Ceuta und der alte Verdacht im neuen Gewand

TL;DR: Die Ceuta-Krise wurde zur Grundlage einer von Rechten und Linken verbreiteten Verschwörungserzählung, nach der Israel und die USA den Grenzansturm organisiert hätten. Der Artikel zeigt, wie aus politischen Spannungen vermeintliche Beweise werden und wie der alte Verdacht einer verborgenen jüdischen Macht im Vokabular des Antizionismus wiederkehrt. Entscheidend ist nicht die Härte der Kritik an Israels Politik, sondern ob sie konkrete Handlungen belegt oder Israel zum universellen Drahtzieher erklärt.

Screenshot einer Nachrichtenwebsite (Anadolu Agency erkennbar am „AA“-Logo oben links) mit Navigationsleiste zu Themen wie Welt, Politik und Wirtschaft.  Im Zentrum steht eine Schlagzeile auf Deutsch: „Spanische Politiker und Kommentatoren werfen Israel vor, Chaos im Zusammenhang mit der Migrationskrise in Ceuta zu stiften.“  Darübergelegt ist eine große, hervorgehobene Überschrift: „Ceuta und der alte Verdacht im neuen Gewand“.  Das Bild kombiniert eine Nachrichtenmeldung zur Migrationskrise in Ceuta mit einer einordnenden, kritisch formulierten Blog-Überschrift.

Wie die Ceuta-Krise zur Projektionsfläche wurde – und warum aus Kritik an Israels Politik eine Theorie vom allmächtigen Drahtzieher werden kann

Zehntausende Menschen durchbrachen am 30. und 31. Juli 2026 die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta; mindestens 57, später 67 Tote wurden gemeldet. Während spanische Behörden Schleusernetzwerke, soziale Not und die Fehlinterpretation eines Gerichtsurteils als Ursachen nannten, verbreiteten Politiker, Aktivisten und prominente Multiplikatoren die Behauptung, Israel und die USA hätten den Ansturm über Marokko organisiert, um die Regierung von Pedro Sánchez zu bestrafen. Belege gab es dafür nicht. Es gab nur Indizien, die erst dadurch zu Indizien wurden, dass man sie in dieselbe Erzählung legte: Madrids Konflikt mit Jerusalem, Washingtons Nähe zu Rabat, ein sieben Jahre alter Beitrag von Yair Netanyahu und ein unbedachter Tweet des israelischen UN-Botschafters Danny Danon. So entstand binnen Stunden aus einer Grenzkrise ein Lehrstück darüber, wie ein altes europäisches Denkmuster seinen Wortschatz wechselt, ohne seine Grammatik aufzugeben.

Eine Krise, die schneller erklärt als verstanden wurde

Die Fakten waren dramatisch genug. Nach Angaben lokaler spanischer Stellen gelangten rund 60.000 Menschen nach Ceuta, einer Stadt mit etwa 85.000 Einwohnern. Viele schwammen um Grenzanlagen, andere überwanden Zäune oder drängten über einen Wellenbrecher. Die erste Bilanz von 19 Toten stieg auf 57 und am folgenden Tag auf mindestens 67. Etwa 48.300 Menschen kehrten nach spanischen Angaben bereits am Freitag freiwillig nach Marokko zurück. Spanien entsandte Militär und zusätzliche Polizeikräfte; später begann es mit dem Bau einer 500 Meter langen Barriere im Meer.

Die Zahlen änderten sich, weil sich in einer laufenden Katastrophe Zahlen ändern. Das ist der banale Teil der Wirklichkeit, der in sozialen Netzwerken als Verdachtsmoment gilt. Wo eine Meldung morgens 19 Tote nennt und abends 57, wittert der Verschwörungsgläubige keine nachgetragenen Leichen, sondern eine Regie. Dass Behörden zuerst zu wenig wissen, wird zum Beweis, dass sie zu viel verbergen.

Die Associated Press prüfte mehrere Behauptungen. Spaniens Regularisierung irregulär eingereister Menschen konnte den Ansturm schon deshalb kaum ausgelöst haben, weil sie nur Personen betraf, die vor dem 1. Januar 2026 eingereist waren und bereits mindestens fünf Monate im Land gelebt hatten. Auch für eine Beteiligung Israels oder der USA fand die Nachrichtenagentur „no evidence“ – keinen Beleg . Als mögliche Faktoren nannte sie Schleuser, soziale Ungleichheit in Marokko und die Überinterpretation eines Urteils des spanischen Obersten Gerichts, das pauschale Sofortabschiebungen von auf dem Seeweg Eingereisten begrenzte.

Das sind Ursachen ohne Gesicht. Armut besitzt keinen Pressesprecher, ein Gerichtsurteil keinen Geheimdienst, und ein Schleusernetzwerk eignet sich schlecht als metaphysischer Gegenspieler. Die komplizierte Wirklichkeit hat daher im politischen Gerücht einen Wettbewerbsnachteil: Sie erklärt viel, aber sie meint niemanden.

Vom Hinweis zur Weltformel

Die alternative Erzählung brauchte nur wenige Stunden. Die Kommentatorin und Podemos Politikerin  Carolina Alonso behauptete, der Druck auf Spanien werde „durch Marokko, mit Unterstützung Israels“ sowie der europäischen Rechten organisiert. Der Abgeordnete Gabriel Rufián griff Beiträge auf, wonach die Krise amerikanischen und israelischen Interessen diene. Journalist José Vizner holte einen Beitrag Yair Netanyahus von 2019 hervor und fragte, ob Spanien nun für die Haltung von Sánchez bezahle .

Das Verfahren ist vertraut. Zuerst wird eine Interessenlage festgestellt: Israel streitet mit Spanien; die USA kooperieren mit Marokko. Dann wird aus Interesse Fähigkeit und aus Fähigkeit Tat. Dass ein Staat von einer Entwicklung profitieren könnte, soll belegen, dass er sie verursacht hat. Nach diesem Maßstab hätte jede Versicherung den Brand gelegt, den sie reguliert, und jeder Oppositionsführer die Rezession bestellt, die ihm Stimmen bringt.

Javier Bardem verbreitete einen Beitrag, der einräumte: „We don’t know who engineered this crisis“ – man wisse nicht, wer die Krise inszeniert habe. Im nächsten Halbsatz wusste der Text immerhin, wer profitiere: „Israel, and the Western far right“. Die Unwissenheit fungiert hier nicht als Grenze, sondern als Startrampe. Man weiß nichts über den Täter, kennt aber bereits dessen politischen Stammbaum.

Auch der Satz, Spanien sei „Europe’s loudest voice“ gegen israelische und amerikanische Kriegsverbrechen, leistet mehr als Beschreibung. Er baut ein Motiv. Wer Madrid kritisiert, rächt sich; wer sich rächt, verfügt über Marokko; wer über Marokko verfügt, lenkt Zehntausende Menschen. Jede Stufe ist möglich, keine ist belegt. Zusammen ergeben sie jene Art von Gewissheit, die gerade deshalb unerschütterlich ist, weil sie auf keinem überprüfbaren Beweis ruht.

Danons Geschenk an seine Gegner

Danny Danon erleichterte den Verschwörungserzählern die Arbeit. Spaniens Regierung, schrieb Israels UN-Botschafter, lasse keine Gelegenheit aus, Israel zu belehren, habe nun aber wegen ihrer Einwanderungspolitik den Ausnahmezustand in Ceuta ausgerufen. Bevor Madrid weiter moralisiere, solle es erklären, warum es noch immer „colonial enclaves in Africa“ unterhalte.

Der Angriff hatte einen wahren Kern und einen falschen Tatsachensatz. Wahr ist, dass Marokko Ceuta, Melilla und mehrere kleinere spanische Gebiete beansprucht. Wahr ist auch, dass der koloniale Vergleich Spaniens Selbstbild stört. Falsch war jedoch Danons Behauptung vom ausgerufenen Ausnahmezustand. Ceutas Regierungschef hatte ihn verlangt; Madrid hatte ihn nicht erklärt. Die Pointe war schneller als die Recherche.

Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente teilte Danons Beitrag und schrieb: „Well, it all seems to be becoming quite clear“. Gerade weil Danons Tweet keinen Beweis für eine israelische Operation enthielt, konnte er als solcher dienen. Der Botschafter hatte Spanien provoziert; also musste Israel die Krise geplant haben. Ein Diplomat macht sich über ein Land lustig, folglich hat sein Staat zuvor 60.000 Menschen an dessen Grenze bewegt. Die Kausalität gleicht einem Taschenspielertrick, bei dem das Kaninchen schon vor Beginn im Publikum sitzt.

Israels Geschäftsträgerin in Madrid, Dana Erlich, distanzierte sich öffentlich. Danons Äußerung spiegele „not the position of the State of Israel“ wider. Diese Korrektur schwächte die Theorie nicht. Verschwörungserzählungen verwerten Dementis wie Motoren Abwärme: als zusätzlichen Hinweis auf das, was angeblich verborgen werden soll.

Danons Beitrag bleibt dennoch politisch aufschlussreich. Er reagierte auf spanische Moralpolitik nicht mit Aufklärung, sondern mit Gegenmoral. Spanien kritisiert Israels Besatzungs- und Kriegspolitik; Israel verweist auf Spaniens Territorien in Afrika. Der Vorwurf lautet nicht: Ihr irrt. Er lautet: Ihr seid auch nicht unschuldig. Das mag diplomatisch befriedigen, logisch hebt eine Doppelmoral jedoch keinen der beiden Maßstäbe auf. Zwei Heucheleien ergeben noch keine Wahrheit.

4. Der Sündenbock wird zum Staat

Bis 1945 gehörte in weiten Teilen Europas die Vorstellung zum politischen Gemeingut, „die Juden“ stünden hinter Revolution und Kapital, Krieg und Pazifismus, Entwurzelung und Weltmacht. Das Muster überlebte seine Widerlegung, weil es nie von Widerspruchsfreiheit gelebt hatte. Sein Gegenstand sollte zugleich schwach und allmächtig, fremd und überall, wurzellos und nationalistisch sein.

Heute ist der offene Satz gesellschaftlich geächtet. Seine Struktur kann dennoch in einer Sprache wiederkehren, die sich für geopolitisch hält. Dann heißt es nicht mehr, eine verborgene jüdische Macht lenke die Welt, sondern „Israel“ destabilisiere Regierungen, steuere Washington, instrumentalisiere Migration und bediene sich fremder Staaten als Werkzeuge. Aus Menschen wird ein Staat, aus Rasse Ideologie, aus der Weltverschwörung ein Netzwerk aus Zionismus, Imperialismus und westlicher Rechter.

Nicht jede scharfe Kritik an Israel folgt diesem Muster. Ein Staat kann für konkrete Handlungen verantwortlich gemacht werden: für Gesetze, Militäroperationen, Besatzungspolitik, Siedlungsbau, diplomatischen Druck. Kritik beginnt dort, wo Belege, Zuständigkeiten und Interessen benannt werden. Verschwörung beginnt dort, wo Israel nicht mehr als Staat unter Staaten erscheint, sondern als unsichtbare Ursache hinter Ereignissen, zu denen keine belastbare Verbindung besteht.

Der Unterschied ist nicht die Härte des Urteils, sondern seine Bauweise. Wer Israels Regierung wegen einer dokumentierten Entscheidung kritisiert, politisiert. Wer Israel für eine Migrationsbewegung verantwortlich macht, weil es mit Spanien streitet und gute Beziehungen zu Marokko und Washington unterhält, mythologisiert.

Die Jerusalem Post berichtete, dass die Theorie nicht einmal ein festes Lager kannte. Die linke Aktivistin Ana Alcalde sprach von einem Plan gegen die „progressive government“ Sánchez; der amerikanische Rechtsextremist Alex Jones behauptete, Israel habe eine „Islamic invasion of Spain“ gestartet. Die politischen Vorzeichen wechseln, die Rolle bleibt. Für die eine Seite benutzt Israel muslimische Migranten gegen die Linke, für die andere benutzt es muslimische Migranten gegen Europa. Das Gerücht ist so anschlussfähig, weil sein Täter alles zugleich wollen darf.

Antifaschismus ohne Selbstprüfung

Bemerkenswert ist weniger, dass Verschwörungstheorien existieren. Bemerkenswert ist, wie mühelos sie in Milieus zirkulieren, die sich als antifaschistisch, antirassistisch und aufgeklärt verstehen. Dort gilt der Hinweis auf antisemitische Struktur oft als Ablenkung von Israels Politik. Das kann stimmen, wenn der Vorwurf missbraucht wird, um Kritik zu immunisieren. Es stimmt nicht, wenn Kritik selbst die Form annimmt, die sie historisch zu bekämpfen vorgibt.

Der moderne Antizionismus besitzt ein Vokabular, das moralisch geprüft klingt: Kolonialismus, Imperialismus, Siedlerstaat, Destabilisierung. Die Begriffe können analytisch sinnvoll sein. Sie werden ideologisch, wenn sie nicht mehr unterscheiden. Dann erklärt „Imperialismus“ nicht eine Politik, sondern ersetzt deren Nachweis. „Zionismus“ bezeichnet nicht mehr eine historische Bewegung mit konkurrierenden Strömungen, sondern eine universelle Chiffre für Macht.

Die Ceuta-Erzählung zeigt diese Verschiebung in Reinform. Marokkanische Innenpolitik wird zur Kulisse, Migranten werden zu ferngesteuerten Körpern, spanische Grenzpolitik zur bloßen Reaktion, und Israel erhält die einzige vollwertige Handlungsmacht. Sogar die angeblichen Opfer israelischer Manipulation – Zehntausende Marokkaner – verschwinden als politische und soziale Subjekte. Eine Theorie, die sich antikolonial nennt, beschreibt Menschen aus Afrika wie Figuren auf einem europäischen Schachbrett.

Dabei läge die Kritik näher. Spaniens Umgang mit Ceuta verbindet europäische Grenzpolitik, koloniale Geschichte und nationale Souveränität. Marokko beansprucht Ceuta und Melilla; Spanien betrachtet sie als integralen Teil seines Staatsgebiets. Die Vereinten Nationen führen beide Städte nicht als zu dekolonisierende Gebiete. Genau diese widersprüchliche Lage wäre zu untersuchen. Doch die Verschwörungstheorie spart sich den Konflikt, indem sie einen Regisseur erfindet. Der berechtigte Anspruch Marokkos auf Ceuta und Melilla wird vom taz Journalisten Reiner Wandler mit der Bemerkung das „der marokkanische Monarch nur ein Instrument der neofaschistischen, trumpistischen Internationalen“ sein könnte Beiseite gewischt.

Auch die Berichterstattung der beteiligten Medien verdient Prüfung. Israel Hayom titelte zugespitzt „Spain blames Israel, US“, obwohl der eigene Text vor allem von Behauptungen in sozialen Medien und einzelnen Politikern handelte. Anadolu stellte spanische Vorwürfe ausführlich dar, markierte ihre Beleglosigkeit aber weniger deutlich als AP. i24NEWS und Jerusalem Post nannten sie Verschwörungstheorien, schrieben zugleich aus einer erkennbar israelischen Perspektive. Qualitätsjournalismus besteht deshalb nicht darin, ein Lager für neutral zu erklären. Er besteht darin, Aussagen, Belege und Interessen voneinander zu trennen.

Was von Ceuta bleibt

Die Ceuta-Krise ist zunächst eine humanitäre Katastrophe und eine politische Niederlage mehrerer Staaten. Menschen starben an einer Grenze, weil Hoffnung, Gerücht, Schleusergeschäft, staatliche Härte und soziale Not zusammenwirkten. Spanien war überfordert. Marokko kontrollierte seine Grenze zunächst unzureichend oder jedenfalls nicht wirksam. Europas Regierungen reagierten mit Drohungen gegen Spanien, obwohl die meisten Eingereisten Ceuta bald wieder verließen und niemand das europäische Festland erreicht hatte.

Danach wurde die Krise zum Test für politische Urteilskraft. Wer sie Israel zuschrieb, musste keine einzige operative Verbindung belegen. Es genügte, dass Israel ein Motiv haben könnte. Diese Methode verwandelt Außenpolitik in Kriminalliteratur: Der Verdächtige ist derjenige, den das Publikum schon vorher nicht mochte.

Historische Vorurteile verschwinden selten, weil ihre alten Formeln verboten werden. Sie lernen die Sprache ihrer Gegner. Wo früher vom jüdischen Drahtzieher die Rede war, kann heute ein allmächtiges Israel erscheinen, das zugleich Kolonie, Weltmacht, amerikanischer Befehlshaber und Werkzeug Amerikas sein soll. Der Inhalt wird modernisiert, die Denkbewegung bleibt: Komplexität wird personalisiert, Zufall in Absicht verwandelt, Widerspruch als Tarnung gelesen.

Das bedeutet nicht, Israel von Kritik auszunehmen. Im Gegenteil. Wer jede Krise auf Israel zurückführt, macht reale israelische Politik schwerer kritisierbar, weil er überprüfbare Vorwürfe mit Fantasien vermengt. Die Regierung in Jerusalem braucht keine erfundenen Operationen, um beurteilt zu werden; ihre dokumentierten Entscheidungen genügen.

Relevant ist Ceuta deshalb über Spanien hinaus. Die Affäre zeigt, wie schnell eine politische Linke, die sich an den Begriff der Struktur gewöhnt hat, zur ältesten Personalisierung zurückkehren kann. Sie spricht dann von Systemen und meint doch einen Täter. Sie verwirft den Sündenbock und behält seine Stelle frei.

Der Satz „An allem sind die Juden schuld“ ist aus der Öffentlichkeit derzeit noch verschwunden. Seine Versuchung ist es nicht. Sie meldet sich heute mit Landkarte, Hashtag und außenpolitischem Vokabular zurück. Der Fortschritt besteht dann darin, dass das Vorurteil seinen Namen nicht mehr nennt.

 

 

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