Putin, die AfD und der CSD-Anschlag: Die Anatomie eines Verschwörungsmythos

TL;DR: Obwohl der Marxismus Verschwörungsmythen traditionell als verkürzte Welterklärungen ablehnt, verbreitet der linke Influencer DerDara in einem Video zum Anschlag auf den Berliner CSD selbst eine Erzählung über vermeintliche Verbindungen zwischen Islamismus, AfD und Kreml. Der Fall zeigt, wie ideologische Weltbilder konkrete Ereignisse umdeuten und politische Dramaturgie an die Stelle von Beweisen setzen.

Screenshot eines YouTube-Videos mit einem Moderator in einem Studio-Setting. Ein Mann mit dunklen Haaren und Bart sitzt vor der Kamera, im Hintergrund sind Regale und dezente Beleuchtung zu sehen.  Über dem Bild liegt der Titel: „Putin, die AfD und der CSD-Anschlag: Die Anatomie eines Verschwörungsmythos“. Unter dem Video sind typische YouTube-Elemente wie Kanalname, Abonnieren-Button und Interaktionssymbole sichtbar.  Die Darstellung verweist auf ein politisches Analysevideo zu Desinformation und Verschwörungsnarrativen im Zusammenhang mit einem Anschlag.


DerDara zeigt, wie politische Weltbilder reale Ereignisse umdeuten und aus Tatsachen Verdachtsmomente machen.

Der klassische wie der moderne Marxismus begegnen Verschwörungsmythen traditionell mit Skepsis. Während Verschwörungserzählungen gesellschaftliche Entwicklungen auf das geheime Handeln einzelner Personen oder Gruppen zurückführen, richtet sich der marxistische Blick auf wirtschaftliche Strukturen, Klassenverhältnisse und die Zwänge des Kapitals. Ausbeutung, Konkurrenz und soziale Ungleichheit entstehen demnach nicht aus finsteren Geheimabsprachen, sondern aus den offen wirkenden Mechanismen eines Systems, dessen Akteure von ähnlichen ökonomischen Interessen geleitet werden.

Aus marxistischer Perspektive gelten Verschwörungsmythen häufig als eine Form des „falschen Bewusstseins“. Menschen erleben Krisen, Ohnmacht und Unsicherheit, suchen die Ursachen ihrer Lage jedoch nicht in gesellschaftlichen Strukturen, sondern bei einzelnen Sündenböcken und verborgenen Drahtziehern. Solche Erzählungen, so die klassische Kritik, lenken von tatsächlichen Interessenkonflikten ab und ersetzen Analyse durch Personalisierung.

Das bedeutet nicht, dass marxistische Theorie Absprachen unter Mächtigen, Aktivitäten von Geheimdiensten oder die Einflussnahme von Lobbygruppen und Kartellen bestreitet. Der Unterschied liegt vielmehr in der Erklärung: Angehörige herrschender Klassen handeln häufig ähnlich, weil sie vergleichbare materielle Interessen verfolgen – nicht zwangsläufig, weil sie in einem geheimen Bund die Weltgeschichte nach einem einheitlichen Masterplan steuern.

Diese Ablehnung von Verschwörungsmythen wird allerdings nicht von allen Mitgliedern marxistisch geprägter Parteien konsequent mitgetragen. Ein Beispiel liefert der politische Influencer DerDara, mit bürgerlichem Namen Dara Marc Sasmaz. Auf seinem YouTube-Kanal „DerDara – Politik, News & Debatte“ veröffentlichte er das Video „Neue HINWEISE! Die AfD-Putin-Verbindung zum An$chlag beim CSD-Berlin!“.

Darin stellt er sich mit den Worten vor: „Ich bin der Dara. Ich bin Social-Media-Berater und berate unter anderem auch die Partei Die Linke im Bundestag“ (00:48–00:56). Nach seiner eigenen Darstellung berät er somit die Partei beziehungsweise ihr parlamentarisches Umfeld im Bereich Social Media.

Inhaltlich verspricht DerDara seinen Zuschauern nicht weniger als den Nachweis einer Verbindung zwischen dem Anschlag, der AfD und dem Kreml:

Und bei dieser Gelegenheit wollte ich euch einfach mal zeigen, wie die AfD selbst über ein paar Ecken hinter diesen Anschlägen steckt und das nicht mal mehr großartig geheim hält.“ (00:18–00:26)

Der Satz ist bemerkenswert. Nicht deshalb, weil er bereits etwas beweist, sondern weil er die Pointe vorwegnimmt. Die Schlussfolgerung steht fest, bevor die Untersuchung überhaupt begonnen hat.

Von der Analyse zur Assoziation

Das eigentliche Kennzeichen moderner Verschwörungsmythen ist nicht unbedingt die vollständige Leugnung der Wirklichkeit. Häufig ersetzen sie eine komplexe und widersprüchliche Wirklichkeit durch eine geschlossenere, politisch attraktivere Geschichte. Das konkrete Ereignis wird dabei zum Ausgangsmaterial einer Erzählung, deren Schuldige bereits feststehen.

Schon zu Beginn stellt DerDara einen zeitlichen Zusammenhang mit der Berliner Wahl her:

Und das Ganze wieder rein zufällig circa zwei Monate vor der nächsten Wahl in Berlin.“
(00:12–00:18)

Die Formulierung „rein zufällig“ ist rhetorisch geschickt. Sie behauptet formal noch keinen Beweis, legt aber nahe, dass hinter dem zeitlichen Zusammentreffen mehr stecken müsse. Die Andeutung übernimmt damit die Funktion, die eigentlich einer belegbaren Kausalverbindung zukäme.

Wenig später weitet DerDara die Erzählung auf Afghanistan und Russland aus. Er spricht von einer Verbindung der AfD zur Taliban und erklärt anschließend:

Und natürlich führt die Spur bis zum Diktator von Russland, Wladimir Putin, der diese Anschläge für die AfD in Auftrag gibt und dabei auch schon erwischt wurde.“ (00:26–00:48)

Der Satz ist die stärkste Behauptung des gesamten Videos. Er formuliert nicht bloß eine Frage oder einen Verdacht, sondern stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Putin, der AfD und den Anschlägen her. Eine nachvollziehbare Beweiskette für diesen konkreten Vorwurf folgt jedoch nicht.

Stattdessen erhält der Zuschauer eine Folge politischer und personeller Assoziationen: Die AfD unterhalte Beziehungen nach Russland, Russland pflege Kontakte zur Taliban, die Taliban teile autoritäre und gesellschaftspolitische Ziele mit der AfD, und daraus ergebe sich wiederum eine Verbindung zu islamistischen Gruppen.

DerDara formuliert diese Kette später ausdrücklich:

Das liegt aber auch daran, dass Putin mit der Taliban verbündet ist. Und dann versucht natürlich auch die AfD, eine gute Beziehung zu denen aufzubauen.“ (11:19–11:35)

An einer weiteren Stelle verdichtet er die unterschiedlichen Akteure zu einem gemeinsamen politischen Block:

Und selbstverständlich darüber dann natürlich auch die AfD, weil das ist alles ein Team.“ (12:35–12:52)

Genau hier löst die Assoziation die Analyse ab. Nachweisbare Kontakte zwischen einzelnen Akteuren werden nicht mehr für sich betrachtet, hinsichtlich ihrer Bedeutung gewichtet oder voneinander abgegrenzt. Sie werden zu Gliedern einer umfassenden Kette verbunden, in der Nähe, Überschneidung und gemeinsame Feindbilder schließlich als Beleg für eine einheitliche Steuerung erscheinen.

Der Zuschauer erhält keine belastbare Kausalrekonstruktion, sondern eine politische Montage: Afghanistan führt zur Taliban, die Taliban zu Russland, Russland zu Putin und Putin zur AfD. Der Anschlag erscheint nicht mehr als konkrete Tat eines konkreten Täters, sondern als Ausdruck eines verborgenen Plans.

Gerade darin liegt der Unterschied zwischen marxistischer Analyse und verschwörungsmythologischer Welterklärung. Marxistische Theorie erklärt gesellschaftliche Entwicklungen durch Interessen, Klassenlagen und Strukturen. Verschwörungsmythen erklären sie durch geheime Netzwerke, persönliche Bosheit und allmächtige Drahtzieher im Hintergrund.

Wenn die Andeutung den Beweis ersetzt

Das Verfahren folgt einer einfachen Logik. Wo Belege fehlen, treten Andeutungen an ihre Stelle. Wo Zusammenhänge nicht nachweisbar sind, genügt die bloße Möglichkeit ihrer Existenz. Wo reale Kontakte bestehen, werden sie so lange miteinander kombiniert, bis sie den Eindruck eines einheitlichen Plans erzeugen.

Besonders deutlich wird das an DerDaras Aussage über den Einfluss Putins auf die AfD:

Natürlich, wir wissen, dass Putin die AfD kontrolliert, das ist natürlich klar.“ (07:08–07:17)

Eine weitreichende Behauptung wird hier nicht erläutert oder eingegrenzt, sondern als allgemein bekanntes Wissen vorausgesetzt. Das Wort „natürlich“ ersetzt die Begründung. Wer widerspricht, erscheint nicht als jemand, der nach Belegen fragt, sondern als jemand, der eine angeblich offensichtliche Tatsache nicht erkennen will.

Später führt DerDara russische „Wegwerfagenten“, Sabotageverdachtsfälle und Angriffe auf deutsche Infrastruktur an. Solche Vorgänge können selbstverständlich Gegenstand legitimer sicherheitspolitischer Recherchen sein. Doch aus ihrer Existenz folgt noch nicht, dass auch ein konkreter Anschlag auf den Berliner CSD von Russland veranlasst wurde.

DerDara zieht dennoch eine direkte Verbindung zum sogenannten Islamischen Staat:

Und beim Islamischen Staat, da kann ich praktisch Anschläge bestellen. Also ich kann denen Geld geben und die organisieren dann für mich einen Anschlag.“ (13:46–14:02)

Unmittelbar danach überträgt er diese allgemeine Behauptung auf den konkreten Täter:

Und Abdul B., der Attentäter vom CSD in Berlin, der hat genau für den Islamischen Staat einen Anschlag durchgeführt.“(14:02–14:10)

Erst im folgenden Satz formuliert DerDara den entscheidenden Vorbehalt:

Aber ob das jetzt die russische Regierung war, die dann jetzt in diesem Fall den Islamischen Staat beauftragt hat und die haben dann wiederum jetzt Abdul B. dahin radikalisiert, dass er die Tat begeht, das kann man natürlich jetzt noch nicht beweisen.“ (14:10–14:19)

Genau darin offenbart sich die innere Spannung seiner Argumentation. Zu Beginn heißt es noch, Putin gebe „diese Anschläge für die AfD in Auftrag“. Später räumt DerDara ein, dass eine Beauftragung des Islamischen Staates durch die russische Regierung im konkreten Fall nicht bewiesen werden könne.

Die angekündigte Enthüllung verwandelt sich damit nachträglich in eine Vermutung. Die Gewissheit bleibt im Titel und im Tonfall bestehen, während die Beweisgrundlage verschwindet. Aus „Putin gibt diese Anschläge in Auftrag“ wird „man kann es noch nicht beweisen“.

Der Widerspruch wiegt umso schwerer, weil sich DerDara selbst als Kämpfer gegen Desinformation präsentiert:

Auf meinem Kanal mache ich Content gegen rechts, gegen Geschwurbel und gegen Fake News.“ (00:48–01:03)

Doch die rhetorischen Mittel seines Videos ähneln gerade jenen Methoden, die gewöhnlich mit „Geschwurbel“ und Fake News verbunden werden: suggestive Formulierungen, ausgreifende Assoziationsketten, unbelegte Kausalverbindungen und der Wechsel zwischen Gewissheit und nachträglicher Einschränkung.

Die Entwirklichung des Anschlags

Dabei geht es um mehr als nur um eine möglicherweise falsche Schlussfolgerung. Der eigentliche Vorgang ist eine Entwirklichung der Tat.

Entwirklichung bedeutet hier nicht, dass das Ereignis vollständig geleugnet wird. Es bedeutet, dass seine konkrete Wirklichkeit – Täter, Motiv, Ablauf und Opfer – hinter einer ideologisch nützlichen Erzählung verschwindet. Die Tat bleibt als Anlass bestehen, wird aber in eine andere Geschichte überführt.

Der Anschlag wird damit weniger als eigenständiges Ereignis untersucht, sondern vor allem danach bewertet, wie er sich in ein bereits bestehendes politisches Weltbild einfügen lässt.

Schon zu Beginn bezeichnet DerDara den Täter als „islamischen Rechtsextremisten“:

Da es sich bei dem Täter um einen islamischen Rechtsextremisten handelt.“ (00:08–00:12)

Der Ausdruck kann als Versuch verstanden werden, ideologische Gemeinsamkeiten zwischen Islamismus und anderen autoritären beziehungsweise extrem rechten Bewegungen hervorzuheben. Im weiteren Verlauf des Videos erfüllt er jedoch noch eine andere Funktion: Der Islamismus erscheint nicht mehr als eigenständige politische und religiöse Ideologie, sondern wird in eine umfassende Kategorie des Rechtsextremismus eingegliedert.

Ähnlich verfährt DerDara mit der Taliban:

Die Taliban ist ja so was wie die AfD von Afghanistan.“ (10:48–10:55)

Der Vergleich mag auf einzelne autoritäre, frauenfeindliche oder homophobe Positionen zielen. Als analytische Gleichsetzung verwischt er jedoch erhebliche historische, religiöse und institutionelle Unterschiede. Die Taliban werden zur afghanischen AfD, Putin zum russischen Höcke und verschiedenste islamistische Organisationen zu Bestandteilen eines gemeinsamen Teams.

Aus Ähnlichkeiten wird Identität, aus Kontakten wird Kooperation und aus Kooperation schließlich Steuerung.

Dabei treten die religiösen Motive des Täters, seine Radikalisierung und die spezifische Ideologie des Islamismus zunehmend in den Hintergrund. Der politische Schwerpunkt landet wieder dort, wo er von Anfang an gesucht wurde: bei der AfD und bei Putin.

Gerade Teile der politischen Linken neigen dazu, Islamismus vor allem als Folge von Armut, Diskriminierung, Rassismus oder westlicher Außenpolitik zu erklären. Solche Faktoren können bei Radikalisierungsprozessen durchaus eine Rolle spielen. Problematisch wird es jedoch, wenn islamistische Akteure nur noch als Reaktionswesen oder Werkzeuge fremder Mächte erscheinen und ihnen keine eigenständigen Motive mehr zugestanden werden.

Der Täter wird dann nicht als politisch und moralisch verantwortliches Subjekt betrachtet, sondern als Marionette größerer Zusammenhänge – mal des Westens, mal von Geheimdiensten, mal Putins und nun mittelbar der AfD.

Die Ironie besteht darin, dass ausgerechnet ein antirassistischer Anspruch in Bevormundung umschlagen kann. Wer muslimischen Tätern grundsätzlich keine eigenständigen Motive zugesteht, behandelt sie nicht als verantwortliche Akteure, sondern als Objekte einer von anderen Mächten gesteuerten Geschichte.

Verschwörungsdenken wird nicht vernünftiger, nur weil es sich progressiv nennt. Reale Kontakte der AfD nach Russland, mögliche Einflussoperationen des Kremls oder tatsächliche Kooperationen autoritärer Akteure verdienen kritische Recherche. Doch aus solchen Verbindungen folgt nicht automatisch, dass Putin einen konkreten islamistischen Anschlag „für die AfD in Auftrag“ gegeben hat.

Wer diesen Zusammenhang behauptet, muss ihn belegen. Wer ihn nicht belegen kann, darf ihn nicht zunächst als Enthüllung präsentieren und erst später zur bloßen Möglichkeit herabstufen.

Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob zwischen einzelnen Akteuren politische Kontakte und gemeinsame Interessen bestehen. Das ist in vielen Fällen öffentlich sichtbar und überprüfbar. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, warum aus solchen Tatsachen eine geheime Steuerung des Anschlags konstruiert wird.

So wird aus dem Verbrechen Content, aus den Opfern werden Argumente und aus der Suche nach Wahrheit eine Erzählung, deren Pointe bereits feststand, bevor ihre Beweisgrundlage geprüft worden war.

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