Der Antiimperialismus und die Juden
TL;DR: Teile des westlichen Antiimperialismus kritisieren Israel nicht nur, sondern machen es zum Symbol für Imperialismus, Kapitalismus und Kolonialismus. Dadurch wird Antizionismus mit antisemitischen Denkmustern verknüpft und komplexe politische Realitäten auf ein moralisches Schwarz-Weiß-Schema reduziert.
Wie Teile einer Linken, die den Menschen befreien wollte, im Antizionismus den zuverlässigsten Ersatz für verlorene Gewissheiten fanden
Der westliche Antiimperialismus hat viele Niederlagen
erlitten. Die Revolution kam nicht, die Arbeiterklasse blieb widerspenstig
unhistorisch, und selbst der Kapitalismus erwies sich als weniger höflich, als
nach der Lektüre einiger Flugblätter zusammenzubrechen. Geblieben ist in Teilen
des antiimperialistischen Milieus eine Welterklärung, die mit der Wirklichkeit
ungefähr so verfährt wie ein schlecht sortierter Werkzeugkasten: Was nicht
passt, wird passend geschlagen.
Israel nimmt in diesem System eine privilegierte Stellung
ein. Der jüdische Staat
gilt nicht bloß als ein Staat unter anderen, mit Regierung, Armee, Grenzen,
Interessen und Verbrechen, sondern als Chiffre. Er erscheint als
„Brückenkopf des US-Imperialismus“, als „zionistische Entität“, als
Kunstprodukt fremder Mächte und als Fremdkörper unter Völkern, denen ansonsten
jedes Recht auf nationale Selbstbestimmung zuerkannt wird, sobald ihre Fahne
nur genügend nach Befreiung aussieht (Henckel, 36:09–36:43).
Das Erstaunliche daran ist nicht, dass Israel kritisiert
wird. Staaten verdienen Kritik schon aus Gründen der Arbeitsteilung.
Erstaunlich ist die Sonderform der Kritik: Israel soll nicht bloß anders
handeln, eine andere Regierung wählen oder seine Politik ändern. Es soll in den
einschlägigen Fantasien aufhören, Israel zu sein.
Die Behauptung, das habe mit Antisemitismus nichts zu tun,
gehört in diesen Milieus inzwischen zum Ritual. Man sei gegen Zionismus, nicht
gegen Juden; gegen einen Staat, nicht gegen ein Volk; gegen Kolonialismus,
nicht gegen jüdische Selbstbestimmung. Das klingt ungefähr so überzeugend wie
die Versicherung, man habe nichts gegen Mieter, sondern nur gegen ihre
Anwesenheit im Haus.
Luise
Henckel beschreibt in ihrem Vortrag, wie sich der Ton seit dem 7. Oktober 2023
verschärft habe. Linker Antizionismus, so ihre Ausgangsbeobachtung, habe
lange vor allem an einer Diskursverschiebung mitgewirkt, in der Angriffe auf
Juden relativiert oder mit einem unausgesprochenen „they had it coming“
versehen würden. Inzwischen sieht sie eine Schwelle erreicht, an der
antizionistischer Hass nicht mehr bloß zur Rechtfertigung von Gewalt dient,
sondern selbst zur Motivation werden kann (Henckel, 0:39–2:06).
Wer diese Entwicklung für einen Betriebsunfall hält, macht
es sich bequem. Der Antisemitismus kam in jene Teile der Linken nicht wie ein
Einbrecher in ein ansonsten tadellos geführtes Haus. Man hatte ihm dort längst
ein Zimmer hergerichtet, die Möbel beschriftet und erklärt, dass er eigentlich
Antizionismus heiße.
Die ideologische Leistung besteht darin, Israel aus der
Geschichte der Juden herauszulösen und in die Geschichte des Imperialismus
einzusortieren. Aus einem Staat, dessen Existenz auch eine Antwort auf
Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung war, wird ein Vorposten Washingtons.
Aus Juden, die sich nicht noch einmal auf die Schutzversprechen anderer
verlassen wollten, werden Agenten einer fremden Macht.
So verwandelt sich Geschichte in Verdacht. Dass Juden einen
eigenen Staat gründeten, gilt innerhalb dieses Denkens nicht als politische
Konsequenz aus einer europäischen Katastrophe, sondern als Beweis dafür, dass
sie dem emanzipatorischen Projekt untreu geworden seien. Der jüdische
Partikularismus stört dabei weniger, weil er partikular ist. Andere
Partikularismen werden gefeiert. Er stört, weil Juden in diesem Weltbild nur
als Opfer vorkommen dürfen, nicht als Handelnde.
Der tote Jude eignet sich zur Erinnerungskultur. Der
lebende, bewaffnete und politisch organisierte Jude stört den Ablauf.
Vom Kapitalverhältnis zum Welttheater
Der klassische Marxismus hatte wenigstens den Ehrgeiz, den
Kapitalismus als gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen. Er fragte nach
Eigentum, Produktion, Arbeit, Verwertung und Krise. Spätere
antiimperialistische Strömungen machten daraus eine Landkarte. Auf der einen
Seite standen die imperialistischen Zentren, auf der anderen die unterdrückten
Völker. Die Gesellschaft wurde nicht mehr horizontal in Klassen, sondern
vertikal in Nationen geteilt.
Henckel
zeichnet nach, wie sich diese Verschiebung aus unterschiedlichen Quellen
speiste: aus Lenins Imperialismustheorie, aus einem stalinistischen
Verständnis unangreifbarer Nationen, aus maoistischer Kriegstheorie und aus
Raumvorstellungen, die an Carl Schmitt erinnern. Entscheidend wurde schließlich
die Ersetzung der Klasse durch das Volk (Henckel, 15:35–17:18).
Das klingt zunächst wie eine begriffliche Korrektur.
Tatsächlich verändert es alles.
Klassen sind widersprüchliche gesellschaftliche Formationen.
Völker erscheinen dagegen als geschlossene Wesen. Sie leiden, kämpfen, siegen
und werden verraten. Wer zu ihnen gehört, erhält eine moralische Rolle; wer
außerhalb steht, wird verdächtig. Der Kapitalismus muss nun nicht mehr als
Verhältnis erklärt werden. Es genügt, seine vermeintlichen Träger zu benennen.
An diesem Punkt berührt sich antiimperialistische Moral mit
antisemitischer Fantasie. Beide leiden in solchen Ausprägungen an derselben
Ungeduld gegenüber Vermittlung. Beide möchten hinter abstrakten Verhältnissen
einen Täter sehen. Beide ersetzen die Zumutung gesellschaftlicher Analyse durch
die Genugtuung, einen Schuldigen gefunden zu haben.
Schon John Atkinson Hobson, einer der frühen
Imperialismustheoretiker, verband seine Kritik mit der Vorstellung einer
jüdischen Finanzmacht, die Großbritannien heimlich lenke. Henckel nennt ihn ein
Paradebeispiel des bürgerlichen Antisemiten: Der Kapitalismus erschien bei
ihm nicht als in sich krisenhaft, sondern als eigentlich gesundes System, das
durch Finanzkapital, Zins und jüdischen Einfluss verzerrt werde (Henckel, 10:50–11:40).
Das Muster überlebte seine Urheber. Es wurde säkularisiert,
modernisiert und politisch neu eingekleidet. Wo früher vom Finanzjudentum die
Rede war, ist heute mitunter von Lobby, Netzwerk, globaler Einflussnahme oder
zionistischer Macht die Rede. Der Wortschatz ändert sich, die Dramaturgie
bleibt.
Auch
bestimmte Formen antiimperialistischer Kapitalismuskritik folgen dieser Logik.
Sie zählen „Kapitalismus“, „Rassismus“, „Zionismus“ und „Imperialismus“ auf,
als handle es sich um vier Abteilungen desselben Konzerns. Henckel verweist auf
den Aufruf eines besetzten Zentrums in Frankfurt, in dem hohe Mieten, Racial
Profiling und das Leiden der palästinensischen Bevölkerung als Symptome
„desselben kolonialen und kapitalistischen Systems des Imperialismus“
erscheinen, abgeschlossen mit „Jalla Intifada“ (Henckel, 4:18–5:21).
Damit ist nicht mehr viel erklärt, aber alles verbunden. Die
Miete steigt, die Polizei kontrolliert, Israel führt Krieg: Also muss es ein
System geben, das alles verursacht. Dieses System besitzt zwar keine präzise
Struktur, aber es hat einen geografischen Schwerpunkt, eine Flagge und einen
Namen.
Der verkürzte Antiimperialismus ersetzt auf diese Weise
Theorie durch Montage. Er klebt Bilder nebeneinander, bis der Zusammenhang
moralisch einleuchtet. Wer nach den Vermittlungen fragt, gilt bereits als
verdächtig differenziert.
Die Welt wird zur Bühne. Im Licht stehen die Völker,
authentisch und leidend. Im Schatten agieren Banken, Konzerne, Washington und
Israel. Dazwischen treten Teile der westlichen Linken auf, die sich selbst die
Rolle der Anwältin zuweisen. Dass ihre Mandanten selten gefragt wurden, gehört
zur Tradition.
Im
Maoismus, so Henckel, verband sich die rhetorische Bescheidenheit der
revolutionären Führung mit massiver Bevormundung. Die Kader behaupteten,
dem Volk zu dienen, wussten aber schon vorher, was das Volk wollte. Das
revolutionäre Subjekt durfte handeln, solange es das Drehbuch einhielt (Henckel,
18:20–18:56).
Diese Haltung wirkt in bestimmten antiimperialistischen
Strömungen bis heute fort. Palästinenser erscheinen dort oft nicht als
Individuen mit unterschiedlichen Interessen, politischen Ansichten und
Verantwortlichkeiten, sondern als Verkörperung des Widerstands. Wer ihre
Gesellschaft kritisiert, beleidigt das Opfer. Wer ihre bewaffneten
Organisationen kritisiert, schwächt den Befreiungskampf. Wer sie nicht
romantisiert, gilt als herzlos.
Die angebliche Solidarität nimmt den Menschen damit gerade
jene Mündigkeit, in deren Namen sie spricht. Sie kennt keine Palästinenser, nur
Palästina.
Die Romantik des gerechten Krieges
Der Antiimperialismus der sechziger und siebziger Jahre war
in seinen militanten Ausprägungen nicht nur eine Theorie der Welt, sondern eine
Ästhetik der Gewalt. Der Guerillero ersetzte den Arbeiter, das Gewehr die
Gewerkschaft, der Märtyrer den Genossen. Je weiter die Revolution in Europa in
die Ferne rückte, desto größer wurde in diesen Kreisen die Begeisterung für
jene, die anderswo starben.
Che
Guevara formulierte die neue Ethik mit bewundernswerter Eindeutigkeit. Das
Volk könne gegen eine Armee gewinnen; die Bedingungen einer Revolution müssten
nicht abgewartet, sondern durch den Aufstand geschaffen werden; der bewaffnete
Kampf solle von den ländlichen Gebieten ausgehen (Henckel, 22:51–23:43).
Aus Politik wurde Bewährung. Der Revolutionär hatte nicht
mehr nur recht, er musste bereit sein zu sterben. Im Text „Schaffen wir
zwei, drei, viele Vietnam“ erklärte Guevara, die richtige Antwort auf die
Drohung des Imperialismus bestehe darin, „den Krieg nicht zu fürchten“. Die
unterdrückten Völker müssten „hart und ununterbrochen“ angreifen (Henckel, 24:49–25:05).
Darin liegt die religiöse Struktur dieser Politik. Das
vergossene Blut beglaubigt die Wahrheit. Der Tod ist kein Scheitern mehr,
sondern ein Argument. Eine Niederlage kann deshalb jederzeit in einen
moralischen Sieg verwandelt werden, sofern genügend Tote zurückbleiben.
Der Satz, der Tod sei willkommen, wenn nur eine andere Hand
nach den Waffen greife, macht
aus dem Menschen Material einer historischen Erzählung (Henckel, 26:21–26:39).
Der Einzelne verschwindet im Fortgang des Kampfes. Seine Aufgabe besteht darin,
den nächsten Kämpfer zu erzeugen.
Diese Romantik wirkt im Westen besonders komfortabel. Man
bewundert den Märtyrer aus sicherer Entfernung und nennt seine Opfer einen
notwendigen Preis. Der Revolutionstourist zahlt mit dem Leben anderer.
Dass
dieselben Milieus zugleich Militarismus kritisierten, ist kein Widerspruch,
sondern Teil des Systems. Verwerflich war nie der Krieg als solcher.
Verwerflich war der falsche Krieg. Die einschlägigen Schriften unterschieden
zwischen imperialistischen Kriegen und „gerechten Kriegen“: Befreiungskriegen
unterdrückter Völker, Verteidigungskriegen sozialistischer Staaten und
Bürgerkriegen unterdrückter Klassen (Henckel, 48:27–49:14).
Das Gewehr wurde also nicht abgelehnt. Es musste nur in den
richtigen Händen liegen.
Aus dieser Logik erklärt sich, warum Terror gegen Israelis
oder Juden innerhalb bestimmter Milieus so leicht als Widerstand umgedeutet
werden konnte. Sobald Israel mit Imperialismus gleichgesetzt war, galt Gewalt
gegen Israel als antiimperialistisch. Und sobald Juden außerhalb Israels als
Repräsentanten dieses Staates erschienen, ließ sich selbst gegen sie gerichtete
Gewalt in den Befreiungskampf einordnen.
1969 wurde
im jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße eine Bombe deponiert.
Sie explodierte nur wegen eines defekten Zünders nicht. Henckel beschreibt den
Anschlagsversuch als Konsequenz einer Rhetorik, die Zionismus, Imperialismus
und das Judentum in Deutschland ineinanderschob. Eine linksterroristische
Gruppe wollte Juden ermorden und konnte sich dabei als Teil eines weltweiten
Befreiungskampfes verstehen (Henckel, 45:24–46:11).
Der Fall zeigt, wie schnell politische Metaphern ihre
Unschuld verlieren. Wer eine jüdische Gemeinde zum Vorposten Israels erklärt,
macht aus Gemeindemitgliedern militärische Ziele. Wer Israel als faschistischen
Staat bezeichnet, kann Gewalt gegen Israelis als Antifaschismus verkaufen. Die
Begriffe liefern nicht bloß Beschreibungen. Sie stellen Legitimationen her.
Bereits im Juni 1969 wurde der
israelische Botschafter David Ben-Nathan, ein Überlebender des Holocaust,
bei einer Veranstaltung in Frankfurt zwei Stunden lang als Faschist
niedergebrüllt. Das Mikrofonkabel wurde durchschnitten; sprechen konnte er nicht
(Henckel, 43:37–44:38).
Der Vorgang besitzt eine fast vollkommene Symbolik. Ein
Überlebender wird zum Nazi erklärt, damit nachgeborenen, die Kinder der Judenmörder und Täter des Holocaust sich
als Widerstandskämpfer fühlen können. Die deutsche Geschichte erscheint nun
nicht mehr als Belastung, sondern als Kostümfundus.
Der israelische Jude übernimmt die Rolle des Deutschen von
gestern; der Deutsche von heute darf sich auf die Seite der Opfer stellen. So
billig war Entlastung selten zu haben.
Die deutsche Kunst der moralischen Unschuld
Der Antiamerikanismus verlieh dieser Umkehrung ihre
politische Geografie. In maßgeblichen antiimperialistischen
Strömungen galten die USA als Zentrum des Imperialismus, als Weltgendarm
und „großer Feind des Menschengeschlechts“ (Henckel, 26:21–26:30). In
Westdeutschland kam eine besondere Kränkung hinzu: Teile der Linken deuteten
die amerikanische Besatzung nach 1945 als Fortsetzung imperialer
Fremdherrschaft.
Damit konnten sich manche westdeutsche Linke in eine Reihe
mit Vietnam oder den Ländern Lateinamerikas stellen. Henckel beschreibt hier eine
beträchtliche Übertragungsleistung: Junge Westdeutsche identifizierten sich
mit bombardierten Völkern, weil auch sie sich von den USA beherrscht fühlten (Henckel,
27:25–28:38).
Der Vergleich hatte einen unschätzbaren Vorteil. Er
verwandelte das Land der Täter in ein Opferland. Nicht Auschwitz bestimmte die
politische Gegenwart, sondern Washington. Nicht die deutsche Volksgemeinschaft
stand im Zentrum der Kritik, sondern die amerikanische Hegemonie.
Dass
die Vereinigten Staaten Deutschland vom Nationalsozialismus befreit hatten,
störte diese Erzählung. Also wurden die Amerikaner in einschlägigen
Schriften zu jenen erklärt, die angeblich „die Herrschaft der Monopole, der
Kriegsverbrecher und Nazifaschisten“ gerettet hätten (Henckel, 49:24–50:07).
Die Befreier erschienen nun als eigentliche Fortsetzer des Faschismus.
Diese Verdrehung war nicht bloß historischer Unsinn. Sie
erfüllte eine psychische Funktion. Wer Amerika zum Hauptfeind erklärte, musste
über die eigene Gesellschaft nur noch als besetztes Gelände nachdenken. Teile
der deutschen Linken konnten sich moralisch von Deutschland distanzieren und
politisch doch in einer deutschen Opfererzählung heimisch werden.
Israel bot dafür die ideale Projektionsfläche. Der Staat der
Überlebenden ließ sich zum Täterstaat erklären, die Nachfahren der Täter zu
seinen Anklägern. Die Formel „Die Opfer von gestern sind die Täter von heute“
machte Karriere, weil sie Schuld nicht aufarbeitete, sondern umverteilte.
Jean
Améry erkannte 1969, dass sich hier ein neuer „ehrbarer Antisemitismus“
etablierte. Der Antisemitismus, schrieb er sinngemäß, trete nun als
Anti-Israelismus auf und drohe zu einem Bestandteil des Sozialismus zu werden. Die Barrikade vereine sich
mit dem Spießerstammtisch gegen den Staat der Juden (Henckel, 39:00–39:50).
Die Pointe dieser Allianz liegt bis heute in ihrer
Arbeitsteilung. Der Spießer liefert das Ressentiment, der Revolutionär die
Terminologie. Der eine spricht von den Juden, der andere von Zionisten. Beide
meinen eine Macht, die künstlich, wurzellos, global und verderblich sei.
Nach 1967 fand diese Sprache in erheblichen Teilen der
westdeutschen Linken ein neues Zentrum. Israel wurde auf einer
Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes als
imperialistischer Staat festgeschrieben. Henckel beschreibt den Wandel als
Rückkehr eines Antizionismus, der bereits vor 1945 virulent gewesen war: Juden
galten als unfähig, einen „echten“ Staat zu bilden; ein jüdisches Gemeinwesen
musste demnach künstlich sein und fremden Interessen dienen (Henckel, 34:54–35:57).
Diese Vorstellung verrät mehr über den Begriff des „echten
Volkes“ als über Israel. Ein echtes Volk, so scheint es in dieser Denkweise,
wächst aus Boden, Blut, Sprache und Geschichte. Es besitzt Bauern, Gräber und
eine nationale Folklore. Juden dagegen erscheinen als zu verstreut, zu urban,
zu vermittelt. Ihr Staat kann in dieser Logik nur Produkt eines Plans sein.
Jene antiimperialistischen Teile der Linken, die sich für
internationalistisch hielten, übernahmen damit ausgerechnet eine völkische
Vorstellung von Legitimität. Sie feierten nationale Befreiungsbewegungen,
sofern deren Nationen als organisch galten, und verwarfen den Zionismus, weil
jüdische Staatlichkeit als künstlich erschien.
Dieser Internationalismus endete dort, wo Juden
international gelebt hatten.
Es wäre bequem, dies als Verirrung einer vergangenen Epoche
abzulegen. Doch die Begriffe kehren wieder, weil die Bedürfnisse fortbestehen,
die sie bedienen. Auch heute bietet der Antizionismus Teilen der Linken eine
moralische Abkürzung. Er erlaubt es, gegen Rassismus, Kolonialismus und
Unterdrückung zu sein, ohne sich mit den Widersprüchen konkreter Gesellschaften
zu beschäftigen.
Israel übernimmt dabei die Rolle des universellen Erklärers.
Es verkörpert Kolonialismus, Rassismus, Kapitalismus, Militarismus und
westliche Herrschaft zugleich. Wer es bekämpft, darf sich deshalb auf der
richtigen Seite jeder denkbaren Front wähnen.
Diese Selbstgewissheit erklärt, warum die Kritik in
bestimmten Milieus so oft in moralischen Rigorismus umschlägt. Differenzierung
erscheint als Verrat, Kontext als Ausrede, Ambivalenz als Feigheit. Es gibt nur
Opfer und Täter, Widerstand und Unterdrückung, Befreiung und Imperialismus.
Doch politische Wirklichkeit besitzt die schlechte
Angewohnheit, mehrere Wahrheiten zugleich hervorzubringen. Palästinenser können
entrechtet sein, ohne dass jeder ihrer politischen Akteure emanzipatorisch
handelt. Israel kann Verbrechen begehen, ohne dass seine Existenz ein
Verbrechen ist. Eine Regierung kann kritisiert werden, ohne dass man ihrem
Staat das Existenzrecht abspricht. Juden können Macht besitzen, ohne dadurch
ihre Geschichte zu verlieren.
Wer solche Sätze bereits für Parteinahme hält, hat sich von
Analyse verabschiedet.
Der moderne Antiimperialismus bezieht seine Kraft in seinen
verkürzten und antizionistischen Ausprägungen womöglich weniger aus
ökonomischer Erkenntnis als aus moralischer Entlastung. Er bietet das
Versprechen, in einer unübersichtlichen Welt zuverlässig unschuldig zu bleiben.
Man muss nur das richtige Volk lieben und den richtigen Staat hassen.
Das Problem beginnt dort, wo die Liebe zum Kollektiv den
einzelnen Menschen verschluckt. Dann zählen israelische Zivilisten nur noch als
Angehörige eines Täterstaats, palästinensische Zivilisten nur noch als
Vertreter eines Opferkollektivs und Juden außerhalb Israels als verdächtige
Vermittler zwischen beiden.
So wird aus Solidarität eine Buchhaltung des Blutes.
Eine emanzipatorische Linke müsste dem etwas entgegensetzen,
das weniger erhebend, aber politisch brauchbarer wäre: die Weigerung, Menschen
in Symbolfiguren zu verwandeln. Sie müsste Herrschaft kritisieren, ohne Völker
zu heiligen; Kriege verurteilen, ohne Terror zu romantisieren; Israel an seinen
Taten messen, ohne seine Existenz zum metaphysischen Skandal zu erklären.
Vor allem müssten jene Teile der deutschen Linken, die für
solche Umkehrungen anfällig sind, akzeptieren, dass Auschwitz kein moralisches
Guthaben erzeugt, das sich gegen den jüdischen Staat verrechnen lässt. Die
deutsche Geschichte macht Kritik an israelischer Politik nicht unmöglich. Sie
macht nur eine bestimmte Lust verdächtig: die Lust, ausgerechnet Israel zum
Inbegriff des Bösen zu erklären und sich selbst dadurch nachträglich auf die
Seite des Widerstands zu versetzen.
Vielleicht ist das der letzte Trost einer gescheiterten
revolutionären Strömung. Sie konnte die Welt nicht verändern, aber sie kann
noch immer entscheiden, wer in ihr als absoluter Feind gelten soll.
Die offene Frage lautet daher nicht, ob linke Israelkritik
erlaubt ist. Erlaubt ist sie selbstverständlich. Zu fragen wäre vielmehr, warum
sie in manchen Teilen der Linken dort endet, wo Kritik gewöhnlich beginnen
sollte: bei der Bereitschaft, den eigenen Begriffen zu misstrauen.
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