Wie die Ruhrbarone Migranten zur Gefahr erklären

TL;DR: Grevens Text erklärt gesellschaftliche Konflikte nicht, sondern übersetzt soziale Probleme in kulturelle Feindbilder. Migration wird zur Ursache für Unsicherheit, Gewalt und politischen Zerfall erklärt, während ökonomische Ungleichheit und politische Versäumnisse aus dem Blick geraten. Die Polemik zeigt, wie aus individuellen Straftaten kollektive Schuld konstruiert und Ängste politisch organisiert werden.

Screenshot eines Blogartikels auf der Website „Ruhrbarone“ mit dem Titel „Migranten: Härte statt Laissez-faire“. Darüber ist der Blog-Titel eingeblendet: „Wie die Ruhrbarone Migranten zur Gefahr erklären“.  Im oberen Bereich steht das Logo „RUHRBARONE“ mit dem Untertitel „Journalisten bloggen das Revier“. Rechts befindet sich eine Seitenleiste mit Newsletter-Hinweis und einer Liste aktueller Beiträge.  Unter der Überschrift ist ein Foto zu sehen: Eine von der Polizei abgesperrte Straße oder ein Parkweg mit rot-weißem Absperrband im Vordergrund, einem Polizeifahrzeug am Rand und weiteren Einsatzkräften in der Ferne.  Die Kombination aus Artikelüberschrift und Einsatzbild stellt einen Zusammenhang zwischen Migration und Sicherheitslage her und prägt die visuelle Wirkung des Beitrags.

Wie man in den Ruhrbaronen Migranten zur Gefahr erklärt – Über die Verwandlung sozialer Konflikte in kulturelle Feindbilder. Wie aus sozialen Konflikten kulturelle Feindbilder werden – und warum Ludwig Grevens Text weniger über Migration verrät als über die Krise nationaler Gewissheiten

Ludwig Grevens Text „Migranten: Härte statt Laissez-faire“ verfolgt eine ebenso einfache wie folgenreiche These: Die offene Gesellschaft werde nicht durch soziale Ungleichheit, politische Fehlentscheidungen oder ökonomische Verwerfungen bedroht, sondern durch Menschen, die von außen kommen und angeblich nicht bereit seien, sich den kulturellen Normen Europas anzupassen. „Es braucht eine radikale Kehrtwende im Umgang mit Migranten“, schreibt er. Das Problem an dieser Diagnose besteht nicht darin, dass sie zugespitzt wäre. Das Problem besteht darin, dass sie ihre Zuspitzung mit Erklärung verwechselt.

Denn Greven analysiert keine Gesellschaft. Er organisiert Ängste.

Er erzählt eine Geschichte, in der Migration zum universellen Schlüssel für nahezu jede gesellschaftliche Krise wird: Gewalt, Unsicherheit, politische Polarisierung, kulturelle Konflikte, der Aufstieg der AfD, die Verunsicherung der Mittelschicht – alles erscheint als Folge eines einzigen historischen Fehlers. Der Preis dieser Erzählung ist allerdings hoch. Sie verwandelt komplexe soziale Widersprüche in kulturelle Gegensätze und politische Probleme in moralische Panik.

Europa, das Märchenreich

Besonders bemerkenswert ist die Welt, die Greven seinen Lesern präsentiert. Europa erscheint dort als historisch gewachsene Einheit, verbunden durch eine gemeinsame Kultur, hervorgegangen aus „der christlich-jüdischen Geschichte“ und der Aufklärung. Dem gegenüber stehen die Migranten – Träger fremder Traditionen, die mit der europäischen Moderne „in erheblichen Teilen nicht kompatibel sind“.

Das ist eine erstaunliche Geschichtsschreibung. Europa, jener Kontinent der Religionskriege, Kolonialreiche, Nationalismen, Diktaturen und Vernichtungsfantasien, wird plötzlich zur harmonischen Wertegemeinschaft umgedeutet. Ausgerechnet Deutschland, das seine liberale Demokratie nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mühsam erlernen musste, erscheint nun als jahrtausendealte Heimat der Toleranz.

Die eigentliche rhetorische Leistung dieses Arguments liegt darin, dass es innere Konflikte nach außen verlagert. Was früher Klassenkampf hieß, heißt nun Kulturkampf. Was soziale Spaltung war, wird zur Frage der Herkunft erklärt. Die Krise des Wohnungsmarkts, die Überlastung von Schulen, die Unsicherheit vieler Menschen, die Erosion öffentlicher Infrastruktur – all das verschwindet hinter der Figur des kulturell Fremden.

Dabei ist die Vorstellung einer homogenen europäischen Identität selbst ein politischer Mythos. Europa war nie einheitlich. Es war immer ein Raum der Widersprüche, der Migrationen, der Vermischungen und der Konflikte. Wer heute so tut, als habe bis vor Kurzem eine stabile kulturelle Harmonie existiert, betreibt keine Analyse, sondern nostalgische Konstruktion.

Greven schreibt, die Einheimischen würden sich „fremd im eigenen Land“ fühlen. Bemerkenswert ist dabei weniger die Behauptung als ihre Funktion. Denn sie verwandelt ein subjektives Gefühl in eine objektive Diagnose. Aus Unsicherheit wird Wahrheit. Aus Verunsicherung wird Politik.

Der Migrant als universeller Schuldiger

Die eigentliche Hauptfigur des Textes ist nicht der konkrete Mensch, sondern die Bedrohungsfigur „des Migranten“. Sie ist zugleich gewalttätig und integrationsunwillig, patriarchal und religiös fanatisch, frauenfeindlich und demokratieskeptisch. Sie bedroht Schulen, Straßen, Frauen, Homosexuelle und am Ende die gesamte gesellschaftliche Ordnung.

Dabei arbeitet Greven mit einer bemerkenswerten rhetorischen Technik: Individuelle Straftaten werden zu kulturellen Symptomen erklärt. Zwischen der „Kölner Silvesternacht“, „zahllosen Messerangriffen“ und dem Berliner Anschlag spannt er einen historischen Bogen, der suggeriert, all diese Ereignisse hätten dieselbe Ursache.

Doch genau hier beginnt die intellektuelle Unredlichkeit. Niemand käme auf die Idee, Steuerhinterziehung als Ausdruck deutscher Kultur zu interpretieren oder rechtsextreme Gewalt als Wesensmerkmal der Mehrheitsgesellschaft zu beschreiben. Bei Migranten hingegen genügt offenbar die Herkunft, um aus einzelnen Tätern Vertreter ganzer Gemeinschaften zu machen.

Besonders deutlich wird diese Logik in der Behauptung, die Diskrepanz zwischen islamischem Umfeld und deutscher Gesellschaft habe sich „geradezu in einer Gewalttat entladen“ müssen. Das ist mehr als eine steile These. Es ist die kulturelle Vorverurteilung ganzer Milieus. Aus sozialen Bedingungen, familiären Konflikten und individuellen Entscheidungen wird eine zwangsläufige Folge kultureller Prägung konstruiert.

Die Ironie besteht darin, dass Greven ausgerechnet jene Kollektivierung betreibt, die er angeblich überwinden möchte. Er kritisiert Parallelgesellschaften – und erschafft zugleich eine riesige Parallelkategorie namens „die Migranten“, in der Millionen Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten zu einer einzigen politischen Masse verschmolzen werden.

Die Entlastung der Mehrheit

Besonders aufschlussreich ist jedoch, was im Text fehlt.

Es fehlt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Es fehlt die Frage, warum bestimmte Stadtteile verarmen, Schulen unterfinanziert sind und Aufstiegschancen schwinden. Es fehlt die Diskussion darüber, welche Verantwortung politische Entscheidungen, Arbeitsmärkte und staatliche Institutionen tragen.

Stattdessen entsteht eine bequeme Erzählung der Entlastung. Wenn kulturelle Fremdheit die Ursache aller Probleme ist, muss die Mehrheitsgesellschaft ihre eigenen Versäumnisse nicht mehr betrachten. Dann sind nicht jahrzehntelange Sparpolitik, Wohnungsnot oder Bildungsungleichheit verantwortlich, sondern jene Menschen, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft stehen.

Besonders auffällig ist dabei die Instrumentalisierung von Frauenrechten und queeren Rechten. Greven beschreibt den Gegensatz zwischen „arabischen und türkischen Paschas“ und einer offenen, vielfältigen Gesellschaft. Plötzlich werden ausgerechnet jene konservativen Milieus, die noch vor wenigen Jahrzehnten gegen Gleichstellung, Feminismus und sexuelle Vielfalt kämpften, zu Verteidigern progressiver Werte.

Die Pointe dieser Entwicklung ist grotesk: Rechte, die lange gegen Homosexuelle polemisierten, entdecken ihre Liebe zur Vielfalt in dem Moment, in dem sie sich gegen Muslime richten lässt. Frauenrechte werden nicht als universelle Rechte verstanden, sondern als rhetorische Waffen im Kulturkampf.

Das bedeutet nicht, patriarchale Strukturen oder religiösen Fundamentalismus zu verharmlosen. Im Gegenteil. Aber wer Frauenrechte nur dann entdeckt, wenn sie sich gegen Minderheiten mobilisieren lassen, verteidigt keine Emanzipation, sondern betreibt Identitätspolitik mit umgekehrten Vorzeichen.

Grevens Argumentation steht deshalb in einer langen Tradition konservativer Ressentiments. Sie konstruiert ein bedrohtes „Wir“, das sich gegen ein fremdes „Sie“ verteidigen müsse. Sie arbeitet mit kulturellen Verallgemeinerungen, moralischen Grenzziehungen und historischen Vereinfachungen. Und sie verschiebt politische Verantwortung von Institutionen auf Identitäten.

Der eigentliche Skandal besteht nicht darin, dass Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass soziale Konflikte, ökonomische Ungleichheit und politische Fehler in kulturelle Feindbilder übersetzt werden. Migration wird zur Projektionsfläche einer Gesellschaft, die ihre eigenen Widersprüche nicht mehr erklären kann.

Grevens Text ist deshalb weniger eine Analyse der Migration als eine Erzählung über nationale Verunsicherung. Seine Stärke liegt in der Mobilisierung von Emotionen, seine Schwäche in der Vereinfachung komplexer Wirklichkeit. Er bietet Orientierung um den Preis der Differenzierung und Eindeutigkeit um den Preis der Wahrheit.

Wer gesellschaftliche Krisen mit kulturellen Zuschreibungen beantwortet, wird weder Gewalt noch Unsicherheit beseitigen. Er wird lediglich neue Fronten schaffen. Die offene Gesellschaft zerfällt nicht daran, dass Menschen unterschiedlich sind. Sie zerfällt dort, wo Unterschiede in Feindbilder verwandelt werden und Angst den Platz der Analyse einnimmt.

 

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