Das falsche Bewusstsein der Bewusstseinsbildner

TL;DR: Auf einem Podium beim Sommercamp von Klasse Gegen Klasse wird Selbstorganisation gepredigt – wobei die Prediger genau wissen, zu welchem Bewusstsein die Selbstorganisierten zu gelangen haben. Der Text kritisiert diese politische Pädagogik, den „Imperialismus“ als universelle Erklärung und vor allem eine auffällige Leerstelle: Während ausführlich über Faschismus, AfD, Israel, Gaza und deutsche Geschichte gesprochen wird, bleibt Antisemitismus weitgehend außerhalb der Analyse. Ausgerechnet dort, wo die Theorie konkret werden müsste, wird sie abstrakt.

ALT-Text: Screenshot eines YouTube-Videos von Klasse Gegen Klasse. Auf einer Bühne diskutieren mehrere Personen vor einem Banner mit der Aufschrift „Wir streiken, wir entscheiden“. Das Video trägt den Titel „Merz Leck Eier: Wie bringen wir Merz und die AfD zu Fall?“. Darüber steht in großer weißer Schrift: „Das falsche Bewusstsein der Bewusstseinsbildner“. Das falsche Bewusstsein der Bewusstseinsbildner 

Auf dem Sommercamp von Klasse Gegen Klasse wird darüber gestritten, wie Merz und die AfD „zu Fall“ zu bringen seien. Die Antwort lautet immer wieder: durch Selbstorganisation. Nur weiß die organisierte Linke erstaunlich genau, was die Selbstorganisierten dabei herausfinden sollen.

Es ist ein sympathischer Gedanke, die Menschen könnten ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Er wird nur ein wenig weniger sympathisch, sobald feststeht, was sie dabei zu denken haben. Auf dem Sommercamp von Klasse Gegen Klasse diskutieren Anjo von Solid Neukölln, Ronja von der SDAJ Berlin, Patrick aus dem Schulstreikkomitee Ingolstadt und Tabea Winter von Klasse Gegen Klasse darüber, wie Friedrich Merz und die AfD „zu Fall“ gebracht werden können. Die Antwort ist nicht der Bundestag, nicht das Verbotsverfahren und schon gar nicht eine linke Beteiligung an Regierungen. Sie lautet: Schulstreiks, Komitees, Gewerkschaften, politische Streiks, Arbeiterklasse, internationale Bewegung und schließlich jene gesellschaftliche Gegenmacht, bei der die Geschichte endlich aufhört, die falschen Leute zu beschäftigen.

Daran wäre zunächst wenig auszusetzen. Jugendliche, die keine Lust haben, Soldaten zu werden, müssen dafür keine staatsphilosophische Rechtfertigung vorlegen. Beschäftigte dürfen gegen Werksschließungen kämpfen, ohne vorher das Kapital gelesen zu haben. Gewerkschafter dürfen ihre Funktionäre kritisieren, und wer die AfD blockieren möchte, hat dafür bessere Gründe als den Wunsch nach einer Karriere im Verfassungsschutz. Interessant wird die Diskussion deshalb nicht dort, wo sie radikal ist, sondern dort, wo sie über das Verhältnis zwischen politischer Erfahrung und politischem Bewusstsein spricht. Denn die Selbstorganisation, die das Podium beschwört, besitzt ein bemerkenswert festgelegtes Lernziel.

Unterricht in Selbstorganisation

Ronja von der SDAJ formuliert zunächst die vorsichtigste Variante. Der Kampf gegen die Wehrpflicht müsse das verbindende Element der Schulstreikbewegung bleiben. Wer mitlaufe, müsse weder kapitalismuskritisch noch Palästina-solidarisch sein. Gerade weil die Wehrpflicht Jugendliche unmittelbar betrifft, könne sie viele mobilisieren; weitergehende politische Diskussionen sollten in den Komitees geführt werden. Das ist wenigstens ein Begriff von Bewegung, in dem Menschen auftauchen dürfen, bevor sie das Seminar absolviert haben.

Patrick vom  Schulstreikkomitee Ingolstadt und von Klasse Gegen Klasse widerspricht der Beschränkung. Der Kampf gegen die Wehrpflicht müsse weitergedacht, mit Sozialkürzungen, Aufrüstung, AfD und Imperialismus verbunden werden. „Bewusstseinsentwicklung“ werde gerade dadurch gefördert, dass diese Zusammenhänge benannt würden. Die Aufrüstung Deutschlands wiederum erklärt er aus der Krise der US-Hegemonie und dem Versuch Deutschlands, in der globalen Geopolitik einen größeren Anteil zu erlangen. Die Bewegung soll also ihre Erfahrungen machen; welche Bedeutung diese Erfahrungen besitzen, kann ihr vorsorglich mitgeteilt werden.

Noch deutlicher wird der Widerspruch, als über die AfD gesprochen wird. Ronja argumentiert, ein Verbot beseitige nicht die Menschen, die ihre Positionen unterstützen. Man müsse erklären, weshalb die AfD Menschen erreiche, die sich gesellschaftlich desintegriert fühlten, und ihnen zeigen, dass ihre Wut im Kapitalismus eine andere Ursache habe als jene, auf welche die extreme Rechte sie lenke. Am Ende müsse eine sozialistische Perspektive angeboten werden . Die Pädagogik der Befreiung bekommt damit einen etwas schulmeisterlichen Stundenplan: Die Leute erleben etwas, die Organisation erklärt ihnen, was sie eigentlich erlebt haben.

Das muss nicht falsch sein. Politik besteht selbstverständlich auch darin, Erfahrungen zu interpretieren, Interessen zu benennen und falsche Erklärungen zu kritisieren. Wer Rassismus bloß für einen Irrtum hält, den ein freundliches Gespräch über den Mehrwert auflösen werde, dürfte allerdings unangenehm überrascht werden. Tabea Winter, Sozialarbeiterin und Mitglied von  Klasse Gegen Klasse sagt denn auch ausdrücklich, AfD-Wähler wählten die Partei nicht nur wegen ihrer angeblichen Friedenspolitik; viele verträten rassistische Vorstellungen, und diese seien gefährlich. Für einen Augenblick dringt damit etwas in das Schema ein, das sich nicht ohne Weiteres als fehlgeleitetes Klasseninteresse verrechnen lässt.

Genau hier läge die interessante Frage: Was, wenn Menschen ihre materiellen Interessen keineswegs automatisch so verstehen, wie eine revolutionäre Theorie es vorsieht? Was, wenn Rassismus nicht bloß eine falsche Antwort auf eine richtige soziale Frage ist, sondern selbst ein politisches Bedürfnis organisieren kann? Dann wäre Bewusstseinsbildung keine Straße, auf der die Klasse nur noch vom falschen zum richtigen Verständnis ihrer Lage fahren muss. Sie wäre ein offener Konflikt, dessen Ausgang nicht bereits in der Definition der Klasse steckt.

Die Masse soll sprechen – unter Anleitung

Am deutlichsten wird das Problem beim Verhältnis zu Gewerkschaften. Patrick berichtet vom Kampf um das Mahle-Werk in Neustadt. Beschäftigte hätten den Standort erhalten wollen, während die IG Metall sich nach seiner Darstellung mit einer Abfindung und der Schließung arrangiert habe. Für ihn bestätigt die Erfahrung die Notwendigkeit, gegen die Gewerkschaftsbürokratie zu kämpfen. Die Arbeiterklasse besitze durch Streiks jene materielle Macht, mit der Regierungspläne tatsächlich gestoppt werden könnten.

Auch Tabea besteht darauf, dass Beschäftigte selbst in Versammlungen entscheiden müssten, statt DGB-Funktionären die Führung zu überlassen. Diese Selbstorganisation verbindet sie allerdings unmittelbar mit der Forderung, sich „ganz entschieden“ gegen die Gewerkschaftsbürokratie zu stellen. Die Leute sollen also selbst entscheiden, und eine der Entscheidungen, die sie vernünftigerweise treffen werden, ist bereits bekannt.

Dasselbe Muster bestimmt den Umgang mit parlamentarischer Politik. Rot-Rot-Grün, eine Tolerierung der CDU und ein AfD-Verbot erscheinen nicht als unterschiedliche Strategien mit unterschiedlichen möglichen Wirkungen, sondern als Varianten einer falschen Stellvertreterlogik. Anjo argumentiert gegen linke Regierungsbeteiligung; Tabea erklärt, ein imperialistischer Staat könne nicht durch seine Mitverwaltung überwunden werden. An einer besonders schönen Stelle fragt der Moderator Anjo, unter welchen Bedingungen eine linke Regierungsbeteiligung sinnvoll sein könnte. Sinngemäß lautet die Antwort: wenn die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse so weit verändert wären, dass eine sozialistische Politik gegen die Bundesebene durchgesetzt werden könnte, wenn also der Staat schon in Trümmern läge. Der Moderator fragt folgerichtig, wozu man dann noch in eine Landesregierung müsse. Anjo antwortet, dies könne einer der Wege dorthin sein.

Die Dialektik ist hier praktisch veranlagt: Man braucht die Regierung nicht, sobald die Bedingungen gegeben sind, unter denen man sie brauchen könnte.

Trotzdem steckt in der Kritik ein ernstes Problem. Parteien, die Protestbewegungen unterstützen und gleichzeitig Institutionen verwalten, gegen deren Politik diese Bewegungen protestieren, geraten tatsächlich in Widersprüche. Tabea erinnert an „Jugend gegen Rassismus“ und daran, dass Jugendorganisationen von Regierungsparteien gegen Abschiebungen auftreten konnten, während ihre Mutterparteien Abschiebungen mitverantworteten. Die Frage, ob eine Bewegung ihre Autonomie verliert, wenn sie zur außerparlamentarischen Hilfstruppe parlamentarischer Strategien wird, ist deshalb alles andere als albern.

Nur wird aus einer berechtigten Kritik noch keine universelle Theorie. Dass Regierungsbeteiligung Bewegungen befrieden kann, beweist nicht, dass jede institutionelle Veränderung bedeutungslos ist. Dass Gewerkschaftsapparate Kämpfe begrenzen können, beweist nicht, dass jede Niederlage eines Arbeitskampfes aus der Bürokratie folgt. Und dass gesellschaftliche Macht außerhalb des Parlaments entsteht, bedeutet noch nicht, dass es gleichgültig wäre, wer Gesetze beschließt, Behörden führt oder Grundrechte verteidigt. Wer zwischen Reform und Revolution nur den Unterschied zwischen Illusion und Wahrheit erkennt, hat zwar eine sehr klare Landkarte. Er muss nur aufpassen, dass er nicht irgendwann die Landschaft wegen mangelnder Übereinstimmung tadelt.

Imperialismus als Universalstecker

Das Wort, mit dem die Landschaft auf dem Podium immer wieder geordnet wird, heißt „Imperialismus“. Wehrpflicht und Aufrüstung gehören dazu, Sozialkürzungen werden mit Militarisierung verbunden, Universitäten erscheinen als Orte militärischer Forschung, die Automobilindustrie als potenzieller Teil der Rüstungsproduktion, Polizeirepression als Aufrüstung nach innen. Hinzu kommen Gaza, Libanon und Iran, die NATO, die EU, die Vereinigten Staaten und die geopolitischen Ambitionen Deutschlands.

Man kann diese Zusammenhänge untersuchen. Kapitalistische Staaten verfolgen Interessen; Rüstung kostet Geld; Unternehmen verdienen an militärischer Produktion; Außenpolitik und wirtschaftliche Konkurrenz existieren nicht in getrennten Universen. Materialistische Analyse beginnt aber nicht damit, alles verschieden Erscheinende unter dasselbe Wort zu stellen. Sie müsste vielmehr erklären, wie die Zusammenhänge vermittelt sind und wo die Unterschiede liegen.

Genau daran mangelt es der Diskussion gelegentlich. Der Imperialismus wird weniger als Untersuchungsgegenstand denn als Universalstecker verwendet: Irgendwo passt er immer hinein. Sozialabbau? Imperialismus. Wehrpflicht? Imperialismus. Polizeigewalt? Imperialismus. Krieg? selbstverständlich Imperialismus. AfD? Eine politische Form, in welche die Widersprüche des Kapitalismus umgeleitet werden. Gewerkschaftsbürokratie? Vermittlerin fremder Klasseninteressen. Regierungslinke? Verwalterin des imperialistischen Staates. Dass diese Phänomene miteinander zu tun haben können, wird dadurch nicht bewiesen, dass sie im selben Satz vorkommen.

Die eigentümliche Stärke eines solchen Systems ist zugleich seine Schwäche: Es kann kaum widerlegt werden. Scheitert ein Streik, bestätigt das die Macht der Bürokratie. Wird er radikaler, bestätigt das die revolutionäre Möglichkeit. Gewinnt die AfD, zeigt sich die Krise des Kapitalismus. Verhindert eine bürgerliche Koalition ihren Wahlsieg, zeigt sich, dass der Autoritarismus auch ohne AfD fortbesteht. Beteiligt sich die Linke an einer Regierung, beweist das ihre Integration in den Staat. Tut sie es nicht, bleibt der Aufbau unabhängiger Gegenmacht notwendig. Die Theorie verliert selten.

Gerade deshalb ist die kleine Differenz zwischen Ronja und Patrick wichtiger als manches große Wort des Abends. Ronja möchte Menschen zunächst über eine konkrete Forderung organisieren; Patrick will die Bewegung über ihr gegenwärtiges Bewusstsein hinausführen. Dahinter stehen zwei verschiedene Vorstellungen politischer Praxis. In der einen können Menschen gemeinsam handeln, obwohl sie sich über Ursachen und Fernziele nicht einig sind. In der anderen wird der konkrete Kampf zum Übergangsstadium einer umfassenderen Erkenntnis. Der Unterschied klingt taktisch. Tatsächlich entscheidet er darüber, ob eine Bewegung ein Bündnis verschiedener Motive bleiben darf oder zum pädagogischen Projekt einer bereits vorhandenen Weltanschauung wird.

Die Leerstelle im Weltbild

Am empfindlichsten wird diese Frage dort, wo das Podium über Israel und den Krieg in Gaza spricht. In der Diskussion wird wiederholt von Palästina, von „Genozid“, deutschen Waffenlieferungen, westasiatischen Konflikten und imperialistischen Interessen gesprochen.

Die deutsche Verantwortung erscheint dabei vor allem als Verantwortung für imperialistische Politik. Was in dieser imposanten Gesamterklärung keinen vergleichbaren Platz erhält, ist der Antisemitismus. Auch Auschwitz und die Vernichtung der europäischen Juden werden in den einschlägigen Passagen nicht als eigenständiges historisches Problem behandelt, das eine Analyse Deutschlands, Israels und der extremen Rechten zumindest komplizieren müsste.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass auf einem Podium irgendwann ein Stichwort vergessen wurde. Niemand ist verpflichtet, in jeder Diskussion die Weltgeschichte vollständig abzuhandeln. Bemerkenswert ist die Konstellation der Auslassung. Man spricht ausführlich über die extreme Rechte – ohne Antisemitismus zu einem zentralen Gegenstand ihrer Ideologie zu machen. Man spricht über Deutschland und Israel – ohne die Vernichtung der europäischen Juden als eigenständige historische Vermittlung dieses Verhältnisses zu behandeln. Man spricht über Faschismus – ohne der spezifisch antisemitischen Dimension des Nationalsozialismus im argumentativen Aufbau entsprechendes Gewicht zu geben. Und man spricht ausgiebig über Imperialismus, jene Kategorie, in der offenbar noch für jeden Staat, jeden Krieg und jede Kapitalfraktion ein Platz zu finden ist.

Nur für den Antisemitismus ist im großen materialistischen Setzkasten auffällig wenig vorgesehen.

Das ist deshalb von Bedeutung, weil Antisemitismus eine Theorie stört, die politische Herrschaft bevorzugt entlang relativ übersichtlicher Linien sortiert: oben und unten, Kapital und Arbeit, imperialistische Staaten und Unterdrückte. Antisemitismus funktioniert nicht einfach nach diesem Schema. Er kann sich selbst als Aufstand gegen Herrschaft imaginieren. Er personalisiert abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse, entdeckt hinter ihnen Schuldige und kann seine Vernichtungsphantasie gerade als Kampf gegen Macht, Geld, Kosmopolitismus oder geheime Herrschaft ausgeben. Wer ausschließlich danach fragt, ob eine Bewegung sich gegen „die Herrschenden“ richtet, hat deshalb noch lange nicht herausgefunden, ob sie emanzipatorisch ist.

Die Abwesenheit des Themas ist also nicht bloß eine quantitative Lücke zwischen vielen anderen Themen. Sie berührt das theoretische Zentrum der Diskussion. Denn wenn jede entscheidende politische Erscheinung über Kapitalismus, Klasseninteressen und Imperialismus vermittelt werden soll, müsste erklärt werden, welchen Ort Antisemitismus darin besitzt. Wird er lediglich unter Rassismus verbucht, geht seine besondere ideologische Struktur verloren. Wird er als Herrschaftsinstrument verstanden, verschwindet, dass Menschen antisemitische Vorstellungen nicht nur deshalb vertreten, weil eine herrschende Klasse sie ihnen zur Ablenkung verordnet. Wird er schließlich gar nicht behandelt, erspart man sich beide Schwierigkeiten.

Das Resultat ist eine merkwürdig entkonkretisierte Deutschlandkritik. Deutschland kann im Transkript sehr deutsch sein, wenn es aufrüstet, Waffen produziert oder geopolitische Interessen verfolgt. Wo die deutsche Geschichte die eigene antiimperialistische Ordnung komplizieren könnte, wird Deutschland plötzlich zum ziemlich normalen Exemplar der Gattung imperialistischer Staat.

Gerade bei der Diskussion über Israel fällt das auf. Israel erscheint im Transkript wesentlich im Zusammenhang mit Gaza, deutscher Unterstützung und westlichen beziehungsweise imperialistischen Interessen. Das kann Gegenstand scharfer Kritik sein; aus der Erinnerung an Auschwitz folgt keine Immunität einer israelischen Regierung gegen Kritik. Aber gerade deshalb wäre die historische Vermittlung unverzichtbar. Nicht um Kritik zu verbieten, sondern um zu verhindern, dass Geschichte nur noch dort vorkommt, wo sie die schon feststehende politische Sortierung bestätigt.

Eine Linke, die überall nach den materiellen und historischen Bedingungen politischer Erscheinungen fragt, müsste ausgerechnet hier besonders materialistisch und besonders historisch werden. Stattdessen entsteht der Eindruck, die deutsche Vergangenheit werde an der Stelle unscharf, an der ihre Konkretisierung unbequem würde.

Noch gravierender wird die Leerstelle bei der AfD. Das Podium diskutiert darüber, dass deren Erfolg nicht durch Verbotsphantasien oder moralische Empörung allein erklärt werden kann. Tabea widerspricht sogar ausdrücklich der Vorstellung, AfD-Wähler seien bloß sozial Verirrte, die eigentlich nur ihre Klasseninteressen entdecken müssten; sie weist darauf hin, dass Menschen die AfD auch wegen rassistischer Überzeugungen wählen. Umso auffälliger ist, dass der Antisemitismus bei der Analyse der extremen Rechten keine entsprechende systematische Aufmerksamkeit erhält.

Man möchte den Faschismus bekämpfen, aber eines derjenigen ideologischen Momente, ohne die der deutsche Faschismus historisch überhaupt nicht begriffen werden kann, bleibt unterbelichtet. Man möchte erklären, wie falsches Bewusstsein entsteht, aber ausgerechnet jene Form falschen Bewusstseins, die sich selbst als Erklärung der Welt aufspielt, wird kaum analysiert. Man möchte verhindern, dass die Wut über gesellschaftliche Verhältnisse auf falsche Feinde gelenkt wird – und lässt eine Ideologie weitgehend unbesprochen, deren historische Spezialität genau darin besteht.

So wird ausgerechnet dort abstrakt geredet, wo Konkretisierung am notwendigsten wäre.

Die Auslassung sagt deshalb möglicherweise mehr über das theoretische Gerüst des Abends als manche ausdrücklich formulierte These. Für Rassismus gibt es darin einen Platz. Für Imperialismus einen sehr großen. Für Klassenkampf ohnehin. Für Antisemitismus müsste dagegen eine unangenehmere Frage gestellt werden: ob reaktionäres Bewusstsein immer sinnvoll als Ablenkung von einem dahinterliegenden Klasseninteresse beschrieben werden kann – oder ob Menschen gesellschaftliche Herrschaft auch auf eine Weise falsch erklären können, die selbst zum politischen Bedürfnis wird.

Damit kehrt das Problem der „Bewusstseinsentwicklung“ verschärft zurück. Die Bewegung soll lernen, dass hinter Wehrpflicht und Sozialkürzungen Kapitalinteressen stehen; dass Krieg imperialistisch zu erklären ist; dass die AfD keine Alternative für Arbeiter bietet; dass parlamentarische Stellvertretung die eigene Aktivität ersetzt. Überall soll das Bewusstsein über die Erscheinung hinaus zum gesellschaftlichen Zusammenhang vordringen.

Nur beim Antisemitismus findet diese bewundernswerte Lust am Zusammenhang kaum einen Gegenstand.

Vielleicht ist das kein Zufall. Eine Theorie erkennt schließlich am zuverlässigsten diejenigen Zusammenhänge, für die sie schon Begriffe mitgebracht hat. Schwieriger wird es mit dem Rest. Und politische Dogmatik beginnt nicht erst dort, wo eine Organisation auf jede Frage dieselbe Antwort gibt. Sie beginnt auch dort, wo bestimmte Fragen so konsequent nicht gestellt werden, dass ihr Fehlen irgendwann wie eine Antwort aussieht.

Vielleicht wäre genau das eine materialistische Zumutung: den Menschen ernst genug zu nehmen, ihnen auch ihre falschen Entscheidungen zuzurechnen. Nicht jedes Bewusstsein, das der objektiven Klassenlage widerspricht, ist deshalb bloß manipuliertes Bewusstsein. Menschen sind keine ökonomischen Interessen mit vorübergehender ideologischer Verwirrung. Sie können solidarisch handeln und rassistisch denken, gegen Krieg sein und nationalistisch argumentieren, soziale Sicherheit fordern und anderen Menschen Rechte verweigern. Eine Theorie, die das nur als Durchgangsstadium zum eigentlichen Klasseninteresse begreift, erklärt irgendwann nicht mehr die Wirklichkeit, sondern deren Ungehorsam gegenüber der Theorie.

Das macht die politische Praxis schwieriger. Es bedeutet nämlich, dass Selbstorganisation ihren Namen nur verdient, wenn ihr Ergebnis tatsächlich offen ist. Wer Versammlungen fordert, muss damit rechnen, dass sie falsch entscheiden. Wer Bewusstseinsentwicklung im Kampf erwartet, muss zulassen, dass Kämpfe andere Einsichten produzieren als die erhofften. Wer die Arbeiterklasse zum politischen Subjekt erklärt, darf sie nicht nur dann ernst nehmen, wenn sie sich so verhält, wie es ihrer historischen Rolle entspricht.

Die Diskussion auf dem Sommercamp besitzt ihren interessantesten Moment deshalb gerade dort, wo ihre Gewissheiten aneinandergeraten. Ronja will die Bewegung breit halten. Patrick will sie politisch über die unmittelbare Forderung hinausführen. Tabea verteidigt Selbstorganisation gegen Parteien und Gewerkschaftsapparate, verbindet sie aber mit einer klaren revolutionären Perspektive. Anjo warnt vor der Integration der Linken in den Staat. Niemand auf dem Podium plädiert dafür, Jugendliche zu bevormunden; fast alle beschreiben zugleich ziemlich präzise, welche Schlüsse deren politische Entwicklung nahelegen soll.

Das ist kein exklusives Problem revolutionärer Gruppen. Liberale Demokratietheorie liebt den mündigen Bürger ebenfalls besonders dann, wenn er vernünftig abstimmt. Parteien entdecken die Zivilgesellschaft, sobald sie Wahlkampfhelfer braucht. Regierungen schätzen Protest, solange er die richtige Außenpolitik unterstützt. Gewerkschaftsführungen loben Mitgliederbeteiligung, solange der Tarifabschluss nicht wieder aufgeschnürt wird. Der Unterschied besteht weniger in der Versuchung als im Vokabular. Wo die einen „Verantwortung“ sagen, sagen die anderen „Bewusstseinsentwicklung“.

Eine emanzipatorische Politik müsste höhere Ansprüche an sich stellen. Sie dürfte weder so tun, als gäbe es keine gesellschaftlichen Interessen und ideologischen Verblendungen, noch ihre eigenen Kategorien gegen Erfahrung immunisieren. Sie müsste organisieren, argumentieren, widersprechen – und dennoch die Möglichkeit offenhalten, dass ihre Diagnose falsch ist.

Genau darin läge vielleicht eine radikalere Vorstellung von Selbstorganisation als jene, bei der die richtige Erkenntnis am Ende schon auf die Teilnehmer wartet. Nicht die Masse besitzt automatisch recht. Aber auch ihre Avantgarde erhält kein Abonnement auf die Wahrheit.

Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Merz und die AfD auf der Straße oder an der Wahlurne „zu Fall“ gebracht werden. Interessanter ist, was eine politische Bewegung mit einer Wirklichkeit macht, die sich ihrer Theorie widersetzt. Korrigiert sie die Theorie – oder erklärt sie den Widerspruch zum nächsten Beweis?

Eine Weltanschauung, die durch jeden Sieg bestätigt, durch jede Niederlage bekräftigt und durch jede Abweichung nur dringlicher wird, besitzt schließlich einen unschlagbaren Vorteil: Sie kann die Welt verändern wollen, ohne sich von ihr verändern lassen zu müssen.

 

 

 

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