Wenn der Davidstern den Safe Space stört
TL;DR: Teile der Berliner Queer-Szene grenzen jüdische Queers aus und verharmlosen antisemitische Symbole. Die Kolumne zeigt, wie Aktivismus und Senat das Problem sprachlich relativieren.
Wie Teile der queeren Berliner Szene Antisemitismus zur
Fürsorge umetikettieren – und der Senat beim Wegsehen Haltung beweist
Der sichere Raum endet dort, wo ein Jude ihn betritt und auf
seiner Regenbogenfahne den Davidstern nicht abklebt. So lässt sich die
Geometrie jener Berliner Queer-Milieus beschreiben, in denen jede Kränkung
vermessen, jede Identität geschützt und ausgerechnet die jüdische zur Zumutung
erklärt wird. Der Davidstern gilt als „bedrohlich“, die Intifada als Sprechchor
und das rote Dreieck der Hamas als Zeichen des Widerstands. Man muss lange
studiert haben, um diesen Widerspruch für Konsequenz zu halten.
Es geht nicht um „die queere Community“, die es so wenig als
einheitliches Subjekt gibt wie „die Linke“. Es geht um Teile einer Szene, in
denen ein starres Weltbild die Urteilskraft ersetzt: hier Unterdrücker, dort
Unterdrückte; hier Israel, dort Palästina; hier Schuld, dort Unschuld. Wer als
Opfer verbucht ist, kann kaum Täter sein. Wer als Täter gilt, darf kaum Opfer
werden. Fügt sich die Wirklichkeit nicht, wird sie aus dem Plenum verwiesen.
Silvia Stieneker
berichtet, dass beim Berliner Dyke March 2024 Demonstrantinnen mit einer
Davidstern-Regenbogenfahne beleidigt und bedroht wurden; 2025 übertönten
„Yallah Intifada“-Rufe die Anliegen der Lesben. Beim
Marsch des Vorjahres erklärte das Organisationsteam den Davidstern auf der
Pride-Flagge zum möglichen Auslöser von „Angst und Unwohlsein“, während es
das rote Hamas-Dreieck als „Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung und
Imperialismus“ würdigte, bevor es ergänzte, auch dieses könne bedrohlich wirken.
Das eine Symbol markiert Juden, das andere kündigt ihre Markierung an.
Die Hierarchie der Empfindlichkeiten
Politik, die nur Opfer und Täter kennt, braucht keine
Tatsachen, sondern feste Rollen. Deshalb kann die sexualisierte Gewalt des 7.
Oktober 2023 geleugnet oder relativiert werden, ohne dass der Anspruch auf
feministische Lauterkeit Schaden nimmt. Eine frühere
Teilnehmerin der Organisationsplena des Dyke March berichtete von
holocaustrelativierenden Äußerungen und davon, dass die Verbrechen der Hamas
hingenommen wurden. Das ist kein Ausrutscher, sondern die Sprache eines
Milieus, das sein Ergebnis kennt, bevor die Wirklichkeit zu Wort kommt.
Die Paradoxie besteht nicht darin, dass Aktivisten sich
irren. Irrtum wäre korrigierbar. Sie besteht darin, dass manche sich mit
Kräften solidarisieren, die Homosexuelle verfolgen, Frauen entrechten und
sexuelle Freiheit bestrafen, und dies für einen Beweis der eigenen Emanzipation
halten. Das funktioniert nur, wenn Islamismus nicht nach seinem Programm,
sondern nach seiner Stellung im westlichen Schuldhaushalt beurteilt wird. Wer
gegen Israel kämpft, erhält einen moralischen Vorschuss; was er sonst tut, erscheint
als Fußnote.
Beim
Dyke March 2025 standen „Free Palestine“ und „Jin, Jiyan, Azadî“ auf derselben
Liste der Parolen. Der eine Ruf galt einer Sache, die auch vom iranischen
Regime unterstützt wird, der andere dem Aufstand von Frauen gegen eben dieses
Regime. Ein Widerspruch wäre das nur für Menschen, die politische Sätze nach
ihrem Inhalt beurteilen. Im Milieu der guten Gesinnung genügt ihre richtige
Platzierung.
So wird der Ausschluss jüdischer Queers zur Rücksichtnahme.
Das Dossier des Journalisten Stefan Lauer beschreibt einen Loyalitätsdruck, der
jüdische Menschen zwinge, sich zwischen Identitäten zu entscheiden. In
Teilen der Szene werde die kompromisslose Ablehnung Israels zum
„Eintrittsticket“; Antizionismus wirke als „globale Integrationsideologie“.
Integration meint hier, dass einer draußen bleibt, damit die anderen sich einig
fühlen.
Die Pointe ist nicht, dass Minderheiten gegen Vorurteile
immun sein müssten. Diskriminierung verleiht keine politische Weisheit. Die
Pointe ist, dass ein Milieu, das Machtverhältnisse bis in Pronomen und
Sitzordnungen verfolgt, beim Antisemitismus die Unschärfe entdeckt. Ein
Davidstern kann einen Raum „unsicher“ machen; „From the river to the sea“
bleibt auslegungsfähig. Manche Verletzlichkeit wird geschützt, andere als
Propaganda verdächtigt.
Das Dossier, das zu genau passte
Auch die Berliner Senatsverwaltung beherrscht diese Kunst.
Sie gab für 10.000 Euro ein Dossier über „Umfang, Verbreitung und Relevanz von
Antisemitismus in queeren Szenen in Berlin“ in Auftrag. Es lag seit November
2025 vor, sollte veröffentlicht werden und verschwand zunächst im
Verwaltungsnebel. Erst
nach parlamentarischen Nachfragen des Abgeordneten Klaus Lederer gelangte es
schrittweise an die Öffentlichkeit .
Als es schließlich online stand, distanzierte sich die
Verwaltung: Dem
Text fehle es an „Qualität, Genauigkeit und Ausgewogenheit“, er sei „polemisch“
und „journalistisch zugespitzt“. Das wäre ein gewichtiger Einwand, hätte
die Ausschreibung eine repräsentative Studie verlangt. Gefordert war jedoch
eine Bestandsaufnahme mit Problembeschreibung, Akteursanalyse, Ursachen und
Forschungslücken. Genau das lieferte das Dossier. Die Behörde bestellte einen
Spiegel und beanstandete, dass er nicht als Fenster tauge.
Besonders elegant ist die Behauptung, das Papier urteile
pauschal über die queere Community. Lauer
betont laut Tagesspiegel ausdrücklich, die Berliner Szenen seien „kein
monolithischer Block“ und sein Gegenstand sei Antisemitismus in Teilen dieser
Milieus. Die Verwaltung widerlegt also eine Pauschalisierung, die der Autor
selbst verworfen hat. Man könnte von einem Missverständnis sprechen, wäre das
Missverstehen nicht politisch so nützlich.
Das Dossier stört eine Erzählung, in der Antidiskriminierung
als Summe richtiger Zugehörigkeiten erscheint. Wer selbst marginalisiert ist,
soll andere nicht marginalisieren können; wer sich progressiv nennt, soll nicht
reaktionär handeln; wer „Awareness“ organisiert, soll für jüdische Angst nicht
blind sein. Das Papier zeigt, dass diese Gleichungen nicht aufgehen. Statt die
Rechnung zu prüfen, erklärt die Verwaltung den Taschenrechner für methodisch
fragwürdig.
Klaus Lederer
vermutet, man habe Antisemitismus innerhalb einer strukturell diskriminierten
Minderheit nicht thematisieren wollen. Das klingt plausibel, weil die
Alternative ungünstiger wäre: Die Verwaltung hätte ihn thematisieren wollen,
solange das Ergebnis niemanden beunruhigt. Sobald die Untersuchung ihren
Gegenstand findet, wird ihre Veröffentlichung zur Gefahr für die Ausgewogenheit.
Der Fall ist mehr als eine Berliner Posse aus Plena,
Pressestellen und Pride-Parolen. Er zeigt, wie eine Politik der Sichtbarkeit
jüdische Queers unsichtbar machen kann, ohne ihr Vokabular zu ändern. Man
spricht weiter von Schutz, Vielfalt und sicheren Räumen. Nur die geschützten
Personen wechseln, die Vielfalt endet am Bekenntnis zu Israel, und sicher ist
der Raum vor allem vor der Zumutung, den eigenen Antisemitismus zu erkennen.
Der Davidstern stört diesen Frieden, weil er eine Erfahrung
sichtbar macht, die im Raster nicht vorgesehen ist: Juden können Minderheit und
Ziel von Hass sein, auch wenn Israel militärische Macht besitzt; Palästinenser
können leiden, ohne dass die Hamas zur Befreiungsbewegung wird; queere Menschen
können diskriminiert werden und dennoch antisemitisch handeln. Keine dieser
Feststellungen hebt die andere auf. Nur eine Ideologie, die Widersprüche für
Verrat hält, muss sich vor ihnen schützen.
Vielleicht wird
das geplante „Mikroprojekt“ zur Sensibilisierung, das der Senat prüfen lässt,
eines Tages bewilligt. Dann kann die Verwaltung mit begrenzten Mitteln
erklären, was ihr auf 49 Seiten bereits erklärt wurde. Die offene Frage lautet
nicht, ob Antisemitismus in einem queeren Raum vorkommen darf. Sie lautet, wie
lange ein Raum noch „sicher“ heißt, wenn Juden darin nur sicher sind, solange
sie unsichtbar bleiben.