Wenn der Davidstern den Safe Space stört

TL;DR: Teile der Berliner Queer-Szene grenzen jüdische Queers aus und verharmlosen antisemitische Symbole. Die Kolumne zeigt, wie Aktivismus und Senat das Problem sprachlich relativieren.

Screenshot eines Artikels des Tagesspiegel. Oben ist die Website-Navigation mit Logo und Menü sichtbar. Darunter ein großes Foto einer Demonstration in einer städtischen Straße: Eine Gruppe von Menschen steht dicht beieinander, einige tragen Kopftücher oder Masken. Im Zentrum hält eine Person eine Palästina-Flagge hoch, andere halten Schilder oder rufen Parolen. Im Hintergrund sind Hausfassaden mit Geschäften und Schaufenstern zu sehen.  Über dem Bild liegt in großer weißer Schrift der Blog-Titel: „Wenn der Davidstern den Safe Space stört“.  Unterhalb des Bildes steht die eigentliche Artikelüberschrift: „‚Klingt für mich wie vorgeschoben‘ Berliner Senat will mit Dossier zu Antisemitismus in der queeren Community nichts mehr zu tun haben“.


Wie Teile der queeren Berliner Szene Antisemitismus zur Fürsorge umetikettieren – und der Senat beim Wegsehen Haltung beweist

Der sichere Raum endet dort, wo ein Jude ihn betritt und auf seiner Regenbogenfahne den Davidstern nicht abklebt. So lässt sich die Geometrie jener Berliner Queer-Milieus beschreiben, in denen jede Kränkung vermessen, jede Identität geschützt und ausgerechnet die jüdische zur Zumutung erklärt wird. Der Davidstern gilt als „bedrohlich“, die Intifada als Sprechchor und das rote Dreieck der Hamas als Zeichen des Widerstands. Man muss lange studiert haben, um diesen Widerspruch für Konsequenz zu halten.

Es geht nicht um „die queere Community“, die es so wenig als einheitliches Subjekt gibt wie „die Linke“. Es geht um Teile einer Szene, in denen ein starres Weltbild die Urteilskraft ersetzt: hier Unterdrücker, dort Unterdrückte; hier Israel, dort Palästina; hier Schuld, dort Unschuld. Wer als Opfer verbucht ist, kann kaum Täter sein. Wer als Täter gilt, darf kaum Opfer werden. Fügt sich die Wirklichkeit nicht, wird sie aus dem Plenum verwiesen.

Silvia Stieneker berichtet, dass beim Berliner Dyke March 2024 Demonstrantinnen mit einer Davidstern-Regenbogenfahne beleidigt und bedroht wurden; 2025 übertönten „Yallah Intifada“-Rufe die Anliegen der Lesben. Beim Marsch des Vorjahres erklärte das Organisationsteam den Davidstern auf der Pride-Flagge zum möglichen Auslöser von „Angst und Unwohlsein“, während es das rote Hamas-Dreieck als „Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung und Imperialismus“ würdigte, bevor es ergänzte, auch dieses könne bedrohlich wirken. Das eine Symbol markiert Juden, das andere kündigt ihre Markierung an.

Die Hierarchie der Empfindlichkeiten

Politik, die nur Opfer und Täter kennt, braucht keine Tatsachen, sondern feste Rollen. Deshalb kann die sexualisierte Gewalt des 7. Oktober 2023 geleugnet oder relativiert werden, ohne dass der Anspruch auf feministische Lauterkeit Schaden nimmt. Eine frühere Teilnehmerin der Organisationsplena des Dyke March berichtete von holocaustrelativierenden Äußerungen und davon, dass die Verbrechen der Hamas hingenommen wurden. Das ist kein Ausrutscher, sondern die Sprache eines Milieus, das sein Ergebnis kennt, bevor die Wirklichkeit zu Wort kommt.

Die Paradoxie besteht nicht darin, dass Aktivisten sich irren. Irrtum wäre korrigierbar. Sie besteht darin, dass manche sich mit Kräften solidarisieren, die Homosexuelle verfolgen, Frauen entrechten und sexuelle Freiheit bestrafen, und dies für einen Beweis der eigenen Emanzipation halten. Das funktioniert nur, wenn Islamismus nicht nach seinem Programm, sondern nach seiner Stellung im westlichen Schuldhaushalt beurteilt wird. Wer gegen Israel kämpft, erhält einen moralischen Vorschuss; was er sonst tut, erscheint als Fußnote.

Beim Dyke March 2025 standen „Free Palestine“ und „Jin, Jiyan, Azadî“ auf derselben Liste der Parolen. Der eine Ruf galt einer Sache, die auch vom iranischen Regime unterstützt wird, der andere dem Aufstand von Frauen gegen eben dieses Regime. Ein Widerspruch wäre das nur für Menschen, die politische Sätze nach ihrem Inhalt beurteilen. Im Milieu der guten Gesinnung genügt ihre richtige Platzierung.

So wird der Ausschluss jüdischer Queers zur Rücksichtnahme. Das Dossier des Journalisten Stefan Lauer beschreibt einen Loyalitätsdruck, der jüdische Menschen zwinge, sich zwischen Identitäten zu entscheiden. In Teilen der Szene werde die kompromisslose Ablehnung Israels zum „Eintrittsticket“; Antizionismus wirke als „globale Integrationsideologie“. Integration meint hier, dass einer draußen bleibt, damit die anderen sich einig fühlen.

Die Pointe ist nicht, dass Minderheiten gegen Vorurteile immun sein müssten. Diskriminierung verleiht keine politische Weisheit. Die Pointe ist, dass ein Milieu, das Machtverhältnisse bis in Pronomen und Sitzordnungen verfolgt, beim Antisemitismus die Unschärfe entdeckt. Ein Davidstern kann einen Raum „unsicher“ machen; „From the river to the sea“ bleibt auslegungsfähig. Manche Verletzlichkeit wird geschützt, andere als Propaganda verdächtigt.

Das Dossier, das zu genau passte

Auch die Berliner Senatsverwaltung beherrscht diese Kunst. Sie gab für 10.000 Euro ein Dossier über „Umfang, Verbreitung und Relevanz von Antisemitismus in queeren Szenen in Berlin“ in Auftrag. Es lag seit November 2025 vor, sollte veröffentlicht werden und verschwand zunächst im Verwaltungsnebel. Erst nach parlamentarischen Nachfragen des Abgeordneten Klaus Lederer gelangte es schrittweise an die Öffentlichkeit .

Als es schließlich online stand, distanzierte sich die Verwaltung: Dem Text fehle es an „Qualität, Genauigkeit und Ausgewogenheit“, er sei „polemisch“ und „journalistisch zugespitzt“. Das wäre ein gewichtiger Einwand, hätte die Ausschreibung eine repräsentative Studie verlangt. Gefordert war jedoch eine Bestandsaufnahme mit Problembeschreibung, Akteursanalyse, Ursachen und Forschungslücken. Genau das lieferte das Dossier. Die Behörde bestellte einen Spiegel und beanstandete, dass er nicht als Fenster tauge.

Besonders elegant ist die Behauptung, das Papier urteile pauschal über die queere Community. Lauer betont laut Tagesspiegel ausdrücklich, die Berliner Szenen seien „kein monolithischer Block“ und sein Gegenstand sei Antisemitismus in Teilen dieser Milieus. Die Verwaltung widerlegt also eine Pauschalisierung, die der Autor selbst verworfen hat. Man könnte von einem Missverständnis sprechen, wäre das Missverstehen nicht politisch so nützlich.

Das Dossier stört eine Erzählung, in der Antidiskriminierung als Summe richtiger Zugehörigkeiten erscheint. Wer selbst marginalisiert ist, soll andere nicht marginalisieren können; wer sich progressiv nennt, soll nicht reaktionär handeln; wer „Awareness“ organisiert, soll für jüdische Angst nicht blind sein. Das Papier zeigt, dass diese Gleichungen nicht aufgehen. Statt die Rechnung zu prüfen, erklärt die Verwaltung den Taschenrechner für methodisch fragwürdig.

Klaus Lederer vermutet, man habe Antisemitismus innerhalb einer strukturell diskriminierten Minderheit nicht thematisieren wollen. Das klingt plausibel, weil die Alternative ungünstiger wäre: Die Verwaltung hätte ihn thematisieren wollen, solange das Ergebnis niemanden beunruhigt. Sobald die Untersuchung ihren Gegenstand findet, wird ihre Veröffentlichung zur Gefahr für die Ausgewogenheit.

Der Fall ist mehr als eine Berliner Posse aus Plena, Pressestellen und Pride-Parolen. Er zeigt, wie eine Politik der Sichtbarkeit jüdische Queers unsichtbar machen kann, ohne ihr Vokabular zu ändern. Man spricht weiter von Schutz, Vielfalt und sicheren Räumen. Nur die geschützten Personen wechseln, die Vielfalt endet am Bekenntnis zu Israel, und sicher ist der Raum vor allem vor der Zumutung, den eigenen Antisemitismus zu erkennen.

Der Davidstern stört diesen Frieden, weil er eine Erfahrung sichtbar macht, die im Raster nicht vorgesehen ist: Juden können Minderheit und Ziel von Hass sein, auch wenn Israel militärische Macht besitzt; Palästinenser können leiden, ohne dass die Hamas zur Befreiungsbewegung wird; queere Menschen können diskriminiert werden und dennoch antisemitisch handeln. Keine dieser Feststellungen hebt die andere auf. Nur eine Ideologie, die Widersprüche für Verrat hält, muss sich vor ihnen schützen.

Vielleicht wird das geplante „Mikroprojekt“ zur Sensibilisierung, das der Senat prüfen lässt, eines Tages bewilligt. Dann kann die Verwaltung mit begrenzten Mitteln erklären, was ihr auf 49 Seiten bereits erklärt wurde. Die offene Frage lautet nicht, ob Antisemitismus in einem queeren Raum vorkommen darf. Sie lautet, wie lange ein Raum noch „sicher“ heißt, wenn Juden darin nur sicher sind, solange sie unsichtbar bleiben.

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