Wie die Ruhrbarone Migranten zur Gefahr erklären
TL;DR: Grevens Text erklärt gesellschaftliche Konflikte nicht, sondern übersetzt soziale Probleme in kulturelle Feindbilder. Migration wird zur Ursache für Unsicherheit, Gewalt und politischen Zerfall erklärt, während ökonomische Ungleichheit und politische Versäumnisse aus dem Blick geraten. Die Polemik zeigt, wie aus individuellen Straftaten kollektive Schuld konstruiert und Ängste politisch organisiert werden.
Wie man in den Ruhrbaronen Migranten zur Gefahr erklärt –
Über die Verwandlung sozialer Konflikte in kulturelle Feindbilder. Wie aus
sozialen Konflikten kulturelle Feindbilder werden – und warum Ludwig Grevens
Text weniger über Migration verrät als über die Krise nationaler Gewissheiten
Ludwig Grevens Text „Migranten:
Härte statt Laissez-faire“ verfolgt eine ebenso einfache wie
folgenreiche These: Die offene Gesellschaft werde nicht durch soziale
Ungleichheit, politische Fehlentscheidungen oder ökonomische Verwerfungen
bedroht, sondern durch Menschen, die von außen kommen und angeblich nicht bereit
seien, sich den kulturellen Normen Europas anzupassen. „Es
braucht eine radikale Kehrtwende im Umgang mit Migranten“, schreibt er. Das
Problem an dieser Diagnose besteht nicht darin, dass sie zugespitzt wäre. Das
Problem besteht darin, dass sie ihre Zuspitzung mit Erklärung verwechselt.
Denn Greven analysiert keine Gesellschaft. Er organisiert
Ängste.
Er erzählt eine Geschichte, in der Migration zum
universellen Schlüssel für nahezu jede gesellschaftliche Krise wird: Gewalt,
Unsicherheit, politische Polarisierung, kulturelle Konflikte, der Aufstieg der
AfD, die Verunsicherung der Mittelschicht – alles erscheint als Folge eines
einzigen historischen Fehlers. Der Preis dieser Erzählung ist allerdings hoch.
Sie verwandelt komplexe soziale Widersprüche in kulturelle Gegensätze und
politische Probleme in moralische Panik.
Europa, das Märchenreich
Besonders bemerkenswert ist die Welt, die Greven seinen
Lesern präsentiert. Europa erscheint dort als historisch gewachsene Einheit,
verbunden durch eine gemeinsame Kultur, hervorgegangen aus „der
christlich-jüdischen Geschichte“ und der Aufklärung. Dem gegenüber stehen
die Migranten – Träger fremder Traditionen, die mit der europäischen Moderne „in
erheblichen Teilen nicht kompatibel sind“.
Das ist eine erstaunliche Geschichtsschreibung. Europa,
jener Kontinent der Religionskriege, Kolonialreiche, Nationalismen, Diktaturen
und Vernichtungsfantasien, wird plötzlich zur harmonischen Wertegemeinschaft
umgedeutet. Ausgerechnet Deutschland, das seine liberale Demokratie nach den
Katastrophen des 20. Jahrhunderts mühsam erlernen musste, erscheint nun als
jahrtausendealte Heimat der Toleranz.
Die eigentliche rhetorische Leistung dieses Arguments liegt
darin, dass es innere Konflikte nach außen verlagert. Was früher Klassenkampf
hieß, heißt nun Kulturkampf. Was soziale Spaltung war, wird zur Frage der
Herkunft erklärt. Die Krise des Wohnungsmarkts, die Überlastung von Schulen,
die Unsicherheit vieler Menschen, die Erosion öffentlicher Infrastruktur – all
das verschwindet hinter der Figur des kulturell Fremden.
Dabei ist die Vorstellung einer homogenen europäischen
Identität selbst ein politischer Mythos. Europa war nie einheitlich. Es war
immer ein Raum der Widersprüche, der Migrationen, der Vermischungen und der
Konflikte. Wer heute so tut, als habe bis vor Kurzem eine stabile kulturelle
Harmonie existiert, betreibt keine Analyse, sondern nostalgische Konstruktion.
Greven schreibt, die Einheimischen würden sich „fremd
im eigenen Land“ fühlen. Bemerkenswert ist dabei weniger die Behauptung als
ihre Funktion. Denn sie verwandelt ein subjektives Gefühl in eine objektive
Diagnose. Aus Unsicherheit wird Wahrheit. Aus Verunsicherung wird Politik.
Der Migrant als universeller Schuldiger
Die eigentliche Hauptfigur des Textes ist nicht der konkrete
Mensch, sondern die Bedrohungsfigur „des
Migranten“. Sie ist zugleich gewalttätig und integrationsunwillig,
patriarchal und religiös fanatisch, frauenfeindlich und demokratieskeptisch.
Sie bedroht Schulen, Straßen, Frauen, Homosexuelle und am Ende die gesamte
gesellschaftliche Ordnung.
Dabei arbeitet Greven mit einer bemerkenswerten rhetorischen
Technik: Individuelle Straftaten werden zu kulturellen Symptomen erklärt.
Zwischen der „Kölner
Silvesternacht“, „zahllosen
Messerangriffen“ und dem Berliner Anschlag spannt er einen historischen
Bogen, der suggeriert, all diese Ereignisse hätten dieselbe Ursache.
Doch genau hier beginnt die intellektuelle Unredlichkeit.
Niemand käme auf die Idee, Steuerhinterziehung als Ausdruck deutscher Kultur zu
interpretieren oder rechtsextreme Gewalt als Wesensmerkmal der
Mehrheitsgesellschaft zu beschreiben. Bei Migranten hingegen genügt offenbar
die Herkunft, um aus einzelnen Tätern Vertreter ganzer Gemeinschaften zu
machen.
Besonders deutlich wird diese Logik in der Behauptung, die
Diskrepanz zwischen islamischem Umfeld und deutscher Gesellschaft habe sich „geradezu
in einer Gewalttat entladen“ müssen. Das ist mehr als eine steile These. Es
ist die kulturelle Vorverurteilung ganzer Milieus. Aus sozialen Bedingungen,
familiären Konflikten und individuellen Entscheidungen wird eine zwangsläufige
Folge kultureller Prägung konstruiert.
Die Ironie besteht darin, dass Greven ausgerechnet jene
Kollektivierung betreibt, die er angeblich überwinden möchte. Er kritisiert
Parallelgesellschaften – und erschafft zugleich eine riesige Parallelkategorie
namens „die
Migranten“, in der Millionen Menschen mit völlig unterschiedlichen
Lebensgeschichten zu einer einzigen politischen Masse verschmolzen werden.
Die Entlastung der Mehrheit
Besonders aufschlussreich ist jedoch, was im Text fehlt.
Es fehlt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit sozialer
Ungleichheit. Es fehlt die Frage, warum bestimmte Stadtteile verarmen, Schulen
unterfinanziert sind und Aufstiegschancen schwinden. Es fehlt die Diskussion
darüber, welche Verantwortung politische Entscheidungen, Arbeitsmärkte und
staatliche Institutionen tragen.
Stattdessen entsteht eine bequeme Erzählung der Entlastung.
Wenn kulturelle Fremdheit die Ursache aller Probleme ist, muss die
Mehrheitsgesellschaft ihre eigenen Versäumnisse nicht mehr betrachten. Dann
sind nicht jahrzehntelange Sparpolitik, Wohnungsnot oder Bildungsungleichheit
verantwortlich, sondern jene Menschen, die ohnehin schon am Rand der
Gesellschaft stehen.
Besonders auffällig ist dabei die Instrumentalisierung von
Frauenrechten und queeren Rechten. Greven beschreibt den Gegensatz zwischen „arabischen
und türkischen Paschas“ und einer offenen, vielfältigen Gesellschaft.
Plötzlich werden ausgerechnet jene konservativen Milieus, die noch vor wenigen
Jahrzehnten gegen Gleichstellung, Feminismus und sexuelle Vielfalt kämpften, zu
Verteidigern progressiver Werte.
Die Pointe dieser Entwicklung ist grotesk: Rechte, die lange
gegen Homosexuelle polemisierten, entdecken ihre Liebe zur Vielfalt in dem
Moment, in dem sie sich gegen Muslime richten lässt. Frauenrechte werden nicht
als universelle Rechte verstanden, sondern als rhetorische Waffen im
Kulturkampf.
Das bedeutet nicht, patriarchale Strukturen oder religiösen
Fundamentalismus zu verharmlosen. Im Gegenteil. Aber wer Frauenrechte nur dann
entdeckt, wenn sie sich gegen Minderheiten mobilisieren lassen, verteidigt
keine Emanzipation, sondern betreibt Identitätspolitik mit umgekehrten
Vorzeichen.
Grevens Argumentation steht deshalb in einer langen
Tradition konservativer Ressentiments. Sie konstruiert ein bedrohtes „Wir“, das
sich gegen ein fremdes „Sie“ verteidigen müsse. Sie arbeitet mit kulturellen
Verallgemeinerungen, moralischen Grenzziehungen und historischen
Vereinfachungen. Und sie verschiebt politische Verantwortung von Institutionen
auf Identitäten.
Der eigentliche Skandal besteht nicht darin, dass Menschen
aus anderen Ländern nach Deutschland kommen. Der eigentliche Skandal besteht
darin, dass soziale Konflikte, ökonomische Ungleichheit und politische Fehler
in kulturelle Feindbilder übersetzt werden. Migration wird zur
Projektionsfläche einer Gesellschaft, die ihre eigenen Widersprüche nicht mehr
erklären kann.
Grevens Text ist deshalb weniger eine Analyse der Migration
als eine Erzählung über nationale Verunsicherung. Seine Stärke liegt in der
Mobilisierung von Emotionen, seine Schwäche in der Vereinfachung komplexer
Wirklichkeit. Er bietet Orientierung um den Preis der Differenzierung und
Eindeutigkeit um den Preis der Wahrheit.
Wer gesellschaftliche Krisen mit kulturellen Zuschreibungen
beantwortet, wird weder Gewalt noch Unsicherheit beseitigen. Er wird lediglich
neue Fronten schaffen. Die offene Gesellschaft zerfällt nicht daran, dass
Menschen unterschiedlich sind. Sie zerfällt dort, wo Unterschiede in
Feindbilder verwandelt werden und Angst den Platz der Analyse einnimmt.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Dieser Blog läst keine Kommentare zu.