Putin, die AfD und der CSD-Anschlag: Die Anatomie eines Verschwörungsmythos
TL;DR: Obwohl der Marxismus Verschwörungsmythen traditionell als verkürzte Welterklärungen ablehnt, verbreitet der linke Influencer DerDara in einem Video zum Anschlag auf den Berliner CSD selbst eine Erzählung über vermeintliche Verbindungen zwischen Islamismus, AfD und Kreml. Der Fall zeigt, wie ideologische Weltbilder konkrete Ereignisse umdeuten und politische Dramaturgie an die Stelle von Beweisen setzen.
DerDara zeigt, wie politische Weltbilder reale Ereignisse
umdeuten und aus Tatsachen Verdachtsmomente machen.
Der klassische wie der moderne Marxismus begegnen
Verschwörungsmythen traditionell mit Skepsis. Während Verschwörungserzählungen
gesellschaftliche Entwicklungen auf das geheime Handeln einzelner Personen oder
Gruppen zurückführen, richtet sich der marxistische Blick auf wirtschaftliche
Strukturen, Klassenverhältnisse und die Zwänge des Kapitals. Ausbeutung,
Konkurrenz und soziale Ungleichheit entstehen demnach nicht aus finsteren
Geheimabsprachen, sondern aus den offen wirkenden Mechanismen eines Systems, dessen
Akteure von ähnlichen ökonomischen Interessen geleitet werden.
Aus marxistischer Perspektive gelten Verschwörungsmythen
häufig als eine Form des „falschen Bewusstseins“. Menschen erleben Krisen,
Ohnmacht und Unsicherheit, suchen die Ursachen ihrer Lage jedoch nicht in
gesellschaftlichen Strukturen, sondern bei einzelnen Sündenböcken und
verborgenen Drahtziehern. Solche Erzählungen, so die klassische Kritik, lenken
von tatsächlichen Interessenkonflikten ab und ersetzen Analyse durch
Personalisierung.
Das bedeutet nicht, dass marxistische Theorie Absprachen
unter Mächtigen, Aktivitäten von Geheimdiensten oder die Einflussnahme von
Lobbygruppen und Kartellen bestreitet. Der Unterschied liegt vielmehr in der
Erklärung: Angehörige herrschender Klassen handeln häufig ähnlich, weil sie
vergleichbare materielle Interessen verfolgen – nicht zwangsläufig, weil sie in
einem geheimen Bund die Weltgeschichte nach einem einheitlichen Masterplan
steuern.
Diese Ablehnung von Verschwörungsmythen wird allerdings
nicht von allen Mitgliedern marxistisch geprägter Parteien konsequent
mitgetragen. Ein Beispiel liefert der politische Influencer DerDara, mit
bürgerlichem Namen Dara Marc Sasmaz. Auf seinem YouTube-Kanal „DerDara –
Politik, News & Debatte“ veröffentlichte er das Video „Neue HINWEISE! Die
AfD-Putin-Verbindung zum An$chlag beim CSD-Berlin!“.
Darin stellt er sich mit den Worten vor: „Ich bin der Dara. Ich bin
Social-Media-Berater und berate unter anderem auch die Partei Die Linke im
Bundestag“ (00:48–00:56). Nach seiner eigenen Darstellung berät er somit
die Partei beziehungsweise ihr parlamentarisches Umfeld im Bereich Social
Media.
Inhaltlich verspricht DerDara seinen Zuschauern nicht
weniger als den Nachweis einer Verbindung zwischen dem Anschlag, der AfD und
dem Kreml:
Der Satz ist bemerkenswert. Nicht deshalb, weil er bereits
etwas beweist, sondern weil er die Pointe vorwegnimmt. Die Schlussfolgerung
steht fest, bevor die Untersuchung überhaupt begonnen hat.
Von der Analyse zur Assoziation
Das eigentliche Kennzeichen moderner Verschwörungsmythen ist
nicht unbedingt die vollständige Leugnung der Wirklichkeit. Häufig ersetzen sie
eine komplexe und widersprüchliche Wirklichkeit durch eine geschlossenere,
politisch attraktivere Geschichte. Das konkrete Ereignis wird dabei zum
Ausgangsmaterial einer Erzählung, deren Schuldige bereits feststehen.
Schon zu Beginn stellt DerDara einen zeitlichen Zusammenhang
mit der Berliner Wahl her:
„Und
das Ganze wieder rein zufällig circa zwei Monate vor der nächsten Wahl in
Berlin.“
(00:12–00:18)
Die Formulierung „rein zufällig“ ist rhetorisch geschickt.
Sie behauptet formal noch keinen Beweis, legt aber nahe, dass hinter dem
zeitlichen Zusammentreffen mehr stecken müsse. Die Andeutung übernimmt damit
die Funktion, die eigentlich einer belegbaren Kausalverbindung zukäme.
Wenig später weitet DerDara die Erzählung auf Afghanistan
und Russland aus. Er spricht von einer Verbindung der AfD zur Taliban und
erklärt anschließend:
Der Satz ist die stärkste Behauptung des gesamten Videos. Er
formuliert nicht bloß eine Frage oder einen Verdacht, sondern stellt einen
direkten Zusammenhang zwischen Putin, der AfD und den Anschlägen her. Eine
nachvollziehbare Beweiskette für diesen konkreten Vorwurf folgt jedoch nicht.
Stattdessen erhält der Zuschauer eine Folge politischer und
personeller Assoziationen: Die AfD unterhalte Beziehungen nach Russland,
Russland pflege Kontakte zur Taliban, die Taliban teile autoritäre und
gesellschaftspolitische Ziele mit der AfD, und daraus ergebe sich wiederum eine
Verbindung zu islamistischen Gruppen.
DerDara formuliert diese Kette später ausdrücklich:
„Das
liegt aber auch daran, dass Putin mit der Taliban verbündet ist. Und dann
versucht natürlich auch die AfD, eine gute Beziehung zu denen aufzubauen.“ (11:19–11:35)
An einer weiteren Stelle verdichtet er die unterschiedlichen
Akteure zu einem gemeinsamen politischen Block:
„Und
selbstverständlich darüber dann natürlich auch die AfD, weil das ist alles ein
Team.“ (12:35–12:52)
Genau hier löst die Assoziation die Analyse ab. Nachweisbare
Kontakte zwischen einzelnen Akteuren werden nicht mehr für sich betrachtet,
hinsichtlich ihrer Bedeutung gewichtet oder voneinander abgegrenzt. Sie werden
zu Gliedern einer umfassenden Kette verbunden, in der Nähe, Überschneidung und
gemeinsame Feindbilder schließlich als Beleg für eine einheitliche Steuerung
erscheinen.
Der Zuschauer erhält keine belastbare Kausalrekonstruktion,
sondern eine politische Montage: Afghanistan führt zur Taliban, die Taliban zu
Russland, Russland zu Putin und Putin zur AfD. Der Anschlag erscheint nicht
mehr als konkrete Tat eines konkreten Täters, sondern als Ausdruck eines
verborgenen Plans.
Gerade darin liegt der Unterschied zwischen marxistischer
Analyse und verschwörungsmythologischer Welterklärung. Marxistische Theorie
erklärt gesellschaftliche Entwicklungen durch Interessen, Klassenlagen und
Strukturen. Verschwörungsmythen erklären sie durch geheime Netzwerke,
persönliche Bosheit und allmächtige Drahtzieher im Hintergrund.
Wenn die Andeutung den Beweis ersetzt
Das Verfahren folgt einer einfachen Logik. Wo Belege fehlen,
treten Andeutungen an ihre Stelle. Wo Zusammenhänge nicht nachweisbar sind,
genügt die bloße Möglichkeit ihrer Existenz. Wo reale Kontakte bestehen, werden
sie so lange miteinander kombiniert, bis sie den Eindruck eines einheitlichen
Plans erzeugen.
Besonders deutlich wird das an DerDaras Aussage über den
Einfluss Putins auf die AfD:
„Natürlich,
wir wissen, dass Putin die AfD kontrolliert, das ist natürlich klar.“ (07:08–07:17)
Eine weitreichende Behauptung wird hier nicht erläutert oder
eingegrenzt, sondern als allgemein bekanntes Wissen vorausgesetzt. Das Wort
„natürlich“ ersetzt die Begründung. Wer widerspricht, erscheint nicht als
jemand, der nach Belegen fragt, sondern als jemand, der eine angeblich
offensichtliche Tatsache nicht erkennen will.
Später führt DerDara russische „Wegwerfagenten“,
Sabotageverdachtsfälle und Angriffe auf deutsche Infrastruktur an. Solche
Vorgänge können selbstverständlich Gegenstand legitimer sicherheitspolitischer
Recherchen sein. Doch aus ihrer Existenz folgt noch nicht, dass auch ein
konkreter Anschlag auf den Berliner CSD von Russland veranlasst wurde.
DerDara zieht dennoch eine direkte Verbindung zum
sogenannten Islamischen Staat:
„Und
beim Islamischen Staat, da kann ich praktisch Anschläge bestellen. Also ich
kann denen Geld geben und die organisieren dann für mich einen Anschlag.“ (13:46–14:02)
Unmittelbar danach überträgt er diese allgemeine Behauptung
auf den konkreten Täter:
„Und
Abdul B., der Attentäter vom CSD in Berlin, der hat genau für den Islamischen
Staat einen Anschlag durchgeführt.“(14:02–14:10)
Erst im folgenden Satz formuliert DerDara den entscheidenden
Vorbehalt:
Genau darin offenbart sich die innere Spannung seiner
Argumentation. Zu Beginn heißt es noch, Putin gebe „diese Anschläge für die AfD
in Auftrag“. Später räumt DerDara ein, dass eine Beauftragung des Islamischen
Staates durch die russische Regierung im konkreten Fall nicht bewiesen werden
könne.
Die angekündigte Enthüllung verwandelt sich damit
nachträglich in eine Vermutung. Die Gewissheit bleibt im Titel und im Tonfall
bestehen, während die Beweisgrundlage verschwindet. Aus „Putin gibt diese
Anschläge in Auftrag“ wird „man kann es noch nicht beweisen“.
Der Widerspruch wiegt umso schwerer, weil sich DerDara
selbst als Kämpfer gegen Desinformation präsentiert:
„Auf
meinem Kanal mache ich Content gegen rechts, gegen Geschwurbel und gegen Fake
News.“ (00:48–01:03)
Doch die rhetorischen Mittel seines Videos ähneln gerade
jenen Methoden, die gewöhnlich mit „Geschwurbel“ und Fake News verbunden
werden: suggestive Formulierungen, ausgreifende Assoziationsketten, unbelegte
Kausalverbindungen und der Wechsel zwischen Gewissheit und nachträglicher
Einschränkung.
Die Entwirklichung des Anschlags
Dabei geht es um mehr als nur um eine möglicherweise falsche
Schlussfolgerung. Der eigentliche Vorgang ist eine Entwirklichung der Tat.
Entwirklichung bedeutet hier nicht, dass das Ereignis
vollständig geleugnet wird. Es bedeutet, dass seine konkrete Wirklichkeit –
Täter, Motiv, Ablauf und Opfer – hinter einer ideologisch nützlichen Erzählung
verschwindet. Die Tat bleibt als Anlass bestehen, wird aber in eine andere
Geschichte überführt.
Der Anschlag wird damit weniger als eigenständiges Ereignis
untersucht, sondern vor allem danach bewertet, wie er sich in ein bereits
bestehendes politisches Weltbild einfügen lässt.
Schon zu Beginn bezeichnet DerDara den Täter als
„islamischen Rechtsextremisten“:
„Da es
sich bei dem Täter um einen islamischen Rechtsextremisten handelt.“ (00:08–00:12)
Der Ausdruck kann als Versuch verstanden werden,
ideologische Gemeinsamkeiten zwischen Islamismus und anderen autoritären
beziehungsweise extrem rechten Bewegungen hervorzuheben. Im weiteren Verlauf
des Videos erfüllt er jedoch noch eine andere Funktion: Der Islamismus
erscheint nicht mehr als eigenständige politische und religiöse Ideologie,
sondern wird in eine umfassende Kategorie des Rechtsextremismus eingegliedert.
Ähnlich verfährt DerDara mit der Taliban:
„Die
Taliban ist ja so was wie die AfD von Afghanistan.“ (10:48–10:55)
Der Vergleich mag auf einzelne autoritäre, frauenfeindliche
oder homophobe Positionen zielen. Als analytische Gleichsetzung verwischt er
jedoch erhebliche historische, religiöse und institutionelle Unterschiede. Die
Taliban werden zur afghanischen AfD, Putin zum russischen Höcke und
verschiedenste islamistische Organisationen zu Bestandteilen eines gemeinsamen
Teams.
Aus Ähnlichkeiten wird Identität, aus Kontakten wird
Kooperation und aus Kooperation schließlich Steuerung.
Dabei treten die religiösen Motive des Täters, seine
Radikalisierung und die spezifische Ideologie des Islamismus zunehmend in den
Hintergrund. Der politische Schwerpunkt landet wieder dort, wo er von Anfang an
gesucht wurde: bei der AfD und bei Putin.
Gerade Teile der politischen Linken neigen dazu, Islamismus
vor allem als Folge von Armut, Diskriminierung, Rassismus oder westlicher
Außenpolitik zu erklären. Solche Faktoren können bei Radikalisierungsprozessen
durchaus eine Rolle spielen. Problematisch wird es jedoch, wenn islamistische
Akteure nur noch als Reaktionswesen oder Werkzeuge fremder Mächte erscheinen
und ihnen keine eigenständigen Motive mehr zugestanden werden.
Der Täter wird dann nicht als politisch und moralisch
verantwortliches Subjekt betrachtet, sondern als Marionette größerer
Zusammenhänge – mal des Westens, mal von Geheimdiensten, mal Putins und nun
mittelbar der AfD.
Die Ironie besteht darin, dass ausgerechnet ein
antirassistischer Anspruch in Bevormundung umschlagen kann. Wer muslimischen
Tätern grundsätzlich keine eigenständigen Motive zugesteht, behandelt sie nicht
als verantwortliche Akteure, sondern als Objekte einer von anderen Mächten
gesteuerten Geschichte.
Verschwörungsdenken wird nicht vernünftiger, nur weil es
sich progressiv nennt. Reale Kontakte der AfD nach Russland, mögliche
Einflussoperationen des Kremls oder tatsächliche Kooperationen autoritärer
Akteure verdienen kritische Recherche. Doch aus solchen Verbindungen folgt
nicht automatisch, dass Putin einen konkreten islamistischen Anschlag „für die
AfD in Auftrag“ gegeben hat.
Wer diesen Zusammenhang behauptet, muss ihn belegen. Wer ihn
nicht belegen kann, darf ihn nicht zunächst als Enthüllung präsentieren und
erst später zur bloßen Möglichkeit herabstufen.
Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob zwischen
einzelnen Akteuren politische Kontakte und gemeinsame Interessen bestehen. Das
ist in vielen Fällen öffentlich sichtbar und überprüfbar. Die entscheidende
Frage lautet vielmehr, warum aus solchen Tatsachen eine geheime Steuerung des
Anschlags konstruiert wird.
So wird aus dem Verbrechen Content, aus den Opfern werden
Argumente und aus der Suche nach Wahrheit eine Erzählung, deren Pointe bereits
feststand, bevor ihre Beweisgrundlage geprüft worden war.