AfD-Wähler:innen als verhinderte Sozialist:innen

TL;DR: Soziale Not erklärt politische Wut – aber weder Rassismus noch Nationalismus. Die AfD profitiert von realer gesellschaftlicher Ohnmacht, bietet darauf jedoch eine autoritäre Antwort: Abwertung statt Solidarität. Eine Linke darf deshalb weder den Status quo verteidigen noch AfD-Wähler zu verhinderten Klassenkämpfer verklären. Sie muss die Verhältnisse bekämpfen, die Ressentiments begünstigen – und zugleich den Ressentiments selbst widersprechen.

 Screenshot eines Artikels auf der Website der Antikapitalistischen Linken (AKL). Unter der Rubrik „Die Linke“ steht das Datum 10. September 2026 und die Überschrift „Radikal gewinnt, brav verliert“. Darunter ein Foto eines verlassen wirkenden Bahnsteigs sowie der Untertitel „7 Thesen zur Wahl in Sachsen-Anhalt“ von Sebastian Rave. Über dem Screenshot liegt in großer weißer Schrift der Kommentar: „AfD-Wähler:innen als verhinderte Sozialist:innen“.

Sebastian Rave erklärt den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt aus sozialer Verwüstung und der Schwäche der Linken. Die Diagnose trifft einen wichtigen Zusammenhang – und droht doch, rechte Wähler:innen zu verhinderte Klassenkämpfer:innen zu verklären. Soziale Wut ist noch kein Klassenbewusstsein.

Sebastian Rave von der akl in Bremen hat am 10. September 2026 "Radikal gewinnt, brav verliert.7 Thesen zur Wahl in Sachsen-Anhalt" auf der Webseite der akl präsentiert.

Sebastian Raves sieben Thesen zur Wahl in Sachsen-Anhalt haben einen Vorzug: Sie ersparen uns die beliebte politische Völkerkunde, nach der rechte Wahlerfolge im Osten vor allem etwas über den rätselhaften Charakter der Ostdeutschen verraten. Rave verweist stattdessen auf niedrige Löhne, eine ausgedünnte öffentliche Daseinsvorsorge, Deindustrialisierung, Abwanderung und die Erfahrung wechselnder Regierungen, die an diesen Verhältnissen wenig geändert hätten. Aus Enttäuschung werde unter solchen Bedingungen irgendwann Wut (These 1). Das ist erheblich plausibler als die Vorstellung eines autoritären Ost-Gens, das 35 Jahre nach der DDR durchschlägt und zuverlässig AfD-Stimmen produziert.

Auch Raves Kritik am staatstragenden Antifaschismus trifft. Eine Linke, die ihren gesellschaftlichen Gebrauchswert hauptsächlich damit begründet, gemeinsam mit CDU, SPD und Grünen die AfD verhindern zu können, liefert deren Gerede vom „Altparteienkartell“ unfreiwillig Anschauungsmaterial. Der Status quo lässt sich schlecht als Bollwerk gegen rechts verkaufen, wenn eben dieser Status quo gesellschaftliche Ohnmacht, Konkurrenz und Abstiegsangst produziert These 1).

Problematisch wird Raves Argument dort, wo aus der richtigen Kritik beinahe eine politische Unschuldserklärung folgt. Die große Mehrheit der AfD-Wähler:innen habe, schreibt er in These 7, „objektiven, materiellen Interessen“ gewählt und müsse zurückgewonnen werden. Dahinter erscheint eine alte linke Hoffnung: Unter dem rechten Wahlverhalten wartet schon das vernünftige Klassenwesen. Man müsse ihm nur noch erklären, wer der wirkliche Gegner ist.

Die Wut hat keinen eingebauten Kompass

Aus Armut folgt kein Sozialismus. Aus Ausbeutung folgt keine Solidarität. Und aus gesellschaftlicher Ohnmacht folgt nicht notwendig der Wunsch, deren Ursachen abzuschaffen.

Der stillgelegte Bahnhof erklärt die Wut über den stillgelegten Bahnhof. Er erklärt noch nicht den Hass auf Migrant:innen. Das geschlossene Krankenhaus kann die Frage aufwerfen, warum öffentliche Versorgung kaputtgespart wird. Es kann aber ebenso in die Vorstellung übersetzt werden, für „uns“ sei nichts mehr da, weil „die anderen“ angeblich alles bekämen. Der niedrige Lohn kann gewerkschaftliche Organisierung fördern. Er kann auch den Wunsch hervorbringen, dass jemand mit dem falschen Pass noch weniger verdient.

Zwischen sozialer Lage und politischem Bewusstsein liegt Ideologie. Menschen erleben kapitalistische Gesellschaft nicht automatisch als Zusammenhang von Klassenverhältnissen. Sie erleben Konkurrenz, Abstiegsangst, Leistungszwang und die eigene Austauschbarkeit. Daraus können solidarische Interessen entstehen. Es kann aber ebenso attraktiv erscheinen, die Konkurrenz nicht abzuschaffen, sondern national zu ordnen.

Hier unterschätzt Rave die Eigenständigkeit des rechten Angebots. Wenn er schreibt, die AfD ersetze den Kampf „von denen hier unten“ gegen „die da oben“ durch das Treten nach unten, erscheint Rassismus vor allem als Ersatzhandlung eines ausgebliebenen Klassenkampfes (These 2). Doch Nationalismus bietet mehr als Ablenkung. Er verspricht Aufwertung ohne Gleichheit.

Wer ökonomisch verliert, kann sich wenigstens als Teil eines nationalen „Wir“ imaginieren. Unternehmer:in und Arbeiter:in, Vermieter:in und Mieter:in sollen sich als Deutsche wiederfinden, während die realen sozialen Gegensätze bestehen bleiben. Die Hierarchie verschwindet nicht. Sie erhält eine nationale Hausordnung.

Gerade darin liegt die Attraktivität des Ressentiments. Emanzipation verlangt, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Ressentiment begnügt sich damit, jemanden zu finden, der noch weiter unten stehen soll.

Das bedeutet nicht, AfD-Wähler:innen zu einer homogenen Masse überzeugter Rechtsextremer zu erklären. Eine solche Behauptung gibt Raves Text nicht her. Politische Einstellungen können sich verändern, und soziale Erfahrungen gehören zu ihren Bedingungen. Aber Erklärung ist keine Entschuldigung. Wer Rassismus ausschließlich als fehlgeleitete soziale Wut behandelt, nimmt die Menschen ebenso wenig ernst wie der liberale Demokratiedidakt, der hinter jeder AfD-Stimme hauptsächlich mangelnde politische Bildung vermutet.

Die einen machen aus rechten Wähler:innen pädagogische Problemfälle. Die anderen verhinderte Sozialist:innen.

Beides ist zu bequem.

Der Status quo ist kein Antifaschismus

Gerade deshalb bleibt Raves Kritik an der Linken wichtig. Die Antwort kann nicht darin bestehen, jene gesellschaftlichen Verhältnisse immer entschlossener zu verteidigen, deren Krisen rechte Mobilisierung begünstigen.

Wenn sich linke Politik darauf reduziert, die noch schlechtere Alternative zu verhindern, wird sie zum Brandschutz eines Hauses, dessen Eigentumsordnung sie einmal kritisieren wollte. Brandschutz ist notwendig. Man sollte nur darüber nicht vergessen, wem das Haus gehört.

Eine Zusammenarbeit demokratischer Parteien kann notwendig sein, um eine extrem rechte Regierungsoption zu verhindern. Aus einer solchen defensiven Notwendigkeit folgt aber keine politische Strategie. Wer Antifaschismus dauerhaft mit der Verteidigung der „demokratischen Mitte“ identifiziert, überlässt der AfD die Rolle fundamentaler Opposition.

Dabei weist Rave selbst auf den Widerspruch hin: Die AfD tritt als Partei der kleinen Leute auf und vertritt zugleich eine Politik, von der vor allem Wohlhabende profitieren würden. Sie verbindet Sozialabbau und Angriffe auf Gewerkschaften mit Sozialdemagogie und Nationalismus (These 2). Das ist kein Widerspruch, an dem rechte Politik zwangsläufig zerbrechen müsste. Es ist ihr Geschäftsmodell: soziale Gegensätze nicht aufheben, sondern national umdeuten.

Eine Linke muss deshalb tatsächlich radikaler sein als die Verwaltung des kleineren Übels. Daraus folgt aber nicht, dass sie nur radikal genug auftreten müsse, um die AfD-Wählerschaft zurückzugewinnen. Politische Radikalität ist keine neutrale Ware, bei der gewinnt, wer das schärfste Angebot macht.

Es gibt rechte Wünsche, denen emanzipatorische Politik widersprechen muss. Wer „Remigration“ fordert, braucht nicht bloß eine bessere Erklärung seiner sozialen Lage. Wer Gleichheit nur für Angehörige der richtigen Nation möchte, vertritt ein Interesse, das mit universeller Emanzipation kollidiert.

Eine Linke müsste daher gleichzeitig die Bedingungen des Ressentiments und das Ressentiment selbst bekämpfen. Sie müsste sagen können: Der niedrige Lohn ist ein gesellschaftlicher Skandal. Der Rassismus der schlecht bezahlten Person wird dadurch trotzdem nicht richtig.

Das ist schwieriger, als hinter jedem rechten Protest ein verschüttetes Klassenbewusstsein zu entdecken. Aber Materialismus bedeutet nicht, Menschen von der Verantwortung für das freizusprechen, was sie aus ihren gesellschaftlichen Bedingungen machen.

Gegen falsche Eindeutigkeiten

Dasselbe Problem zeigt sich bei Raves Kritik an Krieg und Militarisierung. Zu Recht wendet er sich dagegen, AfD und BSW das Thema zu überlassen, und ebenso zu Recht kritisiert er einen rechten „Ami go home“-Souveränismus, der keine Klassen, sondern deutsche Interessen kennt. Seine Forderung nach einer internationalistischen Position gegen Militarisierung und Krieg weist über nationalistische Friedensrhetorik hinaus (These 6).

Doch auch ein linker Antimilitarismus darf konkrete Herrschaftsverhältnisse nicht in einer allgemeinen Formel gegen „die Kriegstreiber“ verschwinden lassen. Die Kritik deutscher Aufrüstung beantwortet für sich genommen nicht die Frage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Recht einer angegriffenen Gesellschaft auf Selbstverteidigung. Internationalismus verlangt gerade, zwischen Angreifenden und Angegriffenen unterscheiden zu können, ohne deshalb die Interessen westlicher Staaten für altruistisch zu halten.

Ähnliches gilt dort, wo Teile der Linken Israel nicht als konkrete Gesellschaft mit einer kritisierbaren Regierungspolitik behandeln, sondern aus vermeintlichem Antiimperialismus den jüdischen Staat selbst zum Problem erklären. Antinationale Kritik darf israelische Regierungspolitik kritisieren. Sie darf aber weder die Bedrohung jüdischen Lebens noch Israels Existenz- und Selbstverteidigungsrecht zur lästigen Fußnote der eigenen Weltanschauung machen. Sonst verwandelt sich die Kritik des Nationalismus ausgerechnet dort in eine nationale Ausnahmelehre.

Dahinter steckt dasselbe Bedürfnis nach politischer Eindeutigkeit, das auch die Vorstellung vom verhinderten Sozialismus der AfD-Wählerschaft attraktiv macht. Die gesellschaftlichen Widersprüche sollen zuverlässig in Richtung Emanzipation weisen: Krise erzeugt Klassenbewusstsein, Ausbeutung Solidarität, Krieg Internationalismus.

Leider besitzt Geschichte keine eingebaute linke Dramaturgie.

Dieselben Verhältnisse können Solidarität hervorbringen oder Konkurrenz verschärfen. Gesellschaftliche Ohnmacht kann zum Wunsch führen, ihre Ursachen zu beseitigen. Sie kann ebenso in den Wunsch umschlagen, wenigstens jemand anderes möge noch ohnmächtiger sein.

Deshalb hat Rave recht und unrecht zugleich: Die Stärke der Rechten hat mit der Schwäche der Linken zu tun. Aber die Rechte ist nicht nur stark, weil die Linke etwas versäumt. Sie ist auch stark, weil ihr Angebot in dieser Gesellschaft anschlussfähig ist: nationale Gemeinschaft statt universeller Solidarität, autoritäre Ordnung statt Emanzipation, Abwertung statt Gleichheit.

Eine Linke, die das bekämpfen will, darf weder den Status quo heiligen noch dessen Gegner:innen romantisieren. Sie muss gesellschaftliche Ursachen erklären, ohne politische Verantwortung wegzuerklären. Sie muss Menschen zurückgewinnen wollen, ohne ihnen dafür nach dem Mund zu reden.

Raves Formel lautet: „Radikal gewinnt, brav verliert.“ Als Diagnose hat sie ihren Reiz. Als politische Strategie wäre sie zu einfach. Nicht die Radikalität der AfD macht sie rechts, sondern der Inhalt ihrer Radikalität. Und nicht allein mangelnde Radikalität macht die Linke schwach, sondern auch ihre Schwierigkeit anzuerkennen, dass berechtigte soziale Wut keineswegs automatisch eine emanzipatorische Richtung besitzt.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie die Linke die Wut der AfD-Wähler:innen zurückgewinnt. Sie muss auch fragen, welcher Wut sie widersprechen muss.

Denn nicht unter allen AfD-Wähler:innen stecken verhinderte Sozialist:innen, die nur noch niemand richtig angesprochen hat.

Manchmal stecken unter AfD-Wähler:innen zunächst einmal AfD-Wähler:innen.

 

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