Die Tote und die Tagesordnung

TL;DR: Am Tod der 20-jährigen Fußballerin Faten Ben Amar El Aziz wird gezeigt, wie Europas Migrationspolitik Menschen zu Zahlen und Sicherheitsproblemen macht. Während über Grenzschutz, Rückführungen und Schengen beraten wird, geraten individuelle Schicksale, politische Ursachen und Europas Mitverantwortung aus dem Blick. Gefordert werden sichere Zugangswege, rechtsstaatliche Verfahren und eine Politik, die Menschenwürde nicht vom Pass abhängig macht.

Collageartiger Instagram-Teaser mit mehreren thematisch verbundenen Bildmotiven zur Migration und politischen Debatte.  Oben links ist eine junge Fußballspielerin im Trikot auf einem Spielfeld zu sehen, die selbstbewusst lächelt. Daneben (oben rechts) sitzen zwei Politiker*innen dicht beieinander und wirken angespannt bzw. nachdenklich im Gespräch.  In der Mitte und im unteren Bildbereich sind Szenen von Migration über das Meer dargestellt: zahlreiche Menschen im Wasser und an einer felsigen Küste, dicht gedrängt und in Bewegung.  Unten links umarmt eine trauernde Frau ein Kind, beide wirken verzweifelt. Unten rechts ist ein politisches Treffen an einem Konferenztisch zu sehen, darüber ein stilisiertes EU-Sternenmotiv.  Zentral über die Collage gelegt steht der Titel: „Die Tote und die Tagesordnung“.  Die Bildmontage kontrastiert persönliche Schicksale, Fluchtbewegungen und politische Entscheidungsprozesse.

Faten Ben Amar El Aziz war zwanzig Jahre alt, Fußballerin und ein Mensch mit Zukunft. In der Sprache europäischer Innenpolitik wurde sie mit ca. 60.000 anderen Menschen aus Afrika zu jemanden dessen „Grenzübertritt die europäische Außengrenze infrage stell", zum Sicherheitsproblem, zur Zahl unter 88 Toten. Während ihre Familie trauert, berät Europa darüber, wie es sich noch wirksamer gegen Menschen wie sie verteidigen kann.

Auf der einen Seite des Mittelmeers liegt der Körper einer jungen Frau, die schwimmend Ceuta erreichen wollte. Auf der anderen sitzen am 4. August die Innenminister*innen der Europäischen Union vor ihren Bildschirmen und suchen nach einer „koordinierten europäischen Antwort“. Zwei Nachrichten, zwei Sprachen, eine Wirklichkeit. Die eine Sprache kennt Ertrinken, Angst, Kälte, Hoffnung und Trauer. Die andere kennt Grenzschutz, Rückführung, irreguläre Einreise und Schengen.

Faten Ben Amar El Aziz wurde nur zwanzig Jahre alt. Sie spielte Fußball. Das ist keine sentimentale Randnotiz, sondern ein Hinweis darauf, dass sie ein Leben hatte, das sich nicht in der Art ihres Todes erschöpfte. Sie hatte Fähigkeiten, Beziehungen, Wünsche und vermutlich jene unübersichtliche Mischung aus Zuversicht und Sorge, aus der junge Menschen überall auf der Welt, egal ob im Armem Marokko oder im Reichen Deutschland, ihre Zukunft bauen. Dann ging sie ins Wasser. Wenige Stunden später war aus einer Fußballerin ein Fall geworden, aus einer Biografie eine Zahl und aus einem Tod ein Argument in einer europäischen Sicherheitsdebatte.

Die bislang 88 Toten von Ceuta erscheinen in den politischen Meldungen als Bilanz. Doch eine Bilanz ist das Resultat einer Buchhaltung, und Tote sind keine Rechengröße. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, der nicht sterben wollte. Wer ins Meer steigt, weil das Meer weniger aussichtslos erscheint als das Leben an Land, entscheidet sich nicht frei zwischen gleichwertigen Möglichkeiten. Er trifft eine Wahl unter Verhältnissen, die andere geschaffen haben.

Ein Name verschwindet in der Statistik

Europa spricht gern von der Würde des Menschen, solange diese Würde abstrakt bleibt. Sie schmückt Verträge, Reden und Gedenktage. Konkret wird sie schwieriger. Konkret trug sie einen Namen, Faten Ben Amar El Aziz, wurde nur zwanzig Jahre alt, kam aus Marokko und besaß nicht den richtigen Pass. Dann verwandelt sich das viel beschworene universelle Recht in eine Frage der Zuständigkeit.

Die Überlebenden von Ceuta berichten von Menschenmengen im Wasser, von Panik und von Körpern, an denen sie vorbeischwammen. Ashraf, ein 28-jähriger Marokkaner, schilderte, wie Menschen versuchten, sich aneinander festzuhalten, während jeder zugleich darum kämpfen musste, nicht unter Wasser gezogen zu werden. Er erreichte Ceuta, fand dort aber tagelang weder ausreichend Nahrung noch Unterkunft. Sein Überleben war kein Eintritt in die Sicherheit, sondern der Beginn einer weiteren Prüfung.

Auch die Mutter, die durch Ceuta irrte und ihre 13 und 16 Jahre alten Kinder suchte, taucht in der politischen Debatte höchstens als Teil einer „Migrationslage“ auf. Sie hielt das Foto eines lächelnden Jungen hoch. Die europäischen Institutionen halten dagegen Tabellen, Lageberichte und Grenzkarten hoch. Das Foto verlangt eine Antwort. Die Tabelle verlangt eine Maßnahme. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen Mitgefühl und Verwaltung.

Es wäre billig, allen Beamt*innen, allen Minister*inne und allen Grenzschützer*innen Gefühllosigkeit zu unterstellen. Institutionen müssen organisieren, registrieren und entscheiden. Doch Verwaltung wird unmenschlich, wenn sie ihre Begriffe für die Wirklichkeit hält. Wer in Verbindung mit Migrant*innen nur noch von „Strömen“ spricht, muss nicht mehr an einzelne Menschen denken. Wer Migration als Naturereignis beschreibt, kann politische Ursachen und politische Entscheidungen ausblenden. Ein Strom hat keine Mutter. Eine Welle spielt nicht Fußball. Eine Zahl ertrinkt nicht.

Die Humanität endet am Schlagbaum

Die Reaktion auf Ceuta folgt einem bekannten europäischen Muster. Noch bevor die Toten begraben, die Vermissten gefunden und die Verantwortlichkeiten geklärt sind, wird nach schärferen Kontrollen gerufen. Giorgia Meloni, Italiens Rechtsextreme Ministerpräsidentin, fordert im Gleichklang mit Dänemarks Sozialdemokratischer Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und weitere europäische Regierungschefs eine gemeinsame Antwort. Friedrich Merz steht an ihrer Seite als jemand, der für dieselbe politische Bewegung steht, die Migration fast wortgleich mit Faschist*innen im Bundestag vor allem als Kontrollverlust behandelt: Die Grenze erscheint als verletzter Körper Europas, nicht der ertrunkene Mensch.

Die Prioritäten sind damit gesetzt. Diskutiert wird über Zäune, Rückführungen, Abschiebungen und die Verteidigung des Schengen-Raums. Nicht die Frage, warum Menschen ihr Leben einem Stück Meer anvertrauen, bestimmt die Tagesordnung, sondern die Frage, wie sich ihre Ankunft verhindern lässt. Das ist keine Abwesenheit von Politik. Es ist eine Politik, die ihre Gewalt in technische Begriffe kleidet.

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch im Streit um Schengen. Italien setzte die passfreien Reiseregeln für Einreisende aus Spanien zeitweise aus, obwohl Ceuta selbst einen Sonderstatus besitzt und nicht regulär zum Schengen-Raum gehört. Nach EU-Recht kann ein Mitgliedstaat die Schengen-Teilnahme eines anderen nicht einseitig aufheben; Kontrollen an Binnengrenzen sind als begründungsbedürftige Ausnahmen vorgesehen. Ausgerechnet jene Regierungen, die ständig die Herrschaft des Rechts beschwören, behandeln dieses Recht offenbar als beweglichen Zaun: fest gegenüber Schutzsuchenden, biegsam gegenüber der eigenen Macht.

Die Europäische Kommission hätte als Hüterin der Verträge auf der Einhaltung gemeinsamer Regeln bestehen müssen. Stattdessen lobte Ursula von der Leyen das spanische Krisenmanagement und erklärte, an kritischen Punkten müssten die Grenzen weiter verstärkt werden. So entsteht jene europäische Einigkeit, die nur noch darin besteht, sich gemeinsam abzuschotten. Die Gemeinschaft findet zu sich, indem sie andere draußen hält.

Wer über Ursachen schweigt, verwaltet die Folgen

Die politischen Erklärungen behandeln die Menschen vor Ceuta wie den Ursprung der Krise. Dabei sind sie deren sichtbarstes Symptom. Krieg, Armut, soziale Ungleichheit, politische Enge und fehlende Zukunftsaussichten verschwinden hinter der Behauptung, Europa müsse seine Außengrenzen verteidigen. Wer von Verteidigung spricht, hat den Angreifer bereits erfunden.

Dabei zeigt schon die Geschichte von Ashraf, wie ein komplexes Geflecht aus Gerüchten, sozialen Medien, staatlichem Handeln und individueller Verzweiflung Menschen in Bewegung setzte. Eine Falschmeldung, wonach Marokkaner*innen ohne Weiteres nach Spanien gelangen könnten, verbreitete sich rasch. Zugleich wurden die marokkanischen Grenzkontrollen zunächst reduziert und später zeitweise aufgehoben. Zehntausende machten sich auf den Weg. Einige glaubten, die Grenze sei offen. Andere sahen vielleicht nur ein seltenes Fenster in einer ansonsten geschlossenen Welt.

Ob die Ereignisse geplant, geduldet oder lediglich politisch ausgenutzt wurden, lässt sich aus allen vorliegenden Quellen nicht abschließend klären. Gerade deshalb ist Vorsicht gegenüber den schnellen Gewissheiten der Regierungen geboten. Marokko und Spanien sind bei Grenzkontrollen, Rückführungen und Sicherheitsfragen voneinander abhängig. Spanien unterstützt seit 2022 die marokkanische Position zur Westsahara; die bilateralen Beziehungen gelten als vergleichsweise eng. Die Grenze ist daher nicht bloß eine Linie zwischen zwei Staaten. Sie ist ein politisches Instrument, das geöffnet, geschlossen und zur Verhandlung eingesetzt werden kann.

Menschen wie Faten werden in diesem Machtspiel zur Manövriermasse. Europäische Staaten lagern die Abwehr von Migration an Nachbarländer aus und zeigen sich überrascht, wenn diese Abhängigkeit politischen Preis bekommt. Marokko kontrolliert nicht nur einen Grenzabschnitt, sondern einen Teil der europäischen Innenpolitik. Die EU bezahlt, verhandelt und mahnt – und nennt die Partnerschaft. Diejenigen, um deren Körper es dabei geht, sitzen nicht mit am Tisch.

Auch die ökonomische Heuchelei ist kaum zu übersehen. Italien warnt vor Migration und plant zugleich die Aufnahme Hunderttausender ausländischer Arbeitskräfte. Spanien will eine große Zahl undokumentierter Menschen legalisieren. Europas Volkswirtschaften benötigen Arbeitskräfte, während Europas Regierungen den Eindruck erwecken, Migration sei ausschließlich eine Bedrohung. Erwünscht ist der Mensch als Arbeitskraft, unerwünscht als Träger eigener Rechte. Er soll kommen, wenn der Arbeitsmarkt ruft, und verschwinden, wenn die Wahlkampfrhetorik es verlangt.

Europas Friedhof hat eine Geschäftsordnung

Die europäische Migrationspolitik scheitert nicht daran, dass sie ihre Ziele verfehlt. Sie scheitert moralisch gerade dort, wo sie erfolgreich ist. Abschreckung soll abschrecken. Menschen sollen wissen, dass der Weg gefährlich ist, dass sie zurückgewiesen, interniert oder abgeschoben werden können. Das Leid an den Grenzen ist deshalb nicht nur ein bedauerlicher Nebeneffekt. Es ist Teil der Botschaft.

Natürlich unterschreiben europäische Regierungen keinen Beschluss mit dem Satz, eine junge Fußballerin müsse sterben. Die Gewalt moderner Grenzpolitik funktioniert diskreter. Sie verteilt Verantwortung auf Behörden, Staaten, Einsatzkräfte und Drittstaaten. Am Ende ist niemand der Täter und doch ist jemand tot. Das Meer erhält die Schuld, als sei es das Meer gewesen, das Visa verweigert, legale Wege versperrt und Menschen nach Herkunft sortiert hätte.

Der Hinweis auf die Instrumentalisierung durch Russland, auf prorussische Netzwerke und koordinierte Desinformation mag berechtigt sein. Doch Desinformation wird nicht dadurch bekämpft, dass Europa selbst seine Wirklichkeit beschönigt. Eine Union, die Menschenrechte verkündet und gleichzeitig Schutzsuchende in lebensgefährliche Wege zwingt, liefert ihren Gegnern das Material frei Haus. Nicht die Kritik an diesem Widerspruch schwächt Europa. Der Widerspruch selbst tut es.

Auch der Streit über Ceuta und Melilla als verbliebene spanische Gebiete auf dem afrikanischen Kontinent gehört in diesen Zusammenhang. Er wird von Regierungen, besonders der der USA, aufgegriffen, die kaum glaubwürdig als Vorkämpfer*innen der Dekolonisierung auftreten können. Doch die Heuchelei der Kritiker*innen macht die historische Frage nicht gegenstandslos. Europas Außengrenze ist nicht naturgegeben. Sie ist Ergebnis von Eroberung, Kolonialismus, Verträgen und Gewalt. Wer sie heute als zeitlose Ordnung verteidigt, löscht ihre Geschichte aus.

Am heutigen 4. August werden die europäischen Innenminister*innen vermutlich keine Minute des Schweigens für Faten Ben Amar El Aziz einlegen. Selbst wenn sie es täten, wäre damit wenig gewonnen. Schweigen ist billig, wenn anschließend die Zäune erhöht werden. Entscheidend wäre eine Politik, die Menschen nicht erst betrauert, nachdem sie an den Folgen europäischer Abschreckung gestorben sind.

Eine europäische Antwort, die diesen Namen verdient, müsste mit sicheren Zugangswegen, rechtsstaatlichen Verfahren und der Anerkennung beginnen, das menschliche Würde nicht vom Geburtsort abhängt. Sie müsste zugleich über die politischen und ökonomischen Verhältnisse sprechen, die Migration hervorbringen, ohne daraus das zynische Versprechen abzuleiten, Menschen müssten nur lange genug in Armut warten, bis Europa ihre Herkunftsländer entwickelt habe.

Faten spielte Fußball. Vielleicht war sie schnell, vielleicht ehrgeizig, vielleicht diejenige, die ihre Mitspieler*innen aufrichtete, wenn ein Spiel verloren war. Darüber informiert keine Grenzstatistik. Diese Unkenntnis ist kein Zufall. Das System muss von ihr nichts wissen. Für seine Zwecke genügt, dass sie die Grenze überschreiten wollte.

Was sagt es über Europa aus, wenn der Tod einer zwanzigjährigen Frau vor allem als Begründung dafür dient, die Grenze zu verstärken, an der sie starb? Vielleicht dies: Europas Problem ist nicht, dass es seine Werte vergessen hätte. Es erinnert sich sehr genau an sie – nur nicht in dem Augenblick, in dem sie etwas kosten würden.

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