stoppen, privatisierte
Bereiche rekommunalisieren und öffentlichen Verkehr kostenlos machen will,
fordert keine bloßen Symbole. Er fordert Eingriffe, die institutionell
beschlossen, finanziert und umgesetzt werden müssen.
Darin liegt kein Verrat an einer weitergehenden
gesellschaftlichen Veränderung. Für Menschen, die von einer staatlichen
Entscheidung unmittelbar betroffen sind, ist deren Ergebnis keine Fußnote zum
großen Widerspruch. Die materielle Verbesserung eines Lebens wird nicht dadurch
unwichtig, dass sie den Kapitalismus nicht abschafft. Gerade eine
materialistische Politik müsste wissen, dass Miete, Einkommen, öffentliche
Infrastruktur und Aufenthaltsstatus nicht weniger wirklich werden, weil die
Revolution noch aussteht.
Das entschuldigt keine linke Regierung, die Kürzungen
mitträgt. Wer mitregiert, trägt Verantwortung für das, was er beschließt. Nur
besitzt die Opposition keinen Ablasshandel. Wer Kürzungen aus der Opposition
nicht verhindern kann, hat sie zwar nicht beschlossen; verhindert sind sie
deswegen trotzdem nicht. Zwischen Regierung und Opposition besteht ein
politisch erheblicher Unterschied, aber keiner zwischen Sünde und Erlösung.
Ähnlich
notwendig wäre Differenzierung dort, wo die Erklärung die „Freiheit
Palästinas“, die „Entkriminalisierung der Palästinasolidarität“ und die
Aufhebung von Vereinsverboten fordert. Dass Solidarität mit Palästinenser:innen,
Kritik an israelischer Regierungspolitik oder die Verteidigung der
Versammlungsfreiheit nicht pauschal als Antisemitismus behandelt werden dürfen,
folgt schon aus dem Anspruch, politische Positionen nach ihrem Inhalt zu
beurteilen. Derselbe Anspruch müsste allerdings in die andere Richtung gelten.
Das Etikett „Palästinasolidarität“ kann nicht von selbst garantieren, dass jede
darunter auftretende Politik emanzipatorisch ist. Antisemitische, islamistische
oder eliminatorisch antizionistische Positionen würden nicht dadurch
progressiv, dass ihre Träger sich auf ein unterdrücktes Volk berufen.
Gerade eine Linke, die Rassismus und Nationalismus bekämpfen
will, hätte wenig Grund, Nationalismus sympathischer zu finden, sobald er auf
der geopolitisch richtigen Seite vermutet wird. Sie muss weder staatliche
Doktrinen nachsprechen noch die Ideologien ihrer Gegner romantisieren.
Emanzipation wäre sonst nur die Kunst, dieselben Maßstäbe je nach Fahne
verschieden anzuwenden.
Die
Erklärung endet mit dem Ziel einer Gesellschaft „frei von Ausbeutung und
Unterdrückung“ und dem Aufruf, eine sozialistische, unangepasste Linke
aufzubauen. Dagegen wäre wenig einzuwenden, wenn „unangepasst“ nicht
gelegentlich mit „unzuständig“ verwechselt würde. Eine sozialistische
Partei, die ihren Namen politisch ernst nimmt, müsste organisieren, Streiks
unterstützen, demonstrieren, gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen, Gesetze
verändern, Verwaltungen unter Druck setzen und institutionelle Macht dort
benutzen, wo sie über sie verfügt – ohne deshalb zu vergessen, was
Institutionen unter kapitalistischen Verhältnissen sind und welchen Zwängen sie
unterliegen.
Das wäre unbequemer als die Wahl zwischen
Regierungsfrömmigkeit und Oppositionsreinheit. Es bedeutete, sich sowohl für
Kompromisse als auch für unterlassene Möglichkeiten rechtfertigen zu müssen. Es
verlangte, Macht zu benutzen, ohne sie mit Emanzipation zu verwechseln, und
außerparlamentarische Gegenmacht aufzubauen, ohne parlamentarische
Entscheidungen für Theater zu halten.
Wer dagegen bereits den Zugriff auf Regierungsmacht für den
Anfang des Verrats hält, hat das Machtproblem der Linken auf eine beneidenswert
übersichtliche Weise gelöst. Man muss dann nur zuverlässig dafür sorgen,
niemals genug davon zu besitzen.