Heidegger im Bioladen

TL;DR: Die taz präsentiert Martin Heidegger als bedeutenden Philosophen und frühen Kritiker von Technik, Wachstum und Naturzerstörung. Dabei droht sein Antisemitismus zur Randnotiz zu werden. Die Kolumne warnt: Heidegger muss gelesen werden – aber ohne seine völkischen Begriffe und die antisemitischen Strukturen seines Denkens von seiner Philosophie zu trennen. Philosophische Größe verleiht keine politische Immunität.

Titelgrafik mit der zentral platzierten weißen Überschrift ‚Heidegger im Biofaden‘ vor einem grauen Hintergrund. Im Hintergrund sind zwei nebeneinander angeordnete Screenshots von Blogartikeln zu sehen. Links trägt der Beitrag den Titel ‚Der Imperialismus der organisierten Menschen‘ und beschäftigt sich mit Heidegger, Joseph Beuys und ökologischen Krisen. Rechts ist ein Artikel über Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus und dessen ideologische Verbindungen abgebildet. Unter den Überschriften sind jeweils Landschaftsfotografien zu sehen: links kahle Bäume vor einem bewaldeten Hang, rechts eine schwarz-weiße Hügellandschaft mit einer Person im Vordergrund. Die Collage verweist auf die Debatte über Martin Heideggers philosophisches Erbe, seine politischen Verstrickungen und seine Rezeption in ökologischen und gesellschaftlichen Diskursen

Wie aus dem Philosophen des Seins ein Kronzeuge der ökologischen Moderne wird – und warum die linke Begeisterung für seine Technikfeindschaft bisweilen dort endet, wo die Frage nach seinem Antisemitismus erst beginnt.

Es gibt in Deutschland kaum eine verlässlichere kulturelle Bewegung als die periodische Wiederkehr Martin Heideggers. Alle paar Jahre steigt der Schwarzwälder Denker metaphysisch nach dem Willen seiner Apologeten aus seiner Hütte herab, diesmal nicht als Existenzphilosoph, nicht als Prophet der Eigentlichkeit und auch nicht als Rektor des Jahres 1933 der eine zentrale Rolle bei der Nazifizierung des deutschen Universitätssystems spielte, sondern als früher Kritiker des Wachstumswahns, als ökologischer Mahner und beinahe schon als Schutzpatron der Klimabewegung. Dass ausgerechnet eine linksliberale Zeitung wie die taz an dieser Wiedergeburt mitarbeitet, besitzt eine gewisse Ironie. Schließlich handelt es sich bei Heidegger nicht um einen verirrten Botaniker, sondern um einen Philosophen, der sich freiwillig in die nationalsozialistische Bewegung einfügte und dessen antisemitische Überzeugungen seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte nicht mehr als bloße Privatmeinungen abgetan werden können.

Klaus Englert bemüht sich in zwei umfangreichen Artikeln in der taz, Heideggers philosophische Bedeutung gegen eine vollständige politische Verdammung zu verteidigen. Im ersten Text kritisiert er Theodor W. Adornos berühmtes Urteil, Heideggers Philosophie sei „bis in ihre innersten Zellen faschistisch“. Im zweiten präsentiert er Heidegger als hellsichtigen Diagnostiker einer zerstörerischen Moderne, dessen Kritik am „planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen“ angesichts der ökologischen Krise neue Aktualität gewinne.

Beides ist für sich genommen diskutabel. Problematisch wird es dort, wo aus der notwendigen Differenzierung eine schleichende Entlastung entsteht.

Der Antisemitismus als Fußnote

Man muss Heidegger weder zum Erfinder des Nationalsozialismus erklären noch jedes Kapitel von Sein und Zeit als verschlüsseltes Parteiprogramm lesen. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass Ontologie dasselbe sei wie Straßenkampf. Aber ebenso unerquicklich ist die gegenteilige Übung, Heideggers Antisemitismus als biografische Randnotiz zu behandeln, die man mit einem kurzen Hinweis erledigen kann, bevor man wieder zur Kritik der Technik übergeht.

Gerade die Schwarzen Hefte haben diese bequeme Trennung erschüttert. Dort erscheinen die Juden nicht einfach als Objekt persönlicher Ressentiments, sondern als Träger jener Eigenschaften, die Heidegger ohnehin verabscheute: Heimatlosigkeit, Berechnung, Entwurzelung, globale Organisation, technische Machenschaft. Das antisemitische Klischee wird philosophisch aufgeladen und in eine Erzählung vom Verfall des Abendlandes eingebaut. Wer darin lediglich private Verirrungen erkennen will, muss erklären, weshalb dieselben Begriffe, die Heidegger zur Analyse der Moderne benutzt, plötzlich ihre politische Unschuld zurückerhalten sollen.

Englert weist durchaus darauf hin, dass Begriffe wie „Bodenlosigkeit“ oder „Entwurzelung“ bereits in Sein und Zeit vorkommen und an das völkische Denken der Zwischenkriegszeit anschlussfähig waren. Merkwürdig ist nur, dass diese Feststellung keine größeren Konsequenzen nach sich zieht. Stattdessen wird die Debatte rasch in die vertraute deutsche Komfortzone überführt: Hier die dogmatischen Ankläger, dort die besonnenen Verteidiger des philosophischen Erbes. Dazwischen sitzt der gebildete Leser und nickt erleichtert.

Dabei besteht das eigentliche Problem nicht darin, Heidegger zu lesen. Das Problem beginnt dort, wo man seine Kategorien übernimmt, ohne ihre politische Herkunft mitzudenken. Wer ständig von Verwurzelung, Echtheit und Heimat spricht, sollte sich zumindest fragen, warum diese Begriffe in Deutschland nie bloß poetische Metaphern gewesen sind.

Adorno, den Englert mit sichtbarer Freude korrigiert, wusste möglicherweise mehr über diese Zusammenhänge, als ihm heute zugestanden wird. Sein berühmter Satz war weniger eine philologische Behauptung als eine politische Diagnose. Er zielte auf jene Denkbewegung, die gesellschaftlichen Konflikte in metaphysische Schicksalsfragen verwandelt und historische Katastrophen als Ausdruck eines übergeordneten Seinsgeschehens interpretiert. Dass Heidegger später sogar die Vernichtung der europäischen Juden in einen solchen geschichtsphilosophischen Horizont einordnete, macht Adornos Polemik jedenfalls nicht absurder.

Der Philosoph als Klimaschützer

Noch erstaunlicher als die Verteidigung Heideggers gegen Adorno ist allerdings seine ökologische Wiedergeburt. Im zweiten Artikel erscheint der ehemalige Freiburger Rektor beinahe als geistiger Weggefährte Joseph Beuys', des Club of Rome und moderner Wachstumskritiker. Die industrielle Zerstörung der Natur, die Herrschaft der Technik und die hemmungslose Ausbeutung der Ressourcen – all das habe Heidegger früh erkannt.

Das stimmt in gewisser Hinsicht sogar. Heidegger misstraute der technischen Moderne zutiefst. Nur entsprang dieses Misstrauen keineswegs einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik. Er kritisierte nicht in erster Linie kapitalistische Eigentumsverhältnisse, soziale Ungleichheit oder die Macht der Konzerne. Sein Unbehagen richtete sich gegen die Moderne als solche: gegen Urbanisierung, Rationalisierung, Mobilität und jene Weltgesellschaft, die traditionelle Bindungen auflöste.

Gerade deshalb ist Vorsicht geboten, wenn Heidegger heute zum Kronzeugen ökologischer Politik erklärt wird. Die Sehnsucht nach Bodenständigkeit und Ursprünglichkeit ist politisch nicht unschuldig. Zwischen romantischer Naturverehrung und autoritärem Kulturpessimismus verläuft keine Mauer, sondern oft nur ein schmaler Feldweg.

Die Pointe besteht darin, dass Heidegger ausgerechnet dort modern klingt, wo er antimodern denkt. Seine Kritik an der Vernutzung der Erde lässt sich problemlos in Debatten über Klimawandel und Ressourcenverbrauch integrieren. Was dabei leicht verloren geht, ist die Frage, aus welcher geistigen Quelle diese Kritik stammt. Wer den Kapitalismus bloß als Ausdruck einer metaphysischen Entfremdung betrachtet, landet schnell bei der Vorstellung, die Krise lasse sich durch Rückkehr, Verwurzelung und Besinnung lösen. Das mag sich auf einem Biohof sympathisch anhören; als politische Strategie bleibt es unerquicklich vage.

Joseph Beuys konnte immerhin noch Bäume pflanzen. Heidegger hinterließ vor allem Formeln.

Am Ende stellt sich deshalb weniger die Frage, ob Heidegger gelesen werden darf. Selbstverständlich darf und muss er gelesen werden; seine Wirkungsgeschichte lässt sich nicht aus der Philosophie streichen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie man ihn liest. Eine kritische Öffentlichkeit sollte weder in die Pose der moralischen Säuberung verfallen noch in die Versuchung geraten, aus dem antisemitischen Denker einen missverstandenen Ökologen zu machen.

Gerade eine Zeitung, die sich der antiautoritären Tradition verpflichtet fühlt, müsste darauf bestehen, dass philosophische Größe keine politische Immunität verleiht. Andernfalls könnte am Ende noch der Eindruck entstehen, Antisemitismus sei verzeihlich, solange der Täter rechtzeitig vor Plastikmüll und Ölkonzernen gewarnt hat. Das wäre nicht Dialektik. Das wäre bloß deutsche Bildungsgemütlichkeit.

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